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Mittwoch, 22. August 2018

Über die Grenzen die Toleranz

Sie ist schon nicht mehr so ganz taufrisch, die letzte Ausgabe der 'Buddhismus Aktuell'. Trotzdem möchte ich mich hier, bevor die nächste Ausgabe erscheint, ein wenig mit dem dort veröffentlichten und meines Erachtens ausgesprochen lesenswerten Artikel des DBU-Ratsmitglieds Dr. Martin Ramstedt beschäftigen, der erfreulicherweise auch Online zur Verfügung steht. Eilige möchte ich bitten, zumindest die ersten beiden Absätze des Artikels zu lesen, da auch für mich das dort geschilderte Ereignis zum Anlass wurde, mich hier öffentlich zu äußern und ich daher darauf Bezug nehmen werde. Ein etwas anderer Blickwinkel als der Dr. Ramstedts sei mit der Wahl einer etwas anderen Überschrift bereits vorab angedeutet. Ich beziehe mich mit meinen Überlegungen allerdings nicht nur auf Dr. Martin Ramstedts Artikel und insbesondere den dort geschilderten Auftritt Dr. Kaltenbrunners auf der christlich-buddhistischen Dialog-Tagung in Hannover. Darüber hinaus beziehe ich mich auch auf andere Vorgänge um die DBU-Mitgliedsgemeinschaft BDD, die nach Erscheinen der letzten Nummer der BA Diskussionen nicht nur unter Buddhisten ausgelöst und zu einer erfreulich deutlichen Stellungnahme des Rates der DBU geführt haben.

Im Kern geht es nach meiner Auffassung bei diesen Diskussionen um die Gewaltfrage. Es mag überraschen, dass ausgerechnet im Zusammenhang mit einer buddhistischen Organisation wie der DBU diesbezüglich ein innerbuddhistischer Diskussionsbedarf besteht. Andererseits zeigen historische Beispiele etwa im japanischen oder tibetischen Buddhismus und auch aktuelle, wie etwa 969 und MaBaTha in Myanmar oder Bodu Bala Sena und Ravana Balakaya in Sri Lanka, dass auch buddhistische Organisationen immer wieder einen Klärungsbedarf in dieser Hinsicht haben. Es wäre ungerechtfertigte ethnozentrische Arroganz, einen solchen in Europa zu leugnen. Erfreulicherweise sind wir in Deutschland (noch) auf einem Level, wo es konkret um Rechte Rede geht. Aber was diese Diskussion so ernst macht, ist natürlich die Frage nach den karmischen Konsequenzen, die die kritisierten Aussagen auslösen können. Mir persönlich ist da der Verweis auf geschichtliche Erfahrungen gerade auch in Deutschland wichtig und darauf, dass uns der Vergleich oder Abgleich (was etwas Anderes ist als Gleichsetzung) mit historischen Erfahrungen dabei helfen kann, karmische Konsequenzen abzuschätzen und von daher die Heilsamkeit oder Unheilsamkeit solcher Aussagen zu beurteilen. Das wiederum ist das Kriterium dafür, ob wir es da mit Rechter Rede zu tun haben oder nicht.

Natürlich kann man nun fragen, was uns eigentlich die Rechte Rede Anderer angeht. Eine völlig berechtigte Frage und man sollte es auch durchaus ernst nehmen, wenn Fürsprecher Ole Nydahls dabei auf das Grundrecht freier Meinungsäußerung verweisen. Allerdings kann ich mich nicht immer des Eindrucks erwehren, dass da (ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt) ein Verwirrspiel mit dem Wechsel von Argumentationsebenen getrieben wird. Nicht jede zulässige freie Meinungsäußerung ist karmisch heilsam (also Rechte Rede) und nicht jede unrechte Rede ist strafbar. An einer Antwort auf die Frage, was das eigentlich uns angeht, möchte ich mich mittels eines Zitates von Helmut Gollwitzer versuchen. Gollwitzer spricht da von Verantwortung: "Verantwortung, das meint, dass ich mit meinen Ohren und mit meiner Seele einen Ruf höre, der an mich ganz persönlich ergeht, und dass ich ganz persönlich auf diesen Ruf antworte. [...] Und wir wissen, was aus dieser Verantwortung bei uns gewor­den, nein, gemacht worden ist." In dem Punkt "letzter persönlicher Verantwortung" liegt auch "der Punkt, an dem man widerstehen muss, wenn man nicht die Freiheit hoffnungslos preisgeben will". Und Gollwitzer spricht da auch eine Mahnung oder Warnung aus an die, die eben nicht "ganz persönlich auf diesen Ruf antworten" sondern auf Antworten Anderer vertrauen, die sich ihre persönliche Antwort vorweg nehmen lassen "durch eine andere freiwillig übernommene Autorität, oder sagen wir es in aller Deutlichkeit: in einer freiwillig übernommenen Knechtschaft".

Nun war Gollwitzer Theologe - Roshis, Lamas und Bhantes gab es zu dieser Zeit in Deutschland nicht. Aber das "und mit meiner Seele" in dem Zitat kann man ja schadlos beiseite lassen. Und auch den Begriff Freiheit sollte man gelegentlich für eine ganz andere Art Freiheit "hoffnungslos preisgeben" können, wie ich gerne einräume. Ich lese dieses Zitat aus der Perspektive eines Wegsuchers, der die Bodhisattva-Gelübde empfangen hat. Wenn man diese ernst nimmt, dann - so denke ich jedenfalls - ist dieser "Ruf", von dem Niemöller spricht, das 'Schreien der Welt' und das, was diesen aus Leiden geborenen Ruf ungehindert hört und mit karuṇā beantwortet, ist Avalokiteśvara. Das verweist auf die Übung, die durch Verblendung bedingte Hinderung des Hörens zu überwinden und dabei die pāramitās zu entwickeln. Alleine durch Hören entwickelt man die pāramitās nicht, sondern erst durch deren praktische Ausübung. In Gollwitzers Worten: durch das Übernehmen von letzter, persönlicher Verantwortung. Dann gehen uns auch solche Dinge wie die pauschale Diffamierung von Menschen anderer Religion, Ethnizität oder Hautfarbe etwas an. Erst recht deren mögliche Folgen.

Ganz besonders gilt diese Maxime der Übernahme von Verantwortung, wenn wir uns mit anderen Menschen verbinden, um als kleine Gemeinschaft in die große Gemeinschaft aller Wesen hinein heilsam zu wirken. Wenn wir also in dieser Absicht politisch handeln oder handeln wollen. Dabei die eigenen schwachen Kräfte mit denen Anderer zu verbinden und so zu bündeln, ist ein potentiell sehr mächtiges upāya und wie alle machtvollen upāya ein schwierig zu handhabendes. Ein solches upāya ist beispielsweise die DBU, die als gesellschafts- und religionspolitischer Akteur von Buddhisten in Deutschland konzipiert ist; die ihnen die Option eröffnet, mit solch einem upāya zu arbeiten. Wenn dies funktionieren soll, dann müssen die individuellen Handlungsimpulse, die gebündelt werden sollen, von gleicher oder zumindest hinreichend ähnlicher Intention getragen sein; von einem gleichen oder doch zumindest verwandten Verständnis von heilsamem Handeln mit Geist, Sprache und Körper. Aus genau diesem Grund muss man sich, wenn man denn eine handlungsfähige DBU will, die heilsame Wirkungen in die Gesellschaft hinein entfalten soll, der Frage stellen, mit welchen politischen Intentionen man sich selbst dort einbringt und mit welchen Intentionen dies Andere tun. Und man muss sich mittlerweile ganz konkret die Frage stellen, ob die Intentionen, die sich aus vielen Äußerungen Ole Nydahls in den letzten zwei Jahrzehnten erschließen lassen, solche sind, mit denen man die eigenen Intentionen verbinden will.

Dieser Prüfung darf man nicht ausweichen, wenn man eine handlungsfähige DBU will. Handlungsfähig kann die DBU nur sein, wenn die in ihr zusammengefassten Handlungsimpulse in eine gemeinsame Richtung weisen. Das bedeutet, es bedarf nicht zuletzt konkret einer Klärung, für welche Haltung gegenüber den in Deutschland lebenden Muslimen die DBU-Mitgliedsgemeinschaft BDD steht und für welche Haltung die DBU insgesamt stehen soll - und einer Antwort auf die Frage, ob diese Haltungen miteinander vereinbar sind. Das bedeutet, es muss geklärt werden, ob in der gesellschaftspolitischen Frage der Integration vor allem muslimischer Migranten (seien es nun legale Zuwanderer und deren Nachkommen, Asylsuchende oder Armutsflüchtlinge) ein Konsens innerhalb der DBU besteht, ob gegebenenfalls ein Dissenz für die DBU schadlos akzeptabel ist und schließlich, welche Konsequenzen aus solch einer Klärung zu ziehen sind.

Das wäre Herstellung von Handlungsfähigkeit nach innen - aber es geht natürlich auch um eine Handlungsfähigkeit nach außen und genau deshalb ist es keine Option, dieses Problem einfach auszuklammern. Eine Handlungsfähigkeit nach außen kann es nur geben, wenn die DBU als Gesprächspartner im gesellschafts- und religionspolitischen Diskurs nicht nur wahr-, sondern auch ernstgenommen wird. Und, möchte ich hinzufügen, wenn sie als seriös und respektabel wahrgenommen wird. Ein öffentlich-rechtlicher Körperschaftsstatus alleine ist dazu bei weitem nicht hinreichend. Man muss dazu in diesen Diskurs auch klare Vorstellungen einbringen können, die für die Dialogpartner zumindest grundsätzlich akzeptabel sind. Noch besser, wenn man mit diesen partiell zu gemeinsamen Vorstellungen gelangt, so Unterstützung für die eigenen Anliegen findet und auch sinnvolle Anliegen Anderer unterstützen kann. Dabei ist es unvermeidlich, dass man sich, notfalls auch gegen innere Widerstände, auf Grundsätze festlegt und festlegen lässt - etwa in der Integrations- und Ausländerpolitik. Solchen Zwecken dienen demokratische Prozeduren. Sie sind der Preis politischen Handelns. Wenn man politisch handeln will, dann muss man ihn zahlen.

Aber das wäre schon der zweite Schritt. Entscheidend für eine gesellschafts- und religionspolitische Handlungsfähigkeit ist vor allem das Bild, das die DBU der Gesellschaft insgesamt, also der Öffentlichkeit, von sich und vom Buddhadharma vermittelt. Das negative Echo, das Äußerungen Ole Nydahls insbesondere auf dem diesjährigen Sommerkurs in Immenstadt in der Presse und im Fernsehen des Bayerischen Rundfunks hervorgerufen haben, ist diesem Bild nach meinem Geschmack ausgesprochen abträglich. Dass dies - einschließlich staatsanwaltlicher Prüfung der Aussagen Ole Nydahls auf strafrechtliche Relevanz hin - nun ausgerechnet auch noch in dem Bundesland geschehen ist, in dem federführend der Antrag der DBU auf Verleihung des Körperschaftsstatus geprüft wird, ist auch nicht gerade hilfreich. Genau so wenig wie die Äußerungen Dr. Kaltenbrunners auf der eingangs erwähnten Veranstaltung, die so eher geeignet waren, den interreligösen Dialog der DBU mit den christlichen Kirchen zu sabotieren als ihn zu führen. Es wäre meines Erachtens eine Fehleinschätzung, würde man Dr. Kaltenbrunner Naivität unterstellen. Anders als bislang die DBU haben sich Katholische Bischofskonferenz und EKD sehr deutlich hinsichtlich der Frage des Islam in unserer Gesellschaft positioniert - um Bundesgenossen für eine militante Haltung gegenüber dem Islam wurde da wohl kaum geworben.

