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Sonntag, 22. November 2015

Herbstspaziergang

Monzinger Gemarkung, 21. und 22.11.2015





蘇軾 (蘇東坡)
題西林壁

橫看成嶺側成峰
遠近高低各不同
不識廬山面目
緣身在此山中


Su Shi (Su Dongpo)

Inschrift auf der Wand des Westwald-Tempels



das ebene wird gebirge und steigend wird es gipfel
von fern, von nah, von oben, unten - immer wandelnd zeigt es sich
der heiligen berge wahres gesicht, nie ist es zu erkennen
nur weil wir selbst inmitten dieser berge sind

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Anmerkung zu dem Gedicht:
es handelt es sich um ein klassisches Qiyan Shi (七言詩), ein Gedicht von vier Zeilen mit jeweils sieben Schriftzeichen. Der Autor Su Shi (auch Su Dongpo, 1036-1101) war ein Universalgenie; nicht nur Maler und Kalligraph (der am höchsten geschätzte der Song-Dynastie), sondern auch Humanist, Ingenieur, Weinproduzent, kaiserlicher Sekretär, Richter und politischer Dissident. Vor allem jedoch war er einer der größten Dichter Chinas.


Im Jahre 1084 wurde Su Dongpo nach Junzhou in Henan verbannt. Auf dem Weg ins Exil durchquerte er den Lu Shan mit seinen zahlreichen buddhistischen Tempeln und Klöstern. Der Lu Shan oder ‚Klausenberg’ soll seinen Namen von der Einsiedelei des taoistischen Eremiten Kuang Su erhalten haben und er ist sowohl für Taoisten als auch für Buddhisten einer der heiligen Berge Chinas. Der Zen-Laienanhänger Su Shi besuchte dort auch den buddhistischen Xilin–Tempel (Westwald-Tempel)  mit seiner berühmten Qianfo-Pagode, dem Turm der tausend Buddhas. Noch heute lebt in dem Tempel eine Gemeinschaft buddhistischer Nonnen und in der Pagode befinden sich 1800 Jadestatuen Budhas. Dort, als Inschrift auf einer Mauer, hinterließ Su Dongpo das Gedicht.

 廬山面目 (lú shān zhēn miàn mù) - wörtlich: das wahre Gesicht des Lu Shan (der oft im Nebel verborgen ist), ist sprichwörtlich für das wahre Aussehen eines Dinges oder einer verkleideten Person. 面目 (zhēn miàn mù), das wahre Gesicht, ist aber auch ein Ausdruck für die reine Soheit des Seins. Das inmitten der Berge, in der objektiven Welt wandernde und wandelnde Selbst kann deren wahres Sein, ihre ‚Heiligkeit’ nicht erkennen - nur ihren objektiven Schein, der sich ständig in Abhängigkeit vom Standort des subjektiven Selbst ändert. Dort, wo sich das ‚wahre Gesicht’ des heiligen Berges Lu Shan zeigt, gibt es weder Selbst noch Nicht-Selbst. Und doch – oder gerade deshalb – ist dieses ‚dort’ nichts anderes als das ‚hier’.

In der ‚Meisselschrift vom Vertrauen in den Geist’ des dritten Zen-Patriarchen Seng Can heisst es:

    Der Ort nicht-denkender Erkenntnis
    ist mit unterscheidendem Geist
    unmöglich zu ermessen
    Im Dharma-Reich absoluter Soheit
    ist nicht Anderes, nicht Selbst.


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Nachschrift vom 22.11.2015

 Als ich heute Nacht noch einmal vor die Tür ging, fiel der erste Schnee. Das letzte Drittel des Herbstes (in einem Monat ist Sonnenwende) wird rauh.

Beim Tee heute vormittag habe ich einen alten Fall über das Spazierengehen in den Bergen nachgeschlagen. "Beginne, indem Du dem Duft des Grases folgst und kehre zurück, indem Du den fallenden Blüten nachjagst". Das hat wirklich nichts mit der Bedeutung des Frühling zu tun. Tropfen von Herbsttau auf dem Lotus ist da schon etwas näher dran ...

Ein bemerkenswerter Meister. Dogen notierte ein anderes Beispiel von ihm: Als man ihn fragte: "wie wendest du Berge, Flüsse und die große Erde und kehrst zum Selbst zurück?" gab er zur Antwort: "wie wendest du das Selbst und kehrst zu den Bergen, Flüssen und zur großen Erde zurück?" Dogen versah sowohl Frage wie auch Antwort mit einer Anmerkung. Zur Frage: "Wovon spricht er? Es scheint, er verwechselt Pferd und Karren." - und zur Antwort: "Zurück in deinem eigenen Hinterhof gibt es nichts, wohin dies nicht reicht."

Samstag, 3. März 2012

Ein paar Tassen Frühling

Pünktlich zum Wochenende hat sich der Winter noch einmal zurückgemeldet; die knapp zweieinhalb Kilometer Luftlinie von meinem Häuschen entfernt liegende Agrarwetterstation kündigt ein feuchtes Wochenende an - und die rückkehrende Sonne wird dann nächste Woche auch keine Wärme, sondern wieder Frost mitbringen. In meinem Vorgärtchen blühen jedoch unverdrossen schon seit einer Woche die Schneeglöckchen und das Mandelbäumchen zeigt zarte Knospen. Den Winter über habe ich mich mit grünem Taiping Hou Kui und mit einem gelben Yunshan Yin Zhen bei guter Teelaune gehalten. Der Yin Zhen war schon im Januar ausgetrunken und vom Hou Kui ist nun nur noch ein trauriger Rest übrig. Zeit also, mit frischem Tee in den Frühling aufzubrechen, trotz des noch sehr herben Wetters. Was wäre dazu besser geeignet, als ein Oolong? Natürlich zwei ... Ich weiss, zur Jahreszeit würde der Yin Zhen besser passen - aber da ist mir das Frühlingsversprechen doch etwas zu zurückhaltend und zögerlich gegeben.



Da ich seit einigen Tagen auch Besitzer eines dieser praktischen koreanischen Teesets bin, die für eine Verkostung so wunderbar geeignet sind, habe ich mich entschlossen, zwei Sorten parallel zu vergleichen - einen Milan Xiang Fenghuang Dan Cong vom chinesischen Festland und einen Pinglin Wenshan Bai Hao aus Taiwan. Das koreanische Geschirr habe ich übrigens weniger aus praktischen Gründen gekauft - aber ich bin von Seladon fasziniert. Nicht nur von koreanischem, auch von den Arbeiten Fritz Rossmanns. Seladon hat nur einen bedauerlichen Nachteil - es lenkt von der Farbe des Tees ab und verfälscht sie. Aber zumindest manchmal kann ich damit leben ...



Nun möchte ich meine ohnehin spärlichen Leser nicht auch noch mit Verkostungsnotizen langweilen - über den Geschmack von Tee oder den Klang von Musik zu schreiben ist wie das Verfassen vorn Pornographie für Eunuchen. Aber ein wenig erzählen über diese Tees darf man schon.

Milan Xiang Fenghuang Dan Cong - ein sehr kompliziert klingender Name, aber es ist damit eigentlich nur halb so wild. 'Milan Xiang' ist mit 'Honigorchideenaroma' zu übersetzen. Der Name bezeichnet den speziellen Kultivar des Teebuschs, der für diesen Oolong verwendet wird und soll natürlich auch schon einmal Phantasie und Erwartungshaltung in Hinsicht der von diesem Kultivar zu erwartenden Ernte beflügeln. 'Fenghuang' wiederum wird gewöhnlich mit 'Phönix' übersetzt und so wird dieser Oolong auch häufig unter der Bezeichnung 'Phönix Oolong' auf dem Weltmarkt angeboten. Nicht notwendig in hoher Qualität, versteht sich - das entscheidende ist hier der Namenszusatz 'Dan Cong', zu Deutsch 'Einzelbusch'. Anders als die große Masse der Phönix-Oolongs stammt dieser also nicht aus Garten- oder gar Plantagenbau, sondern von Einzelbüschen, die an steilen Hängen gepflanzt werden, die 'rationelle' Bewirtschaftungsmethoden gar nicht erst zulassen.

