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Samstag, 3. März 2012

Ein paar Tassen Frühling

Pünktlich zum Wochenende hat sich der Winter noch einmal zurückgemeldet; die knapp zweieinhalb Kilometer Luftlinie von meinem Häuschen entfernt liegende Agrarwetterstation kündigt ein feuchtes Wochenende an - und die rückkehrende Sonne wird dann nächste Woche auch keine Wärme, sondern wieder Frost mitbringen. In meinem Vorgärtchen blühen jedoch unverdrossen schon seit einer Woche die Schneeglöckchen und das Mandelbäumchen zeigt zarte Knospen. Den Winter über habe ich mich mit grünem Taiping Hou Kui und mit einem gelben Yunshan Yin Zhen bei guter Teelaune gehalten. Der Yin Zhen war schon im Januar ausgetrunken und vom Hou Kui ist nun nur noch ein trauriger Rest übrig. Zeit also, mit frischem Tee in den Frühling aufzubrechen, trotz des noch sehr herben Wetters. Was wäre dazu besser geeignet, als ein Oolong? Natürlich zwei ... Ich weiss, zur Jahreszeit würde der Yin Zhen besser passen - aber da ist mir das Frühlingsversprechen doch etwas zu zurückhaltend und zögerlich gegeben.



Da ich seit einigen Tagen auch Besitzer eines dieser praktischen koreanischen Teesets bin, die für eine Verkostung so wunderbar geeignet sind, habe ich mich entschlossen, zwei Sorten parallel zu vergleichen - einen Milan Xiang Fenghuang Dan Cong vom chinesischen Festland und einen Pinglin Wenshan Bai Hao aus Taiwan. Das koreanische Geschirr habe ich übrigens weniger aus praktischen Gründen gekauft - aber ich bin von Seladon fasziniert. Nicht nur von koreanischem, auch von den Arbeiten Fritz Rossmanns. Seladon hat nur einen bedauerlichen Nachteil - es lenkt von der Farbe des Tees ab und verfälscht sie. Aber zumindest manchmal kann ich damit leben ...



Nun möchte ich meine ohnehin spärlichen Leser nicht auch noch mit Verkostungsnotizen langweilen - über den Geschmack von Tee oder den Klang von Musik zu schreiben ist wie das Verfassen vorn Pornographie für Eunuchen. Aber ein wenig erzählen über diese Tees darf man schon.

Milan Xiang Fenghuang Dan Cong - ein sehr kompliziert klingender Name, aber es ist damit eigentlich nur halb so wild. 'Milan Xiang' ist mit 'Honigorchideenaroma' zu übersetzen. Der Name bezeichnet den speziellen Kultivar des Teebuschs, der für diesen Oolong verwendet wird und soll natürlich auch schon einmal Phantasie und Erwartungshaltung in Hinsicht der von diesem Kultivar zu erwartenden Ernte beflügeln. 'Fenghuang' wiederum wird gewöhnlich mit 'Phönix' übersetzt und so wird dieser Oolong auch häufig unter der Bezeichnung 'Phönix Oolong' auf dem Weltmarkt angeboten. Nicht notwendig in hoher Qualität, versteht sich - das entscheidende ist hier der Namenszusatz 'Dan Cong', zu Deutsch 'Einzelbusch'. Anders als die große Masse der Phönix-Oolongs stammt dieser also nicht aus Garten- oder gar Plantagenbau, sondern von Einzelbüschen, die an steilen Hängen gepflanzt werden, die 'rationelle' Bewirtschaftungsmethoden gar nicht erst zulassen.

Ein 'Dan Cong' wächst also gewissermaßen halbwild - das Entscheidende ist jedoch, dass hier gar nicht erst auf große Ertragsmengen Wert gelegt wird, sondern auf das Alter der Teebüsche, die im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte zu kleinen Bäumen von vier, fünf Metern Höhe heranwachsen können. Der Effekt auf die Lese ist ähnlich wie bei alten Weinreben - das ausgedehnte Wurzelwerk ist sehr viel besser geeignet, dem Boden Mineralien zu entziehen und so einen Tee mit Charakter zu erzeugen, der Ausdruck seines 'Terroir' ist. Mit zunehmendem Alter der 'Dan Cong' - Pflanzen steigen dann verständlicherweise auch die Preise solcher Tees - und zwar exponentiell. Da also zumindest die preisliche Spannweite ziemlich groß ist, werden die Ernten von besonders alten Büschen dann auch nicht mehr als 'Dan Cong' (Einzelbusch) sondern als 'Lan Cong' (alter Busch) gehandelt. Wobei freilich keinerlei Bestimmungen existieren, ab welchem Alter ein Teebusch tatsächlich 'alt' ist; eine verlässliche Qualitätsgarantie ist die Bezeichnung 'Lan Cong' also nicht ....  Die wirklichen Raritäten kommen natürlich gar nicht erst auf den westlichen Markt, man munkelt von fünfstelligen Preisen (Dollar, versteht sich, nicht Yuan) für ein Kilo. Wer gibt hierzulande schon ein paar hundert Euro für 100g Tee aus - ganz ungeachtet der Frage, wer sich das leisten kann ...

