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Dienstag, 16. März 2010

Entschuldigung ...

... wegen der peinlichen Entgleisung gestern.


Ich sollte es mir natürlich verkneifen, mich in die Erbschaftsstreitigkeiten der buddhistischen Hochländer einzumischen. Zu kehren findet man reichlich Dreck vor jeder Türe, nicht zuletzt vor der eigenen. Es wird Zeit, endlich einen Standard dafür zu entwickeln, was 'BC' ist - nein, nicht 'before christ' sondern 'buddhistically correct', in Anlehnung an PC . Wäre doch mal eine schöne Aufgabe für eine Arbeitsgruppe der Deutschen Buddhistischen Union ...

Mal im Ernst - diese Geschichte hat in der Tat etliche fragwürdige Aspekte. Wobei 'fragwürdig' ja zunächst einmal nicht mehr heisst, als dass Klärungsbedarf besteht. Fragen sind ein hilfreiches Instrument zur Klärung, auch wenn man sie sich nur selbst stellt. Ginge es nur um eine reisende Dharmalehrerin, die sich - ob nun in betrügerischer Absicht, aus einer persönlichen Wahnvorstellung heraus oder doch zu recht, sei mal dahingestellt - als Reinkarnation eines renommierten tibetischen Lamas ausgibt, wäre dies eigentlich keiner weiteren Erwähnung wert. Das ist business as usual. Es gibt jedoch leider reichlich Menschen, die den Ruf der Seriosität, den die buddhistische Lehre in der öffentlichen Meinung genießt, benutzen, um damit kräftig ihre persönlichen Interessen zu befördern. Dahinter muss nicht einmal plumpe Geldgier stehen - in der Regel geht es um die Befriedigung der Ansprüche eines aufgeblähten Egos. Geld spielt da eher eine zweitrangige Rolle, es geht vorrangig um Macht. Nicht politische, sondern persönliche Macht über Andere.

Wenn man die buddhistische Lehre der sechs Existenzbereiche (sad gati) nicht kosmologisch versteht (woran einen schon ein Mindestmaß an naturwissenschaftlicher Bildung hindern sollte), sondern als psychologische Charaktertypologie, dann handelt es sich da um den Typus des Asura. In diese Existenzbereiche wird man 'hineingeboren' - im metaphorischen Sinn. Nicht aus dem Mutterleib geboren, sondern man erschafft sich seinen Existenzbereich durch das persönliche Wollen und das daraus resultierende Handeln. Nicht von Geburt zu Geburt, sondern von Augenblick zu Augenblick. Meister Eckart nennt es 'ewige Geburt'. Asuras jedenfalls sind beeindruckende Wesen - den Göttern ähnlich, aber machtbesessen.

Es ging mir also nicht um Frau Marjorie Quinn - über die ich im Übrigen nur vom Hörensagen zu berichten weiss (insofern ist das mit der 'Entschuldigung' durchaus nicht so ganz unernst gemeint). Es ging mir zunächst einmal generell um als Dharmalehrer verkleidete Asuras. Manche von ihnen genießen sehr viel mehr Popularität als Frau Quinn. Sie nutzen ihre Gefolgsleute materiell und manchmal auch sexuell aus - die besonders talentierten bekommen das, was sie wollen, sogar aufgedrängt. Sie haben nicht notwendig einen luxuriösen Lebensstil, sondern investieren vorrangig in den Aufbau und das Wachstum von Unternehmen, die vorgeben, Erleuchtung zu verkaufen. Als Dharmalehrer verkleidete Asuras machen den Dharma - oder das, was sie dafür ausgeben - zu einer Ware, von deren Verkauf sie ihre Gelüste - welcher Natur auch immer - befriedigen. Und für die sie natürlich Werbung betreiben, oder branding.

Es ist durchaus angebracht, für buddhistische Wegsucher die Warnung auszusprechen, vor Asuras auf der Hut zu sein. Ein Charakteristikum für Asuras, ein deutliches Warnzeichen (wenn auch kein untrügliches Kennzeichen) ist Charisma. Gerade da ist sorgfältige und kritische Prüfung angebracht, bevor man sein Vertrauen und dann womöglich noch mehr verschenkt.

