Posts mit dem Label Tee werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tee werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 3. März 2012

Ein paar Tassen Frühling

Pünktlich zum Wochenende hat sich der Winter noch einmal zurückgemeldet; die knapp zweieinhalb Kilometer Luftlinie von meinem Häuschen entfernt liegende Agrarwetterstation kündigt ein feuchtes Wochenende an - und die rückkehrende Sonne wird dann nächste Woche auch keine Wärme, sondern wieder Frost mitbringen. In meinem Vorgärtchen blühen jedoch unverdrossen schon seit einer Woche die Schneeglöckchen und das Mandelbäumchen zeigt zarte Knospen. Den Winter über habe ich mich mit grünem Taiping Hou Kui und mit einem gelben Yunshan Yin Zhen bei guter Teelaune gehalten. Der Yin Zhen war schon im Januar ausgetrunken und vom Hou Kui ist nun nur noch ein trauriger Rest übrig. Zeit also, mit frischem Tee in den Frühling aufzubrechen, trotz des noch sehr herben Wetters. Was wäre dazu besser geeignet, als ein Oolong? Natürlich zwei ... Ich weiss, zur Jahreszeit würde der Yin Zhen besser passen - aber da ist mir das Frühlingsversprechen doch etwas zu zurückhaltend und zögerlich gegeben.



Da ich seit einigen Tagen auch Besitzer eines dieser praktischen koreanischen Teesets bin, die für eine Verkostung so wunderbar geeignet sind, habe ich mich entschlossen, zwei Sorten parallel zu vergleichen - einen Milan Xiang Fenghuang Dan Cong vom chinesischen Festland und einen Pinglin Wenshan Bai Hao aus Taiwan. Das koreanische Geschirr habe ich übrigens weniger aus praktischen Gründen gekauft - aber ich bin von Seladon fasziniert. Nicht nur von koreanischem, auch von den Arbeiten Fritz Rossmanns. Seladon hat nur einen bedauerlichen Nachteil - es lenkt von der Farbe des Tees ab und verfälscht sie. Aber zumindest manchmal kann ich damit leben ...



Nun möchte ich meine ohnehin spärlichen Leser nicht auch noch mit Verkostungsnotizen langweilen - über den Geschmack von Tee oder den Klang von Musik zu schreiben ist wie das Verfassen vorn Pornographie für Eunuchen. Aber ein wenig erzählen über diese Tees darf man schon.

Milan Xiang Fenghuang Dan Cong - ein sehr kompliziert klingender Name, aber es ist damit eigentlich nur halb so wild. 'Milan Xiang' ist mit 'Honigorchideenaroma' zu übersetzen. Der Name bezeichnet den speziellen Kultivar des Teebuschs, der für diesen Oolong verwendet wird und soll natürlich auch schon einmal Phantasie und Erwartungshaltung in Hinsicht der von diesem Kultivar zu erwartenden Ernte beflügeln. 'Fenghuang' wiederum wird gewöhnlich mit 'Phönix' übersetzt und so wird dieser Oolong auch häufig unter der Bezeichnung 'Phönix Oolong' auf dem Weltmarkt angeboten. Nicht notwendig in hoher Qualität, versteht sich - das entscheidende ist hier der Namenszusatz 'Dan Cong', zu Deutsch 'Einzelbusch'. Anders als die große Masse der Phönix-Oolongs stammt dieser also nicht aus Garten- oder gar Plantagenbau, sondern von Einzelbüschen, die an steilen Hängen gepflanzt werden, die 'rationelle' Bewirtschaftungsmethoden gar nicht erst zulassen.