Sowohl hinsichtlich der Äußerungen Dr. Kaltenbrunners als auch der aktuell diskutierten von Ole Nydahl selbst (sowie etlicher früherer von ihm) ist eine gründliche und unvoreingenommene Prüfung, ob die Mitgliedschaft der von Ole Nydahl geführten Gemeinschaft in der DBU "das Ansehen oder die gemeinsamen Interessen der DBU schädigt" (§ 3 Nr. 8 der DBU-Satzung) eine meines Erachtens mehr als nur angemessene Reaktion. Aber man muss sich zunächst "in letzter persönlicher Verantwortung" die Frage beantworten: was sollten gemeinsame Interessen der DBU sein? Wobei in dieser Hinsicht scheinbar ja schon der eine oder andere Konsens gefunden wurde:
"Die DBU fördert die Rahmenbedingungen für die Bewahrung, Darlegung und Praxis der Lehre des Buddha auf der Grundlage des Bekenntnisses. Die DBU bildet einen Rahmen für Begegnung und Austausch zwischen den buddhistischen Traditionen. Die DBU fördert die Integration des Buddhismus in die Gesellschaft."
- so steht es in § 2 der Satzung, betitelt mit "Zweck und Ziele des Vereins". Und so steht es im Leitbild der DBU:
"Wir üben uns darin, auf der Grundlage der Lehre des Buddha und unseres „Buddhistischen Bekenntnisses“ zum Wohle aller fühlenden Wesen im Bewusstsein der Verbundenheit und Mitverantwortung des Einzelnen für die Gesamtheit zu leben und zu wirken. In Übereinstimmung mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Menschenrechtskonvention treten wir für die Umsetzung der Menschenrechte und Gerechtigkeit sowie für Gleichheit vor dem Gesetz - ungeachtet ethnischer oder sozialer Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, Nationalität oder sozialem Status ein."
Das in beiden Zitaten erwähnte "Buddhistische Bekenntnis" enthält unter anderem die für alle Mitglieder verbindliche Selbstverpflichtung, sich in den pañcasīla und den brahmavihāra zu üben:
"Ich übe mich darin, keine Lebewesen zu töten oder zu verletzen, Nichtgegebenes nicht zu nehmen, keine unheilsamen sexuellen Handlungen zu begehen, nicht unwahr oder unheilsam zu reden, mir nicht durch berauschende Mittel das Bewusstsein zu trüben.

Zu allen Lebewesen will ich unbegrenzte Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut entfalten, im Wissen um das Streben aller Lebewesen nach Glück."
Letzlich geht es in der causa Nydahl darum, wie ernst es der DBU mit diesen ihren selbstdefinierten "gemeinsamen Interessen" ist.

"Wenn dieses ist, wird jenes; wenn dieses entsteht, entsteht jenes; wenn dieses nicht ist, wird jenes nicht; wenn dieses aufhört, hört jenes auf." (SN II.12.2)

Mittwoch, 15. August 2018

Aus gegebenem Anlass

Vom 30.07. bis 12.08.2018 fand der diesjährige "International Summer Course" im Europe Center bei Immenstadt / Allgäu statt. Als Veranstalter firmierte die "Buddhistische Union Diamantweg e.V". Geboten wurden laut Programm "teachings", bei denen ein gewisser Herr Ole Nydahl, den seine Anhänger als 'Lama' titulieren, die zentrale Rolle spielte. An 10 von 14 Tagen bestritt er das Programm alleine; an zwei Tagen gemeinsam mit Jigme Rinpoche und an weiteren zwei Tagen gemeinsam mit Nedo Rinpoche.

Laut eines Artikels von Peter Januschke und Bastian Hörmann in der "Augsburger Allgemeine" vom 03.08.2018 äußerte sich Ole Nydahl am 31.07.2018 auf dieser Veranstaltung öffentlich wie folgt:
"Hätte ich Stalin oder Hitler getroffen, ich hätte sie erschossen."
"Andere hatten Hitler und Stalin, wir haben den Islam. Das ist alles dasselbe."
Die erste Äußerung traf er laut Januschke / Hörmann "kurz vor dem Vergleich von Hitler und Stalin mit dem Islam". Das könnte man - wenn beide Aussagen tatsächlich so im Kontext gefallen sind - meines Erachtens sogar als verdeckten Mordaufruf interpretieren. Insbesondere im Zusammenhang mit der Aufforderung Herrn Nydahls an seine Anhänger, sich mit dem Gebrauch von Schusswaffen vertraut zu machen. Zitat Peter Januschke / Bastian Hörmann im o.g. Artikel:
"Bei einem Vortrag hat der 77-Jährige nach Aussage seines früheren Anhängers Christoph Schultheiß auf die Frage, wie man sich gegen den Islam wappne, vor hunderten Zuhörern gesagt: Learn how to shoot (Lerne zu schießen)."
Für einen Satiriker böte sich da die Umtitulierung des 'Diamantweg e.V.' in 'Wehrsportgruppe Nydahl' an. Nach Recherchen der beiden Journalisten sind laut Auskunft von Martin Kennerknecht, Vorsitzender der 'Königlich Privilegierten Schützengemeinschaft 1593' in Immenstadt, unter den Mitgliedern seines Schießsportvereins auch mehrere im "Europe Center" verkehrende Buddhisten. Einige von ihnen haben eine Waffenbesitzkarte und können damit Waffen auch privat lagern. Ich will diese Art Freizeitvergnügen nicht werten, nur auf die Wirkung verweisen, die das im Zusammenhang mit den angeführten Zitaten auf die Öffentlichkeit hat.

Ein weiteres wörtliches Zitat von Ole Nydahl von dieser Veranstaltung:
"Der Islam ist die größte Bedrohung für unsere Zivilisation ..., das sind Menschen wie Bomben".
Wie verschiedene regionale Presseorgane, darunter die Allgäuer Zeitung und das Allgäuer Anzeigeblatt am 08.08.2018 berichten, hat die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Kempten am 07.08.2018 mitgeteilt, die Behörde werde ein Verfahren zur strafrechtlichen Prüfung islamfeindlicher Äußerungen einleiten. Am selben Tag berichtet auch der Bayerische Rundfunk, die Staatsanwaltschaft Kempten habe Ermittlungen gegen Ole Nydahl eingeleitet.


And now for something completely different .... Bevor wir uns ein paar Fakten und Zahlen zuwenden, eine Videoempfehlung zur Abendunterhaltung speziell für DBU-Mitglieder:
https://www.youtube.com/watch?v=jrGmNXjjDNk

Es gibt weltweit schätzungsweise 1,8 Milliarden Muslime. Darüber, wie viele davon den militärisch / terroristischen Jihad praktizieren, sind mir keine halbwegs verläßlichen Schätzungen bekannt (ich vermute mal, Herrn Nydahl auch nicht). Aber eine kleine Überschlagsrechnung kann da eine Vorstellung der Größenordnung vermitteln: 1% dieser 1,8 Milliarden wären 18 Millionen Jihadisten. Da scheint mir dieses eine Prozent schon ein wenig zu hoch gegriffen. Aber reden wir stattdessen von Muslimen in Deutschland, da haben wir etwas besseres Zahlenmaterial. Preußische Bürokratie halt ...

Der Verfassungsschutzbericht 2017 beziffert das "Islamismuspotential" in Deutschland aufgrund ausreichend gesicherter Zahlen mit 25.810 Personen. Keine gesicherten Zahlen liegen dabei für das 'Islamische Zentrum Hamburg e.V.' sowie über IS, Al-Quaida und deren Ableger sowie al-Shabab und Hai’at Tahrir al-Sham vor. Diese "Dunkelziffer" dürfte jedoch deutlich unter 2.000 Personen liegen - Zitat: "In der Gesamtschau liegen den deutschen Sicherheitsbehörden zum Ende des Jahres 2017 Erkenntnisse zu mehr als 960 Personen vor, die seit Mitte des Jahres 2013 in Richtung Syrien und Irak gereist sind, um dort aufseiten des IS und anderer terroristischer Organisationen an Kampfhandlungen teilzunehmen oder jene in sonstiger Art und Weise zu unterstützen."

Mit sehr großzügigem Aufrunden käme man damit zu einem "Islamismuspotential" von maximal 30.000 Personen in Deutschland. Das ist zumindest insofern beruhigend, als noch im Verfassungsschutzbericht 2012 das "islamistische Personenpotential" in Deutschland mit 42.550 Personen beziffert wurde - also keine steigende Tendenz feststellbar ist, sondern das genaue Gegenteil. Nun ist 'Islamismus' darüber hinaus nicht gleichbedeutend mit militantem 'Jihadismus' oder Terrorismus - z.B. die mit ca. 10.000 Mitgliedern größte der im Verfassungsschutzbericht genannten Gemeinschaften, die Millî Görüş-Bewegung und zugeordnete Vereinigungen, wird ausdrücklich als legalistisch eingestuft. D.h. sie verfolgt zwar Ziele, die als antidemokratisch eingeschätzt werden, bekennt sich aber ausdrücklich zu einer gewaltfreien und legalen politischen Interessenvertretung und verstößt bislang auch nicht gegen dieses Legalismusprinzip. Bei den meisten Landesämtern für Verfassungsschutz stehen sie seit etwa 2015 nicht mehr unter Beobachtung. Auch von den abzüglich dieser Legalisten verbleibenden 20.000 Personen sind wohl kaum alle als aktiv gewaltbereit einzustufen, wenn sie auch (in unterschiedlichen Graden) einer potentiellen "Unterstützerszene" zugerechnet werden können.