Ein zweiter fragwürdiger Aspekt ist natürlich grundsätzlich das sog. Tulku-System. Also die Rekrutierung von Kindern als vorgeblichen 'Reinkarnationen' verstorbener Amts- und Würdenträger als deren Nachfolger. Von dem dahinter stehenden, in buddhistischer Hinsicht zumindest zweifelhaften Glauben an eine persönliche Wiedergeburt einmal abgesehen (vg. dazu hier) handelt es sich vor allem um eine politische Strategie, die den Fortbestand und die Stabilität (bis hin zur Erstarrung) einer religiösen Elite sichert, indem sie durch Kooptation ergänzt wird - durch Aufnahme von Kindern in möglichst frühem Alter, die dann intensiv durch Angehörige der Elite und selbstverständlich streng in ihrem Sinne erzogen und geschult werden. Was so etwas für das Kind bedeutet, ist nicht die unbedeutendste der fragwürdigen Fragen in diesem Zusammenhang.

Eben dieser politische Aspekt spielt in dieser Domo-Geshe-Angelegenheit eine nicht unbedeutende Rolle. Dabei geht es natürlich nicht um Frau Quinn. Es geht um zwei Fraktionen innerhalb der tibetischen Gelugpa-Sekte, die einen erbitterten Machtkampf ausfechten, für den symbolisch die Figur des Dorje-Shugden steht. Der verstorbene Domo Geshe Rinpoche gehörte der traditionalistisch-fundamentalistischen 'Shugden-Fraktion' an und das soll nach Auffassung dieser Fraktion natürlich auch für seine 'Reinkarnation' gelten. Die dann wiederum der Dalai Lama als Exponent der 'Modernisten' natürlich aus gar nicht so schwer verständlichen Beweggründen nicht anerkennen mag - und natürlich 'findet' er dann auch die 'wahre' Reinkarnation Domo Geshes, setzt ihn ein und erkennt ihn an. Und sorgt natürlich für seine Erziehung und Ausbildung. Ähnliches gab es schon nach dem Tod des Karmapa - besonders delikat, weil es sich da nicht um eine Gelugpa-Angelegenheit handelte, in die der Dalai Lama Partei nehmend eingriff, sondern eine innere Angelegenheit der Karma Kagyü ...

Wie auch immer - natürlich hat dies, so ernst das Thema ist, auch durchaus seine komischen Aspekte. Und seine persönlichen. Anmerkung: Die beiden gestern geposteten Videos gelangten nicht zuletzt deswegen in diesen Blog, weil das eine für mich eine schöne Reminiszenz an meinen Parisaufenthalt letztes Jahr ist und das andere - singe ich selbst gelegentlich als Mitglied eines Gesangvereins. Ansonsten - ich konnte mir nicht helfen - hat mich das dann halt doch irgendwie an die Kontroverse um den wahren Heino erinnert.

Zur Erinnerung:



speziell der Aspekt multipler Reinkarnationen wird hier beleuchtet:



und der hier ist mein persönlicher Favorit:



Montag, 15. März 2010

Warnung vor dem Eskimo

Endlich! Vom 11. - 13. Juni wird Domo Geshe Rinpoche in Berlin per Seminar und Einweihung den "freudvollen Weg" im Allgemeinen und die "Meditationspraxis des grünen Lichts der Weisheit" im Besonderen lehren. Ein Spielverderber hat dies im DBU-Internetforum zum Anlass einer Warnung vor diesem Kessel Buntes genommen ...

Da wird also vor Frau Marjorie Quinn gewarnt, die die Reinkarnation eines gewissen Domo Geshe ist. Sagt jedenfalls Frau Marjorie Quinn. Der wirkliche Domo Geshe ist aber ein sechsjähriger Knabe (Respekt, gerade mal 6 Jahre alt und schon Geshe ...). Heisst es im DBU-Forum und sagt ein gewisser Trijang Choktrul Rinpoche. Selbst eine Reinkarnation von Kyabje Trijang Dorje Chang und somit natürlich absolut vertrauenswürdig. Wenn man mal davon absieht, dass er nicht die Finger vom bösen, bösen Shugden lassen will, obwohl der gute Dalai Lama ihn doch so inständig darum gebeten hat. Dafür ist nun wieder Frau Quinn entrüstet darüber, dass sie ohne ihre Erlaubnis auf einer Webseite als prominenter Dorje-Shugden-Verehrer aufgeführt wird. Ärgerlicherweise waren die bösen Shugden-Leute so clever, das mit einem Bild aus der Zeit zu belegen, als sie noch ein Mann und die 8. Reinkarnation von Domo Geshe war - als 9. Reinkarnation hat man da halt keine juristische Handhabe mehr. Auch wenn man sich das mit diesem Shugden irgendwo im Bardo anders überlegt hat.

