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Mittwoch, 22. August 2018

Über die Grenzen die Toleranz

Sie ist schon nicht mehr so ganz taufrisch, die letzte Ausgabe der 'Buddhismus Aktuell'. Trotzdem möchte ich mich hier, bevor die nächste Ausgabe erscheint, ein wenig mit dem dort veröffentlichten und meines Erachtens ausgesprochen lesenswerten Artikel des DBU-Ratsmitglieds Dr. Martin Ramstedt beschäftigen, der erfreulicherweise auch Online zur Verfügung steht. Eilige möchte ich bitten, zumindest die ersten beiden Absätze des Artikels zu lesen, da auch für mich das dort geschilderte Ereignis zum Anlass wurde, mich hier öffentlich zu äußern und ich daher darauf Bezug nehmen werde. Ein etwas anderer Blickwinkel als der Dr. Ramstedts sei mit der Wahl einer etwas anderen Überschrift bereits vorab angedeutet. Ich beziehe mich mit meinen Überlegungen allerdings nicht nur auf Dr. Martin Ramstedts Artikel und insbesondere den dort geschilderten Auftritt Dr. Kaltenbrunners auf der christlich-buddhistischen Dialog-Tagung in Hannover. Darüber hinaus beziehe ich mich auch auf andere Vorgänge um die DBU-Mitgliedsgemeinschaft BDD, die nach Erscheinen der letzten Nummer der BA Diskussionen nicht nur unter Buddhisten ausgelöst und zu einer erfreulich deutlichen Stellungnahme des Rates der DBU geführt haben.

Im Kern geht es nach meiner Auffassung bei diesen Diskussionen um die Gewaltfrage. Es mag überraschen, dass ausgerechnet im Zusammenhang mit einer buddhistischen Organisation wie der DBU diesbezüglich ein innerbuddhistischer Diskussionsbedarf besteht. Andererseits zeigen historische Beispiele etwa im japanischen oder tibetischen Buddhismus und auch aktuelle, wie etwa 969 und MaBaTha in Myanmar oder Bodu Bala Sena und Ravana Balakaya in Sri Lanka, dass auch buddhistische Organisationen immer wieder einen Klärungsbedarf in dieser Hinsicht haben. Es wäre ungerechtfertigte ethnozentrische Arroganz, einen solchen in Europa zu leugnen. Erfreulicherweise sind wir in Deutschland (noch) auf einem Level, wo es konkret um Rechte Rede geht. Aber was diese Diskussion so ernst macht, ist natürlich die Frage nach den karmischen Konsequenzen, die die kritisierten Aussagen auslösen können. Mir persönlich ist da der Verweis auf geschichtliche Erfahrungen gerade auch in Deutschland wichtig und darauf, dass uns der Vergleich oder Abgleich (was etwas Anderes ist als Gleichsetzung) mit historischen Erfahrungen dabei helfen kann, karmische Konsequenzen abzuschätzen und von daher die Heilsamkeit oder Unheilsamkeit solcher Aussagen zu beurteilen. Das wiederum ist das Kriterium dafür, ob wir es da mit Rechter Rede zu tun haben oder nicht.

Natürlich kann man nun fragen, was uns eigentlich die Rechte Rede Anderer angeht. Eine völlig berechtigte Frage und man sollte es auch durchaus ernst nehmen, wenn Fürsprecher Ole Nydahls dabei auf das Grundrecht freier Meinungsäußerung verweisen. Allerdings kann ich mich nicht immer des Eindrucks erwehren, dass da (ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt) ein Verwirrspiel mit dem Wechsel von Argumentationsebenen getrieben wird. Nicht jede zulässige freie Meinungsäußerung ist karmisch heilsam (also Rechte Rede) und nicht jede unrechte Rede ist strafbar. An einer Antwort auf die Frage, was das eigentlich uns angeht, möchte ich mich mittels eines Zitates von Helmut Gollwitzer versuchen. Gollwitzer spricht da von Verantwortung: "Verantwortung, das meint, dass ich mit meinen Ohren und mit meiner Seele einen Ruf höre, der an mich ganz persönlich ergeht, und dass ich ganz persönlich auf diesen Ruf antworte. [...] Und wir wissen, was aus dieser Verantwortung bei uns gewor­den, nein, gemacht worden ist." In dem Punkt "letzter persönlicher Verantwortung" liegt auch "der Punkt, an dem man widerstehen muss, wenn man nicht die Freiheit hoffnungslos preisgeben will". Und Gollwitzer spricht da auch eine Mahnung oder Warnung aus an die, die eben nicht "ganz persönlich auf diesen Ruf antworten" sondern auf Antworten Anderer vertrauen, die sich ihre persönliche Antwort vorweg nehmen lassen "durch eine andere freiwillig übernommene Autorität, oder sagen wir es in aller Deutlichkeit: in einer freiwillig übernommenen Knechtschaft".

Nun war Gollwitzer Theologe - Roshis, Lamas und Bhantes gab es zu dieser Zeit in Deutschland nicht. Aber das "und mit meiner Seele" in dem Zitat kann man ja schadlos beiseite lassen. Und auch den Begriff Freiheit sollte man gelegentlich für eine ganz andere Art Freiheit "hoffnungslos preisgeben" können, wie ich gerne einräume. Ich lese dieses Zitat aus der Perspektive eines Wegsuchers, der die Bodhisattva-Gelübde empfangen hat. Wenn man diese ernst nimmt, dann - so denke ich jedenfalls - ist dieser "Ruf", von dem Niemöller spricht, das 'Schreien der Welt' und das, was diesen aus Leiden geborenen Ruf ungehindert hört und mit karuṇā beantwortet, ist Avalokiteśvara. Das verweist auf die Übung, die durch Verblendung bedingte Hinderung des Hörens zu überwinden und dabei die pāramitās zu entwickeln. Alleine durch Hören entwickelt man die pāramitās nicht, sondern erst durch deren praktische Ausübung. In Gollwitzers Worten: durch das Übernehmen von letzter, persönlicher Verantwortung. Dann gehen uns auch solche Dinge wie die pauschale Diffamierung von Menschen anderer Religion, Ethnizität oder Hautfarbe etwas an. Erst recht deren mögliche Folgen.

Ganz besonders gilt diese Maxime der Übernahme von Verantwortung, wenn wir uns mit anderen Menschen verbinden, um als kleine Gemeinschaft in die große Gemeinschaft aller Wesen hinein heilsam zu wirken. Wenn wir also in dieser Absicht politisch handeln oder handeln wollen. Dabei die eigenen schwachen Kräfte mit denen Anderer zu verbinden und so zu bündeln, ist ein potentiell sehr mächtiges upāya und wie alle machtvollen upāya ein schwierig zu handhabendes. Ein solches upāya ist beispielsweise die DBU, die als gesellschafts- und religionspolitischer Akteur von Buddhisten in Deutschland konzipiert ist; die ihnen die Option eröffnet, mit solch einem upāya zu arbeiten. Wenn dies funktionieren soll, dann müssen die individuellen Handlungsimpulse, die gebündelt werden sollen, von gleicher oder zumindest hinreichend ähnlicher Intention getragen sein; von einem gleichen oder doch zumindest verwandten Verständnis von heilsamem Handeln mit Geist, Sprache und Körper. Aus genau diesem Grund muss man sich, wenn man denn eine handlungsfähige DBU will, die heilsame Wirkungen in die Gesellschaft hinein entfalten soll, der Frage stellen, mit welchen politischen Intentionen man sich selbst dort einbringt und mit welchen Intentionen dies Andere tun. Und man muss sich mittlerweile ganz konkret die Frage stellen, ob die Intentionen, die sich aus vielen Äußerungen Ole Nydahls in den letzten zwei Jahrzehnten erschließen lassen, solche sind, mit denen man die eigenen Intentionen verbinden will.

Dieser Prüfung darf man nicht ausweichen, wenn man eine handlungsfähige DBU will. Handlungsfähig kann die DBU nur sein, wenn die in ihr zusammengefassten Handlungsimpulse in eine gemeinsame Richtung weisen. Das bedeutet, es bedarf nicht zuletzt konkret einer Klärung, für welche Haltung gegenüber den in Deutschland lebenden Muslimen die DBU-Mitgliedsgemeinschaft BDD steht und für welche Haltung die DBU insgesamt stehen soll - und einer Antwort auf die Frage, ob diese Haltungen miteinander vereinbar sind. Das bedeutet, es muss geklärt werden, ob in der gesellschaftspolitischen Frage der Integration vor allem muslimischer Migranten (seien es nun legale Zuwanderer und deren Nachkommen, Asylsuchende oder Armutsflüchtlinge) ein Konsens innerhalb der DBU besteht, ob gegebenenfalls ein Dissenz für die DBU schadlos akzeptabel ist und schließlich, welche Konsequenzen aus solch einer Klärung zu ziehen sind.

Das wäre Herstellung von Handlungsfähigkeit nach innen - aber es geht natürlich auch um eine Handlungsfähigkeit nach außen und genau deshalb ist es keine Option, dieses Problem einfach auszuklammern. Eine Handlungsfähigkeit nach außen kann es nur geben, wenn die DBU als Gesprächspartner im gesellschafts- und religionspolitischen Diskurs nicht nur wahr-, sondern auch ernstgenommen wird. Und, möchte ich hinzufügen, wenn sie als seriös und respektabel wahrgenommen wird. Ein öffentlich-rechtlicher Körperschaftsstatus alleine ist dazu bei weitem nicht hinreichend. Man muss dazu in diesen Diskurs auch klare Vorstellungen einbringen können, die für die Dialogpartner zumindest grundsätzlich akzeptabel sind. Noch besser, wenn man mit diesen partiell zu gemeinsamen Vorstellungen gelangt, so Unterstützung für die eigenen Anliegen findet und auch sinnvolle Anliegen Anderer unterstützen kann. Dabei ist es unvermeidlich, dass man sich, notfalls auch gegen innere Widerstände, auf Grundsätze festlegt und festlegen lässt - etwa in der Integrations- und Ausländerpolitik. Solchen Zwecken dienen demokratische Prozeduren. Sie sind der Preis politischen Handelns. Wenn man politisch handeln will, dann muss man ihn zahlen.

Aber das wäre schon der zweite Schritt. Entscheidend für eine gesellschafts- und religionspolitische Handlungsfähigkeit ist vor allem das Bild, das die DBU der Gesellschaft insgesamt, also der Öffentlichkeit, von sich und vom Buddhadharma vermittelt. Das negative Echo, das Äußerungen Ole Nydahls insbesondere auf dem diesjährigen Sommerkurs in Immenstadt in der Presse und im Fernsehen des Bayerischen Rundfunks hervorgerufen haben, ist diesem Bild nach meinem Geschmack ausgesprochen abträglich. Dass dies - einschließlich staatsanwaltlicher Prüfung der Aussagen Ole Nydahls auf strafrechtliche Relevanz hin - nun ausgerechnet auch noch in dem Bundesland geschehen ist, in dem federführend der Antrag der DBU auf Verleihung des Körperschaftsstatus geprüft wird, ist auch nicht gerade hilfreich. Genau so wenig wie die Äußerungen Dr. Kaltenbrunners auf der eingangs erwähnten Veranstaltung, die so eher geeignet waren, den interreligösen Dialog der DBU mit den christlichen Kirchen zu sabotieren als ihn zu führen. Es wäre meines Erachtens eine Fehleinschätzung, würde man Dr. Kaltenbrunner Naivität unterstellen. Anders als bislang die DBU haben sich Katholische Bischofskonferenz und EKD sehr deutlich hinsichtlich der Frage des Islam in unserer Gesellschaft positioniert - um Bundesgenossen für eine militante Haltung gegenüber dem Islam wurde da wohl kaum geworben.

Sowohl hinsichtlich der Äußerungen Dr. Kaltenbrunners als auch der aktuell diskutierten von Ole Nydahl selbst (sowie etlicher früherer von ihm) ist eine gründliche und unvoreingenommene Prüfung, ob die Mitgliedschaft der von Ole Nydahl geführten Gemeinschaft in der DBU "das Ansehen oder die gemeinsamen Interessen der DBU schädigt" (§ 3 Nr. 8 der DBU-Satzung) eine meines Erachtens mehr als nur angemessene Reaktion. Aber man muss sich zunächst "in letzter persönlicher Verantwortung" die Frage beantworten: was sollten gemeinsame Interessen der DBU sein? Wobei in dieser Hinsicht scheinbar ja schon der eine oder andere Konsens gefunden wurde:
"Die DBU fördert die Rahmenbedingungen für die Bewahrung, Darlegung und Praxis der Lehre des Buddha auf der Grundlage des Bekenntnisses. Die DBU bildet einen Rahmen für Begegnung und Austausch zwischen den buddhistischen Traditionen. Die DBU fördert die Integration des Buddhismus in die Gesellschaft."
- so steht es in § 2 der Satzung, betitelt mit "Zweck und Ziele des Vereins". Und so steht es im Leitbild der DBU:
"Wir üben uns darin, auf der Grundlage der Lehre des Buddha und unseres „Buddhistischen Bekenntnisses“ zum Wohle aller fühlenden Wesen im Bewusstsein der Verbundenheit und Mitverantwortung des Einzelnen für die Gesamtheit zu leben und zu wirken. In Übereinstimmung mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Menschenrechtskonvention treten wir für die Umsetzung der Menschenrechte und Gerechtigkeit sowie für Gleichheit vor dem Gesetz - ungeachtet ethnischer oder sozialer Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, Nationalität oder sozialem Status ein."
Das in beiden Zitaten erwähnte "Buddhistische Bekenntnis" enthält unter anderem die für alle Mitglieder verbindliche Selbstverpflichtung, sich in den pañcasīla und den brahmavihāra zu üben:
"Ich übe mich darin, keine Lebewesen zu töten oder zu verletzen, Nichtgegebenes nicht zu nehmen, keine unheilsamen sexuellen Handlungen zu begehen, nicht unwahr oder unheilsam zu reden, mir nicht durch berauschende Mittel das Bewusstsein zu trüben.

Zu allen Lebewesen will ich unbegrenzte Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut entfalten, im Wissen um das Streben aller Lebewesen nach Glück."
Letzlich geht es in der causa Nydahl darum, wie ernst es der DBU mit diesen ihren selbstdefinierten "gemeinsamen Interessen" ist.

"Wenn dieses ist, wird jenes; wenn dieses entsteht, entsteht jenes; wenn dieses nicht ist, wird jenes nicht; wenn dieses aufhört, hört jenes auf." (SN II.12.2)

Mittwoch, 15. August 2018

Aus gegebenem Anlass

Vom 30.07. bis 12.08.2018 fand der diesjährige "International Summer Course" im Europe Center bei Immenstadt / Allgäu statt. Als Veranstalter firmierte die "Buddhistische Union Diamantweg e.V". Geboten wurden laut Programm "teachings", bei denen ein gewisser Herr Ole Nydahl, den seine Anhänger als 'Lama' titulieren, die zentrale Rolle spielte. An 10 von 14 Tagen bestritt er das Programm alleine; an zwei Tagen gemeinsam mit Jigme Rinpoche und an weiteren zwei Tagen gemeinsam mit Nedo Rinpoche.

