Mittwoch, 16. Dezember 2009

Beim Klang der Glocke

Im Eiheiji, der von Dogen gegründeten Übungsstätte in den Tannenwäldern der Provinz Echizen, hängt unterhalb des Sammon, des Haupttores des Klosters, die Große Glocke, O-bonsho oder Kyosho.



Morgens gegen halb vier wird in der Wohnhalle Sodo zum Wecken die Zeit geschlagen; die Stunde mit einer Trommel, die Minuten mit einem Gong, dem Koten. Nach etwa einer halben Stunde Zeit für das Waschen gehen zwei Mönche mit Handglocken, Shinrei genannt, durch sämtliche Gebäude. Danach schlägt die Kyosho zum Beginn des Tages. Die Mönche und Novizen sitzen in der Sodo an ihrem Schlafplatz in Zazen, bis ein weiterer Schlag der Kyosho etwa 40 Minuten später das Ende des Zazen anzeigt. Dann werden ein großer Gong, der Dai Kaijo, und ein kleines Holzbrett in schnellem Wechsel miteinander geschlagen und schließlich die Glocke der Sodo, die Naitansho. Dies nennt man Chukaisho, das 'Lösen der gekreuzten Beine'. Danach wird das Takkesa Ge rezitiert und das Kesa angelegt, bevor alle zur Haupthalle Hatto zur Choka gehen, der Morgenzeremonie. Den Tag über werden in der Hatto und der Zendo kleinere Glocken, Densho genannt, benutzt. Auch das Ende des Tages wird nicht durch die Kyosho angezeigt, sondern durch die Abendglocke Konsho, die am Schrein Dogens, dem Joyoden, steht.

Der einzige Tag, an dem die Kyosho mehr als zweimal schlägt, ist der letzte Tag des Jahres. In der Neujahrsnacht wird die Kyosho hundertacht mal angeschlagen - hundertsieben mal vor Mitternacht; mit dem letzten Schlag beginnt das neue Jahr. Die Glockenschläge gemahnen an die hundertacht Bonno, die aus Unwissenheit, Hass und Gier geborenen Selbsttäuschungen.

Die Stadt Hiroshima hat eine Kyosho, die nicht an Neujahr geläutet wird. Sie wird jedes Jahr am Morgen des 6. August hundertacht mal angeschlagen - der letzte Schlag ist um 8.16 Uhr. Am 06.08.1945, um 8.16 Uhr Ortszeit, zündete 'Little Boy'. 45.000 Menschen starben sofort oder noch am gleichen Tag. Die, bei denen das Sterben länger dauerte, suchten in der Trümmerwüste Schutz vor schwarzem Regen – 91.000 Verletzte ohne Obdach. Weitere 13.000 Menschen starben im Laufe der nächsten drei Wochen einen schweren Tod. Nach vier Monaten waren es 64.000 Tote. Die Spätfolgen forderten noch einmal so viele Opfer - insgesamt 136.000, etwa 45 mal so viel, wie 2001 durch den Anschlag auf das World Trade Center ums Leben kamen. Drei Tage nach 'Little Boy' zündete über Nagasaki 'Fat Man' und forderte weitere 64.000 Opfer.

In den achtziger Jahren stiftete die DDR der Stadt Nagasaki eine Stele für ihren Friedenspark. Japan bedankte sich mit einer Friedensglocke, die seit dem 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs (also seit dem 01.09.1989) im Volkspark Friedrichshain in Berlin steht - auf einem Hügel, den Trümmerfrauen aus dem Schutt der zerbombten Häuser Berlins aufgetürmt hatten.

Mittlerweile gibt es weltweit 24 solcher Friedensglocken – und es gibt schätzungsweise 30.000 Atombomben. Seit der Räumung des Luftwaffenstützpunktes Ramstein im Jahr 2005 sind immer noch etwa 20 Wasserstoffbomben vom Typ B-61 in Deutschland auf dem Fliegerhorst Büchel stationiert, unweit des romantischen Moselstädtchens Cochem. Fliegerbomben mit einer Sprengkraft von 340.000 Tonnen TNT. Little Boy hatte gerade mal 13.000 Tonnen. Diese Wasserstoffbomben sollen im Ernstfall von den Tornado-Piloten des Bundeswehr-Jagdbombergeschwaders 33 abgeworfen werden. Worauf auch immer. Ein im Februar 2008 freigegebener Untersuchungsbericht der US-Luftwaffe („Blue Ribbon Review of Nuclear Weapons Policies and Procedures") bescheinigt übrigens, dass es in Deutschland und in den übrigen Stationierungsländern Europas (Niederlande Belgien, Italien) erhebliche Sicherheitsmängel gibt.