Der Fenghuang (Phönix-Tee) trägt seinen Namen vom Fenghuang-Gebirge, aus dem er stammt - insbesondere von dessen Hauptmassiv, dem Wudongshan in der Präfektur Chaozhou der subtropischen Provinz Huangdong. Er ist weniger bekannt als die berühmten 'Felsentees' vom Wuyishan in der nördlicher gelegenenen Provinz Fujian - und hat daher glücklicherweise auch ein günstigeres Preis-/Qualitätsverhältnis. Der Wuyishan gilt allgemein als Heimat des Oolong, als der Ort, wo diese spezielle Art der Teeverarbeitung entwickelt wurde. Es wird nicht nicht überraschen, dass die Teepflanzer vom Fenghuangshan den gleichen Anspruch erheben - steht doch der mit geschätzten 900 Jahren älteste Teebusch (ein Shuixian-Kultivar) auf dem Wudongshan, während es der älteste Busch am Wuyishan gerade mal auf ca. 400 Jahre bringt. Da auch dieser ein Shuixian ist, kann er durchaus als Same oder Setzling vom Fenghuangshan dorthin gelangt sein.

Der 'klassische' Kultivar für Fenghuang Oolong ist eigentlich der Huangzhi Xiang, doch haben sich in jüngerer Zeit bukettreichere Sorten durchgesetzt - eben Milan Xiang (Honigorchidee) oder auch Qi Lan (seltene Orchidee), Guihua Xiang (Osmanthus), Xinren Xiang (Mandelblüte) und Jianghua Xiang (Ingwerblüte). Dieser sogenannte Qingxiang-Stil ist allerdings durchaus keine Neuerung - der oben erwähnte 900 Jahre alte Shuixian-Busch ist der Archetyp dieser Gruppe (Shuixian = Straussnarzisse). Bei den Wuyi-Oolongs wird bei Tees im Qingxiang-Stil nicht so sehr differenziert, sie werden einfach als Shuixian-Oolongs gehandelt.

Kommen wir nun zum 'Konkurrenten' aus Taiwan, dem Pinglin Wenshan Bai Hao. 'Bai Hao' ('weiße Härchen') bezieht sich auf die kleinen, mit weißem Flaum besetzten Knospen ('tips'), die gemeinsam mit den zwei jüngsten Blättern gepflückt werden. Die Bezeichnung wird auch für den Bai Hao Yin Zhen (also weißen, nicht den oben erwähnten gelben Yin Zhen vom Yunshan) verwendet, wo sie meines Erachtens treffender ist. Vielleicht ist deswegen die Bezeichnung Bai Hao für diesen taiwanesischen Oolong auch etwas aus der Mode gekommen und durch die geläufigere Bezeichnung Dongfang Meiren ersetzt werden - unter der englischen Übersetzung 'Oriental Beauty' wird dieser Tee gewöhnlich auf dem Weltmarkt gehandelt. Wobei (wenn man der einschlägigen Teelegende Glauben schenken darf) es mit der Übersetzung eigentlich umgekehrt richtiger ist - der Name  'Oriental Beauty' soll diesem Tee von Queen Victoria (andere Quellen nennen Elizabeth II.) verliehen worden sein und der wurde dann ins Chinesische übersetzt. Ist es nicht wahr, so ist es doch schön erfunden - wie auch die Legende zu einem anderen Namen dieses Tees, nämlich Pengfeng Cha, was so viel wie 'Angeber-Tee' bedeutet. Das soll sich nun nicht auf die Konsumenten des Tees beziehen, sondern auf den Erfinder dieser Oolong-Spezialität, dessen Nachbarn ihm zunächst keinen Glauben schenken wollten, als er ihnen erzählte, welchen Preis der Großhändler ihm für seinen Tee zahlte. Zumal sein Teegarten unter erheblichem Schädlingsbefall zu leiden hatte - doch dazu später ...

Dieser Mann stammte aus Beipu, einem Distrikt der taiwanesischen Provinz Xinzhu im Nordwesten der Insel mit einem großen Bevölkerungsanteil von Hakka und es ist zumindest sicher, dass der Bai Hao hier seine Heimat hat. Er wird seit geraumer Zeit allerdings auch mit demselben Kultivar (Qingxin Dapong) am Wenshan in der nordwestlichen Provinz Pinglin produziert, womit der Name ' Pinglin Wenshan Bai Hao' erklärt wäre. Xinzhu und Pinglin haben sehr ähnliche Anbaubedingungen - die Höhenlage ist zwar deutlich geringer als bei den im Süden und im zentralen Hochland der Insel produzierten Oolongs, doch dafür gibt es hohe Luftfeuchtigkeit und häufig kühle Nebel. Die Anbaugebiete am Wenshan liegen etwas höher als die in Xinshu und daher sollen die Bai Hao vom Wenshan süßer und blumiger sein als die aus Xinshu - eine Gelegenheit, dies in einem direkten Vergleich zu testen, hatte ich selbst leider noch nicht.

Der Bai Hao hat dem taiwanesischen Trend zu immer zurückhaltender fermentierten Oolongs widerstanden, dem selbst der klassische Dongding aus dem zentraltaiwanesischen Nantou zum Opfer gefallen ist - heute fast immer ein 'grüner' Oolong. Auch hier am Wenshan werden neben dem stark fermentierten Bai Hao (etwa 50-60%) leichte Baozhong (Pouchong-Oolongs) produziert.

Was den Bai Hao noch von den anderen taiwanesischen Oolongs unterscheidet, das ist, dass die optimale Lesezeit nicht der Frühlingsbeginn ist, sondern vielmehr  in der zweiten Juni- und ersten Julihälfte liegt - was sehr spezielle Gründe hat. Der besondere Charakter dieses Tees wird nämlich durch einen Befall mit Insekten hervorgerufen, und zwar einer Art kleiner Zikaden (Chaxiaoluyechan). Die Teebüsche reagieren auf diesen Schädlingsbefall mit der Produktion von Abwehrstoffen (Phytoalexinen), die den Befall allmählich stoppen - und den Geschmack des Tees verändern. Der Zeitpunkt der Pflückung richtet sich also nach der Produktion dieser pflanzeneigenen 'Schädlingsbekämpfungsmittel'. Dass diese Produktionsmethode selbstverständlich den Einsatz von Pestiziden ausschließt, ist ein äußerst erfreulicher (wenn auch kostensteigernder) Nebeneffekt. Tee, der früher oder später im Jahr gepflückt wird und daher diese spezielle chemische Modifikation nicht aufweist, wird zumeist als 'Fancy Oolong' verarbeitet und verkauft.