Dazu eine Anmerkung: grundsätzlich ist 'Islamismus' ein im westlichen Diskurs fast durchgehend undifferenziert und unreflektiert gebrauchter Begriff. Die Meisten assoziieren mit Islamismus ausschließlich das Banditentum von Gruppen wie IS (Daesh) oder Taliban. Das wird dem sehr vielschichtigen Begriff 'Islamismus' nicht gerecht. Gerade das Thema Islam und Demokratie sachgerecht zu diskutieren, ist schlicht nicht möglich, ohne mit dem wissenschaftlichen Diskurs über dieses Thema einigermaßen vertraut zu sein - was ich persönlich auch für mich nur sehr beschränkt in Anspruch nehmen möchte; meine Interessen liegen vorrangig auf anderen Gebieten. Dazu gehört selbstverständlich und vor allem auch Kenntnis des innerislamischen Diskurses, der im Westen weitgehend (jedenfalls von den populären Medien und selbsternannten 'Islamkritikern') ignoriert wird. Die Exponenten dieses Diskurses im Bereich islamischer politischer Theologie (und genau das ist Islamismus) sind offensichtlich denen, die sich gerade zu diesem Thema am lautstärksten äußern, nicht einmal dem Namen nach bekannt - jedenfalls wird da nach meinen Beobachtungen nicht auf sie verwiesen, wenn von Islamismus gesprochen wird. Um hier per namedropping nur einige der wichtigsten Vordenker zu nennen: der Marokkaner Mohammed Abed al-Jabri, der Tunesier Rachid al-Ghannouchi, der Ägypter Muhammad Ammara, die Sudanesen Hasan al-Turabi und Abdelwahab el-Affendi, der Türke İhsan Eliaçık, der Pakistani Fazlur Rahman. Nur ergänzend sei angemerkt, dass es seit etlichen Jahren auch ein Netzwerk intellektueller Muslimas gibt, die für einen islamischen Feminismus stehen und die sich für die "Schützeraktivitäten" des Herrn Nydahl bedanken würden, der sich insbesondere über die Rolle der Frauen im Islam gerne öffentlich Sorgen macht - etwa "wie die Frauen den Kitzler abgeschnitten bekommen und die anderen Sachen, die immer wieder geschehen im Namen des Islam und wir müssen hier unsere Frauen schützen." (Zitat aus diesem Blog)

Das heisst, es wird hierzulande in der Regel völlig ignoriert, was islamische Intellektuelle zu dem Thema zu sagen haben – man will es auch nicht wissen, es könnte ja die bequemen Vorurteile über "den Islam" stören. Wen's interessiert - zum Reinschnuppern:

https://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/leseprobe-zu-mohammed-abed-al-jabri-kritik-der-arabischen-vernunft-teil-1.html
https://www.jstor.org/stable/4283614?seq=1#page_scan_tab_contents
http://www.abdelwahab-el-affendi.net/index.html
http://en.qantara.de/content/interview-with-turkish-theologian-ihsan-eliacik-the-koran-and-social-justice
https://books.google.de/books/about/Islam_and_Modernity.html?id=FJcyIeHeeZwC&redir_esc=y&hl=de
https://www.budrich-journals.de/index.php/gender/article/download/18026/15701

Nicht, dass mir persönlich diese Leute den Islam oder gar den Islamismus als Religion bzw. Ideologie annehmbarer machen würden. Muss ja auch nicht sein - aber der Punkt ist doch, dass die islamisch geprägten Kulturen einen Anspruch darauf haben, ihre eigenen Antworten auf die Problemstellungen der modernen Welt zu finden und es nichts als postkoloniale Arroganz ist, ihnen vorschreiben zu wollen, nach welchen Werten sie ihr Leben gefälligst auszurichten hätten - nämlich nach unseren. Es geht nicht um unsere Werte, es geht vielmehr um die die Werte, über die islamische Gesellschaften selbst einen Konsens erzielen können. Europa kann für eine solche Konsensfindung nur Impulse liefern und tut natürlich auch genau dies - alleine schon in Form der "Herausforderung", der sich die islamische Welt spätestens seit dem Zerfall des osmanischen Reiches gegenüber sieht und auf die sie Antworten sucht. Wer nun wiederum als Migrant zu uns kommt, von dem darf man berechtigt 'compliance' erwarten. Das bedeutet jedoch nicht Anpassung und Aufgabe eigener kultureller Wurzeln, sondern schlicht Akzeptanz unserer säkularen staatlichen Ordnung, wenn schon nicht aktives Engagement dafür. Die wenigsten Migranten bzw. deren Nachkommen haben nach meinem Eindruck damit ein Problem. Doch dazu gleich. Jedenfalls - wenn man sich schon zum Thema öffentlich so prononciert wie ein Herr Nydahl äußert, sollte man wenigstens eine bescheidene Ahnung haben, wovon man überhaupt spricht.

Kommen wir auf "unsere" 20.000 Muslime zurück, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als potentielle Gefahr eingestuft werden. Wieviele Muslime insgesamt in Deutschland leben, ist schwierig zu beziffern, wie dieser Artikel in der ZEIT verdeutlicht. Frau Merkels 4 Millionen waren sicherlich zu niedrig angesetzt - nehmen wir der Einfachheit halber die dem Einen oder Anderen möglicherweise weniger fake-news-verdächtige Schätzung der AfD von 5 Millionen. Das macht ziemlich genau 6 % der Bevölkerung Deutschlands aus; zumindest für mich ist das weit entfernt davon, mir Angst vor einer "Islamisierung des Abendlandes" einzujagen. Vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass die ca. 20.000 Islamisten, die den Verfassungsschützern Sorgen bereiten (was ja auch in Ordnung ist, das ist schließlich deren Job), gerade einmal 0,4 % der in Deutschland lebenden Muslime ausmachen - die anderen 99,6 % sind also laut Verfassungsschutz kein "Islamismuspotential" sondern überwiegend mehr oder weniger gut integriert (und entsprechend unauffällig), leben häufig schon in zweiter, dritter und vierter Generation in Deutschland, viele haben die deutsche Staatsbürgerschaft, zahlen in Renten- und Sozialkassen ein, leisten ihren Anteil am Bruttosozialprodukt usw. usf. .... Wenn man sich jetzt noch einmal bewusst macht, dass die 20.000 'Problemfälle' unter den Muslimen in Deutschland gerade einmal 0,24 Promille der Bevölkerung ausmachen, dann bleiben als plausible Erklärung für islamophobe Sprüche eigentlich nur pathologische Paranoia oder hetzerische Demagogie. Die Geistesgifte Verblendung und Hass.

Was zumindest mir in der Diskussion um Ole Nydahls Äußerungen deutlich wird, das ist, dass nicht die in Deutschland lebenden Muslime ein Problem für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung darstellen. Vielmehr wird deutlich, dass die psychosoziale Funktion des nach wie vor in Deutschland virulenten Antisemitismus (vor dem auch Muslime angesichts der jüngeren Geschichte Palästinas - Stichwort Naqba - nicht gefeit sind) zunehmend durch islamophobe Feindbilder erfüllt wird. Natürlich verbieten sich hier Gleichsetzungen – aber es gibt unübersehbare Parallelen. "Juden wie Muslime dienen als Sündenböcke für Wirtschafts- und Globalisierungsprobleme, und sie werden als innere Gefahr wahrgenommen" - so Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Wobei ein gewisser Herr Adorno schon 1955 diagnostizierte: "Nicht selten verwandelt sich der faschistische Nationalismus in einen gesamteuropäischen Chauvinismus [...]. Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch." So, wie im antisemitischen Milieu vor 1945 der "Ostjude" (gerne auch als "Kaftanjude" diffamiert) neben anderen Stereotypen (am deutlichsten sichtbar in den Karikaturen des 'Stürmer') als Prototyp des Juden schlechthin herhalten musste, so gilt heute Manchen "der Salafist" wenn nicht gleich "der Taliban", der islamistische Terrorist, als Prototyp des Muslims schlechthin. Was dieser Prämisse widerspricht, kann – nein, muss - hingegen nur arglistige Tarnung sein. Das zeigt, dass Antisemitismus wie Islamophobie (und btw. auch der Hass auf Migranten) wenig mit der Realität, jedoch um so mehr mit Realitätsflucht zu tun haben. Da werden aus den unterschiedlichsten Quellen stammende Existenzängste schlicht auf eine Gruppe projiziert, die aufgrund eines sozialen Merkmals (Religion, ethnische Herkunft etc.) ausgrenzbar ist. Hier liegt dann auch das eigentliche Problem, das unsere Demokratie mit dem Islam hat - es ist die Angst vor ihm und deren Instrumentalisierung. Islamophobie ist im Gegensatz zum Antisemitismus weitgehend gesellschaftsfähig und genau das ist es, was wirklich in den letzten Jahren zu einem stetig wachsenden Problem geworden ist und unsere "westlichen Werte" konterkariert und bedroht. Von buddhistischen Werten wie rechter Rede und den brahmavihara ganz zu schweigen.

Zur Ergänzung dazu eine tiefenpsychologische Deutung des bereits genannten Herrn Adorno, die ich für durchaus hilfreich für ein tieferes Verständnis dieses Phänomens halte:
"Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr. [...] In der Paranoia treibt dieser Haß [sic] zur Kastrationslust als allgemeinem Zerstörungsdrang. Der Erkrankte regrediert auf die archaische Ungeschiedenheit von Liebe und Überwältigung. Ihm kommt es auf physische Nähe, Beschlagnahmen, schließlich auf die Beziehung um jeden Preis an. Da er die Begierde sich nicht zugestehen darf, rückt er dem anderen als Eifersüchtiger auf den Leib, wie dem Tier der verdrängende Sodomit als Jäger oder Antreiber. Die Anziehung stammt aus allzu gründlicher Bindung oder stellt sich her auf den ersten Blick, sie kann von den Großen ausgehen wie beim Querulanten und Präsidentenmörder oder von den Ärmsten wie beim echten Pogrom. Die Objekte der Fixierung sind substituierbar wie die Vaterfiguren in der Kindheit; wohin es trifft, trifft es; noch der Beziehungswahn greift beziehungslos um sich. Die pathische Projektion ist eine verzweifelte Veranstaltung des Ichs, dessen Reizschutz Freud zufolge nach innen unendlich viel schwächer als nach außen ist: unter dem Druck der gestauten homosexuellen Aggression vergißt der seeliche [sic] Mechanismus seine phylogenetisch späteste Errungenschaft, die Selbstwahrnehmung, und erfährt jene Aggression als den Feind in der Welt, um ihr besser gewachsen zu sein."
(Horkheimer / Adorno, Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung. in: Dialektik der Aufklärung, Amsterdam 1955)

Eine weitere, etwas lesbarere Lektüreempfehlung zu diesem Thema: der vom Deutschen Institut für Menschenrechte herausgegebene Essay 'Das Islambild in Deutschland - Zum öffentlichen Umgang mit der Angst vor dem Islam'. Daraus hier abschließend zwei weitere Zitate:

"Im Umgang mit Minderheiten, in diesem Fall muslimischen Minderheiten, zeigt sich immer zugleich das Selbstverständnis einer Gesellschaft im Ganzen. Nicht zuletzt steht auch das Verständnis von Aufklärung mit auf dem Spiel: Es geht näherhin darum, eine an den Menschenrechten orientierte freiheitliche Diskussionskultur von solchen Konzepten abzuheben, in denen sich der Anspruch der Aufklärung zu einem Topos kulturkämpferischer Polarisierung und Ausgrenzung verhärtet."

[...]