Laut eines Artikels von Peter Januschke und Bastian Hörmann in der "Augsburger Allgemeine" vom 03.08.2018 äußerte sich Ole Nydahl am 31.07.2018 auf dieser Veranstaltung öffentlich wie folgt:
"Hätte ich Stalin oder Hitler getroffen, ich hätte sie erschossen."
"Andere hatten Hitler und Stalin, wir haben den Islam. Das ist alles dasselbe."
Die erste Äußerung traf er laut Januschke / Hörmann "kurz vor dem Vergleich von Hitler und Stalin mit dem Islam". Das könnte man - wenn beide Aussagen tatsächlich so im Kontext gefallen sind - meines Erachtens sogar als verdeckten Mordaufruf interpretieren. Insbesondere im Zusammenhang mit der Aufforderung Herrn Nydahls an seine Anhänger, sich mit dem Gebrauch von Schusswaffen vertraut zu machen. Zitat Peter Januschke / Bastian Hörmann im o.g. Artikel:
"Bei einem Vortrag hat der 77-Jährige nach Aussage seines früheren Anhängers Christoph Schultheiß auf die Frage, wie man sich gegen den Islam wappne, vor hunderten Zuhörern gesagt: Learn how to shoot (Lerne zu schießen)."
Für einen Satiriker böte sich da die Umtitulierung des 'Diamantweg e.V.' in 'Wehrsportgruppe Nydahl' an. Nach Recherchen der beiden Journalisten sind laut Auskunft von Martin Kennerknecht, Vorsitzender der 'Königlich Privilegierten Schützengemeinschaft 1593' in Immenstadt, unter den Mitgliedern seines Schießsportvereins auch mehrere im "Europe Center" verkehrende Buddhisten. Einige von ihnen haben eine Waffenbesitzkarte und können damit Waffen auch privat lagern. Ich will diese Art Freizeitvergnügen nicht werten, nur auf die Wirkung verweisen, die das im Zusammenhang mit den angeführten Zitaten auf die Öffentlichkeit hat.

Ein weiteres wörtliches Zitat von Ole Nydahl von dieser Veranstaltung:
"Der Islam ist die größte Bedrohung für unsere Zivilisation ..., das sind Menschen wie Bomben".
Wie verschiedene regionale Presseorgane, darunter die Allgäuer Zeitung und das Allgäuer Anzeigeblatt am 08.08.2018 berichten, hat die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Kempten am 07.08.2018 mitgeteilt, die Behörde werde ein Verfahren zur strafrechtlichen Prüfung islamfeindlicher Äußerungen einleiten. Am selben Tag berichtet auch der Bayerische Rundfunk, die Staatsanwaltschaft Kempten habe Ermittlungen gegen Ole Nydahl eingeleitet.


And now for something completely different .... Bevor wir uns ein paar Fakten und Zahlen zuwenden, eine Videoempfehlung zur Abendunterhaltung speziell für DBU-Mitglieder:
https://www.youtube.com/watch?v=jrGmNXjjDNk

Es gibt weltweit schätzungsweise 1,8 Milliarden Muslime. Darüber, wie viele davon den militärisch / terroristischen Jihad praktizieren, sind mir keine halbwegs verläßlichen Schätzungen bekannt (ich vermute mal, Herrn Nydahl auch nicht). Aber eine kleine Überschlagsrechnung kann da eine Vorstellung der Größenordnung vermitteln: 1% dieser 1,8 Milliarden wären 18 Millionen Jihadisten. Da scheint mir dieses eine Prozent schon ein wenig zu hoch gegriffen. Aber reden wir stattdessen von Muslimen in Deutschland, da haben wir etwas besseres Zahlenmaterial. Preußische Bürokratie halt ...

Der Verfassungsschutzbericht 2017 beziffert das "Islamismuspotential" in Deutschland aufgrund ausreichend gesicherter Zahlen mit 25.810 Personen. Keine gesicherten Zahlen liegen dabei für das 'Islamische Zentrum Hamburg e.V.' sowie über IS, Al-Quaida und deren Ableger sowie al-Shabab und Hai’at Tahrir al-Sham vor. Diese "Dunkelziffer" dürfte jedoch deutlich unter 2.000 Personen liegen - Zitat: "In der Gesamtschau liegen den deutschen Sicherheitsbehörden zum Ende des Jahres 2017 Erkenntnisse zu mehr als 960 Personen vor, die seit Mitte des Jahres 2013 in Richtung Syrien und Irak gereist sind, um dort aufseiten des IS und anderer terroristischer Organisationen an Kampfhandlungen teilzunehmen oder jene in sonstiger Art und Weise zu unterstützen."

Mit sehr großzügigem Aufrunden käme man damit zu einem "Islamismuspotential" von maximal 30.000 Personen in Deutschland. Das ist zumindest insofern beruhigend, als noch im Verfassungsschutzbericht 2012 das "islamistische Personenpotential" in Deutschland mit 42.550 Personen beziffert wurde - also keine steigende Tendenz feststellbar ist, sondern das genaue Gegenteil. Nun ist 'Islamismus' darüber hinaus nicht gleichbedeutend mit militantem 'Jihadismus' oder Terrorismus - z.B. die mit ca. 10.000 Mitgliedern größte der im Verfassungsschutzbericht genannten Gemeinschaften, die Millî Görüş-Bewegung und zugeordnete Vereinigungen, wird ausdrücklich als legalistisch eingestuft. D.h. sie verfolgt zwar Ziele, die als antidemokratisch eingeschätzt werden, bekennt sich aber ausdrücklich zu einer gewaltfreien und legalen politischen Interessenvertretung und verstößt bislang auch nicht gegen dieses Legalismusprinzip. Bei den meisten Landesämtern für Verfassungsschutz stehen sie seit etwa 2015 nicht mehr unter Beobachtung. Auch von den abzüglich dieser Legalisten verbleibenden 20.000 Personen sind wohl kaum alle als aktiv gewaltbereit einzustufen, wenn sie auch (in unterschiedlichen Graden) einer potentiellen "Unterstützerszene" zugerechnet werden können.

Dazu eine Anmerkung: grundsätzlich ist 'Islamismus' ein im westlichen Diskurs fast durchgehend undifferenziert und unreflektiert gebrauchter Begriff. Die Meisten assoziieren mit Islamismus ausschließlich das Banditentum von Gruppen wie IS (Daesh) oder Taliban. Das wird dem sehr vielschichtigen Begriff 'Islamismus' nicht gerecht. Gerade das Thema Islam und Demokratie sachgerecht zu diskutieren, ist schlicht nicht möglich, ohne mit dem wissenschaftlichen Diskurs über dieses Thema einigermaßen vertraut zu sein - was ich persönlich auch für mich nur sehr beschränkt in Anspruch nehmen möchte; meine Interessen liegen vorrangig auf anderen Gebieten. Dazu gehört selbstverständlich und vor allem auch Kenntnis des innerislamischen Diskurses, der im Westen weitgehend (jedenfalls von den populären Medien und selbsternannten 'Islamkritikern') ignoriert wird. Die Exponenten dieses Diskurses im Bereich islamischer politischer Theologie (und genau das ist Islamismus) sind offensichtlich denen, die sich gerade zu diesem Thema am lautstärksten äußern, nicht einmal dem Namen nach bekannt - jedenfalls wird da nach meinen Beobachtungen nicht auf sie verwiesen, wenn von Islamismus gesprochen wird. Um hier per namedropping nur einige der wichtigsten Vordenker zu nennen: der Marokkaner Mohammed Abed al-Jabri, der Tunesier Rachid al-Ghannouchi, der Ägypter Muhammad Ammara, die Sudanesen Hasan al-Turabi und Abdelwahab el-Affendi, der Türke İhsan Eliaçık, der Pakistani Fazlur Rahman. Nur ergänzend sei angemerkt, dass es seit etlichen Jahren auch ein Netzwerk intellektueller Muslimas gibt, die für einen islamischen Feminismus stehen und die sich für die "Schützeraktivitäten" des Herrn Nydahl bedanken würden, der sich insbesondere über die Rolle der Frauen im Islam gerne öffentlich Sorgen macht - etwa "wie die Frauen den Kitzler abgeschnitten bekommen und die anderen Sachen, die immer wieder geschehen im Namen des Islam und wir müssen hier unsere Frauen schützen." (Zitat aus diesem Blog)

Das heisst, es wird hierzulande in der Regel völlig ignoriert, was islamische Intellektuelle zu dem Thema zu sagen haben – man will es auch nicht wissen, es könnte ja die bequemen Vorurteile über "den Islam" stören. Wen's interessiert - zum Reinschnuppern:

https://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/leseprobe-zu-mohammed-abed-al-jabri-kritik-der-arabischen-vernunft-teil-1.html
https://www.jstor.org/stable/4283614?seq=1#page_scan_tab_contents
http://www.abdelwahab-el-affendi.net/index.html
http://en.qantara.de/content/interview-with-turkish-theologian-ihsan-eliacik-the-koran-and-social-justice
https://books.google.de/books/about/Islam_and_Modernity.html?id=FJcyIeHeeZwC&redir_esc=y&hl=de
https://www.budrich-journals.de/index.php/gender/article/download/18026/15701

Nicht, dass mir persönlich diese Leute den Islam oder gar den Islamismus als Religion bzw. Ideologie annehmbarer machen würden. Muss ja auch nicht sein - aber der Punkt ist doch, dass die islamisch geprägten Kulturen einen Anspruch darauf haben, ihre eigenen Antworten auf die Problemstellungen der modernen Welt zu finden und es nichts als postkoloniale Arroganz ist, ihnen vorschreiben zu wollen, nach welchen Werten sie ihr Leben gefälligst auszurichten hätten - nämlich nach unseren. Es geht nicht um unsere Werte, es geht vielmehr um die die Werte, über die islamische Gesellschaften selbst einen Konsens erzielen können. Europa kann für eine solche Konsensfindung nur Impulse liefern und tut natürlich auch genau dies - alleine schon in Form der "Herausforderung", der sich die islamische Welt spätestens seit dem Zerfall des osmanischen Reiches gegenüber sieht und auf die sie Antworten sucht. Wer nun wiederum als Migrant zu uns kommt, von dem darf man berechtigt 'compliance' erwarten. Das bedeutet jedoch nicht Anpassung und Aufgabe eigener kultureller Wurzeln, sondern schlicht Akzeptanz unserer säkularen staatlichen Ordnung, wenn schon nicht aktives Engagement dafür. Die wenigsten Migranten bzw. deren Nachkommen haben nach meinem Eindruck damit ein Problem. Doch dazu gleich. Jedenfalls - wenn man sich schon zum Thema öffentlich so prononciert wie ein Herr Nydahl äußert, sollte man wenigstens eine bescheidene Ahnung haben, wovon man überhaupt spricht.

Kommen wir auf "unsere" 20.000 Muslime zurück, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als potentielle Gefahr eingestuft werden. Wieviele Muslime insgesamt in Deutschland leben, ist schwierig zu beziffern, wie dieser Artikel in der ZEIT verdeutlicht. Frau Merkels 4 Millionen waren sicherlich zu niedrig angesetzt - nehmen wir der Einfachheit halber die dem Einen oder Anderen möglicherweise weniger fake-news-verdächtige Schätzung der AfD von 5 Millionen. Das macht ziemlich genau 6 % der Bevölkerung Deutschlands aus; zumindest für mich ist das weit entfernt davon, mir Angst vor einer "Islamisierung des Abendlandes" einzujagen. Vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass die ca. 20.000 Islamisten, die den Verfassungsschützern Sorgen bereiten (was ja auch in Ordnung ist, das ist schließlich deren Job), gerade einmal 0,4 % der in Deutschland lebenden Muslime ausmachen - die anderen 99,6 % sind also laut Verfassungsschutz kein "Islamismuspotential" sondern überwiegend mehr oder weniger gut integriert (und entsprechend unauffällig), leben häufig schon in zweiter, dritter und vierter Generation in Deutschland, viele haben die deutsche Staatsbürgerschaft, zahlen in Renten- und Sozialkassen ein, leisten ihren Anteil am Bruttosozialprodukt usw. usf. .... Wenn man sich jetzt noch einmal bewusst macht, dass die 20.000 'Problemfälle' unter den Muslimen in Deutschland gerade einmal 0,24 Promille der Bevölkerung ausmachen, dann bleiben als plausible Erklärung für islamophobe Sprüche eigentlich nur pathologische Paranoia oder hetzerische Demagogie. Die Geistesgifte Verblendung und Hass.

Was zumindest mir in der Diskussion um Ole Nydahls Äußerungen deutlich wird, das ist, dass nicht die in Deutschland lebenden Muslime ein Problem für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung darstellen. Vielmehr wird deutlich, dass die psychosoziale Funktion des nach wie vor in Deutschland virulenten Antisemitismus (vor dem auch Muslime angesichts der jüngeren Geschichte Palästinas - Stichwort Naqba - nicht gefeit sind) zunehmend durch islamophobe Feindbilder erfüllt wird. Natürlich verbieten sich hier Gleichsetzungen – aber es gibt unübersehbare Parallelen. "Juden wie Muslime dienen als Sündenböcke für Wirtschafts- und Globalisierungsprobleme, und sie werden als innere Gefahr wahrgenommen" - so Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Wobei ein gewisser Herr Adorno schon 1955 diagnostizierte: "Nicht selten verwandelt sich der faschistische Nationalismus in einen gesamteuropäischen Chauvinismus [...]. Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch." So, wie im antisemitischen Milieu vor 1945 der "Ostjude" (gerne auch als "Kaftanjude" diffamiert) neben anderen Stereotypen (am deutlichsten sichtbar in den Karikaturen des 'Stürmer') als Prototyp des Juden schlechthin herhalten musste, so gilt heute Manchen "der Salafist" wenn nicht gleich "der Taliban", der islamistische Terrorist, als Prototyp des Muslims schlechthin. Was dieser Prämisse widerspricht, kann – nein, muss - hingegen nur arglistige Tarnung sein. Das zeigt, dass Antisemitismus wie Islamophobie (und btw. auch der Hass auf Migranten) wenig mit der Realität, jedoch um so mehr mit Realitätsflucht zu tun haben. Da werden aus den unterschiedlichsten Quellen stammende Existenzängste schlicht auf eine Gruppe projiziert, die aufgrund eines sozialen Merkmals (Religion, ethnische Herkunft etc.) ausgrenzbar ist. Hier liegt dann auch das eigentliche Problem, das unsere Demokratie mit dem Islam hat - es ist die Angst vor ihm und deren Instrumentalisierung. Islamophobie ist im Gegensatz zum Antisemitismus weitgehend gesellschaftsfähig und genau das ist es, was wirklich in den letzten Jahren zu einem stetig wachsenden Problem geworden ist und unsere "westlichen Werte" konterkariert und bedroht. Von buddhistischen Werten wie rechter Rede und den brahmavihara ganz zu schweigen.