Sind da jetzt möglicherweise derzeit gleichzeitig eine 9. Inkarnation (Frau Quinn) und eine 3. Inkarnation (der kleine Erstklässler) von Domo Geshe im Samsara unterwegs? Oder ist man da nur mit dem Zählen ein wenig durcheinander gekommem? Immerhin war Domo Geshe auch schon mal als Shariputra, König Trisong Detzen und last not least Milarepa unterwegs. Unter anderem. Heisst es auf der Webseite des echten - also, des dritten ... bzw. jedenfalls des knäblichen, also nicht-weiblichen Domo Geshe. Also von Domo Chocktrul Rinpoche (wow, Rinpoche auch noch, und das mit 6 ...) Losang Jigme Nyak-Gi Wangchuk, um genau zu sein (und mögliche Verwechslungen zu vermeiden). Da überrascht dann auch nicht, dass in Kreisen der Dorje Shugden Society bei manchen Unentwegten Domo Geshe auch noch als Inkarnation von Shugden persönlich gilt.

Wenn schon Shariputra Domo Geshe war und Milarepa auch Domo Geshe, die das aber geheim gehalten haben, dann wird's mit dem Abzählen natürlich schwierig. Aber warum soll dann ausgerechnet Frau Quinn nicht Domo Geshe sein dürfen? Weil sie da ihrerseits nun kein Geheimnis draus macht? Macht Domo Chocktrul Rinpoche Losang Jigme Nyak-Gi Wangchuk ja auch nicht ...

Immerhin spricht Frau Quinn sehr nett über den Dalai Lama. Obwohl der wiederum mittlerweile einen weiteren Domo Geshe ausgekuckt hat, einen gewissen Tenzing Jigme Dhendup, wenn man der Darjeeling Times (Artikel 'Row over Monastery Head') glauben mag. Der Name ist nun zwar nicht von solch beeindruckender epischer Breite wie der seines kindlichen Konkurrenten, aber dafür hat der nun wirklich absolut nichts mit Dorje Shugden am Hut. Garantiert.

Also für mich zumindest ist die Sache klar. Es gibt keinen Domo Geshe außer Domo Geshe und Mohamm - uups - Bob Dylan ist sein Prophet:

Everybody's in despair, every girl and boy
But when Quinn the Eskimo gets here
Everybody's gonna jump for joy

Come all without, come all within
You'll not see nothing like the Mighty Quinn ....



Man kann statt dessen natürlich auch Schubert singen:

Wohin soll ich mich wenden,
Wenn Gram und Schmerz mich drücken?
Wem künd' ich mein Entzücken,
Wenn freudig pocht mein Herz?



Fragen über Fragen. Fragwürdige Lamas, wohin das Auge blickt. Nicht nur in Deutschland und in den Tälern der Anden.

Wie sagte der Warner und Mahner im DBU-Forum?
»Ja dann kann ich nur klaren Geist und Unterscheidungskraft wünschen.«

Na, dem kann ich mich doch glatt anschließen ...

Dienstag, 19. Januar 2010

Reinkarnation

Wohl in keinem Punkt der buddhistischen Lehre existieren so viele Missverständnisse und Unklarheiten wie bei der Frage, ob und wie sich die Auffassung einer Wiedergeburt mit ihr vereinbaren lässt. Für den Außenstehenden und nur oberflächlich Informierten scheint die Sachlage klar zu sein: Buddhisten glauben an Wiedergeburt. Der Dalai Lama ist der Beweis dafür … Wer sich allerdings ein wenig tiefer mit dem Dharma beschäftigt, dem fällt recht schnell auf, dass vor allem die westliche Vorstellung von Reinkarnation (die im Abendland seit Buddhas Zeitgenossen Pythagoras präsent ist) als einer Metempsychose (Seelenwanderung) mit einer Kernaussage des Dharma in unauflösbar scheinendem Widerspruch steht: der Lehre vom Anatman, die die Existenz eines unveränderlichen Persönlichkeitskernes, einer Seele, bestreitet. Eine der Konsequenzen der Anatman-Lehre ist, dass zwischen zwei aufeinanderfolgenden Existenzen / Inkarnationen keinerlei Identität in der Substanz besteht.