"Es ist weder hilfreich noch angemessen, die Äußerung von Skepsis, Kritik oder auch Angst gegenüber dem Islam pauschal ins Unrecht zu setzen. Vielmehr geht es darum, mit den weithin existierenden Vorbehalten und Befürchtungen sorgfältig umzugehen, sie auf ihren möglichen Sachgehalt hin kritisch zu prüfen, stereotype Darstellungen und Erklärungen zu überwinden und Diffamierungen klar entgegenzutreten. Die für eine liberale, aufgeklärte Diskussionskultur entscheidende Trennlinie verläuft deshalb nicht zwischen freundlichen und weniger freundlichen Darstellungen des Islams und seiner Angehörigen, sondern zwischen Genauigkeit und Klischee. Hinter dem Postulat der Genauigkeit steht letztlich das Gebot der Fairness, das die Grundlage einer aufgeklärten Diskussionskultur bildet."


In diesem Sinne ...

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Die Sache mit Tibet ...



Ich hatte in Diskussionen über die Lage der Menschenrechte in Tibet wiederholt Gelegenheit festzustellen, dass sich zwar Viele berufen fühlen, engagiert Position zu beziehen, dass jedoch die historischen Hintergründe den Wenigsten bekannt sind. Aus diesem Grund habe ich einmal die wichtigsten Fakten zusammengefasst. Eine anscheinend immer wieder notwendige Bemerkung vorweg: mein Anliegen ist es nicht, die chinesische Okkupation Tibets zu verteidigen oder zu rechtfertigen, aber auch nicht, sie zu verurteilen. Es geht mir um die Aufhellung der historischen Hintergründe.



Die Darstellung ist in erster Linie für diejenigen gedacht, die mit der wissenschaftlichen Standardliteratur zu diesem Thema nichts anfangen können, da die entsprechenden Arbeiten fast ausschließlich auf Englisch verfasst sind. Die beiden wichtigsten Arbeiten seien hier trotzdem genannt:

A. Tom Grunfeld
The Making of Modern Tibet (Paperback)
East Gate Book; Revised edition, July 1996
ISBN 1563247143

Melvyn C. Goldstein
A History of Modern Tibet, 1913-1951.
The Demise of the Lamaist State
University of California Press, June 1991
ISBN 0520075900


Die Ursachen für die Besetzung Tibets liegen in der Geschichte dieser Region. Wie immer ist sinnvoll, sich ein wenig mit den geschichtlichen Hintergründen zu beschäftigen, wenn man aktuelle Konflikte zu verstehen sucht. Die Geschichte des neuzeitlichen Tibet beginnt 1642, als es dem 5. Dalai Lama mit Hilfe mongolischer Truppen gelang, das seit Jahrhunderten durch innere Konflikte (nicht zuletzt zwischen verschiedenen buddhistischen Schulen und deren Klöstern) zerrissene Tibet zu einen. Das Verhältnis zu den Mongolen unter Ghusri Khan war eine Art Patronatsverhältnis - nominell war der Dalai Lama religiöses Oberhaupt, während der mongolische Khan weltlicher Machthaber war. Dieses Patronatsverhältnis hatte damals bereits Tradition; ein solches - allerdings ein persönliches, nicht ein staatsrechtliches - bestand bereits zwischen dem 3. Dalai Lama und dem Mongolenfürsten Altan Khan (der Titel 'Dalai Lama' wurde ihm von Altan Khan verliehen - und postum gleich noch seinen beiden Vorgängern). Die Exekutive lag offiziell in den Händen des Regenten (Sde-srid), eines Tibeters, der im Einverständnis mit dem Khan bestellt wurde. Faktisch jedoch lag die Macht in den Händen des 5. Dalai Lama und der Regent war politisch bedeutungslos.

Zur gleichen Zeit hatte die mandschurische Qing-Dynastie durch Bündnisse und Heiratsallianzen eine Vorherrschaft über die mongolischen Stämme gewonnen. Spätestens nach der Eroberung Beijings (1644) betrachteten die Qing die mongolischen Territorien und damit auch Tibet als zum chinesischen Staat gehörig. Mit dieser rein nominellen Oberhoheit begnügten sie sich vorerst. Es herrschte ein Agreement, mit dem alle beteiligten Seiten zufrieden waren - Tibet hatte innere Autonomie, die Mongolen behielten ihren direkten Einfluss auf Tibet und die Qing-Dynastie hatte den Rücken frei, um sich mit den Ming-Loyalisten im Süden Chinas und den Dzungaren, ihren Rivalen in Zentralasien, auseinanderzusetzen.

Dieses Gleichgewicht änderte sich 1682 nach dem Tod des 5. Dalai Lama. Dem Regenten gelang es, den Tod 14 Jahre lang geheim zu halten und im Namen des Dalai Lama zu regieren. Um seine Stellung langfristig abzusichern nahm er insgeheim Kontakte zu den Dzungaren auf - offensichtlich mit dem Ziel, sich mit deren Hilfe von der direkten mongolischen und indirekten chinesisch-mandschurischen Oberhoheit zu lösen. Nachdem der Qing-Kaiser 1696 die Dzungaren besiegt hatte, erfuhr er durch Kriegsgefangene von dem Komplott. Der Regent setzte nun unverzüglich einen Dalai Lama ein (den 6.) und versuchte so den alten status quo wiederherzustellen - nur, dass jetzt der Dalai Lama faktisch seine Marionette war. Er konnte sich so noch bis 1706 halten, dann fanden die Mongolen Gelegenheit, ihn zu beseitigen und seine Marionette, den 6. Dalai Lama, abzusetzen - dieser starb auf dem Weg in die Verbannung. Das ganze mit dem Einverständnis des Kaiserhofes in Beijing. In der Folge installierte Beijing einen ständigen Residenten in Lhasa, der die tibetischen Vorgänge im Auge behalten sollte, die politische Lage in Tibet war jedoch nachhaltig destabilisiert.

1717 kam es zu einer Invasion der Dzungaren, die sich militärisch von ihrer Niederlage 1696 erholt hatten. In Westtibet organisierte der Aristokrat P'o-lha-nas den tibetischen Widerstand, während von Osten eine chinesische Armee anrückte. Die Chinesen befreiten 1720 Lhasa von den Dzungaren und führten den vertriebenen 7. Dalai Lama (damals gerade 12 Jahre alt) zurück. Die Chinesen setzten nun eine Neuordnung der tibetischen Verhältnisse durch. Im Süden und Osten wurden Gebiete an China abgetreten, innenpolitisch sollte die Regierung durch einen (aus tibetischen Aristokraten bestehenden) Ministerrat (Kashaq, zunächst 3, dann 5 Mitglieder) geführt werden. Letzteres bewährte sich jedoch nicht, es kam ständig zu blutigen innertibetischen Machtkämpfen. Als 1727 der Vorsitzende des Ministerrates von Konkurrenten um die Macht ermordet wurde, schickte Kaiser Yongzheng erneut chinesische Truppen. 1728 wurde daher wieder eine Neuregelung getroffen. Die Herrschaft wurde geteilt - im südwestlichen Tibet wurde nun der Panchen Lama als Herrscher eingesetzt. Der 7. Dalai Lama, der an den Wirren wohl nicht ganz unschuldig war, wurde hingegen ins Exil geschickt und den Rest Tibets regierte nun P'o-lha-nas, der alte Verbündete der Regierung in Beijing. In Lhasa wurden an Stelle der bisherigen Residenten (Repräsentanten ohne eigene Machtbefugnis) zwei Ambane eingesetzt - kaiserliche Statthalter, die auch Oberbefehlshaber der tibetischen Truppen waren. Damit war der größte Teil Tibets chinesisches Protektorat geworden, die Autonomie stark eingeschränkt.

P'o-lha-nas starb 1747, worauf sein Sohn und Nachfolger gegen die chinesische Oberhoheit rebellierte. Die Ambane in Lhasa ließen ihn hinrichten, wurden dann jedoch selbst durch dessen Anhänger getötet. Die kaiserliche Armee griff daraufhin erneut ein. Nun erst wurde die politische Rolle des Dalai Lama (mittlerweile war es der 8.) reaktiviert - sie beschränkte sich jedoch fast vollständig auf repräsentative Funktionen. Die Ambane erhielten stärkere innenpolitische Befugnisse (Statut von 1751) und die Dalai Lamas wurden zukünftig unter Aufsicht der kaiserlichen Ambane aus einer Vorauswahl von Kandidaten durch Los bestimmt. Die Exekutive lag in den Händen eines vierköpfigen Ministerrates, der unter Aufsicht der Ambane stand und eines Regenten, der von den Ambanen ernannt wurde. 1788 und 1791 kam es zu nepalesischen Invasionen Tibets, die durch kaiserliche (chinesische) Truppen zurückgeschlagen wurden. Die Befugnisse der Ambane wurden in der Folge erneut erweitet (Statut von 1793); aus dem Amban war damit faktisch eine Art Kolonialgouverneur geworden. 

Im 19. Jahrhundert ging der chinesische Einfluss in Tibet jedoch deutlich und stetig zurück. Das Jahrhundert war gekennzeichnet durch den Machtverfall der Qing-Dynastie (u.a. Opium-Krieg 1840-42, Taiping-Aufstand 1851-64) sowie durch das sog. "Great Game" - also die Rivalität zwischen Großbritannien und Russland um Einfluss in Asien. Dieses "Great Game" wurde hauptsächlich auf Kosten des schwachen China gespielt, dem Kraft und Mittel fehlten, seine Autorität in Tibet geltend zu machen. Die Dalai Lamas (der 9. bis 12.) waren politisch völlig bedeutungslos und starben schon in früher Jugend (Morde werden vermutet, sind aber nicht beweisbar); innertibetische Machtkämpfe waren dafür wieder einmal an der Tagesordnung. Die Protagonisten dieser Machtkämpfe waren weniger die tibetische Aristokratie, als wieder die tibetischen Klöster, die eigene Mönchstruppen unterhielten und diese durchaus auch gegeneinander einsetzten. Tibet geriet währenddessen zunehmend stärker in die Interessensphäre der Briten, die ihren Einflussbereich von Indien aus nach Norden ausdehnten - Bündnisverträge mit Nepal 1816 und Bhutan 1835, Oberhoheit über Kaschmir 1846, über Sikkim 1861. Auf letzteres erhob auch China Ansprüche, was noch 1962 zum chinesisch-indischen Grenzkrieg führte.

1895 trat der damals 19-jährige 13. Dalai Lama sein Amt an, der sich in der Folge als sehr geschickter Machtpolitiker erwies. Die Briten drängten auf stärkeren Einfluss in Tibet, auf Handelsrechte, Steuerbefreiung, exterritoriale Rechte usw. während der 13. Dalai Lama dem Druck auszuweichen versuchte, indem er zwischen Russland (das schon die Mongolei seiner Einflusssphäre einverleibt hatte) und Großbritannien lavierte. Großbritannien, das befürchtete, Tibet an Russland zu verlieren, ging schließlich zu militärischem Druck über, zunächst 1903 mittels der "Tibetischen Grenzkommission". Diese "Kommission" war immerhin 8000 Mann stark und die "Verhandlungen" über den Grenzverlauf kosteten schon beim ersten Zusammentreffen 700 Tibetern das Leben. Ein Jahr später, 1904, folgte die sog. Younghusband-Expedition, die bis Lhasa vorstieß und den Dalai Lama ins mongolische Exil trieb. Politisch war die Younghusband-Expedition jedoch damit gescheitert - als Verhandlungspartner hatten die Briten in Lhasa nun nur noch den faktisch machtlosen kaiserlichen Amban, der sich überdies weigerte, irgendein Abkommen mit den Briten zu unterzeichnen. Die Russen hingegen hatten den Dalai Lama.