Ein 'Dan Cong' wächst also gewissermaßen halbwild - das Entscheidende ist jedoch, dass hier gar nicht erst auf große Ertragsmengen Wert gelegt wird, sondern auf das Alter der Teebüsche, die im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte zu kleinen Bäumen von vier, fünf Metern Höhe heranwachsen können. Der Effekt auf die Lese ist ähnlich wie bei alten Weinreben - das ausgedehnte Wurzelwerk ist sehr viel besser geeignet, dem Boden Mineralien zu entziehen und so einen Tee mit Charakter zu erzeugen, der Ausdruck seines 'Terroir' ist. Mit zunehmendem Alter der 'Dan Cong' - Pflanzen steigen dann verständlicherweise auch die Preise solcher Tees - und zwar exponentiell. Da also zumindest die preisliche Spannweite ziemlich groß ist, werden die Ernten von besonders alten Büschen dann auch nicht mehr als 'Dan Cong' (Einzelbusch) sondern als 'Lan Cong' (alter Busch) gehandelt. Wobei freilich keinerlei Bestimmungen existieren, ab welchem Alter ein Teebusch tatsächlich 'alt' ist; eine verlässliche Qualitätsgarantie ist die Bezeichnung 'Lan Cong' also nicht ....  Die wirklichen Raritäten kommen natürlich gar nicht erst auf den westlichen Markt, man munkelt von fünfstelligen Preisen (Dollar, versteht sich, nicht Yuan) für ein Kilo. Wer gibt hierzulande schon ein paar hundert Euro für 100g Tee aus - ganz ungeachtet der Frage, wer sich das leisten kann ...

Der Fenghuang (Phönix-Tee) trägt seinen Namen vom Fenghuang-Gebirge, aus dem er stammt - insbesondere von dessen Hauptmassiv, dem Wudongshan in der Präfektur Chaozhou der subtropischen Provinz Huangdong. Er ist weniger bekannt als die berühmten 'Felsentees' vom Wuyishan in der nördlicher gelegenenen Provinz Fujian - und hat daher glücklicherweise auch ein günstigeres Preis-/Qualitätsverhältnis. Der Wuyishan gilt allgemein als Heimat des Oolong, als der Ort, wo diese spezielle Art der Teeverarbeitung entwickelt wurde. Es wird nicht nicht überraschen, dass die Teepflanzer vom Fenghuangshan den gleichen Anspruch erheben - steht doch der mit geschätzten 900 Jahren älteste Teebusch (ein Shuixian-Kultivar) auf dem Wudongshan, während es der älteste Busch am Wuyishan gerade mal auf ca. 400 Jahre bringt. Da auch dieser ein Shuixian ist, kann er durchaus als Same oder Setzling vom Fenghuangshan dorthin gelangt sein.

Der 'klassische' Kultivar für Fenghuang Oolong ist eigentlich der Huangzhi Xiang, doch haben sich in jüngerer Zeit bukettreichere Sorten durchgesetzt - eben Milan Xiang (Honigorchidee) oder auch Qi Lan (seltene Orchidee), Guihua Xiang (Osmanthus), Xinren Xiang (Mandelblüte) und Jianghua Xiang (Ingwerblüte). Dieser sogenannte Qingxiang-Stil ist allerdings durchaus keine Neuerung - der oben erwähnte 900 Jahre alte Shuixian-Busch ist der Archetyp dieser Gruppe (Shuixian = Straussnarzisse). Bei den Wuyi-Oolongs wird bei Tees im Qingxiang-Stil nicht so sehr differenziert, sie werden einfach als Shuixian-Oolongs gehandelt.

Kommen wir nun zum 'Konkurrenten' aus Taiwan, dem Pinglin Wenshan Bai Hao. 'Bai Hao' ('weiße Härchen') bezieht sich auf die kleinen, mit weißem Flaum besetzten Knospen ('tips'), die gemeinsam mit den zwei jüngsten Blättern gepflückt werden. Die Bezeichnung wird auch für den Bai Hao Yin Zhen (also weißen, nicht den oben erwähnten gelben Yin Zhen vom Yunshan) verwendet, wo sie meines Erachtens treffender ist. Vielleicht ist deswegen die Bezeichnung Bai Hao für diesen taiwanesischen Oolong auch etwas aus der Mode gekommen und durch die geläufigere Bezeichnung Dongfang Meiren ersetzt werden - unter der englischen Übersetzung 'Oriental Beauty' wird dieser Tee gewöhnlich auf dem Weltmarkt gehandelt. Wobei (wenn man der einschlägigen Teelegende Glauben schenken darf) es mit der Übersetzung eigentlich umgekehrt richtiger ist - der Name  'Oriental Beauty' soll diesem Tee von Queen Victoria (andere Quellen nennen Elizabeth II.) verliehen worden sein und der wurde dann ins Chinesische übersetzt. Ist es nicht wahr, so ist es doch schön erfunden - wie auch die Legende zu einem anderen Namen dieses Tees, nämlich Pengfeng Cha, was so viel wie 'Angeber-Tee' bedeutet. Das soll sich nun nicht auf die Konsumenten des Tees beziehen, sondern auf den Erfinder dieser Oolong-Spezialität, dessen Nachbarn ihm zunächst keinen Glauben schenken wollten, als er ihnen erzählte, welchen Preis der Großhändler ihm für seinen Tee zahlte. Zumal sein Teegarten unter erheblichem Schädlingsbefall zu leiden hatte - doch dazu später ...

Dieser Mann stammte aus Beipu, einem Distrikt der taiwanesischen Provinz Xinzhu im Nordwesten der Insel mit einem großen Bevölkerungsanteil von Hakka und es ist zumindest sicher, dass der Bai Hao hier seine Heimat hat. Er wird seit geraumer Zeit allerdings auch mit demselben Kultivar (Qingxin Dapong) am Wenshan in der nordwestlichen Provinz Pinglin produziert, womit der Name ' Pinglin Wenshan Bai Hao' erklärt wäre. Xinzhu und Pinglin haben sehr ähnliche Anbaubedingungen - die Höhenlage ist zwar deutlich geringer als bei den im Süden und im zentralen Hochland der Insel produzierten Oolongs, doch dafür gibt es hohe Luftfeuchtigkeit und häufig kühle Nebel. Die Anbaugebiete am Wenshan liegen etwas höher als die in Xinshu und daher sollen die Bai Hao vom Wenshan süßer und blumiger sein als die aus Xinshu - eine Gelegenheit, dies in einem direkten Vergleich zu testen, hatte ich selbst leider noch nicht.

Der Bai Hao hat dem taiwanesischen Trend zu immer zurückhaltender fermentierten Oolongs widerstanden, dem selbst der klassische Dongding aus dem zentraltaiwanesischen Nantou zum Opfer gefallen ist - heute fast immer ein 'grüner' Oolong. Auch hier am Wenshan werden neben dem stark fermentierten Bai Hao (etwa 50-60%) leichte Baozhong (Pouchong-Oolongs) produziert.