Ein 'Dan Cong' wächst also gewissermaßen halbwild - das Entscheidende ist jedoch, dass hier gar nicht erst auf große Ertragsmengen Wert gelegt wird, sondern auf das Alter der Teebüsche, die im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte zu kleinen Bäumen von vier, fünf Metern Höhe heranwachsen können. Der Effekt auf die Lese ist ähnlich wie bei alten Weinreben - das ausgedehnte Wurzelwerk ist sehr viel besser geeignet, dem Boden Mineralien zu entziehen und so einen Tee mit Charakter zu erzeugen, der Ausdruck seines 'Terroir' ist. Mit zunehmendem Alter der 'Dan Cong' - Pflanzen steigen dann verständlicherweise auch die Preise solcher Tees - und zwar exponentiell. Da also zumindest die preisliche Spannweite ziemlich groß ist, werden die Ernten von besonders alten Büschen dann auch nicht mehr als 'Dan Cong' (Einzelbusch) sondern als 'Lan Cong' (alter Busch) gehandelt. Wobei freilich keinerlei Bestimmungen existieren, ab welchem Alter ein Teebusch tatsächlich 'alt' ist; eine verlässliche Qualitätsgarantie ist die Bezeichnung 'Lan Cong' also nicht ....  Die wirklichen Raritäten kommen natürlich gar nicht erst auf den westlichen Markt, man munkelt von fünfstelligen Preisen (Dollar, versteht sich, nicht Yuan) für ein Kilo. Wer gibt hierzulande schon ein paar hundert Euro für 100g Tee aus - ganz ungeachtet der Frage, wer sich das leisten kann ...

Der Fenghuang (Phönix-Tee) trägt seinen Namen vom Fenghuang-Gebirge, aus dem er stammt - insbesondere von dessen Hauptmassiv, dem Wudongshan in der Präfektur Chaozhou der subtropischen Provinz Huangdong. Er ist weniger bekannt als die berühmten 'Felsentees' vom Wuyishan in der nördlicher gelegenenen Provinz Fujian - und hat daher glücklicherweise auch ein günstigeres Preis-/Qualitätsverhältnis. Der Wuyishan gilt allgemein als Heimat des Oolong, als der Ort, wo diese spezielle Art der Teeverarbeitung entwickelt wurde. Es wird nicht nicht überraschen, dass die Teepflanzer vom Fenghuangshan den gleichen Anspruch erheben - steht doch der mit geschätzten 900 Jahren älteste Teebusch (ein Shuixian-Kultivar) auf dem Wudongshan, während es der älteste Busch am Wuyishan gerade mal auf ca. 400 Jahre bringt. Da auch dieser ein Shuixian ist, kann er durchaus als Same oder Setzling vom Fenghuangshan dorthin gelangt sein.

Der 'klassische' Kultivar für Fenghuang Oolong ist eigentlich der Huangzhi Xiang, doch haben sich in jüngerer Zeit bukettreichere Sorten durchgesetzt - eben Milan Xiang (Honigorchidee) oder auch Qi Lan (seltene Orchidee), Guihua Xiang (Osmanthus), Xinren Xiang (Mandelblüte) und Jianghua Xiang (Ingwerblüte). Dieser sogenannte Qingxiang-Stil ist allerdings durchaus keine Neuerung - der oben erwähnte 900 Jahre alte Shuixian-Busch ist der Archetyp dieser Gruppe (Shuixian = Straussnarzisse). Bei den Wuyi-Oolongs wird bei Tees im Qingxiang-Stil nicht so sehr differenziert, sie werden einfach als Shuixian-Oolongs gehandelt.

Kommen wir nun zum 'Konkurrenten' aus Taiwan, dem Pinglin Wenshan Bai Hao. 'Bai Hao' ('weiße Härchen') bezieht sich auf die kleinen, mit weißem Flaum besetzten Knospen ('tips'), die gemeinsam mit den zwei jüngsten Blättern gepflückt werden. Die Bezeichnung wird auch für den Bai Hao Yin Zhen (also weißen, nicht den oben erwähnten gelben Yin Zhen vom Yunshan) verwendet, wo sie meines Erachtens treffender ist. Vielleicht ist deswegen die Bezeichnung Bai Hao für diesen taiwanesischen Oolong auch etwas aus der Mode gekommen und durch die geläufigere Bezeichnung Dongfang Meiren ersetzt werden - unter der englischen Übersetzung 'Oriental Beauty' wird dieser Tee gewöhnlich auf dem Weltmarkt gehandelt. Wobei (wenn man der einschlägigen Teelegende Glauben schenken darf) es mit der Übersetzung eigentlich umgekehrt richtiger ist - der Name  'Oriental Beauty' soll diesem Tee von Queen Victoria (andere Quellen nennen Elizabeth II.) verliehen worden sein und der wurde dann ins Chinesische übersetzt. Ist es nicht wahr, so ist es doch schön erfunden - wie auch die Legende zu einem anderen Namen dieses Tees, nämlich Pengfeng Cha, was so viel wie 'Angeber-Tee' bedeutet. Das soll sich nun nicht auf die Konsumenten des Tees beziehen, sondern auf den Erfinder dieser Oolong-Spezialität, dessen Nachbarn ihm zunächst keinen Glauben schenken wollten, als er ihnen erzählte, welchen Preis der Großhändler ihm für seinen Tee zahlte. Zumal sein Teegarten unter erheblichem Schädlingsbefall zu leiden hatte - doch dazu später ...