(Der nette Cartoon stammt von Iris Leier, hier ihre Webseite)

Ja, viele tibetische Buddhisten glauben an eine Art Reinkarnation. Bis die Tibeter von Buddhas Lehre zu ihrer eigentümlichen Reinkarnationslehre fanden, musste allerdings sehr viel Wasser den Ganges hinunterfließen. Die Entwicklung dieser Idee lässt sich geistesgeschichtlich einigermaßen gut verfolgen und ich versuche mal, das ein wenig zu skizzieren. Besonderes Gewicht werde ich auf die früheste Phase legen, da sie die Basis für das Verständnis des Späteren bildet.

Einmal alle Fragen der Textkritik beiseitegelassen, so können wir doch mit einiger Sicherheit annehmen, dass die Sutten des Palikanon ziemlich genau die ursprüngliche Auffassung des Buddhadharma wiedergeben - wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es gerade in der 'atman-Frage' schon sehr früh eine zahlenmäßig bedeutende dissidente Schulrichtung gab - die Vatsiputriya oder 'Personalisten'. Bei deren Lehren geht es uns freilich ähnlich wie bei frühen christlichen Häresien - wir kennen sie fast nur aus Polemiken ihrer Gegner und können sie daher nicht zuverlässig rekonstruieren.

Das beschreibende Modell dafür, wie das 'Wandern in Samsara' vor sich geht, ist der sog. Konditionalnexus, pratityasamutpada (pali paticcasamuppada) - 'bedingtes Entstehen'. Um meine Ausführungen nicht allzusehr auszuwalzen, möchte ich nun nicht näher auf pratityasamutpada eingehen, nur klarstellen, dass eben dieses Modell das karmische Wirken beschreibt, ohne dazu eine durch die Zeiten (und verschiedene Leben) wandernde Entität annehmen zu müssen, einen 'atman'. Die Person ist 'zusammengesetzt' aus 'Aggregaten des Ergreifens', upadanaskandha. Darüber hinaus existiert nichts und diese skandhas sind 'leer' von einem Eigensein, was bedeutet, dass sie nur aus ihren spezifischen Ursachen und Bedingungen heraus existieren und mit diesen untergehen, also vergänglich (anitya) sind. So wie aus dem 'anatman' das 'anitya' folgt, folgt aus diesem wiederum das 'dukkhata', die leidhafte Qualität - das dritte der 'Seinsmerkmale' trilaksana.

Um dies mit Belegstellen des Palikanon zu illustrieren:

18. "Ist das Bewußtsein unvergänglich oder vergänglich?" - "Vergänglich, o Herr." - "Was aber vergänglich ist, ist das leidig oder freudig?" - "Leidig, o Herr." - "Was nun vergänglich, leidig, wandelbar ist, kann man dies mit Recht so ansehen: 'Dies ist mein, das bin ich, das ist mein Selbst'?" - "Gewiß nicht, o Herr."
[...]
23. "Daher, o Sona, was es irgend an Bewußtsein gibt, vergangen, künftig, gegenwärtig, eigen oder fremd, grob oder fein, gewöhnlich oder edel, fern oder nahe: von jedem Bewußtsein gilt: 'Dies ist nicht mein, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst'. - So hat man dies der Wirklichkeit gemäß mit rechter Weisheit zu betrachten.

Samyutta Nikaya 22.49 - diese Aussage über das Bewusstsein (vijnana-skandha) wird für sämtliche weiteren skandhas wiederholt - ich erspare mir hier diese Wiederholungen. Des weiteren:

Wenn nun, ihr Mönche, einer sagt: 'Außerhalb von Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Gestaltungen will ich des Bewußtseins Kommen oder Gehen, Schwinden oder Entstehen, Wachstum, Entwicklung, Fülle verkünden' - so besteht keine Möglichkeit dafür.