Zur Ergänzung dazu eine tiefenpsychologische Deutung des bereits genannten Herrn Adorno, die ich für durchaus hilfreich für ein tieferes Verständnis dieses Phänomens halte:
"Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr. [...] In der Paranoia treibt dieser Haß [sic] zur Kastrationslust als allgemeinem Zerstörungsdrang. Der Erkrankte regrediert auf die archaische Ungeschiedenheit von Liebe und Überwältigung. Ihm kommt es auf physische Nähe, Beschlagnahmen, schließlich auf die Beziehung um jeden Preis an. Da er die Begierde sich nicht zugestehen darf, rückt er dem anderen als Eifersüchtiger auf den Leib, wie dem Tier der verdrängende Sodomit als Jäger oder Antreiber. Die Anziehung stammt aus allzu gründlicher Bindung oder stellt sich her auf den ersten Blick, sie kann von den Großen ausgehen wie beim Querulanten und Präsidentenmörder oder von den Ärmsten wie beim echten Pogrom. Die Objekte der Fixierung sind substituierbar wie die Vaterfiguren in der Kindheit; wohin es trifft, trifft es; noch der Beziehungswahn greift beziehungslos um sich. Die pathische Projektion ist eine verzweifelte Veranstaltung des Ichs, dessen Reizschutz Freud zufolge nach innen unendlich viel schwächer als nach außen ist: unter dem Druck der gestauten homosexuellen Aggression vergißt der seeliche [sic] Mechanismus seine phylogenetisch späteste Errungenschaft, die Selbstwahrnehmung, und erfährt jene Aggression als den Feind in der Welt, um ihr besser gewachsen zu sein."
(Horkheimer / Adorno, Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung. in: Dialektik der Aufklärung, Amsterdam 1955)

Eine weitere, etwas lesbarere Lektüreempfehlung zu diesem Thema: der vom Deutschen Institut für Menschenrechte herausgegebene Essay 'Das Islambild in Deutschland - Zum öffentlichen Umgang mit der Angst vor dem Islam'. Daraus hier abschließend zwei weitere Zitate:

"Im Umgang mit Minderheiten, in diesem Fall muslimischen Minderheiten, zeigt sich immer zugleich das Selbstverständnis einer Gesellschaft im Ganzen. Nicht zuletzt steht auch das Verständnis von Aufklärung mit auf dem Spiel: Es geht näherhin darum, eine an den Menschenrechten orientierte freiheitliche Diskussionskultur von solchen Konzepten abzuheben, in denen sich der Anspruch der Aufklärung zu einem Topos kulturkämpferischer Polarisierung und Ausgrenzung verhärtet."

[...]

"Es ist weder hilfreich noch angemessen, die Äußerung von Skepsis, Kritik oder auch Angst gegenüber dem Islam pauschal ins Unrecht zu setzen. Vielmehr geht es darum, mit den weithin existierenden Vorbehalten und Befürchtungen sorgfältig umzugehen, sie auf ihren möglichen Sachgehalt hin kritisch zu prüfen, stereotype Darstellungen und Erklärungen zu überwinden und Diffamierungen klar entgegenzutreten. Die für eine liberale, aufgeklärte Diskussionskultur entscheidende Trennlinie verläuft deshalb nicht zwischen freundlichen und weniger freundlichen Darstellungen des Islams und seiner Angehörigen, sondern zwischen Genauigkeit und Klischee. Hinter dem Postulat der Genauigkeit steht letztlich das Gebot der Fairness, das die Grundlage einer aufgeklärten Diskussionskultur bildet."


In diesem Sinne ...

Montag, 1. Juli 2013

Made in Dresden

Anmerkungen zu einem Kunstprojekt

In München wird derzeit vom Kulturreferat der Stadt das Projekt 'A Space Called Public' umgesetzt. Beauftragt damit wurden zwei umtriebige Herren, die sich Elmgreen & Dragset nennen und dafür mit üppigen 1.200.000 € aus dem Stadtsäckel ausgestattet wurden. Teil des Projektes ist die Aktion 'Made in Dresden', bei der eine von dem Malaysier Han Chong angefertigte ca. 4 m hohe Buddhafigur aus Glasfaser  5 Monate auf dem Viktualienmarkt herumliegen soll. Liegen muss sie, so dass man den Schriftzug 'Made in Dresden' auf dem Boden der Figur lesen kann. Warum der Schriftzug nicht auf dem Rücken des Buddha hätte stehen können, wird wohl das Geheimnis des Künstlers bleiben. Über die Aktion wurde verschiedentlich in der Presse berichtet, hier eine kleine Auswahl:

http://alturl.com/j4o2a
http://alturl.com/nzmfr
http://alturl.com/cbm43
http://alturl.com/jbx8r
http://alturl.com/ysurd
http://alturl.com/a6kgd

Update 03.07.: Gestern berichtete Khaosod Online (Khaosod ist eine der auflagenstärksten Zeitungen Thailands) über eine Protestdemonstration vor der deutschen Botschaft in Bangkok http://alturl.com/966o2
Auch die  Bangkok Post (Thailands größte englischsprachige Zeitung) berichtete: http://alturl.com/2nyn3
Einen ersten Bericht gab es dort schon am 27.06.: http://alturl.com/75b4f . Auch der Fernsekanal DMC (Dhammakaya Foundation Media Channel) berichtete: http://alturl.com/e9krf

Das hier allerdings ist München (vielen Dank an gendo6!):


Mittelalte Männer mit asiatischen Ehefrauen?

Copyright: T-W.
 Nicht nur ein Ärgernis für Buddhisten (natürlich nicht für alle, wir kommen gleich dazu). Der Erste, der sich brüskiert gefühlt und an die DBU gewandt hat, war ein einfacher Münchner Bürger - erklärtermaßen kein Buddhist - der sich für 'seine' Stadt geschämt hat. Respekt vor so viel Anstand. Es gibt eine Bürgerinitiative mit dem Namen 'Interessen-gemeinschaft München' - ebenfalls Münchner Bürger ohne jede Verbindung zur DBU - die mit einer Flugblattaktion gegen 'Made in Dresden' protestieren. Auch die buddhis-tischer Tendenzen gewiss unverdächtige CSU-Fraktion des für den Viktualienmarkt zuständigen Bezirksausschusses Altstadt-Lehel wehrt sich gegen diese Art von kultureller Selbstdarstellung Münchens und bescheinigt dem Kultur-referat Diskriminierung, Respektlosigkeit und Ignoranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen.

Copyright: T-W.
Nicht alle wenden sich an die DBU. Auch direkt beim Kulturreferat beschweren sich "mittelalte Männer mit asiatischen Ehefrauen" - oder sollte damit womöglich die DBU gemeint gewesen sein? Diese Qualifizierung von Kritikern durch die Pressesprecherin Fr. Becker (übrigens der konkrete Anlass für die von der CSU monierte Diskriminierung) sollte man sich ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen. Ansonsten ist das natürlich nur (man kennt solche Abwiegeleien ja zur Genüge) "ein Sturm im Wasserglas" und selbstverständlich "steht die Mehrheit der Buddhisten hinter dem Projekt". Woher Frau Becker nun diese erstaunliche Erkenntnis bezogen hat, wird wohl auf immer ihr Geheimnis bleiben müssen. Da wird schon hinreichend deutlich, welcher Geist im Kulturreferat München herrscht und wie weit her es mit der Bereitschaft zu einem offenen Diskurs über die Aktion 'Made in Dresden' ist. Nachdem verschiedene Buddhisten und auch peinlich berührte Nichtbuddhisten sich an die DBU gewandt hatten, hat diese in einem offenen Brief dem Kulturreferat München vier Fragen gestellt.
Sehr geehrter XXXX,
mit erheblichem Befremden haben wir die Installation "Made in Dresden" von Han Chong am Viktualienmarkt zur Kenntnis genommen, die dort noch bis zum 30. September ausgestellt werden soll. Befremdet vor allem, weil diese Skulptur nicht auf Privatgelände, sondern im öffentlichen Raum ausgestellt wird. Um so größer war unser Befremden, als wir erfahren mussten, dass diese Aktion vom Kulturreferat der Stadt München darüber hinaus auch noch finanziell gefördert wird.

So sehr wir die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst respektieren, so unverständlich ist es für uns doch, wenn tatsächliche oder nur als solche deklarierte "künstlerische" Aktionen, die von den Angehörigen einzelner religiöser Gemeinschaften als Beleidigung und Herabwürdigung ihrer religiösen Überzeugungen empfunden werden müssen, von öffentlichen Stellen nicht nur durch die Genehmigung der Präsentation im öffentlichen Raum sondern sogar durch finanzielle Zuwendungen gefördert werden. In diesem Zusammenhang möchten wir sie höflich um Beantwortung folgender Fragen bitten:

1. gab es im Kulturreferat vorab Überlegungen über die Empfindungen, die eine derartige Zurschaustellung eines religiösen Symbols in der Öffentlichkeit bei Buddhisten hervorzurufen geeignet ist? Wenn ja, welche?
2. wurden seitens des Kulturreferats Vertreter buddhistischer Religionsgemeinschaften in Bezug auf diese Aktion angesprochen? Wenn ja, wer waren diese Personen und welche Stellung haben sie dazu bezogen?
3. mit welchem Betrag fördert die Stadt München die Aktion "Made in Dresden" von Herrn Han Chong?
4. würde das Kulturreferat der Installation einer überlebensgroßen, umgestürzten Jesus- oder Marienfigur mit der Aufschrift "Made in Hongkong" am Viktualienmarkt für fünf Monate zustimmen und diese künstlerische Aktion finanziell fördern? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, mit welchem Betrag dürfte man dann rechnen?

In Erwartung einer baldigen Antwort usw. usf.

Natürlich sprach das Kulturreferat sein "Bedauern" aus und gab ansonsten seiner Überzeugung Ausdruck, das alles sei nur ein Missverständnis (natürlich eines seitens der DBU). Zur Aufklärung der buddhistischen Kunstbanausen verwies man auf Presseerklärungen und bot ein Gespräch mit dem Künstler Han Chong an - an dem die DBU, im Gegensatz zu einem Gespräch mit dem Verantwortlichen des Kulturreferates jedoch nicht interessiert war. Überhaupt, die Sache mit der Verantwortung - die lehnte man ab, die liege bei Elmgreen & Dragset und die wolle man nicht zensieren. Seltsam - schreiben doch die Förderkriterien des Kulturreferates eindeutig als Voraussetzung der Förderung die Vorlage einer Projektbeschreibung sowie einer nachvollziehbaren Kostenkalkulation vor. Okay - diese Richtlinien gelten wohl nur für die Förderung von Münchner Kulturschaffenden. Bei Nicht-Münchnern ist man da anscheinend nicht so streng - denen drückt man 1,2 Millionen in die Hand und lässt sich dann überraschen, was die wohl damit anfangen. Zumindest wollte man das der DBU weismachen. Nun - wenn das tatsächlich der Fall ist, dann geht man im Münchner Kulturreferat wohl noch um Etliches verantwortungsloser mit öffentlichen Mitteln um als befürchtet.

Da keine der gestellten vier Fragen beantwortet wurde, folgte ein zweiter offener Brief:

Sehr geehrter XXXX,
zunächst möchten wir uns für die schnelle Reaktion auf unser Schreiben vom 21.05.2013 bedanken, jedoch dazu anmerken, dass eine Antwort nur dann sinnvoll ist, wenn sie auf die gestellten Fragen eingeht und sie nicht einfach ignoriert, wie Sie es in Ihrem 'Antwortschreiben' tun. Sie beantworten keine einzige der vier von uns an Sie gerichteten Fragen, sondern versuchen uns stattdessen mit einer unerbetenen und völlig überflüssigen Erläuterung der in Frage stehenden Kunstaktion abzuspeisen.

Seien sie versichert, dass auch in buddhistischen Kreisen Arnold Gehlens Diktum von der Kommentarbedürftigkeit moderner Kunst nicht gänzlich unbekannt ist und dass wir uns über das eher schlichte Konzept dieser Aktion kundig gemacht haben, bevor wir uns an Sie gewandt haben. Welche Relevanz nun die Tatsache, dass in Dresden Pseudoasiatika für den europäischen Markt hergestellt werden, für Münchener Bürger und Besucher dieser Stadt hat und ob ein Hinweis auf diese Tatsache der Münchener Stadtkasse einige hunderttausend Euro wert sein darf, diese Frage mögen Andere beantworten. Woran der Kontext dieser Aktion aber nicht das Geringste ändert, das ist die Tatsache, dass auf dem Viktualienmarkt unübersehbar ein religiöses Symbol im Straßendreck liegt. Ob dieses Symbol nun in Asien oder in Dresden, von einem nepalesischen Kunsthandwerker oder von Herrn Han Chong hergestellt wurde, ist dabei völlig irrelevant.

Es ist nicht der mehr oder weniger zweifelhafte Sinn dieser Aktion, der von uns kritisiert wird - auch insofern liegt unsererseits kein Erklärungsbedarf vor - sondern das künstlerische Mittel Ihrer Ausführung; mit anderen Worten die Respektlosigkeit und die fehlende Sensibilität im Umgang mit einem religiösen Symbol, das in diesem Fall auch noch das Abbild eines von Millionen Menschen verehrten Religionsstifters ist. Selbst diese Respektlosigkeit wäre nach unserer Auffassung grundsätzlich im Hinblick auf die durch das Grundgesetz garantierte Freiheit der Kunst noch tolerabel. Eine Förderung aus öffentlichen Mitteln und die Zurschaustellung im öffentlichen Raum ist es aus unserer Sicht allerdings nicht mehr. Hier verletzt eine Behörde die ihr zur Pflicht gemachte weltanschauliche Neutralität.

Sie lassen auf Ihrer Webseite zu dieser Aktion verlauten: "Die zahlreichen Touristen – nicht nur aus Asien - und die Münchnerinnen und Münchner werden mit Han Chongs temporärer Installation vielleicht einen neuen Blick auf den traditionsreichen Viktualienmarkt werfen." Nun - was deutsche Buddhisten angeht, von denen die DBU über 18.000 vertritt, so werfen diese nun vor allem einen neuen Blick auf die Münchener Stadtverwaltung und ihr Kulturreferat. Was die Touristen angeht, so sollten Sie sich vielleicht doch besser vorrangig Gedanken über Touristen aus Asien machen. Bitte machen Sie sich doch einmal kundig, wie etwa buddhistische Besucher aus Sri Lanka oder Thailand (um nur zwei Beispiele zu nennen) eine solche Installation empfinden. Bestenfalls als ignoranten Umgang mit einer fremden Kultur, eher als typisch postkoloniale Arroganz wenn nicht gar – ungeachtet der Nationalität des Künstlers - als 'typisch deutsch' mit allen negativen Konnotationen. Wir denken nicht, dass dies im Sinn einer positiven Selbstdarstellung Münchens als einer weltoffenen Kulturstadt ist und fordern Sie daher auf, diese Aktion schnellstmöglich zu beenden. Die DBU behält sich ansonsten vor, in internationalen buddhistischen Presseportalen wie z.B. Buddhist Channel auf diese mehr als zweifelhafte Art der ‚Imagewerbung’ hinzuweisen.

Mit freundlichen Grüßen usw. usf.