Dieser 'Trick' der Natur ist übrigens auch im indischen Darjeeling wohlbekannt - dort sind es speziell 2nd-Flush-Tees mit sogenanntem Muskateller-Aroma ('muscatel flavor'), die die höchsten Preise erzielen. Auch hier wird dieses spezielle Aroma durch Insektenbefall hervorgerufen, nur sind es in Darjeeling kleine grüne Fliegen und Thripse (Fransenflügler).

So viel zu den beiden Tees. Über ihre Aromen, ihren Geschmack, wollte ich mich hier ja nicht weiter auslassen - aber ich möchte doch andeuten, welche Resonanz sie in dieser ersten Frühlingsteestunde des Jahres in meinem Herz-Geist erzeugten. Sie war so deutlich, dass ich nicht lange nach der Saite suchen musste, die da mitschwang:

Entflieht auf  leichten Kähnen
berauschten Sonnenwelten
daß immer mildre Tränen
euch eure Flucht entgelten.
Seht diesen Taumel blonder
lichtblauer Traumgewalten
und trunkner Wonnen sonder
Verzückung sich entfalten.
Daß nicht der süße Schauer
in neues Leid euch hülle -
Es sei die stille Trauer
die diesen Frühling fülle.
(Stefan George)

Sonntag, 26. Dezember 2010

Friede auf Erden

Unsere Aufgabe ist, weiterzutragen, was absolut über allen Dingen stehen muss - das Geistige. Wenn alles zusammenbricht, werden wir hingehen und 'Friede auf Erden' von Schönberg singen.
(Anton Webern)



 
Da die Hirten ihre Herde
Ließen und des Engels Worte
Trugen durch die niedre Pforte
Zu der Mutter und dem Kind,
Fuhr das himmlische Gesind
Fort im Sternenraum zu singen,
Fuhr der Himmel fort zu klingen:
"Friede, Friede auf der Erde!"

Seit die Engel so geraten,
O wie viele blutge Taten
Hat der Streit auf wildem Pferde,
Der geharnischte, vollbracht!
In wie mancher heilgen Nacht
Sang der Chor der Geister zagend,
Dringlich flehend, leis verklagend:
"Friede, Friede auf der Erde!"

Doch es ist ein ewger Glaube,
Daß der Schwache nicht zum Raube
Jeder frechen Mordgebärde
Werde fallen allezeit:
Etwas wie Gerechtigkeit
Webt und wirkt in Mord und Grauen,
Und ein Reich will sich erbauen,
Das den Frieden sucht der Erde.
 Ich habe es mir versagt, zum aktuellen Kalenderereignis etwas zu Meister Eckarts 'ewiger Geburt' zu schreiben. Angesichts der die allgemeine Festtagsstimmung konterkarierenden Nachrichten erschien mir dies unangemessen. Vielleicht nächstes Jahr. Stattdessen Arnold Schönbergs großartige Vertonung von Conrad Ferdinand Meyers Gedicht, bei dem die weihnachtliche Idylle transparent wird für das Grauen - aber auch die Hoffnung.

Wie es das Zitat von Anton Webern andeutet, ist die Utopie gegenwärtig - nicht zuletzt in der Musik, im Klang der Welt. Und in dem, der zu hören vermag ...