Dieser Mann stammte aus Beipu, einem Distrikt der taiwanesischen Provinz Xinzhu im Nordwesten der Insel mit einem großen Bevölkerungsanteil von Hakka und es ist zumindest sicher, dass der Bai Hao hier seine Heimat hat. Er wird seit geraumer Zeit allerdings auch mit demselben Kultivar (Qingxin Dapong) am Wenshan in der nordwestlichen Provinz Pinglin produziert, womit der Name ' Pinglin Wenshan Bai Hao' erklärt wäre. Xinzhu und Pinglin haben sehr ähnliche Anbaubedingungen - die Höhenlage ist zwar deutlich geringer als bei den im Süden und im zentralen Hochland der Insel produzierten Oolongs, doch dafür gibt es hohe Luftfeuchtigkeit und häufig kühle Nebel. Die Anbaugebiete am Wenshan liegen etwas höher als die in Xinshu und daher sollen die Bai Hao vom Wenshan süßer und blumiger sein als die aus Xinshu - eine Gelegenheit, dies in einem direkten Vergleich zu testen, hatte ich selbst leider noch nicht.

Der Bai Hao hat dem taiwanesischen Trend zu immer zurückhaltender fermentierten Oolongs widerstanden, dem selbst der klassische Dongding aus dem zentraltaiwanesischen Nantou zum Opfer gefallen ist - heute fast immer ein 'grüner' Oolong. Auch hier am Wenshan werden neben dem stark fermentierten Bai Hao (etwa 50-60%) leichte Baozhong (Pouchong-Oolongs) produziert.

Was den Bai Hao noch von den anderen taiwanesischen Oolongs unterscheidet, das ist, dass die optimale Lesezeit nicht der Frühlingsbeginn ist, sondern vielmehr  in der zweiten Juni- und ersten Julihälfte liegt - was sehr spezielle Gründe hat. Der besondere Charakter dieses Tees wird nämlich durch einen Befall mit Insekten hervorgerufen, und zwar einer Art kleiner Zikaden (Chaxiaoluyechan). Die Teebüsche reagieren auf diesen Schädlingsbefall mit der Produktion von Abwehrstoffen (Phytoalexinen), die den Befall allmählich stoppen - und den Geschmack des Tees verändern. Der Zeitpunkt der Pflückung richtet sich also nach der Produktion dieser pflanzeneigenen 'Schädlingsbekämpfungsmittel'. Dass diese Produktionsmethode selbstverständlich den Einsatz von Pestiziden ausschließt, ist ein äußerst erfreulicher (wenn auch kostensteigernder) Nebeneffekt. Tee, der früher oder später im Jahr gepflückt wird und daher diese spezielle chemische Modifikation nicht aufweist, wird zumeist als 'Fancy Oolong' verarbeitet und verkauft.

Dieser 'Trick' der Natur ist übrigens auch im indischen Darjeeling wohlbekannt - dort sind es speziell 2nd-Flush-Tees mit sogenanntem Muskateller-Aroma ('muscatel flavor'), die die höchsten Preise erzielen. Auch hier wird dieses spezielle Aroma durch Insektenbefall hervorgerufen, nur sind es in Darjeeling kleine grüne Fliegen und Thripse (Fransenflügler).

So viel zu den beiden Tees. Über ihre Aromen, ihren Geschmack, wollte ich mich hier ja nicht weiter auslassen - aber ich möchte doch andeuten, welche Resonanz sie in dieser ersten Frühlingsteestunde des Jahres in meinem Herz-Geist erzeugten. Sie war so deutlich, dass ich nicht lange nach der Saite suchen musste, die da mitschwang:

Entflieht auf  leichten Kähnen
berauschten Sonnenwelten
daß immer mildre Tränen
euch eure Flucht entgelten.
Seht diesen Taumel blonder
lichtblauer Traumgewalten
und trunkner Wonnen sonder
Verzückung sich entfalten.
Daß nicht der süße Schauer
in neues Leid euch hülle -
Es sei die stille Trauer
die diesen Frühling fülle.
(Stefan George)

Freitag, 12. Februar 2010

Drei heisse Tassen Tee

Ein wenig lässt der Vorfrühling nun wohl doch noch auf sich warten. Man muss es halt nehmen, wie's kommt und geht. Auch das Wetter ...