So weit, so gut - aber deutsche Buddhisten wären nun einmal keine deutschen Buddhisten, wenn da die einsichtsvolleren, intelligenteren, aufgeklärteren und erleuchteteren unter ihnen nicht sofort Zeter und Mordio schreiend das missverstandene Kulturreferat vor der talibanösen DBU in Schutz genommen hätten.  Die offenen Briefe kannten die selbsternannten Verteidiger westlicher Werte zwar nicht, lediglich die Presseberichte - als sie in einem Blog mit einschlägiger Diskussion gepostet wurden, wurden sie dann auch folgerichtig umgehend wieder gelöscht. Das war dann natürlich keine Zensur - nur eben halt störende Information. Jedenfalls - man mochte fast glauben, die beiden Briefe der DBU hätten im Allgemeinen die Verfassung ins Wanken gebracht und im Speziellen Meinungs- und Kunstfreiheit ernstlich gefährdet. Fast hätte man sogar den Eindruck gewinnen können, Han Chong sei ein zweiter Fall Salman Rushdie und die beiden Schreiben der DBU eine Fatwa mit Auforderung zur Lynchjustiz.

Okay - reden wir mal über die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst (Art. 5 Abs. 3 GG) - auch wenn die DBU in beiden Briefen unmissverständlich erklärt hat, dieses Grundrecht zu respektieren und nicht in Frage zu stellen. Selbstverständlich ist dieses Grundrecht unantastbar. Das Gleiche gilt allerdings auch für die durch Art 4 GG garantierte weltanschaulich-religiöse Neutralität des Staates. Man verkennt schlicht die politischen und rechtlichen Implikationen des 'Falles', auch vor dem Hintergrund der rechtspolitischen Vorstöße kirchennaher Kreise seit dem Kruzifixurteil des BVerfG 1993, eben diese Neutralität durch ein sog. Hierarchisierungsmodell zu untergraben (z.B. Paul Kirchhof). Die DBU würde ihre Hausaufgaben nicht machen, wenn sie auf solche Dinge kein Augenmerk hätte. Das Neutralitätsgebot betrifft selbstverständlich auch kommunale Behörden, insbesondere wenn diese nicht nur im Rahmen von Kunst- und Kulturförderung zugunsten Dritter (Stiftungen, Bibliotheken, Museen usw.) unterstützend tätig werden, sondern wenn sie selbst als verantwortliche Veranstalter und Träger auftreten und dafür öffentliche Gelder ausgeben.

Zur Verdeutlichung: Privatpersonen und juristische Personen des Privatrechts sind TRÄGER von Grundrechten. Niemand in der DBU will in diese eingreifen. Juristische Personen des öffentlichen Rechts (wie z.B. die Stadt München bzw. deren Kulturreferat) hingegen sind ADRESSATEN der Grundrechte - d.h. sie genießen diese Rechte nicht, sondern sie sind zu ihrer Einhaltung und zu ihrem Schutz verpflichtet. Mit Zensur hat der Protest der DBU nicht das Geringste zu tun. Es ist schlicht unredlich, die DBU, die vom Kulturreferat der Stadt München lediglich weltanschauliche Neutralität - mithin eine rechtskonforme Verwendung der diesem Referat zugeteilten öffentlichen Mittel - fordert, in eine Reihe mit islamischen und christlichen Fundamentalisten zu stellen, die eine religiöse Zensur bzw. strafrechtliche Verfolgung von 'Gotteslästerung' fordern. Das geht völlig an der Sache vorbei.

Entscheidend ist, dass das Kulturreferat München als Auftraggeber der Kuratoren Elmgreen & Dragset Veranstalter und Träger der Kunstaktion 'Made in Dresden' ist - nicht, dass da (tatsächliche oder vermeintliche) Kunstwerke präsentiert werden. Ein Kunstwerk ist in diesem Fall - von einem öffentlich-rechtlichen Träger finanziert und präsentiert - nicht als 'Kunstwerk' per se sakrosankt. Es gibt für Kunstwerke keine Anerkennungskriterien - ob man ein Werk als Kunst einstuft, ist ein reines Geschmacksurteil, mithin subjektiv bestimmt und hier völlig unerheblich. Ob nun ein Kunstwerk (bzw. seine Aussage) religiös/weltanschaulich neutral ist oder nicht, ist hingegen durchaus objektiven Kriterien zugänglich. Ein Kunstwerk, das sich religiöser Symbolik bedient, ist es so gut wie nie - und sei es lediglich aus dem Grund, dass es diese Symbole profaniert. Öffentliches Verwaltungshandeln ist aus gutem Grund an Recht und Gesetz und damit an objektive Kriterien gebunden, nicht an subjektive Geschmacksurteile. Das Kulturreferat hätte sich hier mithin fragen müssen, ob sie mit der Präsentation ihrer Verpflichtung zu weltanschaulicher Neutralität gerecht wird - sie kann sich nicht auf den Standpunkt stellen, dies spiele bei Kunstwerken keine Rolle. Im ersten Fall ist überprüfbar, ob das Kulturreferat sein Ermessen sachgerecht ausgeübt hat (mit solchen Dingen befassen sich Verwaltungsgerichte) - der mehr oder weniger fragwürdige Kunstgeschmack von Kulturbürokraten ist es jedoch ist nicht.

Überhaupt - Kulturbürokraten. Häufig (so jedenfalls meine Erfahrungen) Leute, die künstlerisch impotent sind, aber dafür dann wenigstens ersatzweise Kunstgeschichte studiert haben und nun das Geld anderer Leute ausgeben dürfen. Wer kritisiert, was die einkaufen, ist in deren Augen bloß ein schimmerloser Kunstbanause, den man dann gnädig eines Besseren belehrt. Das ist dann der 'Dialog', den solche Aktionen auslösen sollen. Der dumme, merkbefreite Bürger fragt und wird dann von den professionellen Ästhetikexperten aufgeklärt, woraufhin er beschämt über seine Unkultiviertheit und sein Unwissen in Ehrfurcht vor den Experten zu verstummen hat. Verständlich, dass man bei solcher Arroganz die Bereitschaft und die Fähigkeit von Kritikern, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, chronisch ignoriert. Da unterstellt man einfach mangelndes Verständnis bzw. eine 'Scheu' vor Kunst - um nicht gleich zu sagen ein intellektuelles Defizit. Ein Kunstwerk abzulehnen, ist jedoch nicht zwingend der Beweis dafür, dass man es nicht versteht - das genaue Gegenteil kann ebenso gut der Fall sein. Aber okay - setzen wir uns mal hier mit der 'Kunst' auseinander.

Zunächst einmal bedient sich Han Chong des künstlerischen Mittels des Zitates. Zitiert und in einen verfremdenden Kontext gestellt wird hier ein religiöses Symbol. Sonderlich originell ist das ja nun wirklich nicht. Seit Max Ernsts 'Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind' von 1926 ist das sogar schon ziemlich abgestanden, auch wenn es durchaus originelle und gelungene Rückgriffe auf diese Idee gab, beispielsweise Gottfried Helnweins 'Epiphany I' von 1996. Nebenbei bemerkt Kunstwerke, deren Finanzierung den Leiter des Kulturreferates mit ziemlicher Sicherheit den Posten gekostet hätte - um nochmals auf den Aspekt weltanschaulicher Neutralität hinzuweisen. Verglichen mit diesen Werken ist Han Chongs 'Made in Dresden' eher ein spätpubertärer Pennälerstreich - wenn auch nicht ganz so unbedarft wie David Shrigleys 'Bubblesplatz' oder so albern-belanglos wie Kirsten Pieroths 'Berliner Pfütze'. Ich räume gerne ein, dass 'Made in Dresden' noch das gelungenste Werk des 1,2 Millionen € schweren städtischen Kunstprojektes ist - unter Blinden ist der Einäugige König. Diese meine Einschätzung hat gewiss nichts mit Vorurteilen oder Verständnislosigkeit in Bezug auf moderne Kunst zu tun. Ich bin ein großer Bewunderer von Joseph Beuys, den ich 1977 persönlich kennen lernen durfte, und Beuys' Landschaftskunstwerk '7000 Eichen' ist gerade in Bezug auf das in München dem Projekt gesetzte Thema 'Gestaltung/Kultivierung des öffentlichen Raums' eine Arbeit, die da eine Messlatte gelegt hat - so hoch, dass sie für die Kunst-Azubis in München nirgendwo auch nur im Entferntesten in Reichweite kommt. '7000 Eichen' war zwar fast doppelt so teuer wie 'A Space Called Public' - aber dafür auch nicht aus öffentlichen Mitteln, sondern aus privaten Spenden finanziert. Dagegen sehen mir die Werkchen der gesamten hochsubventionierten Elmgreen & Dragset-Clique ziemlich erbärmlich aus. Sorry, wenn ich das so offen sagen muss.

Doch zurück zu 'Made in Dresden'. Es wurde ja geltend gemacht, es gehe nicht um Kritik am Buddhismus, sondern am Buddhismus-Kitsch. Ein religiöses Symbol wird jedoch weder durch die Verfremdung (z.B. Verkitschung) noch durch eine unübliche Kontextualisierung entwertet - es ist und bleibt ein religiöses Symbol mit der ihm eigenen Bedeutung - sonst würde das 'Zitat' ja auch nicht als künstlerisches Mittel funktionieren. Die Unterscheidung etwa zwischen "umgestoßenem Buddha" und "umgestoßenem Buddha-Kitsch" ist mithin völlig irrelevant, sie ignoriert die Metaebene der 'Sprache' des Künstlers (seiner Ausdrucksmittel) und bleibt an der Oberfläche kleben. Auch ein 'verkitscht' dargestellter (was auch immer die Kriterien dafür sein mögen) Buddha nimmt dem Symbol nicht seine Bedeutung - das Symbol verweist unvermindert wenn auch nicht ungebrochen auf Buddharatna, das allen Buddhisten gemeinsame Objekt der Zuflucht. Die Verkitschung ist im Gegenteil eine zusätzliche (zusätzlich zum Kontext "umstoßen") Missachtung des Symbols und damit implizit des damit Symbolisierten..

Was die 'Aussage' dieser Aktion angeht, so wurde in bester Nebelkerzenmanier vom Kulturreferat schlichter Blödsinn behauptet - der dann auch ungeprüft und gutgläubig von Vielen geschluckt und öffentlich im Internet wiederholt wurde. Etwa, dass Dresden ein Zentrum für die Produktion 'nachgemachter' Asiatika sei. Wobei die Frage zu stellen wäre, was hier eigentlich genau 'nachgemacht' bedeuten und was daran verkehrt sein soll. Offensichtlich einfach willkürlich aus der Luft gegriffen - eine Recherche (Branchenbuch, Gelbe Seiten ...) führt allenfalls zu einem kleinen Naturkosmetik-Esoterikshop in Klipphausen. Ich weiß ja nicht, was Sie so alles glauben - ich jedenfalls glaube nicht wirklich, dass die einen großen Teil des europäischen Marktes für Asiatika beliefern. Oder die Mär von der besonders großen asiatischen Gemeinde Dresdens. Auch da habe ich mal genauer hingeschaut - die kommunalen Statistiken weisen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung für Dresden zwar einen geringfügig höheren (aber durchaus nicht ungewöhnlichen) Prozentsatz an Bewohnern asiatischer Herkunft aus als beispielsweise München. In absoluten Zahlen natürlich deutlich weniger. Im nahe gelegenen und etwa gleich großen Leipzig hingegen ist dieser Prozentsatz deutlich höher als in Dresden. Wie vermutet, das ist schlicht dummes und frei erfundenes Gesülze, was den Bürgern da als 'Interpretationshilfe' für 'Made in Dresden' zu schlucken zugemutet wird.

Natürlich macht sich diese Aktion vor allem über den 'Buddhismus' im Esoterik-Wellness-Bereich und über die hierzulande immer beliebter werdenden Feng-Shui-Gartenzwerge lustig. Aber implizit betrifft dies natürlich auch deutsche Buddhisten (nicht nur die in der DBU). Buddhismus in Deutschland ist ein kulturell inkompatibler Fremdkörper. Man beachte den bewusst kontrastierend gewählten Standort Viktualienmarkt (statt beispielsweise der Pagode im Englischen Garten), der den Fremdkörpercharakter betont. Die Figur selbst soll bewusst unauthentisch und talmihaft wirken. Um auch bei den Begriffsstutzigsten noch jeden Zweifel daran zu beseitigen dann noch die Aufschrift 'Made in Dresden' auf der Unterseite. Subtile Ironie geht anders ...

Buddhismus in Deutschland ist unauthentisch und 'nachgemacht', ist billige Kopie, Talmi. Genau das ist die Botschaft von 'Made in Dresden' und ich bezweifle, dass das je anders gemeint war. Daran ändern auch Schutzbehauptungen in der Richtung, so sei das nicht gemeint gewesen, nichts. Ein Kunstwerk sagt das aus, was der Rezipient wahrnimmt. Wenn der Rezipient etwas anderes wahrnimmt, als das, was der Künstler sagen wollte, dann liegt das Problem am Unvermögen des Künstlers, sich auszudrücken, an seinen Defiziten bei der Beherrschung künstlerischer Mittel, und nicht am Rezipienten. Das Problem dem dummen Rezipienten unterschieben zu wollen, also den Popanz des "unverstandenen Künstlers" aufzubauen, ist entweder Feigheit, weil man sich zur Aussage des Werkes nicht bekennen will, oder aber (wenn man der Behauptung, missverstanden zu werden, Glauben schenken will) der Versuch, künstlerische Impotenz zu verschleiern. Daran ändert auch Arnold Gehlens Diktum von der Kommentarbedürftigkeit moderner Kunst nichts - kommentarbedürftig ist Kunst, wenn sie nicht verstanden wird, wenn sie den Rezipienten ratlos lässt. Wenn sie jedoch falsch verstanden wird, dann hat der Künstler versagt, dann hat er etwas falsch gemacht. Er hat nicht das Recht, vom Rezipienten zu fordern, er möge das Werk doch bitteschön so verstehen, wie er es gemeint hat. Wenn der Künstler tatsächlich so dumm ist, sich hier zu beschweren - nun, dann haben wir tatsächlich ein objektives Kriterium, ob wir es mit einem Kunstwerk zu tun haben oder nicht. Wenn es falsch verstanden wird, anders, als es gemeint war, dann ist dies offensichtlich nicht der Fall. Dann ist der selbsternannte 'Künstler' unfähig, sich auszudrücken - mithin kein Künstler.