Für den ist Samadhi gewonnen,
Der den Weg des Hörens sich wählte.
Avalokitesvara Bodhisattva
Hat damit Befreiung vom Leiden gefunden.
Unzählbar wie Sandkörner im Ganges
Sind die Weltalter, da er die gleiche Zahl
An Buddha-Ländern erleuchtet betrat,
Verseh'n mit der Macht seiner inneren Freiheit,
Furchtlosigkeit unter den Wesen verbreitend.
O du, dessen wunderbar reine
Stimme den Gezeiten gleicht,
Der du niederblickst auf das menschliche Wort,
Hilf uns Weltlichen, biete uns Zuflucht,
Gib Erlösung und Ewigkeit.
Dem Tathägata will ich ergeben erklären
Avalokitesvaras heiliges Wort;
Wenn man weilt in ewiger Stille,
Donnern Trommeln um den Weltenkreis.
Wer sie hört, der ist vollkommen.
Das Auge durchdringt keine Schranken,
Nicht der Mund und nicht die Nase.
Durch Kontakt nur empfindet der Körper,
Gedanken sind wirr und zerrissen.
Doch die Stimme, nah oder ferne,
Kann immer, beständig man hören.
Die fünf ändern Organe sind unvollkommen,
Alldurchdringend allein ist das Hören.
Das ,Sein' oder ,Nichtsein' von Laut und Stimme
Registriert das Ohr als ,ist' oder ,fehlt'.
Da, wo kein Laut ist, wird nichts gehört,
Nichthören ist leer von Natur.
Fehlen des Lauts heißt nicht Ende des Hörens,
Vorhandener Laut, nicht des Hörens Beginn.
Das Hören selbst ist von ständiger Dauer,
Gehört wird von dem, was entsteht und vergeht.
Und selbst wenn im Traum sich Ideen bilden,
Obgleich man nicht denkt - Gehör bleibt besteh'n.
Denn die Hörfähigkeit ist jenseits des Denkens
Und reicht hinaus über Geist und Leib.
In dieser Sahâ-Welt
Geschieht Belehrung durch Stimme.
Wer des Hörens Natur nicht durchschaun kann,
Folgt dem Laut und wird wiedergeboren.
Was Ânanda hörte, das hat er behalten,
Doch das hinderte nicht sein irriges Denken.
So stürzt ins Samsâra, wer sich klammert an Laute.
Die Wahrheit kommt nicht aus dem weltlichen Strom.
So höre, Ânanda, und höre mit Sorgfalt.
Ich proklamiere im Namen des Buddha
Des Vajra-König der Erleuchtung,
Jenes unbegreifbare Erkennen,
Daß alle Erscheinung nicht wirklich ist.
Dies ist Samädhi, die Buddhazeugung.
Du magst von Methoden hören,
Von zahllosen Buddhas verkündet;
Doch trägst du noch Wünsche im Herzen,
Entsteht dir durch Hören nur Irrtum.
Warum wendest du nicht nach innen,
Dem wahren Geist zu lauschen,
Jenes Ohr, das dem Buddha du öffnest?
Nicht von sich aus ist das Hören,
Es ist bedingt durch den Laut.
Wie nennst du, was losgelöst ist,
Wenn, vom Laut gelöst, du zurücklauschst?
Kehrt ein Sinnesorgan sich zur Quelle,
Werden alle sechs Sinne erlöst.
Wie optische Täuschung sind Sehen und Hören,
Die Dreiwelt gleicht einer Blume am Himmel.
Wenn das Hören von seinen Objekten gelost ist,
Verschwindet das Trugbild ,Hörorgan'.
Vollkommen die Bodhi, wo Objekte entwurzelt.
In höchster Reinheit ist alldurchdringend das Licht,
Das in strahlender Ruhe die große Leerheit entfaltet.
In der Nähe beseh'n sind die weltlichen Dinge
Illusionen, wie sie die Träume vermitteln.
Wie ein Traum war das Mâtangi-Mädchen.
Wie konnte sie deinen Körper besiegen?
Sieh etwa den Gaukler,
Den Puppenspieler:
Das Leben der Puppen
Ist das Werk dieses Spielers.
Ihr Leben ist fort,
Wenn er nicht mehr wirkt.
So auch die sechs Organe,
Die belebt sind vom âlaya,
Geschaffen zu sechsfacher Einheit.
Kehrt eins zurück zur Quelle,
So sind alle sechs verschwunden.
Wo alle Einflüsse enden,
Da ist Bodhi verwirklicht.
Befleckende Restbestände
Erfordern weitere Mühe;
Dagegen ist volle Erleuchtung
Der Gewinn des Tathägata.
Ânanda und alle ihr Hörer,
Ihr solltet nach innen wenden
Das Hören, um euch zu erkennen,
Denn das nur verhilft zur Erleuchtung.
So nur wird Bodhi gewonnen.
Wie Sandkörner zahlreich sind Buddhas,
Die so das Nirvâna gewannen.
Alle Tathâgatas der Vergangenheit
Haben entschieden sich zu diesem Weg.
Alle Bodhisattvas der Gegenwart
Haben gewählt eben diese Vollkommenheit.
Ihr alle, die ihr in Zukunft übt,
Sollt euch verlassen auf diesen Dharma.
Avalokitesvara war es nicht allein,
Der ihn übte,
Auch ich schritt diesen Weg.
Der Erleuchtete, Hocherhabene,
Hat gefragt nach dem nützlichsten Mittel,
In diesen gesetzlosen Zeiten
Dem Samsâra zu entrinnen,
Ins Herz der Nirvânatiefe.
Die Kontemplation des Welt-Lauts
Ist die beste aller Methoden.
Alle andern sind nur Mittel
Des Buddha für jeweilige Fälle,
Den Schüler zu befreien
Von diesen und jenen Beschwerden,
Doch nicht für die zielvolle Praxis
Von Menschen verschiedner Naturen.
Gruß sei des Tathägatas Reichtum
Weit jenseits des weltlichen Stromes.
Heil kommenden Generationen,
Daß ihnen der Glaube eigen,
Diesen leichten Weg zu gehen.
Er diene Ânanda zur Lehre
Und den Menschen düsterer Zeiten,
Daß sie lernen, ihr Ohr zu verwenden,
Dies wahrlich unübertroffne
Vermittlungsorgan zum Urgeist.
 (Surangama Sutra)

Möge unser Bemühen alle Wesen und Orte
mit dem wahren Segen des Buddhaweges durchdringen.
Mögen alle Menschen glücklich sein.

Mittwoch, 15. September 2010

Führer gesucht

Ich fürchte nicht die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.
(Theodor W. Adorno) 

Zunächst - einen Glückwunsch. Die großartige Jessye Norman feiert heute ihren 65. Geburtstag. Und weil ein anderer 'runder' Geburtstag (Gustav Mahlers 150.) in meinen Urlaub fiel und daher hier keine Erwähnung fand, singt sie hier Gustav Mahlers Rückert-Lied Nr. 3:



Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!
Brava, Jessye!

Auch wenn es vielleicht etwas beliebig erscheinen mag - aber es ist nicht ganz zufällig, dass der heutige Eintrag zunächst einer afroamerikanischen Sängerin gewidmet ist, die hier von einem indischen Dirigenten begleitet wird. Das gilt auch für die Textauswahl - eines von Friedrich Rückerts besseren Gedichten. Wobei  in Hinsicht auf das Folgende hinzuzufügen wäre, dass eben dies die Stelle einer vierten Strophe einnehmen soll. Der Weg des Zen mag zum Rückzug aus der Welt führen - aber wenn er authentisch ist, führt er von dort auch wieder  mitten in sie hinein. Schmutzbedeckt und mit Asche beschmiert auf den Marktplatz.