Die internationale Lage entspannte sich, da Russland und Großbritannien nun auf einen vertraglichen Interessenausgleich hinarbeiteten. 1906 erkannte London durch Vertrag die chinesische Oberhoheit über Tibet an und 1907 wurde mit Russland die Asien-Konvention geschlossen. 1908 konnte dann der 13. Dalai Lama über Beijing, wo er die chinesische Oberhoheit anerkennen musste (Kniefall vor der Kaiserinwitwe und Regentin Cixi), nach Lhasa zurückkehren. Zurück in Lhasa betrieb er jedoch weiter seine eigene Politik, worauf er 1909 vor chinesischen Truppen erneut ins Exil fliehen musste - dieses mal ins britische Darjeeling. Von der kaiserlichen Regierung wurde er als abgesetzt erklärt.

Eine völlig neue Lage ergab sich dann, als 1911 die Qing-Dynastie gestürzt und China zur Republik wurde. Die Ambane in Lhasa wurden vertrieben und es kam auch in Tibet zu Kämpfen zwischen Loyalisten und Republikanern. 1912 rehabilitierte General Yuan Shikai, der (provisorische) Präsident der Republik, den 13. Dalai Lama und forderte die tibetische Regierung zur Teilnahme an der Nationalversammlung auf. Der Dalai Lama zog es jedoch vor, nach seiner Rückkehr nach Lhasa die Situation zu nutzen und einseitig die Unabhängigkeit Tibets zu proklamieren. Er leitete in der Folge mit britischer Unterstützung innenpolitische Reformen ein.

Großbritannien war ebenfalls daran interessiert, von der Lage zu profitieren und seinen Einfluss in Tibet abzusichern und verhandelte mit Tibet und China, was 1914 zur Simla-Konvention führte. Danach sollte Zentral- und Westtibet vom Dalai Lama regiert werden, jedoch unter chinesischer Suzeränität stehen. London blieb also bei der Anerkennung der chinesischen Oberhoheit; die vom 13. Dalai Lama proklamierte Unabhängigkeit wurde von Großbritannien nicht anerkannt - und auch von keinem anderen Staat. Tibet unterschrieb die Simla-Konvention - jedoch China nicht. Die Simla-Konvention forderte nämlich auch exterritoriale Rechte für Großbritannien in Tibet und vor allem eine Verschiebung der indisch-tibetischen (bzw. indisch-chinesischen) Grenze (Mac-Mahon-Linie). Großbritannien wollte sich diese Zugeständnisse mit Anerkennung der chinesischen Oberhoheit erkaufen - man war an vorteilhaften (man kann ruhig sagen: unfairen) Handelsabkommen interessiert, nicht aber daran, sich ggf. militärisch gegen China in Tibet zu engagieren und damit einen Konflikt mit Russland zu riskieren.

Zwischen 1911 und 1950 war Tibet somit zwar nicht staatsrechtlich (wie gesagt, hatte niemand die einseitige Unabhängigkeitserklärung anerkannt), aber faktisch unabhängig - vor allem, weil China in den Wirren der Bürgerkriege und des Krieges mit Japan gar keine Möglichkeit hatte, in Tibet in irgendeiner Weise Herrschaftsansprüche durchzusetzen. An politischen Vorstößen von chinesischer Seite jedoch fehlte es auch in dieser Zeit nicht, zumal auch der 1923 vor dem 13. Dalai Lama ins chinesische Exil geflüchtete Panchen Lama (die Reformen, insbesondere die Steuerpolitik, hatten zu offenen Aufständen einzelner Klöster geführt) die chinesische Nationalregierung zum Handeln drängte. Es gab z.B. die Gesandtschaft Jiang Kaisheks 1930, nach dem Tod des 13. Dalai Lama die 'Kondolenzmission' Huang Musongs 1934, die Mission Wu Zhongxins 1940 bei Inthronisierung des 14. Dalai Lama. All dies brachte jedoch keine Annäherung der Positionen.

Nach dem Tod des 13. Dalai Lama 1933 folgte zunächst ein 7-jähriges Interregnum, aber auch die Inthronisation des 14. Dalai Lama änderte nichts an den chaotischen Zuständen. Die innenpolitischen Reformen waren nach 1933 praktisch zum Erliegen gekommen, es rivalisierten wieder - wie so häufig in Tibets Geschichte - verschiedene Cliquen, die sich gegenseitig blutig bekämpften. Nachdem die chinesischen Kommunisten als Sieger aus dem Bürgerkrieg mit Jiang Kaishek hervorgegangen waren, setzten sie den seit 1644 nie aufgegebenen Anspruch Chinas auf Zugehörigkeit Tibets zum chinesischen Staatsgebiet mit Gewalt durch. Die Zeit der faktischen, selbstproklamierten Unabhängigkeit Tibets hatte 38 Jahre gedauert.

Man kann nun natürlich fragen, ob die Tibeter denn angesichts der desaströsen politischen Verhältnisse in China nach Sturz der Qing-Dynastie überhaupt eine andere Wahl hatten, als sich unabhängig zu erklären. Die Tibeter selbst waren da jedenfalls durchaus unterschiedlicher Ansicht, selbst die Gelugpa, denen der Dalai Lama ja selbst angehört. Der Panchen Lama beispielsweise floh – wie schon erwähnt - nach China ins Exil, wobei erst der zweite Fluchtversuch gelang. Ganz konkret ging es bei den Differenzen zwischen Dalai Lama und Panchen Lama um Steuern, die der Finanzierung der Aufrüstung dienen sollten. Das Kloster Tashilunpo (Sitz des Panchen Lama) sollte ein Viertel der Kosten tragen. Die Aufrüstung wiederum war 'notwendig', um sich auf den unausweichlichen und absehbaren militärischen Konflikt mit China vorzubereiten. Die Frage war nur, wie viel Zeit man dafür hatte und ob sich Großbritannien für ein unabhängiges Tibet engagieren würde - so wie es später die Russen im Fall der (äußeren) Mongolei taten. Man sollte die Opposition des Panchen Lama jedoch nicht als pazifistisch missverstehen. Um Melvyn Goldstein zu zitieren:

"Die Mönche glaubten, das politische und ökonomische System existiere, um ihre Anliegen zu befördern und dass sie – nicht die Regierung – am besten beurteilen könnten, was auf kurze und lange Sicht den Interessen der Religion diene. Sie konnten nicht akzeptieren, dass Entscheidungen, die ihre Klöster beeinträchtigten, Tibets einzigartigem religiösen System nutzen könnten und sie hielten es für die religiöse Pflicht und das Recht des Klosters, einzuschreiten wann immer sie das Gefühl hatten, dass die Regierung gegen die Interessen der Religion handle. Beispielsweise entstand in den 1920er Jahren ein erbitterter Disput über den Plan des 13. Dalai Lama, die Armee zu vergrößern. Der Dalai Lama sah dies als notwendig an, um Tibets Integrität gegenüber China zu bewahren, während die Mönche es als Bedrohung ihrer Überlegenheit sowohl in Hinsicht auf die Ausübung von Zwang als auch die Institutionalisierung ausländischer britischer Werte ansahen."

(übersetzt aus: Melvyn C. Goldstein, Religious Conflict in the Traditional Tibetan State - dieses sehr lesenswerte Papier wird von der Case Western Reserve University im Internet zur Verfügung gestellt: http://www.case.edu/affil/tibet/booksAndPapers/conflict.html?nw_view=1413373346& Dort wird u.a. der 'Fall' des Panchen Lama ausführlich dargestellt.)

Auch das Staatskloster Drepung und das bedeutende Kloster Tengyeling standen in Opposition zur Politik des Dalai Lama - eine Opposition, die beim sog. "Tshaja Incident" vom Dalai Lama mit militärischer Gewalt in Schach gehalten werden musste. Um mir eine weitere Übersetzung aus dem Englischen zu ersparen, zitiere ich hier eine zusammenfassende Darstellung aus Wikipedia:

"In den Jahren von 1911 bis 1913, als der Dalai Lama versuchte, alle Han-Chinesen aus Tibet zu vertreiben, stellten sich die Mönche von Drepung, vor allem die der Loseling-Fakultät, gemeinsam mit dem Kloster Tengyeling in Lhasa auf die Seite der chinesischen Regierung und gegen den Dalai Lama. Tausende Mönche von Drepung wurden von der Regierung in Lhasa bestraft, doch Drepung entging dem Schicksal von Tengyeling, dessen Mönche vertrieben und dessen Besitz beschlagnahmt wurde und das dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Von 1913 bis 1919 war der Dalai Lama mit dem Konflikt im Osten (Kham/Xikang) und der Shimla-Konferenz beschäftigt, doch 1920 spitzte sich die Auseinandersetzung zwischen Drepung und der Regierung des Dalai Lama wieder zu. Im Mai 1921 nutzte die Regierung einen Konflikt zwischen dem Kloster und einem seiner ehemaligen Verwalter um ein Grundstück, lockte die drei höchsten Verwalter der Loseling-Fakultät nach Zhol, ließ sie verhaften, auspeitschen und aus Lhasa verbannen sowie ihr Eigentum beschlagnahmen; darauf zogen Tausende Mönche von Drepung zum Norbulingka und verlangten, zum Dalai Lama vorgelassen zu werden. Der Dalai Lama ließ die tibetische Armee bei Drepung zusammenziehen; im August lagerten rund 3000 Regierungssoldaten in Lhasa; sie standen 4000 bis 5000 Mönchen gegenüber. Drepung gab nach, rund 60 Mönche wurden verhaftet, verprügelt und an den Pranger gestellt. Der Dalai Lama entließ alle Verwalter der Klosterabteilungen und setzte neue ein."
Der Wikipedia-Autor beruft sich für diese Darstellung auf 'A History of Modern Tibet' von M. C. Goldstein; wer Englisch lesen kann und mag findet eine etwas ausführlichere Schilderung auch in dem von mir oben zitierten und verlinkten Artikel Goldsteins.

Das hier neben Drepung erwähnte Kloster Tengyeling hatte chinesische Truppen beherbergt, als diese nach der Rückkehr des Dalai Lama 1912 aus Tibet vertrieben wurden. Die Plünderung und Zerstörung 1914 (als die chinesischen Truppen längst nicht mehr anwesend waren) war eine demonstrative Bestrafung für die Kollaboration - man könnte es auch einen Racheakt nennen. Laut Charles Bell, dem britischen Berater des 13. Dalai Lama, drohte bei einem Zusammenschluss der in Opposition stehenden Klöster ein innertibetischer Bürgerkrieg (C. Bell, Portrait of the Dalai Lama, London 1946). Jedenfalls - die Politik des 13. Dalai Lama einer Loslösung von China beruhte keineswegs auf einem allgemeinen tibetischen Konsens. 