Samyutta Nikaya 22.53 - d.h. das Bewusstsein, der vijnana-skandha, ist durch die anderen skandhas bedingt und kann nicht unabhängig von ihnen existieren.

Konkrete Hinweise, wie man sich nun den Vorgang des 'Wanderns in Samsara' vorzustellen hat, findet man in den Sutten nicht - offensichtlich empfand Shakyamuni Buddha solche Darlegungen als nicht hilfreich. In der Regel beantwortete er konkrete Fragen in dieser Hinsicht mit Verweisen auf pratityasamutpada oder indem er derartige metaphysische Spekulationen als 'unweises Nachdenken' verurteilte - was für nachfolgende Generationen allerdings kein Hinderungsgrund war und ist, solche Spekulationen anzustellen.

Als Beispiel dafür, wie die Theravada-Tradition die Sutren in Bezug auf 'Wiedergeburt' auslegt möchte ich mich im Folgenden auf das Visuddhimagga des Buddhaghosa beziehen. Zunächst die bekannte Stelle, die so anschaulich das Prinzip der 'Leere von einem Eigensein', anatman, wiedergibt:

Das Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da. Die Taten gibt es, doch kein Täter findet sich. Erlösung gibt es, doch nicht den erlösten Mann. Den Pfad gibt es, doch keinen Wanderer sieht man da.
(Visuddhimagga XVI.4)

Folglich kann auch nichts durch die Existenzen wandern - obwohl eine karmische Verbindung zwischen verschiedenen Existenzen besteht:

Die in der Vergangenheit durch Karma bedingt entstandenen Daseinsgruppen [= skandhas, also Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, Wille und Bewusstsein], die sind eben dort erloschen. Durch das vergangene Karma aber bedingt, sind in diesem Dasein andere Gruppen entstanden; doch ist aus dem vergangenen Dasein nichts in dieses Dasein übergegangen. Auch die in diesem Dasein durch Karma bedingt entstandenen Gruppen [skandhas] werden erlöschen; doch wird aus diesem Dasein nichts in das künftige Dasein übergehen.
(Visuddhimagga XIX.8)

Wie nun die Aufeinanderfolge verschiedener Existenzen vorgestellt wird, erläutert zunächst Kapitel XIV des Visuddhimagga, in dem der Vijnana-skandha untersucht wird - dort ist von einem individuellen 'Bewusstseinstrom' oder 'Bewusstseinskontinuum' (bhavanga sota) die Rede. Allerdings keinem anfangs- und endlosen, sondern einem, das mit der Geburt ins Dasein tritt (patisandhi citta) und mit dem Sterben endet (cuti citta). Nyanatiloka gibt in seiner Übersetzung (die ich hier zitiere) 'patisandhi' bzw. 'patisandhi-vinnana' mit 'Wiedergeburt' und 'Wiedergeburtsbewusstsein' wieder, was vielleicht seine eigenen Ideen wiedergibt, aber nicht unbedingt den Text. 'Patisandhi' heisst 'Wiederverknüpfung', 'Regruppierung'. Was da wieder verknüpft und gruppiert wird, sind skandhas. Unmittelbar auf patisandhi ("Sobald aber das *Wiedergeburtsbewußtsein* geschwunden ist") folgt nun das 'Unterbewusstsein' bhavanga mit demselben Bewusstseinsobjekt. Das bhavanga ist nicht präexistent, es entsteht erst mit dem "Schwinden" des patisandhi-vinnana. Dieses bhavanga liegt nun sämtlichen folgenden Bewusstseinsprozessen zugrunde; die es konstituierenden Bewusstseinsmomente bilden das individuelle "geistige Kontinuum", das im Theravada gelehrt wird.

Der allererste Bewusstseinsmoment, das patisandhi-vinnana, initialisiert also ein permanentes Substrat, das sogenannte Bewusstseinskontinuum oder bhavanga-sota, das dann als tiefste Schicht des Bewusstseins karmische Prägungen aufnimmt. Diese 'Prägungen' sind das Bewusstseinsobjekt des Bewusstseinsubjektes bhavanga-sota. Ein 'Kontinuum' ist dieser Bewusstseinstrom, weil er auch im Tiefschlaf oder bei tiefer 'Bewusstlosigkeit' nicht abreisst - er ist der eigentliche Grund für die Kontinuität der empirischen Person. So wie patisandhi-vinnana der erste Bewusstseinsmoment dieses Bewusstseinsstromes ist, so ist das Sterbebewusstsein cuti-vinnana sein letzter. Der Bewusstseinsskandha ist dann auf seine tiefste Schicht, sein Substrat, reduziert bevor es unwiderruflich erlischt.