Weniger mit dem Folgenden hat dieser Link zu tun, aber doch mit dem Lied. Eine interessante Geschichte ist es allemal.

Ein wenig meiner Freizeit ist auch dem Gesang gewidmet; ich singe im Männergesangverein meines Dorfes mehr schlecht als recht im 2. Tenor. Jedenfalls - so kommt es, dass ich gelegentlich in unserer Dorfkirche am (evangelischen) Gottesdienst als Gast teilnehme. So auch diesen Sonntag, wo aus Anlass des Tags des offenen Denkmals ein besonderer Gottesdienst mit anschließender Verköstigung stattfand, um möglichst viele Besucher anzuziehen und zur Unterstützung des Fördervereins zur Sanierung unserer  sehr schönen spätgotischen Kirche zu gewinnen. Wir sangen eine deutsche Chorbearbeitung von Edward Elgars berühmten 1. Marsch aus 'Pomp and Circumstance' ("Menschen der Erde, reicht Euch die Hand ...") und passend dazu (oder umgekehrt) sprach der Pfarrer über das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur und ließ dabei auch ein deutliches Wort darüber fallen, wie die Thesen eines Dr. Sarrazin denn eigentlich mit einem christlichen Menschenbild zu vereinbaren seien (nämlich gar nicht).

Nun - wenn schon der geschätzte christliche Kollege sich zu dem Thema äußert, will auch ich nicht zurückstehen. Über Herrn Sarrazins Buch allerdings möchte ich mich nur knapp auslassen; dazu ist alles Notwendige schon mehr als reichlich gesagt und geschrieben worden. Ja, Sarrazin greift ein zweifellos existierendes und lange (fast möchte man sagen gezielt) vernachlässigtes Problem auf. Auch von Herrn Sarrazin in seiner Eigenschaft als Berliner Finanzsenator vernachlässigt, sollte man hier ruhig hinzufügen. Aber er beschreibt das Problem nicht, er karikiert, überzeichnet es und baut ein völlig realitätsfernes Bedrohungsszenario auf. Er macht einige durchaus diskussionswürdige Vorschläge - absolut indiskutabel hingegen sind seine pseudowissenschaftlichen Argumente. Kurz gesagt - in wissenschaftlicher Hinsicht (soziologischer, politologischer) ist sein Machwerk das Gestümper eines Amateurs, in politischer Hinsicht ist es an Volksverhetzung grenzende Demagogie.

Für den Umgang mit solchen Elaboraten gibt es eigentlich nur eine angemessene Empfehlung: tiefer hängen. Daswegen auch bislang sowie fürderhin hier nichts weiter zu diesem Buch, es wäre zu viel der Ehre. Was mir hingegen eher der Betrachtung wert scheint, sind einige andere Aspekte der unappetitlichen Debatte um dieses Buch. Das beginnt schon damit, wie diese Debatte lanciert wurde.

Was zum Teufel reitet beispielsweise die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), die sich durch die Veröffentlichung von Büchern durchaus seriöser Autoren (ganz unsortiert und beispielhaft: Theodor Heuss, Sebastian Haffner, Jean Gebser, Albert Einstein, Marcel Reich-Ranicki, Carlos Fuentes, José Ortega y Gassett) ein gewisses Renommée erworben hat, solch ein Werk zu veröffentlichen? Warum hat man Herrn Dr. Sarrazin keinen Lektor zur Seite gestellt, der dafür gesorgt hätte, dass wenigstens die allzu hanebüchenen Argumente noch einmal einem Realitätscheck unterworfen wurden? Dann wäre Herr Sarrazin nicht gezwungen gewesen, auf seine Frau als Lektorin zurückzugreifen, die als Grundschullehrerin wohl doch nicht die ausreichende Qualifikation und als Ehefrau nicht die notwendige Objektivität für solch eine Aufgabe mitbringt (meine Frau hält mich auch für einen großartigen Sänger ...). Vermutlich wäre dann von dem Buch jedoch nicht mehr viel übrig geblieben, das man hätte veröffentlichen können.

Man liegt sicher nicht ganz verkehrt wenn man den Grund in der (ja durchaus eingetroffenen) Aussicht vermutet, einen Bestseller zu landen und daran kräftig zu verdienen. Ein Beitrag zur Ausländerdebatte, zum öffentlichen Diskurs über Migranten und deren Integration in die deutsche Gesellschaft? Papperlapapp. So befruchtet und befördert man keinen öffentlichen Diskurs, so lässt man ihn abstürzen und hart auf Stammtischniveau aufschlagen. Da hat sich ein Verlag aus Profitgründen von seiner Reputation und von seiner Seriosität verabschiedet. Man kann auch sagen: sich prostituiert.

Was zum Teufel reitet beispielsweise den Spiegel, für dieses Machwerk kostenlos Reklame zu machen, indem er Passagen daraus vorab veröffentlicht? Ein Beitrag zur Ausländerdebatte? Ja sicher - aber was nutzen solche unqualifizierten Beiträge und wem nutzen sie? Jedenfalls der Auflage des Spiegel ... Falls man sich diese Frage tatsächlich ernsthaft gestellt haben sollte, hat man sich wohl auf die klassische Entschuldigung für derart moralisch Anrüchiges besonnen: wenn wir es nicht machen, dann ein Anderer. Der Focus zum Beispiel, horribile dictu. Und nachdem dann auch die Illustrierte Stern eine Ausgabe herausgebracht gebracht hat, die man sinnvollerweise am besten gleich als Sarrazin-Sonderausgabe deklariert hätte, kam es schließlich auch noch (was Spiegel-Kundige ohnehin vorausgesehen hatten) zum Hinterletzten - der notorische Pausenclown des Spiegel Henryk M. Broder durfte über dem Scherbenhaufen öffentlich seine Notdurft verrichten. Da ist man doch glatt versucht, Liebermann zu zitieren: "Ich kann gar nicht so viel fressen ..."