Was den Bai Hao noch von den anderen taiwanesischen Oolongs unterscheidet, das ist, dass die optimale Lesezeit nicht der Frühlingsbeginn ist, sondern vielmehr  in der zweiten Juni- und ersten Julihälfte liegt - was sehr spezielle Gründe hat. Der besondere Charakter dieses Tees wird nämlich durch einen Befall mit Insekten hervorgerufen, und zwar einer Art kleiner Zikaden (Chaxiaoluyechan). Die Teebüsche reagieren auf diesen Schädlingsbefall mit der Produktion von Abwehrstoffen (Phytoalexinen), die den Befall allmählich stoppen - und den Geschmack des Tees verändern. Der Zeitpunkt der Pflückung richtet sich also nach der Produktion dieser pflanzeneigenen 'Schädlingsbekämpfungsmittel'. Dass diese Produktionsmethode selbstverständlich den Einsatz von Pestiziden ausschließt, ist ein äußerst erfreulicher (wenn auch kostensteigernder) Nebeneffekt. Tee, der früher oder später im Jahr gepflückt wird und daher diese spezielle chemische Modifikation nicht aufweist, wird zumeist als 'Fancy Oolong' verarbeitet und verkauft.

Dieser 'Trick' der Natur ist übrigens auch im indischen Darjeeling wohlbekannt - dort sind es speziell 2nd-Flush-Tees mit sogenanntem Muskateller-Aroma ('muscatel flavor'), die die höchsten Preise erzielen. Auch hier wird dieses spezielle Aroma durch Insektenbefall hervorgerufen, nur sind es in Darjeeling kleine grüne Fliegen und Thripse (Fransenflügler).

So viel zu den beiden Tees. Über ihre Aromen, ihren Geschmack, wollte ich mich hier ja nicht weiter auslassen - aber ich möchte doch andeuten, welche Resonanz sie in dieser ersten Frühlingsteestunde des Jahres in meinem Herz-Geist erzeugten. Sie war so deutlich, dass ich nicht lange nach der Saite suchen musste, die da mitschwang:

Entflieht auf  leichten Kähnen
berauschten Sonnenwelten
daß immer mildre Tränen
euch eure Flucht entgelten.
Seht diesen Taumel blonder
lichtblauer Traumgewalten
und trunkner Wonnen sonder
Verzückung sich entfalten.
Daß nicht der süße Schauer
in neues Leid euch hülle -
Es sei die stille Trauer
die diesen Frühling fülle.
(Stefan George)

Sonntag, 3. Oktober 2010

Abschied vom Sommer

Nördlich des Höhenzuges zwischen Ellerspring und Opel, den höchsten Erhebungen des 'Großen Soon', liegt inmitten des jetzt seine Herbstfärbung annehmenden Waldes eine eigenartige, fast ebene Parklandschaft - die Glashütter Wiese.



Geologisch gesehen handelt es sich um eine Mulde zwischen den nördlichen und mittleren aus Taunusquarzit bestehenden Höhenzügen des Soonwaldes im Südosten des Hunsrücks. In den Eiszeiten wurde diese Mulde mit steinigen und schlammigen Verwitterungsmassen aufgefüllt, hinzu kam angewehter Löß. Das Wasser verschiedener Quellen und des Gräfenbachs sorgt für stetige Feuchte des moorigen Bodens aus Tonschiefer und Staublehm.

Ursprünglich standen hier wohl Buchen und am Lauf des Gräfenbachs Erlen und Birkenbrüche. Um 1700 legten die Herzöge von Simmern hier einen Tiergarten an; 1707 folgte eine Glashütte, die das örtlich vorhandene Holz als Rohstoff für Pottasche und zum Betrieb des Glasofens nutzte. Für Tiergarten und Glashütte wurden etwa 1.000 Morgen Wald gerodet. Schon 1720 wurde die Produktion wieder eingestellt. Aus den gerodeten Flächen wurden Wiesen und Viehweiden, bis der Staat 1899 die letzten Waldbauern vertrieb.

Heute sind noch etwa 300 Morgen dieser naturnahen Kulturlandschaft übrig, sie gehören dem Land. Goldhafer-Bergwiesen an trockeneren Standorten wechseln sich mit Sumpfdotterblumen-Wiesen und Waldbinsen-Sümpfen ab. Hier weidet vor allem das Rotwild. Auf den noch von einem Bioland-Betrieb als Viehweide genutzten Flächen sind hingegen Weidelgras-Weißklee-Weiden und Binsen-Pfeifengraswiesen entstanden. Die Wiesen sind mit alten Eichen, Buchen und Roßkastanien durchsetzt, an den feuchteren Stellen finden sich Gehölze mit Eschen, Schwarzerlen und Birken. Umrahmt wird die Wiese  von Buchen-Eichen-Mischwäldern und Birkenbrüchen, die derzeit ihre schönste Färbung haben - grüngesprenkeltes Gold. Im Süden stehen dunkle Fichten.

Im Frühjahr und Sommer blüht hier die Arnika - neben vielen anderen Wiesenblumen. Doch am liebsten bin ich jetzt, in dieser Jahreszeit dort, wenn der Sommer mit der Herbstzeitlose Abschied nimmt.


Herbstzeitlosen

Für uns, denen der Pfosten der Tür verbrannt ist,
an dem die Jahre der Kindheit
Zentimeter für Zentimeter
eingetragen waren.

Die wir keinen Baum
in unseren Garten pflanzten,
um den Stuhl
in seinen wachsenden Schatten zu stellen.

Die wir am Hügel niedersetzen
als seien wir zu Hirten bestellt
der Wolkenschafe, die auf der blauen
Weide über den Ulmen dahinziehn.

Für uns, die stets unterwegs sind
- lebenslängliche Reise,
wie zwischen Planeten -
nach einem neuen Beginn.

Für uns
stehen die Herbstzeitlosen auf
in den braunen Wiesen des Sommers,
und der Wald füllt sich
mit Brombeeren und Hagebutten -

Damit wir in den Spiegel sehen
und es lernen
unser Gesicht zu lesen,
in dem die Ankunft
sich langsam entblößt.


Für Hilde Domin und manche ihrer Leser mag dies ein Gedicht sein, das Heimatverlust thematisiert. Ein 'Exilgedicht'. Für mich beschreibt es nur das Wandern auf dem Weg - und dieser Weg führt nicht ins Exil und auch nicht heraus. Es ist nur ein Weg - und einen Weg zu gehen heisst, Dinge los- und hinter sich zu lassen.

Nur der Weg und die Bäume und Blumen am Rande. Und die Wiesen, in denen die Herbstzeitlose blüht - noch sind sie nicht braun ...

Sonntag, 18. Juli 2010

Auch ich in Arkadien!

Laß die Sprache dir sein, was der Körper den Liebenden. Er nur
Ist's, der die Wesen trennt, und der die Wesen vereint.

Als man mich seinerzeit das Schreiben lehrte, war es ein ungeliebter Brauch, von uns ABC-Schützen regelmäßig Rechenschaft über die von der Pflicht des Lernens befreite Zeit zu fordern - in Aufsätzen mit sinnigen Titeln wie "mein schönstes Ferienerlebnis" oder dergleichen. Schau'n wir mal, ob ich in diesem Genre noch einigermaßen geübt bin ...


Ich muss freilich einräumen, meinen Urlaub in weniger exotischen (und daher dem Leser möglicherweise auch weniger interessant erscheinenden) Gefilden verbracht zu haben, als es die Überschrift anzukündigen scheint: weder im griechischen Peloponnes  noch in Italien, wie es ein Goethe-Kenner vielleicht vermuten könnte - Goethe stellte das "Auch ich in Arkadien!" als Motto der Erstausgabe seiner 'Italienischen Reise' voran (und unterließ dies weise in der Ausgabe letzter Hand). Diese Identifikation von Arkadien mit Italien hatte Goethe freilich schon von Herder übernommen, dessen 1787 verfasstes Gedicht 'Angedenken an Neapel' mit eben diesen Worten schließt. Nun, meine Reise führte mich lediglich an den Neckar, wobei ich mit dessen vielleicht schönsten Abschnitt - dem von Bad Wimpfen nach Heidelberg - auf die schönste und angenehmste (wenn auch nicht bequemste) Art Bekanntschaft schloss: durch Befahren mit einem eigenhändig gepaddelten Boot.