Pratityasamutpada, das bedingte Entstehen wird nun in Visuddhimagga XVII erläutert. Die 'Verknüpfung' zweier Existenzen, patisandhi, wird über ein karmisch gestaltetes Bewusstseinsobjekt hergestellt. Das Subjekt dieses Bewusstseinsobjektes ist zunächst ein Sterbebewusstsein, cuti-citta.
"Der allerletzte Unterbewußtseinsmoment in einem Dasein nämlich wird wegen seines Schwindens als das 'Abscheiden' (cuti, Sterben) bezeichnet".
Mit diesem "Schwinden" ist die Kontinuität eines Bewusstseins beendet, der Vijnana-skandha nicht mehr existent. Das Bewusstseinsobjekt wird nun als initialisierendes Objekt eines anderen Subjektes, eines neu entstehenden Bewusstseins, ergriffen. Eben dies ist patisandhi, der erste Bewusstseinsmoment eines neuen Vijnana-skandha.

Ein bloßes Phänomen ist's, ein bedingtes Ding, Was da ins Leben tritt im spätern Dasein. Nicht wandert es aus früh'rem Dasein dort hinüber, Und doch ist's nicht entstanden ohne früh'ren Grund. [...] Hierbei nun wird das frühere Bewußtsein wegen seines Abscheidens als das 'Sterben' (cuti) bezeichnet, das spätere Bewußtsein aber wegen seines Sichwiederverbindens mit dem Anfang eines neuen Daseins als die 'Wiedergeburt' (patisandhi, wörtlich 'Wieder- verbindung'). Nicht aber ist dieses Bewußtsein aus dem früheren Dasein in dieses herübergewandert, noch auch ist es entstanden ohne solche Anlässe wie Karma, Karmaformationen, Neigung, Objekt usw., wie man wissen sollte.
(Visuddhimagga XVII)

Nochmals - patisandhi ist der Moment, in dem ein neu entstehendes ("aufsteigendes") Bewusstsein, das als patisandhi-vinnana bezeichnet wird, ein Bewusstseinsobjekt ergreift, das vorher Objekt eines nicht mehr existenten (geschwundenen) Bewusstseins (cuti-vinnana) war. Zwischen cuti-vinnana und patisandhi-vinnana ist eine 'Nullstelle' (um den Begriff 'Kontinuum' physikalisch zu gebrauchen), ist die Grenze zwischen zwei individuellen geistigen Kontinua, die als bhavanga-sota bezeichnet werden. An dieser 'Nullstelle' existiert kein Bewusstsein, es existiert lediglich das Bewusstseinsobjekt als 'Verknüpfung'.

Wer bisher mitgelesen hat, wird sich nun vielleicht fragen, wie denn ein Bewusstseinsobjekt von einem Bewusstsein in ein anderes wechseln kann, als wäre es ein Frosch, der von einem Tümpel zum anderen hüpft. Das hieße praktisch, dass das Bewusstseinsobjekt (zumindest im Moment des Wechsels, der 'Nullstelle' zwischen den Bewusstseinskontinua) unabhängig von einem Subjekt existieren kann. Dieses Problem bleibt - soweit ich sehe - im Theravada-Abhidhamma ungeklärt. Die (nach dem Madhyamaka) zweite große Schule des Mahayana, die Yogacara- oder Vijnaptimatra-Schule, hat hier einen Lösungsansatz formuliert, indem sie ein zeitlich unbegrenztes, über-individuelles Kontinuum postuliert hat, das gewissermassen das Medium darstellt, mittels dessen karmische Eindrücke als 'Samen' (bija) oder 'Gewohnheitsenergien' (vasana) von einem untergangenen Bewusstsein in ein neu entstehendes eintreten können. Dieses Medium oder Kontinuum ist der alaya, der 'Speicher'. Die (gängigere) Bezeichnung 'alaya-vijnana' ist etwas verfänglich, da sie häufig die irrige Auffassung begünstigt, es handle sich um ein individuelles überzeitliches Bewusstsein - eines, das womoglich sogar ein Selbstbewusstsein hat. Das wäre natürlich nichts anderes als ein atman / brahman - Konzept. Der alaya-vijnana ist jedoch eher mit dem abendländischen Begriff 'Geist' (im Hegel'schen Sinn) verwandt - es ist der Seinsgrund aller Dinge, der durch karmische Impulse Form erhält, jedoch 'leer' im Sinne der anatman-Doktrin ist.