So viel zum 'tiefer hängen'. Damit lässt sich keine Auflage machen. Mediale Zurückhaltung und Besonnenheit schadet dem shareholder value. Diese Erkenntnis ist in der Medienlandschaft mittlerweile offenbar flächendeckend verbreitet und Maxime des Handelns. Offenbar müssen wir uns allmählich von der ohnehin fadenscheinig gewordenen Fiktion 'seriöser Verlage' und einer 'seriösen Presse' verabschieden. So viel zum ersten Aspekt der sog. 'Sarrazin-Debatte', der mir einen Kommentar wert schien.

Zum Zweiten: es ist auffällig, wie dankbar und eifrig Dr. Sarrazins marketinggerechte Provokation von weiten Teilen der politischen Klasse an- und aufgenommen wurde, welch anschwellender Bocksgesang da durch die Republik hallte. Einer, der hervorragend geeignet war, Anderes zu übertönen. Die skandalöse soziale Schieflage des Merkel'schen Sparpaketes. Das Milliardengeschenk an die Energiekonzerne, abgesichert durch Geheimverträge falls der Souverän es bei zukünftigen Wahlen dann vielleicht doch lieber anders hätte. Die 40 Milliarden an Bürgschaften, die nun nach angemessener Schamfrist der Hypo Real Estate noch mal hinterher geworfen werden. Dafür, dass die mittlerweile dem Staat gehörende HRE ihren Wertpapiermüll in einer 'Bad Bank' entsorgen (wirklich ein treffender Begriff - allerdings haben die Sorgen dann Andere) kann. Wie Phönix aus der Asche wird dann aus dem HRE-Desaster eine genesene Deutsche Pfandbriefbank hervorgehen sowie eine 'FMS Wertmanagement' (der Begriff 'Wert' ist jetzt hier nicht so *ganz* treffend). Die 'Werte', die dann da gemanagt werden, bestehen aus toxischen und anderen unerwünschten Papieren im rein fiktiven Wert von nominell 180-185 Milliarden. Mag jemand mit mir wetten, dass die Deutsche Pfandbriefbank, wenn sie die Gewinnschwelle überschritten hat, privatisiert wird während die 'FMS Wertmanagement' selbstredend im Besitz des Staates bleibt? Und worüber wird breit und laut öffentlich diskutiert? Über die wirren Thesen eines Bundesbank-Vorstands. Nicht zur HRE speziell oder zur sogenannten Banken- und Finanzkrise allgemein - das scheint ihn herzlich wenig zu interessieren - sondern zu einem Thema, von dem er offenbar nicht viel versteht. Und wenn sich das öffentliche Interesse an  diesem Thema (und am 'Jahrhundert-Prozess' Jörg Kachelmanns) erschöpft hat, wird man schon eine andere Sau finden, um sie mit Gejohle durchs Dorf zu hetzen während die Katze den Speck aus der Vorratskammer klaut.

Vorerst versucht man erst einmal noch, aus dem 'Fall Sarrazin' Lehren zu ziehen. Jetzt nicht in dem Sinne, wie man die Integration von Migranten verbessern könnte (was tatsächlich dringend notwendig wäre, da hat Sarrazin schon recht). Das wäre zum Nulltarif nicht zu haben  - also wird es außer schönen und mehr oder weniger klugen Worten nichts geben, bis das Interesse der Öffentlichkeit an dem Thema wieder abebbt. Nein - die Lehre, die man daraus zieht, ist die, dass sich in Deutschland über das Instrument xenophober Demagogie offenbar ein nennenswertes Wählerpotential für eine rechtspopulistische Partei rekrutieren ließe. Es fehlt eigentlich nur noch ein Frontmann vom Schlag eines Jörg Haider oder Jean Le Pen - Dr. Sarrazin oder Frau Steinbach mangelt es zu deutlich an Charisma. Deutschland sucht den Super-Haider. Bewerbungen bitte beim Spiegel abgeben.

Genug Dampf abgelassen ... Man sieht, ich teile mit Dr. Sarrazin den Unmut über bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Nur, dass die beiden sich allenfalls partiell überschneiden. Die Gründe für die  Erscheinungen, die uns beide stören, sind wohl tatsächlich angeboren, wenn auch nicht als unüberwindliches genetisches Erbe. Gier, Hass und Unwissenheit sind ein Erbe, das man ausschlagen kann. Vorausgesetzt, man ist bereit, zu lernen.

 Das Lernen - auch und gerade das Lernen aus der Geschichte - befreit uns von den Verstrickungen der Vergangenheit. So entfesselt kann sich die Kraft der Utopie entwickeln und entfalten.

Amen, Herr Pfarrer.




Richard Strauss, Morgen op. 27, 4
Text: John Henry Mackay

Und morgen wird die Sonne wieder scheinen,
und auf dem Wege, den ich gehen werde,
wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen
inmitten dieser sonnenatmenden Erde...

Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen,
werden wir still und langsam niedersteigen,
stumm werden wir uns in die Augen schauen,
und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen ...

Freitag, 18. Juni 2010

Happy Birthday Oli!