Das Alles - so umfangreich ich mich dazu geäußert habe - tut hier jedoch nichts zur Sache. Es geht nicht um Kunstkritik. Wie schon geschrieben - Herr Han Chong hat jedes Recht, eine Meinung zu haben und diese auch mit den von ihm gewählten Mitteln der Verfremdung eines religiösen Symbols mehr oder weniger künstlerisch wertvoll auszudrücken. Aber das Kulturreferat München hat nicht das Recht, eine solche Aktion, die sich über die Buddhismusrezeption in Deutschland mit dem Mittel des provozierenden Missbrauchs eines religiösen Symbols lustig macht, zu finanzieren und ihr den Viktualienmarkt als öffentliche Bühne zur Verfügung zu stellen. Dabei ist es unerheblich, wer sich nun provoziert fühlt und wer nicht, ob deutsche Buddhisten, ob Touristen aus Sri Lanka oder Thailand - oder Münchner Bürger gleich welchen religiösen Bekenntnisses, die sich für ihre Stadt schämen müssen. Fakt ist jedenfalls, dass sich Buddhisten provoziert und in ihren religiösen Gefühlen verletzt gefühlt haben (wie es auf Juristendeutsch heißt) und sich in dieser Angelegenheit an die DBU gewandt haben. Aufgabe der DBU war es, die Situation zu prüfen und entsprechend zu agieren - nicht aber, die Beschwerdeführer darüber zu belehren, dass sie sich gefälligst nicht so anstellen sollen - wie einige der 'buddhistischen' Kritiker zu glauben scheinen. Es ist nicht Aufgabe der DBU, ihre Mitglieder zu erziehen oder zu schulen - es ist Aufgabe der DBU, ihnen eine Stimme in der Öffentlichkeit zu verleihen. Die selbstgefällige Arroganz von 'Buddhisten' die meinen, Andere hätten gefälligst ebenso über der Sache zu stehen wie sie selbst, kotzt mich ehrlich gesagt mittlerweile an. Ich persönlich finde 'Made in Dresden' einfach nur dumm, unsensibel und infantil - spreche aber niemandem das Recht ab, hier Person und Lehre Buddhas oder meinetwegen auch sich selbst als Buddhist öffentlich herabgewürdigt oder beleidigt zu sehen. Genauso, wie ich niemandem das Recht abspreche, die Aktion gut und künstlerisch gelungen zu finden. Letzteres rechtfertigt jedoch nicht die Finanzierung aus Steuermitteln.

Man hat der DBU vorgeworfen, hier "aufgeregt" reagiert zu haben. Ein "Aufgeregtsein" - das, so weit es die DBU angeht, eher ein politisches als ein religiöses ist, habe ich jedoch eher bei den (sorry) Klugscheissern wahrgenommen, die meinten, die DBU in die Nähe der Taliban rücken zu müssen. Das regt mich in der Tat auf - wie unschwer an diesem Artikel zu erkennen ist. Es hat zwei offene Briefe gegeben. Mehr "Aufregung" war nicht. Das ist ganz normales Alltagsgeschäft für einen Dachverband religiöser Gemeinschaften.

Samstag, 29. Oktober 2011

Buddha, Sex und Leidenschaft

Wie vielen der Leserinnen und Leser dieses Blogs sicher bekannt ist, veranstaltet die DBU jährlich einen Kongress zu einem bestimmten Thema - dieses Jahr zu dem im Titel genannten. Ich bitte um Verständnis, wenn ich von diesem Kongress nicht ausführlich berichte - aus verschiedenen Gründen konnte ich ihn nur fragmentarisch verfolgen. Ich möchte mich hier auf meinen eigenen Beitrag beschränken - bzw. den dokumentierten Teil davon. Daher hier nur das Skript eines einführenden Vortrags zu einem Workshop "Umgang mit sexuellem Fehlverhalten in buddhistischen Gruppen". Der tatsächlich gehaltene Vortrag war dann aus Zeitgründen doch etwas kürzer als der hier wiedergegebene Text, das Fehlende wurde im folgenden Workshop ergänzt. Wer einschläferndes Dozieren und reichlich eingestreute 'Ääähs ...' zu ertragen in der Lage ist und über knapp 40 Minuten Zeit verfügt, mit der er nichts Besseres anzufangen weiss (z.B. eine Runde Zazen sitzen oder so ...), kann sich auch den Mitschnitt anhören. Und nein, der wird mit der Zeit nicht nur akustisch, sondern auch optisch nicht attraktiver, das eine Bild muss genügen.


 
Liebe Weggefährten, geschätzte Zuhörerinnen und Zuhörer,

ich freue mich sehr, dass Sie hier erschienen sind, um mich über ein Thema sprechen zu hören, von dem ich eigentlich nicht viel Ahnung habe - möglicherweise sogar weniger als Sie. Soll heißen, ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet. Also kein Sexualwissenschaftler, kein Psychologe, kein professioneller Moralphilosoph, kein Religionswissenschaftler oder Soziologe. Ich bin auch kein Dharmalehrer; ich schmeichle mir lediglich gelegentlich mit der Vorstellung, ein ernsthaft praktizierender Buddhist zu sein. Vielleicht ist es auch ganz gut, dass gerade zu diesem Thema hier kein Lehrender spricht, sondern ein Lernender - denn mit Dharmalehrern und mit den Erwartungen, die ihre Schüler an sie und an ihr Verhalten stellen - stellen dürfen, stellen sollten - werden wir uns im Folgenden ganz zentral beschäftigen müssen.

Glücklicherweise ist nun Sexualität ein Thema, mit dem sich nahezu jeder erwachsene Mensch meist mehr als weniger intensiv auseinandergesetzt hat und bei dem somit auch so gut wie niemand absolut inkompetent ist. Ich hoffe für Sie, dass das auch auf mich ein wenig zutrifft. Trotzdem möchte ich mich unserem Thema doch vorwiegend fragend nähern und hoffe, dass Sie mir dabei folgen werden. In der zenbuddhistischen Praxis spielt der Anfängergeist, Sho Shin, eine wichtige Rolle. Der Zenmeister Shunryu Suzuki sagte einmal, "im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige". In diesem Sinne möchte ich Sie dazu einladen, mir mit offenem Anfängergeist beim Fragen zuzuhören und die Antworten, die ich präsentieren werde, als persönliche Ansichten und Meinungen eines Anfängers aufzufassen, nicht als Expertise eines Fachmannes, der glaubt, die Dinge besser beurteilen zu können als Sie.

Beginnen wir mit einer Frage, über die wir notwendig etwas Klarheit gewinnen müssen, bevor wir in die eigentliche Materie einsteigen - nämlich den Umgang mit sexuellem Fehlverhalten in buddhistischen Gruppen. Das ist natürlich die Frage: was genau ist in diesem Kontext eigentlich Fehlverhalten? Wie definieren wir es? Was dann wiederum unweigerlich die Frage nach sich ziehen wird: wo liegt eigentlich das Problem? - und ebenso unweigerlich: was geht das uns eigentlich an? Anders formuliert: warum definieren wir bestimmte Verhaltensweisen als Fehlverhalten und sind diese Gründe hinreichend, uns als nicht unmittelbar von solchem Verhalten Betroffene einzumischen. Also mit diesem Verhalten "umzugehen", was ja in aller Regel heisst, es auf die eine oder andere Weise negativ zu sanktionieren. Solche Klärungen sind meines Erachtens unabdingbar, bevor wir Strategien des Umgangs mit sexuellem Fehlverhalten erörtern.

Auch, wenn es für diesen Zuhörerkreis sicherlich überflüssig ist, möchte ich doch voranschicken, dass trotz der sexuellen Abstinenz, die nach den Regeln des Vinaya ordinierte Nonnen und Mönche üben, der Buddhismus Sexualität keineswegs ablehnend gegenübersteht. Insbesondere die Verbindung von Sexualität, Sünde und Schuld ist dem Buddhismus fremd - wie das Konzept 'Sünde' überhaupt. Sexualität ist dessenungeachtet jedoch ein Aspekt menschlichen Verhaltens, der in ganz besonderem Maße von Anhaftung und Gier geprägt sein kann - eben dies ist auch der Grund, warum Vinaya-Ordinierte sich sexueller Handlungen gänzlich enthalten - bzw. sich zumindest dazu verpflichten. Diese Enthaltsamkeit gehört in den Rahmen größtmöglicher Vereinfachung der Lebensführung, ihrer Reduktion auf das absolut Notwendige, die die so Praktizierenden in der Auflösung von Anhaftungen unterstützt. Das bedeutet nicht, dass sexuelle Enthaltsamkeit für das buddhistische Heilsziel des Erwachens eine notwendige Bedingung ist - aber sie kann eine große Hilfe sein. Ich verrate Ihnen sicher keine großartige Erkenntnis, wenn ich Ihnen sage, dass sexuelle Beziehungen - die ja in aller Regel ein nicht unerheblicher Aspekt von Partnerschaftsbeziehungen sind, das Leben kompliziert machen. Auf der anderen Seite können sie in einer echten Partnerschaft auch ein wertvolles Feld der Übung sein. Neben dem Weg der Abstinenz, der konsequenten Vermeidung potentiell unheilsamen Verhaltens, steht eben auch - und ich möchte hier bewusst provokant sagen: gleichberechtigt - der Weg, den richtigen, den heilsamen Umgang mit diesem Verhalten einzuüben und zu erlernen, kurz: der Weg der Laien. Beide Übungswege, der buddhistischer Ordinierter und der buddhistischer Laien, haben ihre eigenen, spezifischen Probleme; sie stellen den Praktizierenden in vielerlei Hinsicht (freilich nicht in jeder) vor unterschiedliche Anforderungen.

Jeder Buddhist, genauer: jeder, der formell die dreifache Zuflucht genommen hat, hat in irgendeiner Form auch zumindest fünf Selbstverpflichtungen auf sich genommen, die daher auch ganz zentraler Bestandteil des buddhistischen Bekenntnisses der DBU als traditionsübergreifender Dachverband aller in Deutschland vertretenen buddhistischen Traditionen sind. Die dritte dieser Selbstverpflichtungen ist das Gelöbnis, von sexuellem Fehlverhalten abzustehen, in der Formulierung des für alle DBU-Mitgliedsgemeinschaften verbindlichen Bekenntnisses: "Ich übe mich darin, keine unheilsamen sexuellen Handlungen zu begehen".

Was nun genau unter sexuellem Fehlverhalten, dem hier entsagt wird, zu verstehen ist, das ist in einer Hinsicht sehr einfach zu beantworten, in anderer deutlich schwieriger. 'Einfach' ist es für Mönche und Nonnen, deren Verhalten bis ins Detail und völlig unmissverständlich durch den Vinaya geregelt ist; einschließlich der bei Verstößen gegen diese Regeln zu ergreifenden Maßnahmen und der daraus zu ziehenden Konsequenzen. Um Missverständnisse auszuschließen: selbstverständlich gilt dies für alle historischen und insbesondere die drei heute noch gebräuchlichen Vinayas, mithin für Mönche und Nonnen aller buddhistischen Traditionen. Die Regeln der Vinayas sind in dieser Hinsicht nahezu identisch, sie sind so klar und eindeutig, dass sie uns eigentlich der Mühe entheben würden, im Zusammenhang mit unserem Thema über sexuelle Verfehlungen von Vinaya-Ordinierten und den Umgang damit zu sprechen - wenn sie denn immer mit der gleichen Klarheit und Eindeutigkeit konsequent angewandt würden. Aber stellen wir diesen Aspekt für den Moment zurück und sprechen über den Bereich, wo die Sachlage bei weitem nicht so klar und eindeutig ist - also über Rest der vierfachen Versammlung, die Upasikas und Upasakas oder Laien, wie ich sie im Folgenden der Einfachheit halber bezeichnen were, auch wenn dieser Ausdruck etwas schief ist. Zunächst ist hier schon einmal der Hinweis angebracht, dass bei Menschen, die sich der Lehre des Buddha annähern, hier häufig Unklarheiten bestehen. So ist vielen dieser 'Neulinge' nicht bekannt, dass zum Beispiel nahezu alle sog. 'Zen-Mönche' oder 'Zen-Nonnen' eben keine Bhikshu oder Bhikshuni sind, also Mönche bzw. Nonnen im Sinne von nach dem Vinaya Ordinierten, auch wenn sie Roben tragen. Bei den sog. Kamakura-Schulen Japans wie bei der älteren Tendai-Schule, aus der die Begründer der Kamakura-Schulen hervorgingen, d.h. praktisch bei allen größeren japanischen Traditionen, ist die Vinaya-Ordination eher eine Ausnahme. Anders als im koreanischen Zen oder Sôn, wo sie die Regel ist. Auch im tibetischen Buddhismus sind viele Lehrer - auch hochrangige - nicht nach dem Vinaya ordiniert; noch mehr waren es einmal und sind irgendwann in den Laienstand eingetreten. Für den Nichteingeweihten ist dies oft sehr schwer zu durchschauen und hier ist ein hohes Maß an Transparenz und Klarheit wünschenswert. Nicht, weil Laien per se weniger wertvolle oder weniger verwirklichte Lehrer sind, sondern weil jemand, der einen Lehrer oder eine Lehrerin prüft, auch wissen sollte, welche Selbstverpflichtungen sie auf sich genommen haben und welche nicht. Das ist in Hinsicht auf den Lebenswandel von entscheidender Bedeutung. Daher mein Appell an die, die es angeht: setzen Sie sich in Ihren Gemeinschaften für Klarheit und Transparenz in dieser Beziehung ein.

Ansonsten lässt sich feststellen, dass in Bezug auf Laien das Verständnis von sexuellem Fehlverhalten weitgehend kulturell bestimmt ist, also historischem und geographischem Wandel unterliegt. In dieser Hinsicht sollten wir auch unsere eigenen Ansichten durchaus kritisch hinterfragen. Da wird beispielsweise der Gebrauch 'unpassender' Körperöffnungen genannt, womit offensichtlich Oral- und Analverkehr gemeint ist. So etwa im Abhidharmakośa-bhāsya. Dieses führt auch 'unpassende' Zeiten für sexuellen Verkehr an, etwa während der Schwangerschaft. Das im chinesischen Tripitaka überlieferte Shansheng jing, ein Sutra, das sich der ethischen Praxis von Laien widmet, zählt u.a. nicht nur den Besuch von Bordellen, sondern auch den Gebrauch von Hilfsmitteln oder Sexspielzeug zu sexuellem Fehlverhalten. Der im tibetischen Buddhismus hochverehrte Gampopa beurteilte homosexuellen Verkehr als Fehlverhalten; eine Einschätzung, die auch der aktuelle Dalai Lama noch zu teilen scheint usw. usf. - dies nur als kleine Blütenlese.

Wir im Westen sind uns heute - ein halbes Jahrhundert nach der sog. sexuellen Revolution - der Bedingtheit und Veränderlichkeit solcher sexualmoralischen Normen in der Regel bewusst. Ein solches Bewusstsein von Unbeständigkeit und kultureller Bedingtheit moralischer Normen, ihrer Relativität, ist meines Erachtens durchaus begrüßenswert, bedeutet es doch nicht zwangsläufig die Abwesenheit einer Moral, sondern es kann uns den Blick auf tiefere Quellen der Moral, jenseits bloßer gesellschaftlicher Konventionen öffnen. Hilfreich ist dabei - das sollte hier niemanden wundern - ein Blick auf die Worte Buddhas, wie sie in den zeitnähesten Quellen überliefert sind. Da finden wir, wenn Buddha zu Laien über sexuelles Fehlverhalten spricht, eine Standardformel: "Er übt Fehlverhalten bei Sinnesvergnügen; er hat Geschlechtsverkehr mit Frauen, die unter der Obhut der Mutter, des Vaters, von Mutter und Vater, des Bruders, der Schwester oder der Verwandten stehen, mit Frauen, die einen Ehemann haben, die vom Gesetz geschützt sind, und sogar mit jenen, die den Schmuck der Verlobten tragen."