In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich,
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal,
Wie Leben aus dem Freudebecher,
Glänzte die bläuliche Silberwelle.

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,
Mit ihnen auch mein Herz, und du nahmst uns mit
Zum still erhabnen Rhein, zu seinen
Städten hinunter und lust'gen Inseln.


Man sieht, dass auch Hölderlin, "das Land der Griechen mit der Seele suchend", die Heimat nicht aus dem Auge verlor - 

doch weicht mir aus treuem Sinn
Auch da mein Neckar nicht mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

Selbstverständlich suchte ich auch das wenige Kilometer flussaufwärts von Bad Wimpfen gelegene Lauffen auf, war jedoch weidlich enttäuscht. Die dortigen Philister haben die Grafenburg auf der Neckarinsel so gründlich renoviert, dass sie ausschaut wie eine Zweigstelle der Bundesanstalt für Arbeit. Dafür ist die Regiswindiskirche auf der anderen Neckarseite um so vernachlässigter - der schwäbische Pietismus ist wohl auch nicht mehr das, was er einmal war ... Aus diesem Grund sei an dieser Stelle auf ein  allzu decouvrierendes Photo gnadenhalber verzichtet. 


Die einheimische Gastronomie einschließlich der örtlichen Dönerbuden ist jedenfalls hervorragend ausgeschildert, von Hölderlins Geburtshaus kann man jedoch leider nicht dasselbe sagen. Zwei Halbwüchsige, dem Augenschein und ihrem Dialekt nach zu urteilen ohne Migrationshintergrund, nach dem rechten Weg befragt, bekannten freimütig, dass ihnen ein Herr Hölderlin gänzlich unbekannt sei - sein Geburtshaus selbstredend ebenfalls.


Seltsames Land! Hier haben die Flüsse Geschmack und die Quellen,
Bei den Bewohnern allein hab' ich noch keinen versprürt.


Die gerade zitierte Sottise stammt von einem anderen mit Neckarwasser Getauften - Friedrich Schiller. Dessen Erwähnung hier natürlich unvermeidlich ist - liefert doch gerade er ein unschlagbares Argument für die Identifikation des Neckartales mit Arkadien:


Auch ich war in Arkadien geboren,
Auch mir hat die Natur
An meiner Wiege Freude zugeschworen,
Auch ich war in Arkadien geboren,
Doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur.


Nun - dass Schiller hier 'Arkadien' explizit auf seinen Geburtsort Marbach bezieht, diese These möchte ich nicht um jeden Preis verteidigen und ansonsten von diesem etwas larmoyanten Jugendgedicht nur noch die letzten beiden Verse zitieren:


Was man von der Minute ausgeschlagen,
Gibt keine Ewigkeit zurück.


Man sieht, schon als junger Mann konnte Schiller sprichwortreif formulieren. Wenden wir uns trotzdem einem etwa zehn Jahre später entstandenen Gedicht zu, dessen erster Teil mir eher zum Thema zu passen scheint:


Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel,
Sei mir, Sonne, gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint,
Dich auch grüß ich, belebte Flur, euch, säuselnde Linden,
Und den fröhlichen Chor, der auf den Ästen sich wiegt,
Ruhige Bläue, dich auch, die unermeßlich sich ausgießt
Um das braune Gebirg, über den grünenden Wald,
Auch um mich, der endlich entflohn des Zimmers Gefängnis
Und dem engen Gespräch freudig sich rettet zu dir,
Deiner Lüfte balsamischer Strom durchrinnt mich erquickend,
Und den durstigen Blick labt das energische Licht,
Kräftig aufblühender Au erglänzen die wechselnden Farben,
Aber der reizende Streit löset in Anmut sich auf,
Frei empfängt mich die Wiese mit weithin verbreitetem Teppich,
Durch ihr freundliches Grün schlingt sich der ländliche Pfad,
Um mich summt die geschäftige Bien, mit zweifelndem Flügel
Wiegt der Schmetterling sich über dem rötlichten Klee,
Glühend trifft mich der Sonne Pfeil, still liegen die Weste,
Nur der Lerche Gesang wirbelt in heiterer Luft.
Doch jetzt brausts aus dem nahen Gebüsch, tief neigen der Erlen
Kronen sich, und im Wind wogt das versilberte Gras,
Mich umfängt ambrosische Nacht; in duftende Kühlung
Nimmt ein prächtiges Dach schattender Buchen mich ein,
In des Waldes Geheimnis entflieht mir auf einmal die Landschaft,
Und ein schlangelnder Pfad leitet mich steigend empor.
Nur verstohlen durchdringt der Zweige laubigtes Gitter
Sparsames Licht, und es blickt lachend das Blaue herein.
Aber plötzlich zerreißt der Flor. Der geöffnete Wald gibt
Überraschend des Tags blendendem Glanz mich zurück.
Unabsehbar ergießt sich vor meinen Blicken die Ferne,
Und ein blaues Gebirg endigt im Dufte die Weh.
Tief an des Berges Fuß, der gählings unter mir abstürzt,
Wallet des grünlichten Stroms fließender Spiegel vorbei.
Endlos unter mir seh ich den Äther, über mir endlos,
Blicke mit Schwindeln hinauf, blicke mit Schaudern hinab,
Aber zwischen der ewigen Höh und der ewigen Tiefe
Trägt ein geländerter Steig sicher den Wandrer dahin.
Lachend fliehen an mir die reichen Ufer vorüber,
Und den fröhlichen Fleiß rühmet das prangende Tal.
Jene Linien, sieh! die des Landmanns Eigentum scheiden,
In den Teppich der Flur hat sie Demeter gewirkt.
Freundliche Schrift des Gesetzes, des menschenerhaltenden Gottes,
Seit aus der ehernen Welt fliehend die Liebe verschwand,
Aber in freieren Schlangen durchkreuzt die geregelten Felder,
Jetzt verschlungen vom Wald, jetzt an den Bergen hinauf
Klimmend, ein schimmernder Streif, die Länder verknüpfende Straße;
Auf dem ebenen Strom gleiten die Flöße dahin,
Vielfach ertönt der Herden Geläut im belebten Gefilde,
Und den Widerhall weckt einsam des Hirten Gesang.
Muntre Dörfer bekränzen den Strom, in Gebüschen verschwinden
Andre, vom Rücken des Bergs stürzen sie gäh dort herab.
Nachbarlich wohnet der Mensch noch mit dem Acker zusammen.
Seine Felder umruhn friedlich sein ländliches Dach,
Traulich rankt sich die Reb empor an dem niedrigen Fenster,
Einen umarmenden Zweig schlingt um die Hütte der Baum.
Glückliches Volk der Gefilde! noch nicht zur Freiheit erwachet,
Teilst du mit deiner Flur fröhlich das enge Gesetz.
Deine Wünsche beschränkt der Ernten ruhiger Kreislauf,
Wie dein Tagewerk, gleich, windet dein Leben sich ab!
Aber wer raubt mir auf einmal den lieblichen Anblick?
Ein fremder Geist verbreitet sich schnell über die fremdere Flur!
Spröde sondert sich ab, was kaum noch liebend sich mischte,
Und das Gleiche nur ists, was an das Gleiche sich reiht:
Stände seh ich gebildet, der Pappeln stolze Geschlechter
Ziehn in geordnetem Pomp vornehm und prächtig daher,
Regel wird alles, und alles wird Wahl und alles Bedeutung,
Dieses Dienergefolg meldet den Herrscher mir an.
Prangend verkündigen ihn von fern die beleuchteten Kuppeln.
Aus dem felsigten Kern hebt sich die türmende Stadt ....