Mitglieder der 704. Munitionsversorgungsschwadron in Ghedi Torre,
Italien, üben die Wartung einer B-61-Wasserstoffbombe in einem
Munitions-Versorgungsfahrzeug.
Quelle: USAF


Jeden Morgen schlägt die große Glocke des Eiheiji und die Mönche und Novizen legen ihr Kesa an. Jeden Abend schlägt die kleine Glocke in meinem Schlafzimmer. Sie schwingt im Gleichklang mit der Kyosho des Eiheiji, mit der Glocke in der Zendo der Altbäckersmühle und den 24 Friedensglocken. Mit den Klängen der Musik Johann Sebastian Bachs und der aktuellen MTV-Hits, mit den Stimmen der Kinder, die auf der Gasse vor unserem Haus Fußball spielen, den Stimmen des Chors, der im Gemeindehaus gegenüber probt, den Stimmen der Nachrichtensprecher im Fernsehen, mit den Detonationen der Bomben, dem Seufzen der Sterbenden. Wenn ich still bin, kann ich sie alle hören. Es ist ein einziger Klang.

Meister Ummon fragt: "Die Welt ist groß und weit. Warum legst Du beim Klang der Glocke Deine Sieben-Streifen-Robe an?" Ich weiss es nicht. Ich habe keine Wahl.

Kommentare:

  1. Die Frage, warum man die Oberrobe (Uttarasanga) anlegt, wenn man durch das Glockensignal gerufen wird zur Andacht, zum Essen, zur Versammlung etc. zu kommen eröffnet eine Vielfalt von möglichen Gedankengängen. Möglich wäre beispielsweise der Gedankengang, warum man überhaupt Mönch geworden ist, oder auch eine Einsicht in die bedingte Enstehung von Abläufen und Vorgängen. Auch die Betrachtung über Ohr-Ton-Höhrbewußsein... Paticca-samuppada (engi)Ketten, resultierend in Empfindungen, meist eben dukkha. Im Yunmen Guanglu (Unmon Koroku) finden ich die folgende Passage. Der Mönch antwortet aber nicht "Ich weiss es nicht. Ich habe keine Wahl."... 上堂因聞鐘鳴。乃云。世界與麼廣闊。為什麼鐘聲披七條?上堂云。不可雪上加霜去也。珍重。便下座。 aus:雲門匡真禪師廣錄 Vielleicht ist es die Übersetzung einer Variante aus einer der anderen Kompilationen. Wie auch immer. Der Topos des Roben-Anziehens und die Frage des Warum danach scheint öfters in den Yulus vorzukommen. Immerhin ist es ja ein Vorgang der jeden Tag viele Male wiederholt wird. Robe-Ausziehen, Zusammenlegen, Hinlegen...Aufheben, Ausfalten und Anziehen... [Auf und Nieder immer Wieder...] Das Anlegen der Robe ist für einen Mönch ein Thema von großer Bedeutung für Selbstverständnis und Lebenssinn. Sehr schöne Stelle Sogen-san. Danke. :-)

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  2. Werter Titadhammo,
    zunächst herzlichen Dank für Deinen Kommentar und meine Entschuldigung für die späte Veröffentlichung. Ich bin mit dem Bloggen noch nicht so recht vertraut und habe gerade erst (eher zufällig) das Register 'Kommentarmoderation' entdeckt.

    Ob mit "不可雪上加霜去也" ("man soll nicht Schnee auf Reif häufen") Ummon tatsächlich auf die von ihm selbst gestellte Frage antwortet? Sicher eine reizvolle Überlegung. Meister Ummon hört auf dem Weg zur Lehrhalle den Klang der Glocke (die eine Lehrdarlegung von ihm ankündigt) und fragt, warum er - wo doch die Welt so groß und weit ist - beim Klang der Glocke das Uttarasangha (das Sieben-Streifen-Kesa) anlegen soll. Ist das nun Folgende eine unabhängige Episode oder tatsächlich eine Fortsetzung?

    Mumon, der die Frage als 16. Präzedenzfall in sein Mumonkan aufnahm, hielt diese Antwort - wenn es denn tatsächlich eine sein sollte - jedenfalls nicht für wert, seine Präsentation der Frage zu ergänzen. Er beschränkt sich auf die Frage - nicht ohne Hinweise zu geben. Der abschließende Hinweis (ich zitiere Dietrich Roloffs Übersetzung):

    "Sag doch gleich, ob die Laute ans Ohr herangehen oder das Ohr sich den Lauten nähert! Sogar wenn du Töne und Stille beide vergessen hast - dort angekommen, was kannst du dazu sagen? Falls du es mit dem Ohr hören willst, ist es dementsprechend kaum zu verstehen. Wenn jedoch dein Auge der Ort ist, wo du die Laute hörst - erst dann bist du mit ihm vertraut."

    Wie auch immer - auch wenn "Man soll nicht Schnee auf Reif häufen" sich auf "Warum legst Du beim Klang der Glocke Deine Sieben-Streifen-Robe an?" beziehen sollte - meine Antwort ist das nicht. Meine Antwort ist "Ich weiss es nicht. Ich habe keine Wahl." Für's Erste ...

    Und das ist natürlich auch keine Antwort auf das 16 Koan des Mumonkan. Nur eine Antwort auf Ummons Frage.

    Herzliche Grüße und Gasshô,
    SoGen

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  3. Einen schönen Tag, werter SoGen,

    warum öffnen wir die Haustür, wenn es klingelt?
    Ist es nicht einfach - wenn dieses, dann jenes?

    Ich freue mich über deinen blog.

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