Auch dies ist natürlich eine Formulierung, die den Stempel ihrer Zeit trägt; einer Zeit, in der Frauen fast ausschließlich als Objekt sexuellen Fehl- oder Wohlverhaltens gesehen wurden und in der die Gesellschaft einen extrem patriarchalischen Charakter hatte. Frauen wurde nicht nur keine sexuelle Selbstbestimmung zugestanden, sie galten grundsätzlich nicht als rechtlich autonom. D.h. eine Frau stand praktisch immer unter Vormundschaft - der des Vaters, der des Gatten oder als Witwe der eines männlichen Verwandten, ggf. eines volljährigen Sohnes. Nur nebenbei - in dieser Rechtsunmündigkeit von Frauen liegt auch der tiefere Grund für die Unterstellung des Nonnenordens unter den Männerorden; diese Vormundschaft war eine Unterschutzstellung der ansonsten - da von familiären Bindungen freien - rechtlosen ordinierten Frauen. Es versteht sich von selbst, dass dieses Unterordnungsverhältnis spätestens in unserer heutigen Welt sinnlos und überflüssig geworden ist. Doch zurück zu unserem Thema. Um den Sinn hinter Buddhas durch die historischen kulturellen Bedingungen geprägten Formel zu erkennen, vergegenwärtigen wir uns die Systematik von Buddhas ethischen Empfehlungen: Es geht um Handlungen mit Körper, Sprache und Geist. Die ersten drei der Sila betreffen Handlungen mit dem Körper und das ethische Prinzip, das gerade bei den heilsamen körperlichen Handlungen deutlich zutage tritt ist dasselbe: Ahimsa, Nicht-Verletzen.

Geht es bei der ersten Sila um körperliches Nicht-Verletzen, um das Respektieren körperlicher Unversehrtheit, so geht es bei der zweiten um Respektieren von Eigentum und Besitz. Wenn wir uns klar machen, dass Eigentum und Besitz ursprünglich und grundsätzlich dem Lebensunterhalt dienen, womöglich dem Überleben, so wird der Bezug zu Ahimsa, zum Nicht-Verletzen, deutlich. Die dritte Sila nun, die uns hier ganz speziell interessiert, ist wiederum ein Stück subtiler. Sie ist offensichtlich auf das Respektieren, das Nicht-Verletzen sozialer Beziehungen gerichtet. Hier setzen dann auch die folgenden Sila an - also an die Störung oder Zerstörung sozialer Beziehungen mit dem Instrument des Körpers schließt die wiederum einen Schritt subtilere Verletzung sozialer Beziehungen mit dem Instrument der Sprache an usw. .

Ich denke, hier stoßen wir auf den Kern der buddhistischen Sexualmoral, dem wir eine überzeitliche, von historischen, geographischen und kulturellen Bedingungen unabhängige Gültigkeit zuweisen können. Es geht nicht darum, einzelne sexuelle Orientierungen, Verhaltensweisen oder Praktiken als moralisch oder unmoralisch einzustufen und sie entsprechend zu pflegen oder doch zuzulassen bzw. sie als unmoralisch zu verdammen. Es geht darum, mit unserem Sexualverhalten soziale Beziehungen nicht zu stören oder gar zu zerstören. Das betrifft nicht nur die Beziehung zwischen den Sexualpartnern selbst, sondern auch die sexuellen oder nicht-sexuellen Beziehungen, die diese jeweils mit Anderen haben. Das ist das Übungsfeld der dritten Sila, wo wir uns in der Vermeidung unheilsamen sexuellen Verhaltens üben. So trivial dieses Ergebnis unserer Untersuchung sein mag - so schwierig ist es doch für nicht zölibatär Lebende, diese simple Vorgabe in ihrer alltäglichen Praxis umzusetzen. Das Problem des Umgangs mit der eigenen Sexualität ist hier nicht geringer als bei Ordinierten, die sich zu sexueller Abstinenz verpflichten - es ist nur ein anderes.

Kommen wir nun zur bereits eingangs angekündigten Fragestellung: wo liegt eigentlich das Problem? - und: was geht das uns an?

Jeder von Ihnen, der nicht gerade zölibatär lebt, wird mir aus eigener Erfahrung zustimmen können, dass zwischenmenschliche Sexualität ein Problemgenerator erster Güte ist. Das ist selbstverständlich auch speziell im Kontext buddhistischer Gemeinschaften nicht anders. Aber dort wie auch in anderen sozialen Settings, also beispielsweise im beruflichen oder privaten Umfeld, sind solche Probleme erst einmal Privatsache der Beteiligten, in die man sich allenfalls mit Zustimmung und auf Aufforderung der Betroffenen als Ratgeber einmischen sollte. Anders sieht die Sache schon aus, wenn die Betroffenen nicht auf gleicher Augenhöhe stehen, wenn also eine sexuelle Beziehung zwischen zwei Personen, zwischen denen ein deutliches Autoritätsgefälle oder gar Machtgefälle vorliegt, zum Problem wird. Ganz einfach, weil es dann eine schwächere und eine stärkere Seite gibt, also eine Ungleichheit besteht, die in aller Regel vom stärkeren Teil zu seinem Vorteil genutzt wird. Ein sehr deutliches Autoritätsgefälle ist in buddhistischen Gemeinschaften eigentlich als Regelfall zu bezeichnen – es besteht zwischen Lehrenden und Lernenden. Dass es sich dabei in aller Regel um eine spirituelle Autorität handelt – aus der allerdings häufig auch eine Autorität auf anderen Gebieten abgeleitet wird bis hin zur Bestimmung über die Verwendung materieller Ressourcen – macht das Gefälle im sozialen Interagieren, also für die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, nicht weniger bestimmend - wenn auch nicht gleich notwendig problematisch.

Ich habe soeben bewusst von dem Fall gesprochen, dass eine solche Beziehung zum Problem wird – möchte aber auch zu bedenken geben, ob nicht sexuelle Beziehungen zwischen nicht ranggleichen Partnern das eigentliche Problem schon sind. Ich hatte vor einigen Sätzen das Berufsleben erwähnt, wo sexuelle Beziehungen zwischen Vorgesetzten und nachgeordneten Mitarbeitern grundsätzlich als problemträchtig gelten. Dabei muss es sich gar nicht um Übergriffe oder das Ausnutzen einer überlegenen Position in der Hierarchie handeln – selbst bei einer einvernehmlichen sexuellen Beziehung kursieren im Umfeld, also bei den Kollegen, in aller Regel früher oder später Anschuldigungen von Begünstigung bzw. dem Austausch Karriereförderung gegen sexuelle Gefälligkeiten. Dies ist ein sehr drastisches Beispiel für die Störung oder Zerstörung sozialer Beziehungen – üblicherweise mit dem nüchternen Etikett "Störung des Betriebsfriedens" versehen.

Der Bezug zu buddhistischen Gemeinschaften liegt da gar nicht so fern. Aus den USA ist mir zumindest ein Fall bekannt, wo ein – übrigens verheirateter – prominenter Zenlehrer eine seiner Schülerinnen und Geliebten zu seiner Dharmanachfolgerin machte, ihr also die Lehrbefugnis erteilte. Ich glaube, es ist jedem hier verständlich, dass diese Beziehung selbstverständlich geheim war und es lange auch blieb. Diese ehemalige Schülerin hat später – als gestandene Dharmalehrerin – offen über den unheilsamen Aspekt der Beziehung zu ihrem Lehrer gesprochen. Und auch darüber, dass sie ihre Schuldgefühle gegenüber der Familie ihres Lehrers, Ehefrau und Kind, in einer längeren Therapie verarbeiten musste. Man kann sich vorstellen, welches Vertrauen ihre eigenen Schüler ihr entgegen gebracht hätten, wenn schon zu Beginn ihrer 'Karriere' das ehebrecherische Verhältnis mit dem sie autorisierenden Lehrer bekannt gewesen wäre. Bzw. sich fragen, ob überhaupt jemals Schüler zu ihr gefunden hätten. Und man kann sich auch vorstellen, wie manche ihre Mitschüler die 'Beförderung' zur Lehrerin aufgenommen hätten, wären sie sich über die Natur der persönlichen Beziehung zwischen ihrem Lehrer und ihrer Mitschülerin im Klaren gewesen

Eine andere Parallele als die zur Berufswelt ist hier jedoch meines Erachtens noch naheliegender und bezeichnender. Man kann nach meiner Auffassung das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler als ein therapeutisches Verhältnis auffassen – Duhkha, des Leiden, ist das Symptom einer kognitiven Fehlhaltung, der Verblendung, die durch Einsicht in die Natur des Leidens, seine Ursachen und die geeignete Behandlung dieser Ursachen geheilt werden kann. Es liegt in der Natur einer therapeutischen Beziehung, dass sich bei dem Therapierten in aller Regel eine tiefe emotionale Bindung zum Therapeuten entwickelt. Eine Beziehung, die verletzlich macht und missbraucht werden kann. In gleicher Weise muss eine Schüler-Lehrer-Beziehung auf emotionaler Offenheit und vor allem auf Vertrauen basieren, wodurch sie in gleicher Weise anfällig wird.

Dass man sich nicht Jedem – und sei es ein renommierter buddhistischer Lehrer – vorbehaltlos und ohne gründliche Prüfung öffnen sollte, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber auch eine Vorbedingung, die von Suchenden nur zu oft bedenkenlos über Bord geworfen wird. Das hat etwas mit der Euphorie des Neubeginns zu tun, einem Zustand, der einem frischen 'Verliebt-Sein' nicht unähnlich ist und leicht damit verwechselt werden kann. Aber auch bei einer länger andauernden Schüler-Lehrer-Beziehung entwickelt sich idealerweise ein Gefühl tiefer Vertrautheit und eine emotionale Bindung,  die durchaus auch als erotische Anziehung erlebt werden kann. In der Psychotherapie ist dieses sog. Übertragungs-Phänomen wohlbekannt und selbstverständlich ist es Pflicht des Therapeuten, solche Gefühle nicht in gleicher Weise zu erwidern sondern professionelle Distanz zu wahren. Zwar über diese Gefühle offen zu sprechen und sich gemeinsam mit dem Patienten um ein Verständnis dieser Empfindungen zu bemühen, aber in keinem Fall aus der Arbeitsbeziehung eine private, gar sexuelle Beziehung werden zu lassen. Aus gutem Grund ist ein Verstoß gegen diesen Grundsatz nicht etwa nur ein Kunstfehler, sondern eine besonders schwerwiegende Verletzung berufsethischer und berufsrechtlicher  Vorgaben. Sanktioniert wird eine solche Verfehlung, bei der es sich um einen Missbrauch des Vertrauensverhältnisses handelt, nicht nur durch Ehrengerichtsverfahren; der Mißbrauch des Behandlungsverhältnisses zur Vornahme sexueller Handlungen wird nach § 174c StGB mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren geahndet.

Diese massive Sanktionierung zeigt, wie ernst der Gesetzgeber die Ausnutzung bzw. den Missbrauch eines solchen besonderen Vertrauensverhältnisses nimmt – nicht zuletzt wegen der Ernsthaftigkeit der damit in aller Regel verbundenen psychischen Verletzungen. Nun mag im Vergleich dazu ein buddhistisches Lehrer-Schüler-Verhältnis nicht in gleichem Maße anfällig sein für das Entstehen einer erotischen Faszination, die dann missbraucht werden kann, doch die Analogie ist meines Erachtens augenfällig. Auch von einem Dharmalehrer darf und muss man in einer solchen Situation Verantwortungsgefühl und entsprechendes Handeln erwarten. Es gibt von dem bereits eingangs zitierten Zenmeister Shunryu Suzuki eine bezeichnende Anekdote. Als ihm eines Tages eine Schülerin gestand, sie habe sich in ihn verliebt und fühle sich deswegen verunsichert, sagte ihr Suzuki, sie möge diese Gefühle ruhig zulassen – er habe genug Disziplin für sie beide.

Einen wesentlichen Unterschied zwischen der Patienten-Therapeuten-Beziehung und der Schüler-Lehrer-Beziehung gibt es freilich: anders als bei Psychotherapeuten liegt bei der Beziehung zwischen einem Dharmalehrer und seinen Schülern kein Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnis im Sinne des Strafgesetzbuches vor.

Das ist ein für unser Thema eminent wichtiger Aspekt. Ganz bewusst ist im Titel meines Vortrages die Rede von sexuellem Fehlverhalten, nicht von sexuellem Missbrauch. Sexueller Missbrauch ist ein Straftatbestand – die Probleme, die uns hier beschäftigen, liegen im Allgemeinen unter dieser Schwelle. Ganz konkret: die Fälle, die die katholische Kirche seit einiger Zeit so in Bedrängnis bringen – also in erster Linie Kindesmissbrauch – sind eher nicht unser Problem. Gottseidank, möchte ich mit einem kleinen Augenzwinkern hinzufügen. Womit wir es in aller Regel zu tun haben, das sind sexuelle Beziehungen zwischen mündigen Erwachsenen, die von den Strafverfolgungsbehörden in aller Regel als einvernehmlich eingeschätzt werden. Also rechtlich bewertet allenfalls moralische Verfehlungen, die jedoch Polizei und Staatsanwaltschaft nicht interessieren.

Um nicht missverstanden zu werden – ich will durchaus nicht den Eindruck erwecken, unter Buddhisten seien sexuelle Straftaten undenkbar. Erst letzten Monat wurde in England ein hochrangiger Theravada-Mönch wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen angeklagt, ebenfalls letzten Monat aus gleichem Anlass eine Klage in Chicago erhoben. Durchaus keine Einzelfälle, auch wenn wir in Deutschland bislang meines Wissens von solchen Skandalen verschont blieben. Aber solche Vorkommnisse sind nun wiederum nicht wirklich unser Problem – so lange wir nicht versuchen, solche kriminelle Taten aus missverstandener Solidarität zu decken, sondern ggf. an ihrer schonungslosen Aufklärung mitarbeiten und den Opfern tätiges Mitgefühl bieten. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, hier der staatlichen Justiz ihren Lauf zu lassen und gar nicht erst den Versuch zu machen, solche gravierenden Rechtsbrüche mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung intern zu bewältigen. Hier heisst es, aus den Fehlern der Kirche zu lernen.