Anders als Heidelberg lässt sich Marbach nun kaum als 'türmende Stadt' bezeichnen. Zumindest hier ist ein Besuch auch wirklich empfehlenswert - und Schillers Geburtshaus  (es ist das mittlere auf dem nebenstehenden Photo) ohne größere Probleme auffindbar. Die junge Familie Schiller bewohnte dort ein recht kleines Zimmer und eine noch kleinere Küche im Erdgeschoß. Mit der freundlichen Kustodin hatte ich einen kleinen Schwatz über Rüdiger Safranskis Schiller-Biografie - es sei hier verraten, dass sie sie, anders als ich, nicht sonderlich schätzt..

In Anbetracht der hochsommerlichen Temperatur ersparte ich mir den Besuch des Schiller-Nationalmuseums und des Deutschen Literaturarchivs sondern suchte stattdessen in der Mittleren Holdergasse die ehemalige Salzscheuer auf, wo Herr Baader eigenhändig ein sehr wohlschmeckendes und bekömmliches Bier braut und ausschenkt. Eindeutig die größere Attraktion ...


Auf solche Art gestärkt, lässt es sich behaglich im Schatten sitzen und wenn man genug geplaudert hat greift man zum Vademecum und liest ein wenig. Zum Beispiel dieses hier - weil's so schön ist, ungekürzt:


"Glaub ich", sprichst du, "dem Wort, das der Weisheit Meister mich lehren,
Das der Lehrlinge Schar sicher und fertig beschwört;
Kann die Wissenschaft nur zum wahren Frieden mich führen,
Nur des Systemes Gebälk stützen das Glück und das Recht?
Muß ich dem Trieb mißtraun, der leise mich warnt, dem Gesetze,
Das du selber, Natur, mir in den Busen geprägt,
Bis auf die ewige Schrift die Schul ihr Siegel gedrücket
Und der Formel Gefäß bindet den flüchtigen Geist?
Sage du mirs, du bist in diese Tiefen gestiegen,
Aus dem modrigten Grab kamst du erhalten zurück,
Dir ist bekannt, was die Gruft der dunklen Wörter bewahret,
Ob der Lebenden Trost dort bei den Mumien wohnt.
Muß ich ihn wandeln, den nächtlichen Weg? Mir graut, ich bekenn es!
Wandeln will ich ihn doch, fuhrt er zu Wahrheit und Recht." -
Freund, du kennst doch die Goldene Zeit, es haben die Dichter
Manche Sage von ihr rührend und kindlich erzählt!
Jene Zeit, da das Heilige noch im Leben gewandelt,
Da jungfräulich und keusch noch das Gefühl sich bewahrt,
Da noch das große Gesetz, das oben im Sonnenlauf waltet
Und verborgen im Ei reget den hüpfenden Punkt,
Noch der Notwendigkeit stilles Gesetz, das stetige, gleiche,
Auch der menschlichen Brust freiere Wellen bewegt,
Da nicht irrend der Sinn und treu, wie der Zeiger am Uhrwerk,
Auf das Wahrhaftige nur, nur auf das Ewige wies? -
Da war kein Profaner, kein Eingeweihter zu sehen,
Was man lebendig empfand, ward nicht bei Toten gesucht,
Gleich verständlich für jegliches Herz war die ewige Regel,
Gleich verborgen der Quell, dem sie belebend entfloß.
Aber die glückliche Zeit ist dahin! Vermessene Willkür
Hat der getreuen Natur göttlichen Frieden gestört.
Das entweihte Gefühl ist nicht mehr Stimme der Götter,
Und das Orakel verstummt in der entadelten Brust.
Nur in dem stilleren Selbst vernimmt es der horchende Geist noch,
Und den heiligen Sinn hütet das mystische Wort.
Hier beschwört es der Forscher, der reines Herzens hinabsteigt,
Und die verlorne Natur gibt ihm die Weisheit zurück.
Hast du, Glücklicher, nie den schützenden Engel verloren,
Nie des frommen Instinkts liebende Warnung verwirkt,
Malt in dem keuschen Auge noch treu und rein sich die Wahrheit,
Tönt ihr Rufen dir noch hell in der kindlichen Brust,
Schweigt noch in dem zufriednen Gemüt des Zweifels Empörung,
Wird sie, weißt dus gewiß, schweigen auf ewig wie heut,
Wird der Empfindungen Streit nie eines Richters bedürfen,
Nie den hellen Verstand trüben das tückische Herz —
O dann gehe du hin in deiner köstlichen Unschuld,
Dich kann die Wissenschaft nichts lehren. Sie lerne von dir!
Jenes Gesetz, das mit ehrnem Stab den Sträubenden lenket,
Dir nicht gilts. Was du tust, was dir gefällt, ist Gesetz,
Und an alle Geschlechter ergeht ein göttliches Machtwort,
Was du mit heiliger Hand bildest, mit heiligem Mund
Redest, wird den erstaunten Sinn allmächtig bewegen,
Du nur merkst nicht den Gott, der dir im Busen gebeut,
Nicht des Siegels Gewalt, das alle Geister dir beuget,
Einfach gehst du und still durch die eroberte Welt.

Montag, 19. April 2010

Gelbe Kraniche und blaue Hunde

Die Art, wie Cen, das große Kriechtier, sich anderer Menschen anzunehmen pflegte, war jederzeit schlagfertig und blitzartig, wie wenn Perlen rollen, wie wenn man Edelsteine hin- und herdreht. Er wollte, dass die Leute, wenn sie vor ihm standen, auf der Stelle ganz genau begriffen, was er meinte.

Ich möchte heute an meinen letzten Eintrag anknüpfen - also am 36. Fall des Biyan Lu. Der einleitende Absatz stammt aus Yuanwu Keqins Kommentar zu dem Beispiel. Mit  der Bezeichnung "das große Kriechtier", mit der Changsha hier bedacht wird, ist übrigens kein Reptil gemeint, sondern ein Tiger. Wie Changsha zu seinem Spitznamen 'Tiger' kam, kann man in Yuanwus Kommentar ebenfalls nachlesen, oder auch in diesem Blog, das erst kürzlich Changsha (jap. Chosa) einen Eintrag gewidmet hat.

Yuanwus Kommentar, der sich auf den letzten Satz des Koan bezieht, will hier Changshas Fähigkeit verdeutlichen, das Kommunikationsmuster des Aneinander - Vorbeiredens zu durchbrechen und seinem Gesprächspartner dabei auch noch zu einer Einsicht zu verhelfen. Yuanwu illustriert das mit einer kleinen Anekdote. Sie erzählt von dem hochrangigen Literaten Zhang Zhuo, der sich bemühte, den Weg Buddhas zu ergründen und zu diesem Zweck das Sutra der Namen Buddhas (佛名經) studiert hatte, das die Namen der jeweils tausend Buddhas des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Kalpas nennt. Nun kam er zu Changsha, um sich (wohl nicht ganz ohne ironischen Unterton) zu beklagen, dass er nun von tausenden Buddhas zwar die Namen kenne, es ihn aber mehr interessiere, wo sie denn seien und ob sie zum Heil der Welt eigentlich irgendetwas beitrügen.

Sutra der Buddhanamen - Dunhuang-Manuskript

Changsha verwies als Antwort auf ein Gedicht, das dem Literaten Zhang Zhuo selbstverständlich gut bekannt war - Cui Haos Gedicht 'Der Turm zum Gelben Kranich' - und fragte, ob er, Zhang Zhuo, wohl selbst einmal dieses Thema in einem Gedicht behandelt habe. Als Zhang Zhuo verneinte, empfahl ihm Changsha, doch künftig einmal ein wenig Muße darauf zu verwenden.