Also noch keine Zeit für Frühlingsgedichte. Das lässt sich verschmerzen - gibt es doch Wintergedichte reichlich. Sie sind nicht so selten wie unser Beispiel vom letzten Sonntag, das sich dem Schwebezustand zwischen Nicht-mehr-Winter und Noch-nicht-Frühling widmete. Dazu vielleicht ein ander Mal mehr, wenn die Zeit gekommen ist. Heute soll es Liu Zongyuan sein, ein Zeitgenosse des letzten Sonntag zitierten Bo Juyi und wie dieser ein in der Politik Gescheiterter.

schneefluss

tausend hügel, kein vogel am himmel
zehntausend pfade, keines menschen spur
einsames boot, alter mann mit strohhut
alleine fischend im kalten schneefluss

Nun, ein Fischer war gestern auf der Nahe nicht unterwegs. Schon gar keiner mit Strohhut. Dafür kann man auf obigem Bild bei genauem Hinsehen meinen Wandergefährten Charly entdecken. Den einsamen Angler möchte ich stattdessen hier mit einem Bild des alten 'Eine-Ecke-Ma' nachliefern:


Seinen Spitznamen erhielt Ma Yuan wegen der Marotte, sich damit zu begnügen, lediglich eine Ecke seiner Bilder zu bearbeiten und den Rest der Vorstellungskraft des Betrachters anheim zu stellen. Eine Absicht, die hier freilich durch Beschneiden und mein exzessives Geschreibsel zunichte gemacht wird. Dafür lässt sich auf dem Bild hier aber auch noch etwas erkennen, was bei einer Darstellung des kompletten Formats deutlich schwieriger sein dürfte ....

Um auf Liu Zongyuans Gedicht zurück zu kommen - das kann einen schon frösteln lassen. In der Tat, verglichen mit Bo Juyi vermisst man hier die Heiterkeit und Wärme, die man bei seinem berühmteren Kollegen selbst in einem Wintergedicht finden kann, etwa in diesem hier:

Späte Heimkehr auf der Straße von Pingquan an einem Wintertag

Wie beschwerlich, auf dem Bergpfad zu reisen.
Schon steht die Sonne tief.
Im vernebelten Dorf ein eisiger Baum
Dient einer Krähe zum Sitz.
Vor Einbruch der Nacht komm ich nicht an,
Doch kümmert mich dies nicht .
Drei heisse Tassen Tee getrunken

Und ich bin zu Haus.

So habe auch ich es heute gehalten und ohne Bedauern die letzten Krümel eines Dai Hong Pao ihrer Bestimmung zugeführt. Dai Hong Pao ('Große Rote Robe') ist einer der berühmten Wuyi-Tees aus Fujian. Dieser 'Klippen-' oder 'Felsen-Tee' (Yan Cha) wächst in den stark zerklüfteten Wuyi–Bergen des Chong’an–Distrikts an der nordwestlichen Grenze Fujians zur Provinz Jiangxi. Zur Ernte an den steilen Hängen und Felswänden sollen früher z. T. dressierte Affen eingesetzt worden sein. Er war bereits zu Zeiten der Song-Dynastie (960-1279), gegen deren Ende der oben vorgestellte 'Eine-Ecke-Ma' wirkte, berühmt als kaiserlicher Tribut-Tee.

Yan Cha ist eine Sammelbezeichnung für die Oolongs aus diesem Gebiet, die alle in recht geringen Mengen von einer speziellen Varietät des Teestrauchs, dem Ming Cong, produziert werden. Der vielleicht berühmteste unter ihnen ist der Dai Hong Pao, die ‚Große Rote Robe’ aus dem Tian-Xing - Garten. Von vergleichbarem Ruf sind der Ching Yuan (Goldmünze) vom Fu Guo und der Pai Ji Kuan (Weißer Hahnenkamm) aus dem Hui Yuan - Garten.