Es ist etliche Jahre her, dass ich auf einem Flohmarkt in einer Grabbelkiste eine CD fand, deren originelles Cover (siehe oben) mir auffiel und die ich nach kurzem Studium des Booklets für wenig Geld kaufte.  Es war das Debutalbum von Oliver Schroer. Ich lernte damit einen Musiker kennen, der nicht nur mich reich beschenkt hat. Heute wäre er 54 Jahre alt geworden; er war ein wenig jünger als ich. Er war nicht nur ein bemerkenswerter Musiker, sondern auch ein bemerkenswerter Lehrer. So, wie ein Zen-Lehrer Gruppen von Zen-Praktizierenden initiiert, rief der Fiddler Oliver mit seinem Projekt 'The twisted Strings' Gruppen von Fiddlern ins Leben - zumeist Gruppen von 8 - 12 jungen Leuten, die seine Musik öffentlich und privat spielen. To go where no fiddlers have ever gone before ...



'Twisted Strings' ist sein wahrscheinlich größtes Geschenk an seine Mitmenschen. Etwas bekannter wurde er, als er sich 2004 mit drei Freunden, seine Geige und ein transportables Aufnahmestudium im Gepäck, zu Fuß auf einen 1000-km-Weg nach Santiago de Compostela machte. Wo immer er eine offene Kirche fand, deren Akustik ihm zusagte, wurde seine Pilgerfahrt zu einer akustischen Wanderschaft mit seiner Geige durch die spezielle Klanglandschaft dieser Kirche. 25 Stationen dieser Reise veröffentlichte er auf der CD 'Camino', sein kommerziell erfolgreichstes Projekt. Hier das Eröffnungsstück 'Field of Stars' - Campo Stella, Compostela.


 


Insgesamt veröffentlichte er 8 Alben unter eigenem Namen, an über 100 Alben anderer Musiker wirkte er mit; auch als Produzent war er erfolgreich. So bemerkenswert wie sein Leben war auch sein Sterben. 2007 wurde bei ihm die Diagnose Leukämie gestellt. Am 5. Juni 2008 gab er sein letztes Konzert, "Oliver's Last Show on His Tour of This Planet". Knapp einen Monat später, am 3. Juli 2008, verließ er diesen Planeten für immer. Seine letzte Komposition 'Poise' ('Gleichgewicht, Haltung') schrieb er am Tag davor ...



Deutsche Übersetzung:
Oliver Schroer: In Anmut vom Leben Abschied nehmen

Der Musiker Oliver Schroer legt seinen 1,98 m großen Körper quer über sein Einzelbett in der Leukämiestation des Princess Margaret Cancer Hospital in Toronto. Er ist umgeben von Computern, CDs, Lautsprechern, Karten und Photos sowie einem beladenen Ständer für Infusionsflaschen. Wie große, undurchsichtige Blätter an einem glänzenden Silberbaum hängen daran Beutel mit Blutkörperchen, Demerol und Flüssigkeiten.

Schroers buschiges Ziegenbärtchen, an die Chemo verloren, ist wieder gewachsen, doch nicht sein Kopfhaar. Er trägt eine rote, sexy-nerd-Brille und einen gestreiften Schlafanzug. Seine Muskelmasse ist wegen der Steroide atrophiert, so sieht er noch schlaksiger aus in diesem kleinen Raum, den er dankbar sein Zuhause nennt.

"Wegen der Anzahl meiner roten Blutkörperchen bin ich praktisch ein Bluter. Wenn ich hier wegginge und mit dem Kopf irgendwo anstoßen würde, könnte ich mir eine Gehirnblutung zuziehen. Also bin ich froh, hier zu sein."

Die Worte "froh" und "hier" passen gewöhnlich nicht zum  Princess Margaret Hospital. Aber Schroer ist kein gewöhnlicher Mann.

Er nimmt den Laptop, auf dem er eine neue CD abmischt, von einem Stuhl so dass ich an seinem Bett sitzen kann. Und dann spricht dieser rätselhafte, geschlagene Mann sachlich über seine tödliche Krankheit und seine Sicht des "Wasserfalls, vor dem wir alle stehen" - Tod.

"Wir sterben alle, weisst du", sagt er, mit entwaffnend stillem Lächeln.

Schroer mag das Sterben nicht fürchten, aber er scheut unproduktives Leben. "Das wird ein anderer Lernprozess sein. Wenn ich nicht klar denken oder Dinge tun kann ... wir werden sehen."

Ich frage ihn, was er glaubt, was geschehen wird, wenn er stirbt. Er antwortet ohne zu zögern.

"In dem Moment, wo wir durch dieses Portal treten, ordnen sich die Dinge neu auf so gründliche Weise, dass es jetzt für uns keinen Sinn ergeben kann. Ich habe das Gefühl dass, in dem Augenblick, wo ich hinübergleite, es einen absoluten Sinn haben wird. Und ich werde nicht zurück schauen."

Die Nacht, bevor ich ihn in seinem Heim im Krankenhaus besuchte, hatte er Ausgang, um seinen 52. Geburtstag im Haus eines Freundes zu feiern. An seinem Geburtstag vor 2 Jahren war er wie ein Komet auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Er hatte gerade seine CD 'Camino' veröffentlicht, mit großem Erfolg bei Kritikern und beim Publikum. 'Camino' wurde 2004 im Laufe zweier Monate produziert, als er und zwei Freunde den Camino de Santiago gingen, eine alte Wanderroute durch Frankreich und Spanien. In Kirchen entlang des Weges spielte Schroer seine Geige.
 Im Januar 2007 wurde er zu dem gewaltigen Celtic Connections Festival in Glasgow eingeladen und spielte dort Musik von der Camino-CD. "Ich fühlte mich ein wenig merkwürdig, aber ich schrieb es den langen Nächten zu und dem, was man in Schottland eben tut: trinken."