Nun muss man wissen, dass der Turm zum Gelben Kranich einer der berühmtesten Türme Chinas ist. Er steht auf dem Schlangenhügel in der heutigen Millionenstadt Wuhan und bietet einen großartigen Ausblick auf den Yangtze-Fluss und auf Hanyang, früher eine eigene Stadt auf dem gegenüber liegenden Ufer, heute ein Teil Wuhans. Im Fluss selbst gab es früher eine mittlerweile verschwundene Insel, den Papageiensand.

Der Turm, der heute den Namen des Gelben Kranichs trägt und auf dem Foto oben zu sehen ist, stammt aus dem Jahr 1981 - der Turm wurde im Lauf der Jahrhunderte acht mal zerstört und wieder aufgebaut. Der erste Bau stammte aus dem Jahr 223 und war eine Grenzbefestigung des Königreichs Wu. Dieser ursprüngliche Turm stand noch zu Zeiten der Tang-Dynastie (618-907), wo er längst seine militärische Funktion verloren hatte und zu einem Treffpunkt für Dichter geworden war, die sich von der großartigen Szenerie inspirieren ließen und dort auch das eine oder andere Gelage feierten. Mit dem Turm selbst hatte sich die Legende des taoistischen Unsterblichen Wang Zian verbunden, der vom Schlangenhügel auf dem Rücken eines gelben Kranichs in die Unendlichkeit geflogen sein soll.

Natürlich war - bedingt durch die illustren Besucher - der Turm häufig Gegenstand von Gedichten. Doch das erwähnte Gedicht Cui Haos, das etwa hundert Jahre vor dem Gespräch Changshas mit Zhang Zhuo entstand, galt als so vollendet und unübertrefflich, dass es fortan niemand mehr wagte, den Turm zum Thema eines Gedichts zumachen, nicht einmal Cui Haos wesentlich berühmtere Zeitgenossen Li Bai und Du Fu (vgl. hier). Verständlich, dass auch Zhang Zhuo sich einer solchen Aufgabe nicht gewachsen fühlte - verständlich auch, dass Changsha ihn darauf hinwies, dass mit dem Lesen alter Geschichten nichts gewonnen ist (der Leser stelle sich bitte vor, dass ich hier ein wenig mit den Augen zwinkere).

Es gibt eine Übersetzung von Cui Haos Gedicht von Günther Debon, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte, auch wenn der einzigartige Ruf, den dieses Gedicht unter chinesischen Literaten genießt, dadurch vielleicht nicht so recht nachvollziehbarer wird:

Cui Hao
Der Turm zum Gelben Kranich


Auf seinem gelben Kranich flog der Weise vorzeiten fort,
Der Turm zum Gelben Kranich blieb allein am leeren Ort.

Und ist der Kranich einmal fortgeflogen, bleibt er uns weit.
Die Wolken aber fluten still dahin in Ewigkeit.

Dort überm Strom, ganz klar, sieht man die Bäume von Hanyang blühn;
Und auf dem Papageiensand der Gräser duftendes Grün.

Die Sonne sinkt hinab. Sagt mir, wo liegt der Heimat Erde?
Das Nebelwogen auf dem Strome macht, dass ich beklommen werde.


Das 'Tabu', den Turm nach Cui Hao zum Thema eines Gedichtes zu machen, wurde natürlich nicht von jedem so ernst genommen wie von unserem Literaten Zhang Zhuo, wie dieses Beispiel aus dem Jahr 1927 (das im Übrigen im Original die Form von Cui Haos Gedicht aufgreift) zeigt:

Mao Zedong
Der Turm zum Gelben Kranich


Weit, weit durchfließen die neun Ströme das Land
Dunkel, so dunkel fädelt sich die Linie von Süd nach Nord.

Verschleiert im dicken Dunst des Nebelregens
Halten Schildkröte und Schlange den großen Fluss gefangen.

Der Gelbe Kranich ist entflohn, wer weiss wohin?
Geblieben ist nur dieser Turm als Sehenswürdigkeit.

Ich opfere meinen Wein der brausenden Strömung,
Die Gezeit meines Herzens schwillt an mit den Wellen.


Nun ja ....

Mein persönlicher Favorit zu diesem Thema ist ein Gedicht des großartigen Li Bai, das - wenn die Geschichte mit dem 'Tabu' denn wahr ist - wohl kurz vor Cui Haos Gedicht entstanden sein muss. Die Übersetzung ist diesmal von Günter Eich. Der im Titel genannte Meng Hau-jan (Meng Haoran) ist ein weiterer berühmter Dichter der Tang-Ära.

Li Bai
Abschied für Meng Hau-jan im Haus "Zum Gelben Kranich"

Vom Haus zum Gelben Kranich hat der Freund Abschied genommen.

In Dunst und Blüte des Aprils ist seine Barke flussab geschwommen.

Einsames Segel, ferner Schatten, der im blauen Horizont entschwindet -

Ich sehe nur den weiten Strom noch, der zuletzt im Himmel mündet.

Ein Abschied im April - ich bitte um Nachsicht mit einem sentimentalen Narren, wenn ich da noch (versprochen, zum letzten Mal) einen weiteren Abschiedgruß anfügen möchte:

Freitag, 12. Februar 2010

Drei heisse Tassen Tee

Ein wenig lässt der Vorfrühling nun wohl doch noch auf sich warten. Man muss es halt nehmen, wie's kommt und geht. Auch das Wetter ...



Also noch keine Zeit für Frühlingsgedichte. Das lässt sich verschmerzen - gibt es doch Wintergedichte reichlich. Sie sind nicht so selten wie unser Beispiel vom letzten Sonntag, das sich dem Schwebezustand zwischen Nicht-mehr-Winter und Noch-nicht-Frühling widmete. Dazu vielleicht ein ander Mal mehr, wenn die Zeit gekommen ist. Heute soll es Liu Zongyuan sein, ein Zeitgenosse des letzten Sonntag zitierten Bo Juyi und wie dieser ein in der Politik Gescheiterter.

schneefluss

tausend hügel, kein vogel am himmel
zehntausend pfade, keines menschen spur
einsames boot, alter mann mit strohhut
alleine fischend im kalten schneefluss

Nun, ein Fischer war gestern auf der Nahe nicht unterwegs. Schon gar keiner mit Strohhut. Dafür kann man auf obigem Bild bei genauem Hinsehen meinen Wandergefährten Charly entdecken. Den einsamen Angler möchte ich stattdessen hier mit einem Bild des alten 'Eine-Ecke-Ma' nachliefern:


Seinen Spitznamen erhielt Ma Yuan wegen der Marotte, sich damit zu begnügen, lediglich eine Ecke seiner Bilder zu bearbeiten und den Rest der Vorstellungskraft des Betrachters anheim zu stellen. Eine Absicht, die hier freilich durch Beschneiden und mein exzessives Geschreibsel zunichte gemacht wird. Dafür lässt sich auf dem Bild hier aber auch noch etwas erkennen, was bei einer Darstellung des kompletten Formats deutlich schwieriger sein dürfte ....

Um auf Liu Zongyuans Gedicht zurück zu kommen - das kann einen schon frösteln lassen. In der Tat, verglichen mit Bo Juyi vermisst man hier die Heiterkeit und Wärme, die man bei seinem berühmteren Kollegen selbst in einem Wintergedicht finden kann, etwa in diesem hier:

Späte Heimkehr auf der Straße von Pingquan an einem Wintertag

Wie beschwerlich, auf dem Bergpfad zu reisen.
Schon steht die Sonne tief.
Im vernebelten Dorf ein eisiger Baum
Dient einer Krähe zum Sitz.
Vor Einbruch der Nacht komm ich nicht an,
Doch kümmert mich dies nicht .
Drei heisse Tassen Tee getrunken

Und ich bin zu Haus.