Nicht nur die vom 13. Dalai Lama einseitig proklamierte Unabhängigkeit wurde von keiner Nation völkerrechtlich anerkannt, auch die tibetische Exilregierung, bis 2011 unter Leitung des 14. Dalai Lama ist weltweit von keinem Staat völkerrechtlich anerkannt. In völkerrechtlicher Hinsicht ist es also formal unrichtig, die Besetzung Tibets durch die chinesische Volksarmee als Annexion (also die nichteinvernehmliche Eingliederung eines unter fremder Gebietshoheit stehenden Territoriums) zu bezeichnen. In der Tat war der Dalai Lama von 1642 (seiner Einsetzung als tibetisches Staatsoberhaupt durch mongolische Truppen) bis 1909 (der Absetzung des Dalai Lama durch Beijing) mit Ausnahme der Jahre 1728 - 1751 tibetisches Staatsoberhaupt. Jedoch stand der tibetische Staat während dieser Zeit (genauer: 1642 - 1913) unter chinesischer Suzeränität; zunächst unter indirekter (direkter Suzerän waren mongolische Khane, die ihrerseits die mandschurische Oberhoheit anerkannten) und ab 1728 unter direkter Suzeränität des Qing-Kaisers. ‚Staatsoberhaupt’ ist - insbesondere im Falle Tibets - nicht gleichbedeutend mit ‚Souverän’. Wie weiter oben vielleicht deutlich geworden ist, war die faktische Macht des Dalai Lama als Staatsoberhaupt ohnehin die meiste Zeit stark eingeschränkt - wenn überhaupt vorhanden, was vor allem im 19. Jahrhundert praktisch nicht der Fall war. Wobei es ja auch in europäischen Monarchien nicht gerade selten vorkam, dass ein Staatsoberhaupt unbeschadet seiner staatsrechtlichen Rolle keinerlei politische Macht ausübte - in der Regel dann, wenn er sein Erbe als Minderjähriger antrat. Erst der 13. Dalai Lama nahm wieder eine politische Schlüsselstellung ein, die mit der des 5. Dalai Lama vergleichbar war. Mit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung von 1913 machte er sich zum unumschränkten Souverän Tibets. Dass die chinesische Nationalregierung als Rechtsnachfolger der Qing-Dynastie (und in deren Nachfolge wiederum die Kommunisten) diesen Schritt als Hochverrat betrachtete, sollte dabei nicht überraschen.

Ergänzend scheinen mir hier noch einige Anmerkungen zur Nationalitätenfrage angebracht. Die tibetische Exilregierung agitiert seit Jahren mit dem Argument eines "kulturellen Völkermordes" (allein dieser Ausdruck ist mE eine Verhöhnung der Opfer tatsächlichen Völkermordes) gegen die Präsenz von Han-Chinesen in Tibet. Statistiken mit mehr oder weniger exakten Angaben über die ethnische Zugehörigkeit der Bevölkerung lassen sich bekanntlich nur mit einigem Aufwand erheben. Die einzige Stelle, die in Tibet dazu die Mittel und Möglichkeiten hat, ist derzeit die Regierung der Volksrepublik China und nach deren Angaben (Volkszählung von 2000) beträgt der Anteil der Tibeter an der Bevölkerung der Autonomen Region Tibet 92,8%. Der Anteil der Han (die vorwiegend in Lhasa konzentriert sind) beträgt 6,1%, der Rest sind (vorwiegend muslimische) Hui, Monba und einige andere. Das ist ein geringerer „Ausländer“anteil, als wir ihn hier in Deutschland haben. Man stelle sich vor, jemand würde auf Grund des Ausländeranteils in Deutschland von einem "kulturellen Genozid" am deutschen Volk sprechen ... 

Es wird seitens wohlmeinender westlicher Tibet-Unterstützer (die bei dem Ausdruck „kultureller Völkermord“ mit überschießendem Eifer schon einmal das „kultureller“ vergessen) häufig gar nicht verstanden, von welchem 'Tibet' seitens der tibetischen Exilregierung eigentlich bei den Klagen wegen einer Überfremdung die Rede ist. Nämlich nicht von der Autonomen Region Tibet, sondern von einem 'historischen Tibet', das auch erhebliche Teile der chinesischen Provinzen Qinghai, Sichuan, Yünnan und Gansu umfasst. Genauer gesagt zusätzlich zur Autonomen Region Tibet die früheren tibetischen Gebiete Amdo und das östliche Kham. Das sind Provinzen, in denen Tibeter in einzelnen (idR kulturell autonomen) Präfekturen die größte ethnische Gruppe bilden, insgesamt jedoch eine ethnische Minorität sind. Dies ist durch die Ausweitung der Proteste 2008 auch in diese Gebiete der Weltöffentlichkeit etwas bewusster geworden. Was dabei allerdings nach wie vor den Wenigsten bekannt ist - diese Gebiete waren seit 1720 auch beim besten Willen nicht irgendeinem wie auch immer gearteten tibetischen Staat mehr zuzurechnen. Damals hatte Kaiser Kangxi nach Vertreibung der dzungarischen Eroberer aus Tibet und Wiedereinsetzung des 7. Dalai Lama diese – übrigens schon damals gemischt besiedelten - Gebiete abgetrennt und sie direkt von Beijing regierten Provinzen zugeschlagen. Der tibetischen Exilregierung geht es also – so der Vorwurf Beijings - nicht nur um eine Revision der 'Annexion' von 1951, sondern um ein Tibet in den Grenzen von 1720. Dieser Vorwurf ist anhand der eigentümlichen Argumentation der tibetischen Exilregierung in der Nationalitätenfrage durchaus nachvollziehbar – und auch aufgrund der Tatsache, dass der Vorgänger des heutigen Dalai Lama nach dem Sturz der Quing-Dynastie versucht hatte, seinen Einfluss auf diese Gebiete mit militärischen Mitteln auszuweiten. 

Nimmt man nun dieses historische 'Großtibet' - fast doppelt so groß wie die nicht gerade kleine Autonome Region Tibet - dann kommt man tatsächlich insgesamt auf einen tibetischen Bevölkerungsanteil (nach offiziellen chinesischen Zahlen) von 49,8%. Die offizielle chinesische Statistik widerspricht also grundsätzlich gar nicht den Angaben (über 50% Nicht-Tibeter) der Exilregierung - diese spricht ja, wohlgemerkt, von dem historischen 'Groß-Tibet'. Mit einer solchen Zahl zu operieren, ist freilich meines Erachtens in etwa so seriös, als wolle man eine 'Überfremdung' Deutschlands mit einer aktuellen ethnographischen Statistik belegen, die jedoch auf den Grenzen Deutschlands von 1939 beruht. 

Eine mE seriöse statistische Studie zu diesen und anderen Zahlenspielchen (die den Zensus von 2000 allerdings noch nicht berücksichtigt) kann man hier finden: http://www.case.edu/affil/tibet/booksAndPapers/tibetan.population.in.china.pdf . Ich übersehe bei dieser Empfehlung nicht, dass der Autor Mitarbeiter eines chinesischen staatlichen Forschungsinstitutes ist. Die Zeitschrift, in der er die Arbeit publiziert hat, ist nichtsdestotrotz eine englische, seriöse wissenschaftliche Fachzeitschrift mit entsprechender peer review, vgl. http://www.tandf.co.uk/journals/carfax/14631369.html . 

Zweifellos macht Tibet einen tiefgreifenden Wandel durch und verliert dadurch viel von seiner kulturellen Identität. Dies ist jedoch eine Erfahrung, die Tibet mit vielen konservativ/traditionell orientierten Gesellschaften teilt, ohne dass da gleich die propagandistische Keule 'Völkermord' geschwungen wird. Zweifellos ist die Volksrepublik China ein Staat, der bedenkenlos Menschenrechte mit Füßen tritt und die traditionelle Kultur (nicht nur die seiner ethnischen Minderheiten) zu touristischen Schauobjekten degradiert. Aber die Volksrepublik China ist kein Staat, der eine rassistische Politik betreibt. Die von Tibetern beklagte 'Sinisierung' ist vielmehr zwangsläufige Folge einer bedingungslos vorangetriebenen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Entwicklung - eben ohne Rücksicht auf nationale und ethnische Eigenheiten. Das nationalistische Element wird nach meiner Wahrnehmung in diesen Konflikt vielmehr von Tibetern eingebracht - und das ist ein Aspekt des tibetischen Widerstandes, der mich spätestens seit den ethnischen Ausschreitungen gegen Han-Chinesen im Jahr 2008 in Tibet mit großer Besorgnis erfüllt und mich von blinder Solidarisierung Abstand nehmen lässt. 

Hinzu kommt: die tibetische Kultur ist kein monolithischer Block. Gerade, was Tibet in Bezug auf den Buddhadharma bewahrt und entwickelt hat, ist mE eher wenig in Gefahr unterzugehen; dafür sorgt auch und gerade dessen Rezeption im Westen. Zumindest ist diese Gefahr nicht größer als in anderen traditionell buddhistischen Gesellschaften, etwa in Sri Lanka, Thailand, Korea, Japan ... Dass Wandel unvermeidlich ist, sollte gerade einem jeden Buddhisten eine Selbstverständlichkeit sein, die der Klage nicht lohnt. Und sind es nicht gerade die dunkleren (und im Westen weniger bekannten) Aspekte tibetischer Kultur, denen man eigentlich keine Träne nachzuweinen braucht, wenn sie zum Opfer eines vorgeblichen 'kulturellen Völkermordes' werden? 

'Buddhistische' Mönche haben in Tibet jahrhundertelang blutige Fehden um die Macht ausgefochten - auch unter teils tatsächlicher, teils nomineller Führung von Dalai Lamas. Mit Hilfe von 'Mönchssoldaten' und mit Hilfe von landfremden Truppen wie den Mongolen, die den Dalai Lamas mit militärischer Gewalt erst zur weltlichen Macht in Tibet verhalfen. Unter deren Regime wurde Tibet zu einem der sozial rückständigsten Länder der Erde, in dem noch im 20. Jahrhundert außer etwa 250 aristokratischen Familien praktisch alle Laien Leibeigene waren - und das Gros der Mönche kaum besser dran war. Um dies zu wissen, muss man keiner chinesischen Propaganda, keinem Goldner oder Trimondi Glauben schenken, man lese Grunfeld oder Goldstein, seriöse 'westliche' Literatur. Zur tibetischen Gesellschaftsstruktur etwa dieses verhältnismäßig kompakte Papier Goldsteins: www.case.edu/affil/tibet/booksAndPapers/Human_Lease.pdf. Es war eine Ordnung, aufrechterhalten u.a. von bewaffneten Mönchssoldaten und Mönchspolizisten und mit Hilfe einer barbarischen Strafjustiz. "The people living at the time were happier and calmer than the people in this new generation" meint dennoch der Dalai Lama (http://www.friendsoftibet.org/main/intervw.html) lapidar dazu. Das zu glauben fällt mir zumindest in Hinsicht auf das "happier" schwer. Analphabetismus, selbst bei Mönchen die Regel. Kein Gesundheitssystem, das diesen Namen verdient hätte - Schmutz, Armut und eine Durchseuchung mit Geschlechtskankheiten und Pocken. Und nein, dies ist keine chinesische Propaganda, auch wenn seine Heiligkeit das zum Lachen findet (siehe das oben erwähnte Interview), das stammt vielmehr aus einer englischen medizinhistorischen Quelle: http://www.pubmedcentral.nih.gov/articlerender.fcgi?artid=1088216 . Auch das war tibetische Kultur ...