Wo liegt also das eigentliche Problem, wenn wir uns auf sexuelles Fehlverhalten, das strafrechtlich nicht relevant ist, konzentrieren wollen? Es liegt natürlich in erster Linie in den von den Opfern erlittenen psychischen Verletzungen – Überwindung von Duhkha kann und sollte auch auf dieser Ebene solidarisch geübt werden. Ein anderer wenn auch weniger wichtige Aspekt ist die schon angesprochene Wirkung auf die Öffentlichkeit – auch hier können wir von der Kirche lernen, welch verheerende Wirkung auf das Vertrauen in diese Institution weniger die Missbrauchsfälle selbst als Vertuschungsversuche oder auch nur das Ignorieren haben. Auch hier gibt es ein entsprechendes 'buddhistisches' Beispiel aus den USA. Als in den letzten Jahren in einem größeren Kreis bekannt wurde, dass ein renommierter Zenlehrer jahrzehntelang immer wieder unheilsame  sexuelle Beziehungen zu Schülerinnen unterhielt, so richtete sich die herbe Kritik der Öffentlichkeit nicht nur gegen den Lehrer selbst und sein Zentrum, sondern auch gegen andere Zenlehrer, denen das unheilsame Verhalten dieses Mannes schon seit Jahren bekannt war, ohne dass sie wirksam dagegen eingeschritten wären, indem sie es öffentlich gemacht hätten. Hier hatte ganz offensichtlich die 'peer control' versagt. Letzteres – das Ignorieren und Wegschauen - war nach meiner Beobachtung für das Ansehen des Dharma noch schädlicher als das sexuelle Fehlverhalten selbst. Wobei uns als Buddhisten dieses Ansehen natürlich gleichgültig sein könnte und auch sollte, wenn es dabei nur um unser Selbstwertgefühl ginge. Wesentlich ist hier jedoch, dass der Vertrauensschaden, den der Dharma hier erleidet, Menschen davon abhält, sich dem heilsamen und befreienden Weg Buddhas zuzuwenden - oder gar Menschen, die diesen Weg betreten haben veranlasst, sich von ihm wieder abzuwenden.

Was also ist zu tun, wie sollte unser Umgang mit sexuellem Fehlverhalten von Dharmalehrern aussehen? Ich möchte hier zunächst einen bekannten Vers aus dem Visuddhimagga zitieren: "Das Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da. Die Taten gibt es, doch kein Täter findet sich." Dieser Vers, der sich auf die Anatman-Lehre bezieht, den buddhistischen Kerngedanken, sollte uns verdeutlichen, dass wir es nach Möglichkeit vermeiden sollten, in Kategorien von Opfer und Täter zu denken – was mit sich bringt, auch nicht in Kategorien von Vergeltung, Strafe oder gar Rache zu denken. Wenn wir das außer acht lassen, geraten wir in Gefahr uns selbst zu schaden, uns selbst zum Opfer des unheilsamen Geschehens zu machen. Positiv ausgedrückt: wir sollten die Unheilsamkeit der Situation ins Auge fassen, ihre Ursachen und Bedingungen erkennen und benennen und unsere Energie darauf wenden, das Unheilsame der Situation zu neutralisieren und nach Möglichkeit ins Heilsame zu wenden. Auf die Gefahr hin, Sie zu enttäuschen – mehr kann zumindest ich Ihnen nicht empfehlen. Wie dies im konkreten Fall umzusetzen ist, ist eine Frage Ihrer ureigenen buddhistischen Praxis. Seien Sie mitfühlend, seien Sie achtsam und aufmerksam, geben Sie ihren kritischen Verstand nicht an der Garderobe des Tempels oder des Dharmazentrums ab.

Ansonsten möchte ich hier, statt selbst kluge Ratschläge zu geben, einfach einen kleinen Auszug aus einem Offenen Brief an die buddhistische Gemeinschaft zitieren, der anläßlich eines Treffens von über 20 westlichen buddhistischen Lehrern aus unterschiedlichen Traditionen mit dem Dalai Lama im Jahre 1993 von diesen gemeinsam verfasst und unterzeichnet wurde:

"Jeder Student muss ermutigt werden, verantwortliche Maßnahmen zu ergreifen, um Lehrer mit unethischen Aspekten ihres Verhaltens zu konfrontieren. Zeigt der Lehrer kein Zeichen der Änderung, sollten Studenten nicht zögern, jegliches unethische Verhalten, für das es unwiderlegliche Beweise gibt, öffentlich zu machen. Dies sollte geschehen ohne Rücksicht auf wohltätige Aspekte seiner oder ihrer Arbeit wie auch auf die eigene spirituelle Verpflichtung diesem Lehrer gegenüber.

Es sollte auch in jeder Veröffentlichung klargestellt werden, das solch ein Verhalten nicht im Einklang mit der buddhistischen Lehre ist. Ganz gleich, welchen Grad spiritueller Entwicklung ein Lehrer erlangt hat oder beansprucht erlangt zu haben; keine Person kann über der Norm ethischen Verhaltens stehen. Um den Buddhadharma nicht in Verruf zu bringen und um Schaden von Studenten und Lehrern abzuwenden ist es notwendig, dass alle Lehrer zumindest nach den fünf Laiengelübden leben. In Fällen, wo ethische Standards verletzt wurden, sollte dem Studenten wie auch dem Lehrer mit Mitgefühl und Fürsorge begegnet werden."

Eine andere Frage, auf die ich nun noch ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ist die, wie die DBU als traditionsübergreifender Dachverband der Buddhisten Deutschlands mit dieser Problematik umgehen soll. Vielleicht kennen sie die Orientierungshilfe der DBU "heilsame und unheilsame Strukturen in Gruppen" – ein sehr empfehlenswertes Papier, das jedoch den Mangel hat, dass es zwar Suchende davor bewahren kann, sich unseriösen Gruppen anzuschließen – falls es denn von diesen gelesen wird – aber der DBU keine Handhabe bietet, aktiv gegen unheilsame Strukturen tätig zu werden. Bislang hat die DBU bzw. der Rat der DBU als ausführendes Gremium in solchen Fällen eher ad hoc – fast möchte man sagen, aus dem Bauch heraus – eher reagiert als agiert. Ich denke, das Bewusstsein für die Problematik ist mittlerweile so geschärft, dass die DBU den ernsthaften Versuch machen sollte, einen Schritt weiter zu gehen.

Was wir dazu brauchen, sind zunächst einmal verbindliche Verhaltensrichtlinien - ähnlich, wie es sie z.B. in Berufsverbänden von Psychologen und Psychotherapeuten gibt. Anders gesagt, wir brauchen einen Ethikkodex, der für die der DBU angeschlossenen Mitgliedsverbände verbindlich sein sollte – was natürlich bedeutet, dass wir in Bezug auf einen solchen Kodex auch einen breiten Konsens in der DBU herbeiführen müssen. Dies kann jedoch nur der erste Schritt sein – wenn ein solcher Kodex mehr wert sein soll als das Papier, auf dem er steht, brauchen wir auch Prozeduren, also festgelegte Verfahren, die wir anwenden, wenn gegen den Kodex verstoßen wird. Auch hier ist es selbstverständlich notwendig, einen möglichst breiten Konsens herbeizuführen. Schließlich brauchen wir selbstverständlich auch einen institutionellen Rahmen, also ein Gremium, das nach den vorgegebenen Prozeduren vorgeht und in dem Personen mit einem breiten Spektrum von Kompetenzen vertreten sein müssen – mit tiefgehenden Kenntnissen, die verschiedenen buddhistischen Traditionen betreffend, mit Kompetenz auf psychologischem Gebiet und dem der Mediation, nicht zuletzt auch mit juristischem Sachverstand.

Es liegt nahe, dass der Ethikkodex auf der Grundlage der fünf schon eingangs erwähnten ethischen Selbstverpflichtungen – in dem vorhin zitierten offenen Brief wird von 'Laiengelübden' gesprochen – erarbeitet werden sollte. Nicht zuletzt, weil diese als Teil des buddhistischen Bekenntnisses bereits für alle DBU-Mitglieder verbindlich sind, unser gemeinsames ethisches Fundament darstellen. Wir müssen hier nicht das Rad völlig neu erfinden, es existieren bereits einige solcher Richtlinien, vor allem in den USA und – wenig überraschend – vor allem in Gemeinschaften, die in der Vergangenheit besonders von Skandalen gebeutelt wurden. Ein Ansporn und eine Inspiration für die Formulierung eines Ethikkodexes, auf die wir gerne verzichten können. Selbstverständlich soll es in diesem Kodex nicht nur um sexuelles Fehlverhalten gehen, sonst könnten wir uns auf die dritte Selbstverpflichtung beschränken. Sich nicht nur auf die dritte Sila zu beschränken ist auch sinnvoll – ich sage Ihnen sicher nichts Überraschendes, wenn ich darauf verweise, dass unheilsamer Umgang mit Geld kaum weniger skandalträchtig ist als der mit Sex. Die spezielle Problematik für uns liegt nun darin, ein Modell zu entwerfen, das nicht nur für eine bestimmte Tradition tragfähig ist – wie die erwähnten amerikanischen Beispiele – sondern eben auch traditionsübergreifend. Ein nicht geringes Problem dürfte hier die Bewertung tantrischer Sexualpraktiken sein, die ja durchaus nicht nur visualisiert werden. Hier sind wir in besonderem Maße auf Unterstützung und Mitarbeit von Kennern der Materie angewiesen.

Ich denke, es wird deutlich, dass es da ein ziemlich dickes Brett zu bohren gilt. Was nun die nächste Stufe angeht – die Vorgehensweisen und Prozeduren – so sollten diese eskalierbar angelegt sein, wobei die Mittel einer Stufe zunächst ausgeschöpft werden müssen, bevor bei Nichterfolg zur nächsten übergegangen wird. Sicherlich ist die dadurch mögliche Verzögerung des Heilungsprozesses nachteilig, doch ist dies zur Vermeidung von Über- oder Fehlreaktionen notwendig.

Idealerweise sollte man zunächst mit dem Versuch ansetzen, die betroffenen Parteien in einem geschützten Rahmen miteinander ins Gespräch zu bringen und so auf einen Wandel der Situation hinzuwirken. In ernsteren Fällen oder wenn so keine Klärung möglich ist, muss die Situation genau untersucht werden; zur Absicherung weiteren Vorgehens müssen Aussagen gesammelt werden. Weitere denkbare Eskalationsmöglichkeiten sind dann beispielsweise eine nicht-öffentliche Warnung, eine öffentliche Rüge und schließlich auch ein Ausschluss aus der DBU (wenn es sich um ein Mitglied handelt) bzw. eine öffentlich ausgesprochene Distanzierung von einer bestimmten Person oder einer bestimmten Gemeinschaft. Es versteht sich, dass solche Konsequenzen mit Öffentlichkeitswirkung nur bei Vorliegen stichhaltiger Beweise, eidesstattlicher Erklärungen oder Ähnlichem in Frage kommen.

Ich möchte diesen Vortrag nicht abschließen, ohne unseren höchsten und unübertroffenen Lehrer zu Wort kommen zu lassen – Worte, aus denen wir etwas über den heilsamen Umgang miteinander lernen können. Nicht zuletzt auch über heilsamen Umgang mit Sexualität.

"Auf sich selbst achtend achtet man auf die anderen. Auf die anderen achtend, achtet man auf sich selbst. Und wie achtet man, auf sich selbst achtend, auf den anderen? Durch Pflege, durch Entfaltung, durch häufiges Tun. So achtet man, auf sich selbst achtend, auf den anderen. Und wie achtet man, auf den anderen achtend, auf sich selbst? Durch Geduld, durch Gewaltlosigkeit, durch Liebe, durch Teilnahme. So achtet man, auf den anderen achtend, auf sich selbst.

'Ich werde auf mich achten', so sind die Pfeiler der Achtsamkeit zu pflegen. 'Ich werde auf die andern achten', so sind die Pfeiler der Achtsamkeit zu pflegen. Auf sich selbst achtend, achtet man auf die anderen, auf die anderen achtend, achtet man auf sich selbst".

In diesem Sinne: Geben Sie auf sich acht. Geben Sie auf die Anderen acht. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Donnerstag, 11. August 2011

Ein erledigter Fall?

(es wurde tatsächlich "Zen-Mediation" angekündigt - Zufall?)
Der deutsche der Gelugpa angehörende Bhikshu (Mönch) Tenzin Peljor ist im Laufe der letzten Jahre zu einem der wichtigsten Multiplikatoren in Deutschland zum Thema sektenartige Strukturen im Bereich buddhistischer Gruppen (bzw. solcher, die sich einen buddhistischen Anstrich geben) geworden. Erfreulicherweise hatte ich im Frühjahr Gelegenheit, ihn einmal persönlich kennen zu lernen (nachdem wir uns schon gelegentlich über verschiedene Themen in Internet-Foren ausgetauscht hatten) und war von seiner freundlichen, offenen und herzlichen Geisteshaltung sehr angetan.


Er betreibt die Webseite http://www.buddhistische-sekten.de, auf der ich zu meiner freudigen Überraschung auch eine kleine Übersetzung fand, die ich vor etwa acht Jahren einmal als Beitrag zur Versachlichung einschlägiger Missbrauchs-Diskussionen angefertigt und auf der Forumswebseite http://zen.de eingestellt hatte und die ich seit langem in den Tiefen des Archivs von zen.de verschollen glaubte. Falls es jemanden interessieren sollte - der Originaltext findet sich z.B. hier. Der ehrw. Tenzin Peljor hat selbst einschlägige Erfahrungen mit problematischen Gruppen gemacht und er betreibt daher auch einen englischsprachigen Blog zu heterodoxen Gelugpa-Gruppierungen, wozu ihn seine Insider-Erfahrungen besonders qualifizieren.

Da sich mir die diversen Ver- und Entflechtungen zwischen buddhistischen Gruppierungen aus der tibetischen Tradition in aller Regel als eine Art Minenfeld darstellen, in dem ich mich als weitgehend Ortsunkundiger ziemlich orientierungslos bewegen müsste (ich habe schon große Schwierigkeiten, mir tibetische Namen zu merken geschweige denn sie bestimmten Traditionen / Schulen / Linien zuzuordnen) besuche ich seinen der kritischen Auseinandersetzung mit der 'New Kadampa Tradition' Geshe Kelsangs und der 'Western Shugden Society' gewidmeten Blog recht selten und fühle mich in aller Regel auch nicht bemüßigt, dort Veröffentlichtes zu kommentieren. Ein dort am 28.07.2011 eingestellter Artikel Tenzin Peljors allerdings betrifft zum Teil eine Angelegenheit, zu der ich mich schon früher geäußert hatte (hier und hier) und er wirft außerdem eine grundsätzliche Frage auf, die mir einer Betrachtung wert scheint.

Zunächst einmal ein Zitat aus dem Blogartikel. Es ist etwas gekürzt, um es deutlicher auf den für diesen Beitrag hier erheblichen Punkt zu bringen:
"... in the last days I learned three things. [...] the third thing I learned is to question the ways of how to deal with groups which have a lot of destructive patterns. [...] one of the highlights with respect to my thinking about [...] the issue of destructive movements or spiritual leaders who lead their students astray was a meeting with Claude AnShin Thomas [and] the head of the German Buddhist Monastic Congregation, Ven. Bhikshuni Thubten Choedroen, who I met with in Kassel (Germany) on July 18th, 2011. I was thinking it might be helpful to share some of the points here in brief:

[...]

Not Isolating Groups
We have a very sad case in Germany were the Vietnamese abbot (Thich Thien Son) of a huge community in Frankfurt (Pagode Path Hue) is accused of having inappropriate sexual relationships with some of his male students. According to former members he even claims wrongly this would be a part of the monk’s training and other masters would do it likewise. This abbot had been the former head of the Deutsche Buddhistische Ordensgemeinschaft (DBO). After extensive research by the DBO board and engaged Buddhists, based on five affidavits the “abbot” was finally expelled from the DBO. The DBO made a public statement on their website too."
Ergänzend möchte ich hier hinzufügen, dass diese öffentliche Stellungnahme der DBO auch in 'Buddhismus Aktuell', dem Organ der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), veröffentlicht wurde. Der Trägerverein der Pagode Phat Hue hatte eine Mitgliedschaft in der Deutschen Buddhistischen Union beantragt und war als Anwärter aufgenommen worden. Etwa ein halbes Jahr vor Ablauf der dreijährigen Anwärterzeit (die nicht zuletzt auch der Überprüfung der aufzunehmenden Gemeinschaften dienen soll) wurden die ersten ernstzunehmenden Vorwürfe gegen "Thich" Thien Son geäußert. Übrigens im Webforum der DBU.