So habe auch ich es heute gehalten und ohne Bedauern die letzten Krümel eines Dai Hong Pao ihrer Bestimmung zugeführt. Dai Hong Pao ('Große Rote Robe') ist einer der berühmten Wuyi-Tees aus Fujian. Dieser 'Klippen-' oder 'Felsen-Tee' (Yan Cha) wächst in den stark zerklüfteten Wuyi–Bergen des Chong’an–Distrikts an der nordwestlichen Grenze Fujians zur Provinz Jiangxi. Zur Ernte an den steilen Hängen und Felswänden sollen früher z. T. dressierte Affen eingesetzt worden sein. Er war bereits zu Zeiten der Song-Dynastie (960-1279), gegen deren Ende der oben vorgestellte 'Eine-Ecke-Ma' wirkte, berühmt als kaiserlicher Tribut-Tee.

Yan Cha ist eine Sammelbezeichnung für die Oolongs aus diesem Gebiet, die alle in recht geringen Mengen von einer speziellen Varietät des Teestrauchs, dem Ming Cong, produziert werden. Der vielleicht berühmteste unter ihnen ist der Dai Hong Pao, die ‚Große Rote Robe’ aus dem Tian-Xing - Garten. Von vergleichbarem Ruf sind der Ching Yuan (Goldmünze) vom Fu Guo und der Pai Ji Kuan (Weißer Hahnenkamm) aus dem Hui Yuan - Garten.

Diesen Tee hatte ich vor fast einem Jahr auf der Rheinland-Pfalz-Ausstellung in Mainz erstanden, wo die Wuyi Star Tea Company aus Fujian (Rheinland-Pfalz pflegt mit dieser Provinz eine besondere Partnerschaft) einen üppig ausgestatteten Stand unterhielt, an dem ansehnliche junge Damen Kostproben ausschenkten. Ich hatte mich dort vor allem mit einer größeren Menge eines sehr leckeren Shui-Xian-Ooolongs eingedeckt - und eben mit Dai Hong Pao, der trotz der bescheidenen 15g Packungsinhalt geradezu obszön teuer war. Allerdings ist bei diesem Tee noch der 7. Aufguss ein Genuss. Also werde ich bei der diesjährigen Ausstellung Ende März für Nachschub sorgen - vorausgesetzt, die freundlichen Damen und Herren aus Fujian sind dann auch wieder da. Bis dahin werde ich mich zum Aufwärmen wohl oder übel anderer Mittel bedienen müssen.

Sonntag, 7. Februar 2010

Bessere Herren im Vorfrühling

Der Februar scheint für poetische Gefühle eine denkbar ungeeignete Zeit zu sein - jedenfalls ist dies bislang dieses Jahr so. Zwar nun endlich "vom Eise befreit sind Strom und Bäche", um mit dem Herrn Geheimrath zu reden, doch auf "des Frühlings holden, belebenden Blick" gilt es noch ein wenig zu warten - bis zum Osterspaziergang ist noch eine Weile hin ...

Um so mehr sehnt sich der Mensch in diesen ungemütlichen Zeiten nach Geborgenheit und Sicherheit. Ein optimaler Zeitpunkt für verantwortungsbewusste Menschen, sich dieser Sorgen anzunehmen. Alle Jahre wieder ...

Blick in den Konferenzsaal. Foto: Kai Moerk


Das wiederum - wofür die Münchener Sicherheitskonferenz, vormals unter dem freilich weniger Behaglichkeit und Zuversicht vermittelnden Titel ''Wehrkundetagung' bekannt, ein Paradebeispiel ist - ist nun doch wieder ein geeignetes Sujet für Dichter von Format. Zur Verdeutlichung der überzeitlichen, zutiefst menschlichen Aspekte solcher Ereignisse möchte ich denn auch einen schon etwas älteren Dichter auswählen: Bo Juyi (772–846) .

Bo Juyi war konfuzianisch erzogen, wandte sich jedoch schon früh dem Buddhismus zu. 801 wurde er Lektor der kaiserlichen Bibliothek. Er kritisierte freimütig das Parasitentum der Eunuchen, die gnadenlose Ausbeutung der Bauern und die unmenschliche Strafjustiz - was ihm eine enorme Popularität aber begreiflicherweise auch erbitterte Feindschaften einbrachte. 814 wurde er kaltgestellt, ein Jahr später wegen einer unerbetenen Eingabe strafversetzt. 820 wurde er vom neuen Kaiser Muzong rehabilitiert und in der Folgezeit als einer der größten Dichter seiner Zeit anerkannt. In der Tat gehört er mit Du Fu und Li Bai zu den größten Dichtern der Tang-Dynastie. Und er war einer der produktivsten Dichter überhaupt: 3800 Gedichte von ihm sind überliefert.

Auf eine eigenhändige Übersetzung kann ich hier verzichten, da sich der große Günter Eich dieses Dichters angenommen hat.

Bessere Herren

Die mit den Pferden fast die Straße sperren,
Ihr Reitgeschirr seh ich im Staube blitzen.
Wer sind sie, die so stolz im Sattel sitzen?
Vom Hofe, sagt man, hochgestellte Herren.

Die im Zinnoberrock sind aus der Staatskanzlei,
Die mit den Purpurschnüren Generale,
In das Kasino reiten sie zum Mahle,
Die Kavalkade zieht wie ein Gewölk vorbei.


Aus Krug und Bütten schenkt man die Getränke,
Das Wasser wie das Land reicht Leckerbissen dar,
Vom Dung-ting-See Orangen wunderbar,
Geschnittnes Fleisch, Pasteten, Hecht und Renke.

Es ist gemütlich, wenn man satt gegessen,
Der Wein belebt die Stimmung ungemein.
Im Süden trockneten die Felder ein,
In Tjü-dschou hat man Menschenfleisch gegessen.


Bliebe noch das Menu nachzutragen, das den illustren Gästen gestern als Mittagsmahl gereicht wurde: als Vorspeise Salat von bayerischen Flusskrebsen mit Friséespitzen und Aprikosenchutney, als Hauptgang Hüfte vom Ruppiner Weide-Lamm in Senfsaat gehüllt mit Aromatenjus an provenzalischem Gemüse und gratinierten Rahmkartoffeln, als Dessert Blutorangen-Crème-Brûlée mit Gewürzkuchen und Pflaumensauce. Zur Vorspeise wurde ein Riesling oder Chardonnay empfohlen, zum Hauptgang ein leichter Rotwein, zum Beispiel ein Trollinger.

Um auf etwas Anderes zurückzukommen - Bo Juyi war nicht nur ein kritischer Geist, er gehörte auch zu jenen Dichtern, die durchaus etwas mit dieser unspektakulären Jahreszeit des Spätwinters / Vorfrühlings anfangen können, wie das folgende Beispiel aus seiner Verbannungszeit zeigt. Auch hier ist wieder Günter Eich unser Dolmetscher:

Vorfrühling am Mäander-See

1
Vom
Amt beurlaubt bin ich ungebunden,
Mein dürrer Klepper braucht mich nicht zu tragen.
Ich geh durchs Tor, wenn es beginnt zu tagen,
Am See hab ich den Frühling schon gefunden.


2
Der Wind hebt an, von Osten weich zu wehen.
Die Wolken öffnen sich. Die Berge hellen auf.
Das Eis zerschmilzt. Es brechen Quellen auf.
Der Schnee zerrinnt, lässt erste Gräser sehen.

3
Betaute Aprikosenknospe will sich röten.
Aus Nebel taucht der Weide unvollendet Grün.

Wildgänse: träge Schatten die vorüberziehn.
Verhalten fängt die Amsel an zu flöten.

4
Voll Frieden sind das Herz und das Gelände
Und wie das schöne Licht die Augen rein.
Im Rausch fühl ich der Welt mich nahe sein.
Mir half der Wein: die Krankheit ist zu Ende.