Bis hierher haben wir also zwei unterschiedliche Konzepte von geistigen Kontinua. Wir haben den individuellen, zeitlich begrenzten bhavanga-sota des Theravada-Abhidhamma und wir haben den überzeitlichen, aber auch jede Indivdualität übersteigenden und umfassenden alaya der Yogacarin. Lassen wir jetzt noch ein paar hundert Jahre die Wasser des Ganges weiterplätschern und im 7. Jahrhundert - weit über ein Jahrtausend nach Buddhas parinirvana - tritt in Nordindien ein Mann namens Dharmakirti auf, der sich vor allem als Logiker einen Namen machte. Bei ihm (bzw. in seinem Werk Pramanavarttika) finden wir nun die Wurzel der spezifisch tibetischen Vorstellungen von Reinkarnation. Diese beruhen - zusammengefasst - ebenfalls auf einem individuellen Bewusstseinsstrom, Bewusstseinskontinuum oder Geisteskontinuum (die Terminologie ist nicht einheitlich), das dem bhavanga-sota durchaus vergleichbar ist, nur dass dieses als anfangs- und endlos angesehen wird. Oder anders formuliert: ein alaya, das aber nicht monistisch (alles Sein umfassend) aufgefasst wird, sondern als individuelles Bewusstseinssubstrat. Aus dem einen alaya-vijnana der Yogacarin werden also unendlich viele, individuelle und überzeitliche Bewusstseinsströme. Ausgebaut, ausformuliert und schließlich bis in unsere Tage tradiert wurde diese Lehre dann im Anuttara-Yoga-Tantra (nicht vor dem 8. Jahrhundert u.Z. entstanden). Die Kagyupa (eine der vier tibetischen buddhistischen 'Sekten') führen außerdem noch gerne das Uttaratantra-Shastra an, das Asanga von dem zukünftigen Buddha Maitreya persönlich diktiert worden sein soll. Was natürlich ein krasser Anachronismus ist, wenn man es mit anderen Schriften des Yogacara-Begründers Asanga (geb. um 300) vergleicht. 'Entdeckt' wurde der Text von Maitripa (im 11. Jahrhundert u.Z.) .... Gemäß dieser Lehre wird jedem Wesen ein eigenes, isoliertes "geistiges Kontinuum" zugeordnet, das ohne Anfang und Ende ist und das nach dem Tod dieses Wesens auf Grundlage einer "subtilen Energie" oder eines "subtilen Körpers" weiterexistiert bis es sich "mit einer anderen physischen Grundlage fortsetzt" (die in Anführungszeichen gesetzten Passagen stammen aus einem einschlägigen Vortrag Alexander Berzins, vgl. hier). Würde ich um eine Definition von 'atman' oder 'Seele' gebeten, dann würde sie sich ziemlich genau so anhören.

Die Namen der Texte (Anuttara-Yoga-Tantra, Uttaratantra-Shastra) verraten es schon - wir sind hier im Vajrayana, dem esoterischen tantrischen Buddhismus und es ist nicht zu übersehen, dass hier in erheblichem Umfang hinduistische Vorstellungen Eingang gefunden haben. Diese tantrische 'Bewusstseinskontinuum-Theorie' hat keinen Eingang in den 'mainstream' des fernöstlichen Buddhismus (China, Korea, Japan, Vietnam) gefunden und selbstverständlich auch nicht in den Theravada-Buddhismus Sri Lankas und Südostasiens (Burma, Thailand, Siam, Kambodscha). Sie wurde nach dem Untergang des Buddhismus in Nordindien zu einer tibetischen 'Spezialität'.