Diesen Tee hatte ich vor fast einem Jahr auf der Rheinland-Pfalz-Ausstellung in Mainz erstanden, wo die Wuyi Star Tea Company aus Fujian (Rheinland-Pfalz pflegt mit dieser Provinz eine besondere Partnerschaft) einen üppig ausgestatteten Stand unterhielt, an dem ansehnliche junge Damen Kostproben ausschenkten. Ich hatte mich dort vor allem mit einer größeren Menge eines sehr leckeren Shui-Xian-Ooolongs eingedeckt - und eben mit Dai Hong Pao, der trotz der bescheidenen 15g Packungsinhalt geradezu obszön teuer war. Allerdings ist bei diesem Tee noch der 7. Aufguss ein Genuss. Also werde ich bei der diesjährigen Ausstellung Ende März für Nachschub sorgen - vorausgesetzt, die freundlichen Damen und Herren aus Fujian sind dann auch wieder da. Bis dahin werde ich mich zum Aufwärmen wohl oder übel anderer Mittel bedienen müssen.

Mittwoch, 18. November 2009

Tee, Lu Tong und Hölderlin

Keine Angst - das gibt hier keine geistesgeschichtliche Abhandlung. Nur wollte ich zur Eröffnung dieses Blogs nicht gerade etwas über Buddhismus bzw. Zen schreiben. Oder doch? Wie auch immer ... Zu den Dingen, an denen ich mit Vorliebe anhafte, gehören gute Gedichte und guter Tee. Beides Dinge, die wunderbar zusammenpassen. Warum also nicht dieses Blog mit einem Beispiel meiner persönlichen Obsessionen beginnen?

Zur Zeit der Tang-Dynastie lebte im 'Klausengebirge' Lu Shan ein merkwürdiger Mann. Sein Name war Lu Tong; er wurde im Jahr 798 geboren. Obwohl er das zurückgezogene Leben eines taoistischen Einsiedlers führte, so wurde er doch weithin als Dichter und vor allem als Teemeister geschätzt und bewundert, worauf schon sein Literatenname 'Jadequelle' hinweist: 'flüssige Jade' ist ein poetischer Ausdruck für Tee. Er übte sich im Wu-Wei, in absichtsloser, spontaner Aktivität - und diese Aktivität war vor allem das Rezitieren von Gedichten und die Zubereitung von Tee. Er war dem Tee so sehr zugetan, dass manche seiner Zeitgenossen ihn für verrückt hielten. Eine Zeile eines seiner Gedichte, die ihn wohl am besten charakterisiert, lautet:

Mich kümmert nicht Unsterblichkeit - nur der Geschmack von Tee.

Etwa hundert Gedichte sind von ihm überliefert – darunter das berühmteste Tee-Gedicht überhaupt; der immer wieder zitierte 'Gesang von den sieben Schalen Tee'. Er gehört zu einem längeren Gedicht, das den etwas umständlichen Titel trägt: 'Dankschreiben an Zensor Meng für eine Sendung frisch gepflückten Tee'.

Der Zensor Meng, dem das Gedicht gewidmet ist, war wohl ein Nachkomme des konfuzianischen Philosophen Meng Zi (Mencius) und hatte als solcher (wie auch die Nachkommen des Kung Zi / Konfuzius) ein Erbamt am kaiserlichen Hof inne – er durfte und sollte den Lebenswandel des Kaisers begutachten und - wenn notwendig - kritisieren. Kein ganz ungefährliches Amt … So ist auch der augenzwinkernde Humor des letzten Verses zu verstehen, wo der Taoist Lu Tong den so überaus wichtigen konfuzianischen Hofbeamten mit leiser Ironie bedenkt.