Doch als Schroer zurück nach Hause nach Vancouver flog, war er entschlossen, einen Bluttest zu machen. Er dachte sich, er könne früh am Morgen seiner Ankunft zuhause zum Labor fahren. Er war der erste im Wartezimmer. "Mein Arzt rief mich an diesem Tag um 10 Uhr abends zurück" sagt er. "Man möchte, dass Ärzte prompt reagieren. aber doch nicht so prompt."

Man sagte ihm, er habe eine Frühform von Leukämie. Geschockt, las er laut seine Blutwerte der Frau, mit der er zu dieser Zeit zusammenlebte und die zufällig eine auf Leukämie spezialisierte Krankenschwester war, vor. Sie brach in Tränen aus.

Auch wenn er sagt, die Diagnose habe ihn, wie die Schotten es ausdrücken, "gobsmacked", ergab sie auch Sinn für ihn. In den vergangenen sechs Monaten hatte er sich oft dabei ertappt, dass er Dinge sagte wie "ich hatte ein großartiges Leben. Es ist in Ordnung, jetzt zu gehen". Und dann dachte er: "Wow, was ein übler Gedanke ..."

Jetzt kommentiert er: "So, ohne zu denken, es sei mein Fehler, fühlte es sich an, als habe meine ganze Einstellung zum Leben zwangsläufig dazu beigetragen, dort zu sein, wo ich war."

Er entschloss sich zu einigen Veränderungen. Er zog nach Toronto, wo er einen großen Kreis von hilfsbereiten Freunden hat. Und sofort begann er mit der Aufnahme eines neuen Albums, dem berührenden 'Hymns and Hers'.

"Meine Musik wurde mehr zu einer spirituellen Sache - etwas, das von außerhalb meiner selbst kam. Ich wurde zum Kanal für etwas viel größeres. Das hat sich auf zwischenmenschliche Beziehungen ausgeweitet."

Schroer startete einen Blog, um sich selbst und seiner Umgebung zu helfen, seine Krankheit zu bewältigen. Als er seinen ersten Blogbeitrag absandte, kamen 250 Emails zurück.

"Ich habe es herausgefordert. Aber das sind viele Emails."

Im November, nachdem er nach zwei Runden Chemotherapie und Bestrahlung in Rehabilitation geschickt wurde, kam er auf die Warteliste für eine Knochenmarktransplantation - wie man sagt die aussichtsreichste Methode, Leukämie zu besiegen. Ein anonymer Spender wurde gefunden und getestet, aber dieser Prozess dauerte länger, als irgendjemand vorhergesehen hatte.

Seine Transplantation war für den 2. November angesetzt. Am 1. November entdeckten seine Ärzte, dass die Leukämie zurück war. Die Knochenmarktransplantation wurde abgesagt.

Also gingen seine Ärzte direkt zu dem über, was Schroer den "Sattelschlepper unter den Chemos" nennt. Das Leiden war intensiv, aber in der ganzen Zeit hielt er an dem Gedanken fest "nun, das muss es jetzt erledigen."

Das Endergebnis war fast schlimmer als zu hören, dass es nicht gewirkt hatte. Das Wort war: "ungewiss". Und schließlich sagte sein Onkologe: "Wir können nichts für Sie tun."

Schroer blieb wütend zurück, frustriert, dass sich die Knochenmarktransplantation so lange verzögert hatte, so dass man das Zeitfenster um einen Tag verfehlt hatte. Der Gedanke, dass sie ihn hätte retten können, quälte ihn.

Dann bekannte eine Lieblingskrankenschwester: "Ich bin so glücklich, dass du es nicht getan hast." Eine Transplantation "mäht dich nieder" erinnert er sich, habe sie gesagt. "Du würdest platt auf dem Rücken liegen und massiv leiden. Du hättest dein Konzert oder deine Arbeit nicht machen können. Und wahrscheinlich hätte es ohnehin nicht gewirkt."

Weg war das "wenn nur ...". Gesegnet mit einer von Bedauern unbefleckten Reinheit der Absicht konzentrierte sich Schroer darauf, seine meistgeliebten Projekte zu beenden, sein Vermächtnis von Lehre und Mentorschaft zu festigen und "mein letztes Konzert auf der Erde" aufzuführen.

Das Konzert fand statt am 5. Juni, für ein Stehplatz-Publikum von 800 Menschen.

"Es war vollkommen" sagt Schroer mit einem Seufzen. "Es ließ nichts zu wünschen übrig. Was das Publikum angeht, fühlte es sich spirituell und sehr emotional an."

Schließlich war es ein Abschied.

Eines der schönsten Nebenprodukte des Abends, sagt er, war das Verbundensein der Menschen miteinander und ihre Bereitschaft, sich nicht in Scheu von seinem Tanz mit dem Tod abzuwenden. Er selbst tut es ganz klar nicht.

"Ich könnte verzweifelt den Tod bekämpfen, aber das ändert nicht das Geringste. Ich habe ein starkes Gefühl von Annehmen - in dem Sinne, nicht Gott zu verfluchen oder das Internet nach Heilkräutern zu durchsuchen - und gleichzeitig von Bemühung um mehr Zeit."

Sein Annehmen seines unmittelbar bevorstehenden Todes kommt aus der Art und Weise, wie er gelebt hat.

"Als Künstler habe ich zu meiner eigenen einzigartigen Stimme gefunden und war in der Lage, dieser Stimme öffentlich Ausdruck zu geben. Ich konnte mit verschiedenen wundervollen Musikern zusammenarbeiten. Was will ein Künstler mehr?"

"Ich bin einer dieser hell brennenden Kerle, die alles verfeuern und dann in den Flammen untergehen."


Um es mit dem Namen einer Deiner Kompositionen zu sagen: A Thousand Thank-Yous!