5
Zu bummeln ist der Taugenichtse Sache.
Das Einfache begehrt, wer in der Stille lebt.
Denk ich der Säle voller Bücher, lache
Ich, denen ungleich, die nach Ruhm gestrebt.


Mittwoch, 18. November 2009

Tee, Lu Tong und Hölderlin

Keine Angst - das gibt hier keine geistesgeschichtliche Abhandlung. Nur wollte ich zur Eröffnung dieses Blogs nicht gerade etwas über Buddhismus bzw. Zen schreiben. Oder doch? Wie auch immer ... Zu den Dingen, an denen ich mit Vorliebe anhafte, gehören gute Gedichte und guter Tee. Beides Dinge, die wunderbar zusammenpassen. Warum also nicht dieses Blog mit einem Beispiel meiner persönlichen Obsessionen beginnen?

Zur Zeit der Tang-Dynastie lebte im 'Klausengebirge' Lu Shan ein merkwürdiger Mann. Sein Name war Lu Tong; er wurde im Jahr 798 geboren. Obwohl er das zurückgezogene Leben eines taoistischen Einsiedlers führte, so wurde er doch weithin als Dichter und vor allem als Teemeister geschätzt und bewundert, worauf schon sein Literatenname 'Jadequelle' hinweist: 'flüssige Jade' ist ein poetischer Ausdruck für Tee. Er übte sich im Wu-Wei, in absichtsloser, spontaner Aktivität - und diese Aktivität war vor allem das Rezitieren von Gedichten und die Zubereitung von Tee. Er war dem Tee so sehr zugetan, dass manche seiner Zeitgenossen ihn für verrückt hielten. Eine Zeile eines seiner Gedichte, die ihn wohl am besten charakterisiert, lautet:

Mich kümmert nicht Unsterblichkeit - nur der Geschmack von Tee.

Etwa hundert Gedichte sind von ihm überliefert – darunter das berühmteste Tee-Gedicht überhaupt; der immer wieder zitierte 'Gesang von den sieben Schalen Tee'. Er gehört zu einem längeren Gedicht, das den etwas umständlichen Titel trägt: 'Dankschreiben an Zensor Meng für eine Sendung frisch gepflückten Tee'.

Der Zensor Meng, dem das Gedicht gewidmet ist, war wohl ein Nachkomme des konfuzianischen Philosophen Meng Zi (Mencius) und hatte als solcher (wie auch die Nachkommen des Kung Zi / Konfuzius) ein Erbamt am kaiserlichen Hof inne – er durfte und sollte den Lebenswandel des Kaisers begutachten und - wenn notwendig - kritisieren. Kein ganz ungefährliches Amt … So ist auch der augenzwinkernde Humor des letzten Verses zu verstehen, wo der Taoist Lu Tong den so überaus wichtigen konfuzianischen Hofbeamten mit leiser Ironie bedenkt.


Dankschreiben an Zensor Meng
für eine Sendung frisch gepflückten Tees


hoch stand die sonne schon am himmel,
als tief ich noch im schlafe lag -
da reisst mit schlägen an das tor
ein offizier mich aus den träumen.

er sagt, der zensor sende mir
ein schreiben – zur beglaubigung
baumeln drei siegel an der hülle
aus schwerer, steifer, weisser seide.

das siegel geöffnet - und schon
seh ich des zensors gesicht vor mir.
er schickt dreihundert päckchen tee -
handverlesen, wie monde geformt -

zum verkosten, denn im neuen jahr
schreckten schritte auf einem bergpfad
die mücken aus dem winterschlaf
erwachend mit dem frühlingswind.

der kaiser selbst, er muss noch warten
auf den geschmack des yang-xian-tees
und etliche kräuter wagen
noch nicht, schon die blüten zu öffnen.

in freundlicher brise reifen
in keim und knospe verborgen
wie perlen, noch ehe der frühling
sie austreibt, die goldgelben sprossen.

frisch gepflückt, am feuer getrocknet,
noch duftend gerollt und verpackt,
ward ihre essenz aufs beste,
wahrlich unübertrefflich bewahrt.

eine zu große ehre ist dies
für mich, die kaiser und fürsten
nur gebührt; wie kam dies geschenk
zur hütte des mannes der berge?

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das tor aus reisig schließe ich,
so dass kein ungeschliffner gast
mir nahekommen möge;
die seidenkappe setz ich auf,
für mich in meiner weidenhütte
ihn aufzugiessen und zu trinken.

da steigen jadewolken auf,
doch ohne dass ihr hauch
das treiben weisser blüten störte
deren leuchten sich verdichtet
auf der schale spiegel.

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die erste schale tee, sie netzt
mir kehle und lippen, die zweite
zerbricht meine melancholie.

die dritte schale aber sickert
mir tief ins gemüt, das verdorrt
von den worten tausender bücher war.

die vierte schale tee
ruft leichtes schwitzen hervor,
befriedet allen kummer des lebens

und treibt ihn zu den poren hinaus.
die fünfte schale tee, sie klärt
und reinigt mich durch und durch.

die sechste schale macht meinen geist
den unsterblichen zum genossen -
die siebte zu trinken vermag ich nicht.

und doch erwachen mir flügel, sie tragen
mich geläutert im wind des lebens.

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wie verweilt man in jenen bergen,
wo die unsterblichen wohnen?
jadequell reitet diesen reinen wind,
heimkehr ersehnend nimmt er abschied,

zu jenen bergen, in deren mitte
unsterbliche die niedere erde regieren;
zum reinen, erhabenen thron der welt
jenseits von wind und regen.

wo friedvolles verstehen ist
der zahllosen schicksale rastlosen lebens -
das in stetem verfall, wie ein sturz in den abgrund
sein bitteres los empfängt.

gelegentlich werd ich den zensor befragen
über dieses geschäftige leben:
ob es nicht erfüllung kennt,
sammlung, erlangen, erneuerung, ruhe.


Im Jahr 835 kam Lu Tong auf Einladung des Zensors Meng an den Hof des Kaisers Li Ang (Tang Wen Zong, 826-840). Ob er Gelegenheit fand, den Zensor über das "geschäftige Leben" zu befragen, weiss man nicht. Jedenfalls aber erfuhr er nun selbst eines jener "zahllosen Schicksale rastlosen Lebens, das in stetem Verfall, wie ein Sturz in den Abgrund, sein bitteres Los empfängt".

Lu Tong geriet in die Wirren des "Tau-Zwischenfalls". Der Kaiser und einige seiner Vertrauten wollten die Herrschaft der Palasteunuchen brechen, die längst die eigentlichen Machthaber geworden waren und schon Li Angs Vorgänger ermordet hatten. Es wurde das Gerücht gestreut, ein Granatapfelbaum im Palast sei mit Tau bedeckt - und dort wurde ein Hinterhalt gelegt. Die Eunuchen wurden eingeladen, das günstige Omen des betauten Baumes in Augenschein zu nehmen; jedoch wurde der Anschlag vorzeitig entdeckt und der Kaiser als Geisel genommen. Er wurde bis zu seinem Tod unter Hausarrest gestellt und etwa zweitausend tatsächliche und angebliche Verschwörer wurden geköpft – darunter auch Lu Tong, dem sein hochrangiger Freund und Gönner nun zum Verhängnis wurde.


Wenn ich die letzten Verse - den vierten Abschnitt - dieses Gedichtes lese, kommt mir unweigerlich ein anderes Gedicht in den Sinn - eine Resonanz, ein ergänzendes Gegenstück aus anderem Blickwinkel, durch ein Jahrtausend und eine halbe Welt getrennt: 'Hyperions Schicksalslied' von dem unglücklichen Friedrich Hölderlin:

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.