Montag, 1. Juli 2013

Made in Dresden

Anmerkungen zu einem Kunstprojekt

In München wird derzeit vom Kulturreferat der Stadt das Projekt 'A Space Called Public' umgesetzt. Beauftragt damit wurden zwei umtriebige Herren, die sich Elmgreen & Dragset nennen und dafür mit üppigen 1.200.000 € aus dem Stadtsäckel ausgestattet wurden. Teil des Projektes ist die Aktion 'Made in Dresden', bei der eine von dem Malaysier Han Chong angefertigte ca. 4 m hohe Buddhafigur aus Glasfaser  5 Monate auf dem Viktualienmarkt herumliegen soll. Liegen muss sie, so dass man den Schriftzug 'Made in Dresden' auf dem Boden der Figur lesen kann. Warum der Schriftzug nicht auf dem Rücken des Buddha hätte stehen können, wird wohl das Geheimnis des Künstlers bleiben. Über die Aktion wurde verschiedentlich in der Presse berichtet, hier eine kleine Auswahl:

http://alturl.com/j4o2a
http://alturl.com/nzmfr
http://alturl.com/cbm43
http://alturl.com/jbx8r
http://alturl.com/ysurd
http://alturl.com/a6kgd

Update 03.07.: Gestern berichtete Khaosod Online (Khaosod ist eine der auflagenstärksten Zeitungen Thailands) über eine Protestdemonstration vor der deutschen Botschaft in Bangkok http://alturl.com/966o2
Auch die  Bangkok Post (Thailands größte englischsprachige Zeitung) berichtete: http://alturl.com/2nyn3
Einen ersten Bericht gab es dort schon am 27.06.: http://alturl.com/75b4f . Auch der Fernsekanal DMC (Dhammakaya Foundation Media Channel) berichtete: http://alturl.com/e9krf

Das hier allerdings ist München (vielen Dank an gendo6!):


Mittelalte Männer mit asiatischen Ehefrauen?

Copyright: T-W.
 Nicht nur ein Ärgernis für Buddhisten (natürlich nicht für alle, wir kommen gleich dazu). Der Erste, der sich brüskiert gefühlt und an die DBU gewandt hat, war ein einfacher Münchner Bürger - erklärtermaßen kein Buddhist - der sich für 'seine' Stadt geschämt hat. Respekt vor so viel Anstand. Es gibt eine Bürgerinitiative mit dem Namen 'Interessen-gemeinschaft München' - ebenfalls Münchner Bürger ohne jede Verbindung zur DBU - die mit einer Flugblattaktion gegen 'Made in Dresden' protestieren. Auch die buddhis-tischer Tendenzen gewiss unverdächtige CSU-Fraktion des für den Viktualienmarkt zuständigen Bezirksausschusses Altstadt-Lehel wehrt sich gegen diese Art von kultureller Selbstdarstellung Münchens und bescheinigt dem Kultur-referat Diskriminierung, Respektlosigkeit und Ignoranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen.

Copyright: T-W.
Nicht alle wenden sich an die DBU. Auch direkt beim Kulturreferat beschweren sich "mittelalte Männer mit asiatischen Ehefrauen" - oder sollte damit womöglich die DBU gemeint gewesen sein? Diese Qualifizierung von Kritikern durch die Pressesprecherin Fr. Becker (übrigens der konkrete Anlass für die von der CSU monierte Diskriminierung) sollte man sich ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen. Ansonsten ist das natürlich nur (man kennt solche Abwiegeleien ja zur Genüge) "ein Sturm im Wasserglas" und selbstverständlich "steht die Mehrheit der Buddhisten hinter dem Projekt". Woher Frau Becker nun diese erstaunliche Erkenntnis bezogen hat, wird wohl auf immer ihr Geheimnis bleiben müssen. Da wird schon hinreichend deutlich, welcher Geist im Kulturreferat München herrscht und wie weit her es mit der Bereitschaft zu einem offenen Diskurs über die Aktion 'Made in Dresden' ist. Nachdem verschiedene Buddhisten und auch peinlich berührte Nichtbuddhisten sich an die DBU gewandt hatten, hat diese in einem offenen Brief dem Kulturreferat München vier Fragen gestellt.
Sehr geehrter XXXX,
mit erheblichem Befremden haben wir die Installation "Made in Dresden" von Han Chong am Viktualienmarkt zur Kenntnis genommen, die dort noch bis zum 30. September ausgestellt werden soll. Befremdet vor allem, weil diese Skulptur nicht auf Privatgelände, sondern im öffentlichen Raum ausgestellt wird. Um so größer war unser Befremden, als wir erfahren mussten, dass diese Aktion vom Kulturreferat der Stadt München darüber hinaus auch noch finanziell gefördert wird.

So sehr wir die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst respektieren, so unverständlich ist es für uns doch, wenn tatsächliche oder nur als solche deklarierte "künstlerische" Aktionen, die von den Angehörigen einzelner religiöser Gemeinschaften als Beleidigung und Herabwürdigung ihrer religiösen Überzeugungen empfunden werden müssen, von öffentlichen Stellen nicht nur durch die Genehmigung der Präsentation im öffentlichen Raum sondern sogar durch finanzielle Zuwendungen gefördert werden. In diesem Zusammenhang möchten wir sie höflich um Beantwortung folgender Fragen bitten:

1. gab es im Kulturreferat vorab Überlegungen über die Empfindungen, die eine derartige Zurschaustellung eines religiösen Symbols in der Öffentlichkeit bei Buddhisten hervorzurufen geeignet ist? Wenn ja, welche?
2. wurden seitens des Kulturreferats Vertreter buddhistischer Religionsgemeinschaften in Bezug auf diese Aktion angesprochen? Wenn ja, wer waren diese Personen und welche Stellung haben sie dazu bezogen?
3. mit welchem Betrag fördert die Stadt München die Aktion "Made in Dresden" von Herrn Han Chong?
4. würde das Kulturreferat der Installation einer überlebensgroßen, umgestürzten Jesus- oder Marienfigur mit der Aufschrift "Made in Hongkong" am Viktualienmarkt für fünf Monate zustimmen und diese künstlerische Aktion finanziell fördern? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, mit welchem Betrag dürfte man dann rechnen?

In Erwartung einer baldigen Antwort usw. usf.

Natürlich sprach das Kulturreferat sein "Bedauern" aus und gab ansonsten seiner Überzeugung Ausdruck, das alles sei nur ein Missverständnis (natürlich eines seitens der DBU). Zur Aufklärung der buddhistischen Kunstbanausen verwies man auf Presseerklärungen und bot ein Gespräch mit dem Künstler Han Chong an - an dem die DBU, im Gegensatz zu einem Gespräch mit dem Verantwortlichen des Kulturreferates jedoch nicht interessiert war. Überhaupt, die Sache mit der Verantwortung - die lehnte man ab, die liege bei Elmgreen & Dragset und die wolle man nicht zensieren. Seltsam - schreiben doch die Förderkriterien des Kulturreferates eindeutig als Voraussetzung der Förderung die Vorlage einer Projektbeschreibung sowie einer nachvollziehbaren Kostenkalkulation vor. Okay - diese Richtlinien gelten wohl nur für die Förderung von Münchner Kulturschaffenden. Bei Nicht-Münchnern ist man da anscheinend nicht so streng - denen drückt man 1,2 Millionen in die Hand und lässt sich dann überraschen, was die wohl damit anfangen. Zumindest wollte man das der DBU weismachen. Nun - wenn das tatsächlich der Fall ist, dann geht man im Münchner Kulturreferat wohl noch um Etliches verantwortungsloser mit öffentlichen Mitteln um als befürchtet.

Da keine der gestellten vier Fragen beantwortet wurde, folgte ein zweiter offener Brief:

Sehr geehrter XXXX,
zunächst möchten wir uns für die schnelle Reaktion auf unser Schreiben vom 21.05.2013 bedanken, jedoch dazu anmerken, dass eine Antwort nur dann sinnvoll ist, wenn sie auf die gestellten Fragen eingeht und sie nicht einfach ignoriert, wie Sie es in Ihrem 'Antwortschreiben' tun. Sie beantworten keine einzige der vier von uns an Sie gerichteten Fragen, sondern versuchen uns stattdessen mit einer unerbetenen und völlig überflüssigen Erläuterung der in Frage stehenden Kunstaktion abzuspeisen.

Seien sie versichert, dass auch in buddhistischen Kreisen Arnold Gehlens Diktum von der Kommentarbedürftigkeit moderner Kunst nicht gänzlich unbekannt ist und dass wir uns über das eher schlichte Konzept dieser Aktion kundig gemacht haben, bevor wir uns an Sie gewandt haben. Welche Relevanz nun die Tatsache, dass in Dresden Pseudoasiatika für den europäischen Markt hergestellt werden, für Münchener Bürger und Besucher dieser Stadt hat und ob ein Hinweis auf diese Tatsache der Münchener Stadtkasse einige hunderttausend Euro wert sein darf, diese Frage mögen Andere beantworten. Woran der Kontext dieser Aktion aber nicht das Geringste ändert, das ist die Tatsache, dass auf dem Viktualienmarkt unübersehbar ein religiöses Symbol im Straßendreck liegt. Ob dieses Symbol nun in Asien oder in Dresden, von einem nepalesischen Kunsthandwerker oder von Herrn Han Chong hergestellt wurde, ist dabei völlig irrelevant.

Es ist nicht der mehr oder weniger zweifelhafte Sinn dieser Aktion, der von uns kritisiert wird - auch insofern liegt unsererseits kein Erklärungsbedarf vor - sondern das künstlerische Mittel Ihrer Ausführung; mit anderen Worten die Respektlosigkeit und die fehlende Sensibilität im Umgang mit einem religiösen Symbol, das in diesem Fall auch noch das Abbild eines von Millionen Menschen verehrten Religionsstifters ist. Selbst diese Respektlosigkeit wäre nach unserer Auffassung grundsätzlich im Hinblick auf die durch das Grundgesetz garantierte Freiheit der Kunst noch tolerabel. Eine Förderung aus öffentlichen Mitteln und die Zurschaustellung im öffentlichen Raum ist es aus unserer Sicht allerdings nicht mehr. Hier verletzt eine Behörde die ihr zur Pflicht gemachte weltanschauliche Neutralität.