Da die unmittelbar von sexuellen Übergriffen Betroffenen als Ordinierte eine Verfolgung der Angelegenheit durch die DBO vorzogen, lagen der DBU keine belastbaren Belege (z.B. eidesstattliche Erklärungen) für ein Fehlverhalten vor. Die vorliegenden Informationen waren jedoch hinreichend glaubwürdig, um nicht nur die Aufnahme als Vollmitglied nicht zur Abstimmung auf die Tagesordnung der Mitgliederversammlung zu nehmen sondern auch den Anwärterstatus nicht zu verlängern. Mehr - z.B. eine eindeutige öffentliche Distanzierung von Phat Hue - war der DBU zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich, da die im o.g. Zitat genannten fünf eidesstattlichen Erklärungen erst zu einem späteren Zeitpunkt der DBU von der DBO zur Kenntnis gegeben wurden.

Ich schildere diese Vorgänge deswegen so eingehend, weil im Laufe der Debatte um Phat Hue von verschiedenen Seiten auch massive Vorwürfe gegen die DBU erhoben wurde - diese sei nur an steigenden Mitgliederzahlen interessiert, sie wolle Gras über die Sache wachsen lassen und dann unauffällig die Aufnahme durchwinken und dergleichen haltlose Unterstellungen mehr. Für die sich übrigens im Nachhinein keiner der selbstbeauftragten DBU-Kritiker entschuldigt hat ...

Weiter mit Tenzin Peljors Artikel:
"Some concerned Buddhists and the DBO informed teachers, musicians, and the Jade Buddha project about the findings of the DBO to be able to make an informed decision. Though many terminated their collaboration with the Pagode in Frankfurt, some didn’t. Among them was Claude AnShin Thomas and his decision was felt by some as controversial. Due to different reasons and circumstances the head of the DBO and I were able to meet him, and it was quite an extraordinary experience… To make it short, though Claude Anshin refused to take sides or positions with respect to the accusations his point of view is: “if the accusations are true the group needs help, if they are not true, they need help too and if they are semi-true they also need help. Isolating groups is not a good way of dealing with such problems.”
Nun - dies ist nicht wirklich etwas Neues; es entspricht dem, was die die Zaltho Foundation bereits hatte verlauten lassen. Immerhin sprach es nun AnShin Thomas selbst aus. Und ich wiederhole es gerne - ich halte diese Antwort für 'weasely' - im Deutschen würde man etwa sagen 'aalglatt'.

Ich möchte AnShin Thomas nicht absprechen, dass er sich selbst als jemanden empfindet, der überall wo er auftaucht der Helfer in der Not ist. Ich bitte allerdings um Verständnis, dass ich diese  Selbsteinschätzung nicht uneingeschränkt teilen mag. Da möchte ich dann doch erst einmal etwas konkretere Aussagen haben als solch unverbindliche Allgemeinplätze. WAS ist bzw. war denn für diese Gruppe - also die Gruppe der Schüler "Thich" Thien Sons - nun wirklich hilfreich? AnShin Thomas' bloße Anwesenheit? Wie viele Angehörige dieser Gruppe waren denn überhaupt auf AnShin Thomas' Veranstaltung in dem zu Phat Hue gehörenden Seminarhaus im Odenwald? Waren da nicht eher deutsche Schüler von AnShin Thomas, Angehörige der Zaltho Sangha Deutschland und 'Ungebundene'? Wie also sah und sieht denn die Hilfe aus, die AnShin Thomas dieser Gruppe, von der er durchaus richtig annimmt, dass sie der Hilfe bedarf, angedeihen ließ? Mal abgesehen davon, dass er der Gruppe bzw. ihrem Führer dabei half, ihr Seminarhaus mit zahlenden Gästen zu belegen?

Offensichtlich reduziert sich die "Hilfe" darüber hinaus lediglich darauf, diese Gruppe nicht zu isolieren. Was aber heisst denn hier "nicht isolieren" ganz konkret? So weit ich sehen kann, heisst es in diesem Fall ganz konkret, Mißstände zu ignorieren, totzuschweigen und zu tun, als wäre nichts gewesen. Ich hatte es bei früherer Gelegenheit schon einmal geschrieben: genau das hat man in den USA jahrzehntelang z.B. mit Eido Shimano oder AnShins Dharmabruder Genpo Merzel getan. Mit dem Erfolg, dass sich nichts geändert hat. Wie hilfreich war denn DAS in Hinsicht auf das Vertrauen vieler Wegsucher in den buddhistischen Weg und die, die sich als Lehrer dieses Weges anbieten? Kann  man da nicht ein klitzekleines bißchen Lernresistenz oder gar Ignoranz vermuten?

Was bedeutet überhaupt "isolieren" in diesem Zusammenhang? Isolieren ist nichts Anderes als deutliche Ab- und Ausgrenzung. Was aber so leichtfertig unterstellt wird, nämlich dass es darum gehe, Personen oder Gruppen auszugrenzen, darum geht es ja überhaupt nicht; das wäre auch eine ausgesprochen unbuddhistische Sichtweise. Vielmehr geht es darum, unheilsames Verhalten auszugrenzen. Sich gegen unheilsames, unethisches Verhalten abzugrenzen  - solche Deutlichkeit kann und darf von jedem, der als buddhistischer Lehrer oder Weggefährte auftritt, erwartet werden. Wer sich zu solcher Unbequemlichkeit nicht herablassen mag, der mag unterscheidungslose Weisheit in einer einsamen Berghütte kultivieren - aber wenn er meint, lehren zu müssen, dann ist er wohl zu früh vom Berg herabgestiegen.

Betrachten wir diesen Aspekt der Isolation anhand von Tenzin Peljors Artikel noch ein wenig:
"Though the DBO statement and my own engagement in this case were not based on the wish to isolate the group, public statements such as these will rather naturally lead to an isolation and though such public statements might be useful to protect others and to enable people to make an informed decision, they aren’t necessarily the best way to address spiritual, power, sexual, material or emotional abuse."
Natürlich ist Isolation nicht notwendig die beste Art, mit Missbräuchen umzugehen. Es sollte stets erst die letzte Eskalationsstufe eines Prozesses sein, wenn andere Mittel, Einsicht und Besserung hervorzurufen, fehlschlagen. Aber eben diese Mittel müssen auch angewandt werden - sich darauf zu verlassen, dass bloßes Nicht-Isolieren und die bloße Geisteshaltung des Helfen-Wollens ohne jede Konkretisierung etwas bewirkt, ist dann doch allzu bequem. Wenn die angewandten Mittel darin versagen, beim unheilsam Handelnden Einsicht zu provozieren (und bei "Thich" Thien Son wurden solche Mittel durchaus erprobt), so bleibt zum Nutzen Anderer nur noch die deutliche Grenzziehung zwischen heilsamem und unheilsamem Handeln. Vor dieser Grenzziehung drückt sich AnShin Thomas. Und das hilft niemandem, auch "Thich" Thien Son und seiner Gruppe nicht.
"Freund, wenn jemand mit einem Makel nicht der Wirklichkeit entsprechend versteht: 'Ich habe einen Makel in mir', dann ist zu erwarten, daß er keinen Eifer aufbringen wird, keine Anstrengung unternehmen und keine Energie einsetzen wird, um diesen Makel zu überwinden, und daß er mit Begierde, Haß und Verblendung sterben wird, mit einem Makel, mit beflecktem Geist. Angenommen, man brächte ein mit Schmutz und Flecken bedecktes Bronzegefäß aus einem Laden oder einer Schmiede mit, und die Eigentümer benutzten es nicht und ließen es auch nicht reinigen, sondern stellten es in eine staubige Ecke. Würde so das Bronzegefäß später nicht noch schmutziger und fleckiger werden?" - "Ja, Freund." -
Ebenso ist es, Freund, wenn jemand mit einem Makel nicht der Wirklichkeit entsprechend versteht: 'Ich habe einen Makel in mir', dann ist zu erwarten, daß er keinen Eifer aufbringen wird, keine Anstrengung unternehmen und keine Energie einsetzen wird, um diesen Makel zu überwinden, und daß er mit Begierde, Haß und Verblendung sterben wird, mit einem Makel, mit beflecktem Geist."
(Ananganna Sutta M.5)
Betrachten wir nun einmal eine Sicht von Außen - d.h. von Seiten einer Religionswissenschaftlerin. Tenzin Peljor zitiert in seinem Artikel Dr. Suzanne Newcombe von INFORM, einer gemeinnützigen Informationsstelle über alternative religiöse Bewegungen, die bei der London School of Economics angesiedelt ist:
"At the moment I am in the process of sorting out these understandings, and I asked Suzanne Newcombe (PhD), a research officer at INFORM what she thinks about it. With her permission I quote her here:

Sociological research shows that it is when groups are social and physically isolated that the most harmful things happen. Extremism in both thought and behaviour is moderated somewhat by contact with other groups and ‘mainstream society’. This is partially behind Inform’s policy of always trying to maintain directly contact with the groups we study. ‘New’ groups or those with charismatic leadership can change very quickly and unpredictably, so it is also good to have contact so that one can have accurate information about what is actually happening."
Lassen wir Frau Newcombes sehr spezielle Motivation, sich den Zugang zu ihren Studienobjekten zu erhalten, einmal beiseite - ohne sie zu übersehen. Hier scheint es nochmals notwendig, deutlich zu machen, was denn 'Isolation' konkret heisst. Was im 'Fall' Phat Hue von AnShin Thomas und Anderen erwartet wurde und wird (von mir zumindest) war Nicht-Zusammenarbeit. Keine öffentliche Distanzierung, keine Verurteilung, wenn in dieser Hinsicht Skrupel in Bezug auf offene, deutliche Worte bestehen - einfach Nicht-Zusammenarbeit, d.h. die Enthaltung von der Unterstützung unheilsamer Strukturen. Ist das Isolation im oben angeführten Sinn? Wohl eher nicht. Das hier von Suzanne Newcombe empfohlene Nicht-Isolieren impliziert ja wohl keine tätige Zusammenarbeit ...
"In the Canadian Rigpa documentary one of the women says that she approached a visiting monk at Sogyal’s centre in France asking what it meant to be a ‘consort’ and was told by this person that it was ‘a great honour’. She later felt that this individual was colluding and supporting what she would describe as Sogyal’s ‘abuse’ of women."
... eine Empfindung, die ich uneingeschränkt nachvollziehen kann.
"I wonder what would have happened if that monk would have said – no Buddhist should cause harm by sexual relationships. There is a fine line between being seen as ‘endorsing and colluding’ and being available to moderate, observe and counsel individuals away from harm. Being able to say clearly and with specific examples, how Thich Thien Son’s actions have caused harm to some of those who were in relationship with him, is very helpful."
Um es nochmals zu verdeutlichen - in einem von "Thich" Thien Son betriebenen Seminarhaus Veranstaltungen abzuhalten und sich entsprechend als Werbeträger auf der Webseite der Einrichtung gebrauchen zu lassen, empfinde ich als "endorsing and colluding", als Unterstützung und Kollaboration. Vielleicht wäre es tatsächlich hilfreich gewesen, AnShin Thomas etwa die unten folgende Aussage eines Betroffenen zur Kenntnis zu geben. Das hätte man tun können, wenn er sie denn zur Kenntnis hätte nehmen wollen - wenn er überhaupt dazu bereit gewesen wäre, seine Zusammenarbeit mit Phat Hue zu diskutieren und zur Disposition zu stellen. Aber zu einer Diskussion mit den Kritikern dieser Veranstaltung war er ja überhaupt nicht bereit.
"I have had much difficulty finding the right way to deal with this situation with Thich Thien Son directly as well as with my friends, family and those for whom I care deeply. I have really tried to find everyway possible, to handle it in a way, that I thought the least amount of people would be hurt, discouraged or turned away from Buddhism, myself and TTS included. I have gone through a lot of difficulties, obstacles and loneliness trying to sort it out and have been afraid to speak with anyone about it.

I left Pagoda Phat Hue because of the sexual relations that Thich Thien Son had with me before I ordained and continued to have with his lay students. Before I became a monk I thought that this may have been a helpful “short cut” as he said, and perhaps in the short term it was but in the long term detrimental as can be seen with all actions inspired by the three poisons. I do not know what his intentions were when having sexual relations with his students but I can only say it has been quite an obstacle in my life.

Thich Thien Son has been taught in a certain way, he has his personal beliefs of what he knows to be true and I believe that he tries to relieve his own suffering and that of others the best way he can. But from these actions I have been through much mental and emotional pain as well as doubt in Buddhism."
... übrigens ein offener Brief. Wer wirklich wissen will, was sich in der Pagode tut, der kann es auch wissen. AnShin Thomas will es offensichtlich nicht wissen - es ist ihm laut eigener Aussage egal, ob die Vorwürfe berechtigt, halb berechtigt oder unberechtigt sind.

Weiter Suzanne Newcombe:
"One of the key theories sociologists use is that of ‘deviance amplification’ the wikipedia link here is a fair introduction: Deviancy amplification spiral. Traditionally, it focuses on media involvement in demonising sections of society or particular groups. However, you can also sometimes see the same cycle at work with say, a ‘problem’ child in school – the child becomes labelled as a problem and then acts more and more in accord with the label."
Dies - Verstärkung unheilsamen Verhaltens durch Isolation - ist nun in der Tat ein bedenkenswertes Problem, das beim Umgang mit einschlägigen Gruppen stets bedacht werden muss. Wobei ich allerdings auch denke, dass für Buddhisten die "Dämonisierung" von Gruppen oder Personen nicht wirklich ein Problem ist. Es zumindest nicht sein dürfte. Selbstredend ist "Thich" Thien Son kein Dämon, er ist ein Mensch mit großen Fähigkeiten und großen Schwächen. Wie nahezu jeder Mensch. Nun gibt es jedoch Schwächen, die den, der sie hat, für bestimmte Aufgaben disqualifizieren. Zum Beispiel für die Aufgabe eines Dharmalehrers oder gar eines nach dem Vinaya ordinierten Abtes. Wer bereit ist, für die Erhaltung und Weitergabe des Buddhadharma Verantwortung zu übernehmen - d.h. auch und gerade für die tatsächlichen und potentiellen Gefolgsleute solcher 'Dharmalehrer' und nicht zuletzt für den 'Dharmalehrer selbst - darf dies nicht ignorieren. Gerade dies - Verantwortung zu übernehmen - schließt aber auch tatsächliche 'Isolation' aus. Die Grenze ist offen - und in unseren Herzen existiert sie ohnehin nicht. Da sind die Dämonen stets unsere eigenen.