Dankschreiben an Zensor Meng
für eine Sendung frisch gepflückten Tees


hoch stand die sonne schon am himmel,
als tief ich noch im schlafe lag -
da reisst mit schlägen an das tor
ein offizier mich aus den träumen.

er sagt, der zensor sende mir
ein schreiben – zur beglaubigung
baumeln drei siegel an der hülle
aus schwerer, steifer, weisser seide.

das siegel geöffnet - und schon
seh ich des zensors gesicht vor mir.
er schickt dreihundert päckchen tee -
handverlesen, wie monde geformt -

zum verkosten, denn im neuen jahr
schreckten schritte auf einem bergpfad
die mücken aus dem winterschlaf
erwachend mit dem frühlingswind.

der kaiser selbst, er muss noch warten
auf den geschmack des yang-xian-tees
und etliche kräuter wagen
noch nicht, schon die blüten zu öffnen.

in freundlicher brise reifen
in keim und knospe verborgen
wie perlen, noch ehe der frühling
sie austreibt, die goldgelben sprossen.

frisch gepflückt, am feuer getrocknet,
noch duftend gerollt und verpackt,
ward ihre essenz aufs beste,
wahrlich unübertrefflich bewahrt.

eine zu große ehre ist dies
für mich, die kaiser und fürsten
nur gebührt; wie kam dies geschenk
zur hütte des mannes der berge?

------------------------------------

das tor aus reisig schließe ich,
so dass kein ungeschliffner gast
mir nahekommen möge;
die seidenkappe setz ich auf,
für mich in meiner weidenhütte
ihn aufzugiessen und zu trinken.

da steigen jadewolken auf,
doch ohne dass ihr hauch
das treiben weisser blüten störte
deren leuchten sich verdichtet
auf der schale spiegel.

----------------------------------


die erste schale tee, sie netzt
mir kehle und lippen, die zweite
zerbricht meine melancholie.

die dritte schale aber sickert
mir tief ins gemüt, das verdorrt
von den worten tausender bücher war.

die vierte schale tee
ruft leichtes schwitzen hervor,
befriedet allen kummer des lebens

und treibt ihn zu den poren hinaus.
die fünfte schale tee, sie klärt
und reinigt mich durch und durch.

die sechste schale macht meinen geist
den unsterblichen zum genossen -
die siebte zu trinken vermag ich nicht.

und doch erwachen mir flügel, sie tragen
mich geläutert im wind des lebens.

----------------------------------------


wie verweilt man in jenen bergen,
wo die unsterblichen wohnen?
jadequell reitet diesen reinen wind,
heimkehr ersehnend nimmt er abschied,

zu jenen bergen, in deren mitte
unsterbliche die niedere erde regieren;
zum reinen, erhabenen thron der welt
jenseits von wind und regen.

wo friedvolles verstehen ist
der zahllosen schicksale rastlosen lebens -
das in stetem verfall, wie ein sturz in den abgrund
sein bitteres los empfängt.

gelegentlich werd ich den zensor befragen
über dieses geschäftige leben:
ob es nicht erfüllung kennt,
sammlung, erlangen, erneuerung, ruhe.


Im Jahr 835 kam Lu Tong auf Einladung des Zensors Meng an den Hof des Kaisers Li Ang (Tang Wen Zong, 826-840). Ob er Gelegenheit fand, den Zensor über das "geschäftige Leben" zu befragen, weiss man nicht. Jedenfalls aber erfuhr er nun selbst eines jener "zahllosen Schicksale rastlosen Lebens, das in stetem Verfall, wie ein Sturz in den Abgrund, sein bitteres Los empfängt".

Lu Tong geriet in die Wirren des "Tau-Zwischenfalls". Der Kaiser und einige seiner Vertrauten wollten die Herrschaft der Palasteunuchen brechen, die längst die eigentlichen Machthaber geworden waren und schon Li Angs Vorgänger ermordet hatten. Es wurde das Gerücht gestreut, ein Granatapfelbaum im Palast sei mit Tau bedeckt - und dort wurde ein Hinterhalt gelegt. Die Eunuchen wurden eingeladen, das günstige Omen des betauten Baumes in Augenschein zu nehmen; jedoch wurde der Anschlag vorzeitig entdeckt und der Kaiser als Geisel genommen. Er wurde bis zu seinem Tod unter Hausarrest gestellt und etwa zweitausend tatsächliche und angebliche Verschwörer wurden geköpft – darunter auch Lu Tong, dem sein hochrangiger Freund und Gönner nun zum Verhängnis wurde.


Wenn ich die letzten Verse - den vierten Abschnitt - dieses Gedichtes lese, kommt mir unweigerlich ein anderes Gedicht in den Sinn - eine Resonanz, ein ergänzendes Gegenstück aus anderem Blickwinkel, durch ein Jahrtausend und eine halbe Welt getrennt: 'Hyperions Schicksalslied' von dem unglücklichen Friedrich Hölderlin:

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.