Sie lassen auf Ihrer Webseite zu dieser Aktion verlauten: "Die zahlreichen Touristen – nicht nur aus Asien - und die Münchnerinnen und Münchner werden mit Han Chongs temporärer Installation vielleicht einen neuen Blick auf den traditionsreichen Viktualienmarkt werfen." Nun - was deutsche Buddhisten angeht, von denen die DBU über 18.000 vertritt, so werfen diese nun vor allem einen neuen Blick auf die Münchener Stadtverwaltung und ihr Kulturreferat. Was die Touristen angeht, so sollten Sie sich vielleicht doch besser vorrangig Gedanken über Touristen aus Asien machen. Bitte machen Sie sich doch einmal kundig, wie etwa buddhistische Besucher aus Sri Lanka oder Thailand (um nur zwei Beispiele zu nennen) eine solche Installation empfinden. Bestenfalls als ignoranten Umgang mit einer fremden Kultur, eher als typisch postkoloniale Arroganz wenn nicht gar – ungeachtet der Nationalität des Künstlers - als 'typisch deutsch' mit allen negativen Konnotationen. Wir denken nicht, dass dies im Sinn einer positiven Selbstdarstellung Münchens als einer weltoffenen Kulturstadt ist und fordern Sie daher auf, diese Aktion schnellstmöglich zu beenden. Die DBU behält sich ansonsten vor, in internationalen buddhistischen Presseportalen wie z.B. Buddhist Channel auf diese mehr als zweifelhafte Art der ‚Imagewerbung’ hinzuweisen.

Mit freundlichen Grüßen usw. usf.

So weit, so gut - aber deutsche Buddhisten wären nun einmal keine deutschen Buddhisten, wenn da die einsichtsvolleren, intelligenteren, aufgeklärteren und erleuchteteren unter ihnen nicht sofort Zeter und Mordio schreiend das missverstandene Kulturreferat vor der talibanösen DBU in Schutz genommen hätten.  Die offenen Briefe kannten die selbsternannten Verteidiger westlicher Werte zwar nicht, lediglich die Presseberichte - als sie in einem Blog mit einschlägiger Diskussion gepostet wurden, wurden sie dann auch folgerichtig umgehend wieder gelöscht. Das war dann natürlich keine Zensur - nur eben halt störende Information. Jedenfalls - man mochte fast glauben, die beiden Briefe der DBU hätten im Allgemeinen die Verfassung ins Wanken gebracht und im Speziellen Meinungs- und Kunstfreiheit ernstlich gefährdet. Fast hätte man sogar den Eindruck gewinnen können, Han Chong sei ein zweiter Fall Salman Rushdie und die beiden Schreiben der DBU eine Fatwa mit Auforderung zur Lynchjustiz.

Okay - reden wir mal über die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst (Art. 5 Abs. 3 GG) - auch wenn die DBU in beiden Briefen unmissverständlich erklärt hat, dieses Grundrecht zu respektieren und nicht in Frage zu stellen. Selbstverständlich ist dieses Grundrecht unantastbar. Das Gleiche gilt allerdings auch für die durch Art 4 GG garantierte weltanschaulich-religiöse Neutralität des Staates. Man verkennt schlicht die politischen und rechtlichen Implikationen des 'Falles', auch vor dem Hintergrund der rechtspolitischen Vorstöße kirchennaher Kreise seit dem Kruzifixurteil des BVerfG 1993, eben diese Neutralität durch ein sog. Hierarchisierungsmodell zu untergraben (z.B. Paul Kirchhof). Die DBU würde ihre Hausaufgaben nicht machen, wenn sie auf solche Dinge kein Augenmerk hätte. Das Neutralitätsgebot betrifft selbstverständlich auch kommunale Behörden, insbesondere wenn diese nicht nur im Rahmen von Kunst- und Kulturförderung zugunsten Dritter (Stiftungen, Bibliotheken, Museen usw.) unterstützend tätig werden, sondern wenn sie selbst als verantwortliche Veranstalter und Träger auftreten und dafür öffentliche Gelder ausgeben.

Zur Verdeutlichung: Privatpersonen und juristische Personen des Privatrechts sind TRÄGER von Grundrechten. Niemand in der DBU will in diese eingreifen. Juristische Personen des öffentlichen Rechts (wie z.B. die Stadt München bzw. deren Kulturreferat) hingegen sind ADRESSATEN der Grundrechte - d.h. sie genießen diese Rechte nicht, sondern sie sind zu ihrer Einhaltung und zu ihrem Schutz verpflichtet. Mit Zensur hat der Protest der DBU nicht das Geringste zu tun. Es ist schlicht unredlich, die DBU, die vom Kulturreferat der Stadt München lediglich weltanschauliche Neutralität - mithin eine rechtskonforme Verwendung der diesem Referat zugeteilten öffentlichen Mittel - fordert, in eine Reihe mit islamischen und christlichen Fundamentalisten zu stellen, die eine religiöse Zensur bzw. strafrechtliche Verfolgung von 'Gotteslästerung' fordern. Das geht völlig an der Sache vorbei.

Entscheidend ist, dass das Kulturreferat München als Auftraggeber der Kuratoren Elmgreen & Dragset Veranstalter und Träger der Kunstaktion 'Made in Dresden' ist - nicht, dass da (tatsächliche oder vermeintliche) Kunstwerke präsentiert werden. Ein Kunstwerk ist in diesem Fall - von einem öffentlich-rechtlichen Träger finanziert und präsentiert - nicht als 'Kunstwerk' per se sakrosankt. Es gibt für Kunstwerke keine Anerkennungskriterien - ob man ein Werk als Kunst einstuft, ist ein reines Geschmacksurteil, mithin subjektiv bestimmt und hier völlig unerheblich. Ob nun ein Kunstwerk (bzw. seine Aussage) religiös/weltanschaulich neutral ist oder nicht, ist hingegen durchaus objektiven Kriterien zugänglich. Ein Kunstwerk, das sich religiöser Symbolik bedient, ist es so gut wie nie - und sei es lediglich aus dem Grund, dass es diese Symbole profaniert. Öffentliches Verwaltungshandeln ist aus gutem Grund an Recht und Gesetz und damit an objektive Kriterien gebunden, nicht an subjektive Geschmacksurteile. Das Kulturreferat hätte sich hier mithin fragen müssen, ob sie mit der Präsentation ihrer Verpflichtung zu weltanschaulicher Neutralität gerecht wird - sie kann sich nicht auf den Standpunkt stellen, dies spiele bei Kunstwerken keine Rolle. Im ersten Fall ist überprüfbar, ob das Kulturreferat sein Ermessen sachgerecht ausgeübt hat (mit solchen Dingen befassen sich Verwaltungsgerichte) - der mehr oder weniger fragwürdige Kunstgeschmack von Kulturbürokraten ist es jedoch ist nicht.

Überhaupt - Kulturbürokraten. Häufig (so jedenfalls meine Erfahrungen) Leute, die künstlerisch impotent sind, aber dafür dann wenigstens ersatzweise Kunstgeschichte studiert haben und nun das Geld anderer Leute ausgeben dürfen. Wer kritisiert, was die einkaufen, ist in deren Augen bloß ein schimmerloser Kunstbanause, den man dann gnädig eines Besseren belehrt. Das ist dann der 'Dialog', den solche Aktionen auslösen sollen. Der dumme, merkbefreite Bürger fragt und wird dann von den professionellen Ästhetikexperten aufgeklärt, woraufhin er beschämt über seine Unkultiviertheit und sein Unwissen in Ehrfurcht vor den Experten zu verstummen hat. Verständlich, dass man bei solcher Arroganz die Bereitschaft und die Fähigkeit von Kritikern, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, chronisch ignoriert. Da unterstellt man einfach mangelndes Verständnis bzw. eine 'Scheu' vor Kunst - um nicht gleich zu sagen ein intellektuelles Defizit. Ein Kunstwerk abzulehnen, ist jedoch nicht zwingend der Beweis dafür, dass man es nicht versteht - das genaue Gegenteil kann ebenso gut der Fall sein. Aber okay - setzen wir uns mal hier mit der 'Kunst' auseinander.

Zunächst einmal bedient sich Han Chong des künstlerischen Mittels des Zitates. Zitiert und in einen verfremdenden Kontext gestellt wird hier ein religiöses Symbol. Sonderlich originell ist das ja nun wirklich nicht. Seit Max Ernsts 'Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind' von 1926 ist das sogar schon ziemlich abgestanden, auch wenn es durchaus originelle und gelungene Rückgriffe auf diese Idee gab, beispielsweise Gottfried Helnweins 'Epiphany I' von 1996. Nebenbei bemerkt Kunstwerke, deren Finanzierung den Leiter des Kulturreferates mit ziemlicher Sicherheit den Posten gekostet hätte - um nochmals auf den Aspekt weltanschaulicher Neutralität hinzuweisen. Verglichen mit diesen Werken ist Han Chongs 'Made in Dresden' eher ein spätpubertärer Pennälerstreich - wenn auch nicht ganz so unbedarft wie David Shrigleys 'Bubblesplatz' oder so albern-belanglos wie Kirsten Pieroths 'Berliner Pfütze'. Ich räume gerne ein, dass 'Made in Dresden' noch das gelungenste Werk des 1,2 Millionen € schweren städtischen Kunstprojektes ist - unter Blinden ist der Einäugige König. Diese meine Einschätzung hat gewiss nichts mit Vorurteilen oder Verständnislosigkeit in Bezug auf moderne Kunst zu tun. Ich bin ein großer Bewunderer von Joseph Beuys, den ich 1977 persönlich kennen lernen durfte, und Beuys' Landschaftskunstwerk '7000 Eichen' ist gerade in Bezug auf das in München dem Projekt gesetzte Thema 'Gestaltung/Kultivierung des öffentlichen Raums' eine Arbeit, die da eine Messlatte gelegt hat - so hoch, dass sie für die Kunst-Azubis in München nirgendwo auch nur im Entferntesten in Reichweite kommt. '7000 Eichen' war zwar fast doppelt so teuer wie 'A Space Called Public' - aber dafür auch nicht aus öffentlichen Mitteln, sondern aus privaten Spenden finanziert. Dagegen sehen mir die Werkchen der gesamten hochsubventionierten Elmgreen & Dragset-Clique ziemlich erbärmlich aus. Sorry, wenn ich das so offen sagen muss.

Doch zurück zu 'Made in Dresden'. Es wurde ja geltend gemacht, es gehe nicht um Kritik am Buddhismus, sondern am Buddhismus-Kitsch. Ein religiöses Symbol wird jedoch weder durch die Verfremdung (z.B. Verkitschung) noch durch eine unübliche Kontextualisierung entwertet - es ist und bleibt ein religiöses Symbol mit der ihm eigenen Bedeutung - sonst würde das 'Zitat' ja auch nicht als künstlerisches Mittel funktionieren. Die Unterscheidung etwa zwischen "umgestoßenem Buddha" und "umgestoßenem Buddha-Kitsch" ist mithin völlig irrelevant, sie ignoriert die Metaebene der 'Sprache' des Künstlers (seiner Ausdrucksmittel) und bleibt an der Oberfläche kleben. Auch ein 'verkitscht' dargestellter (was auch immer die Kriterien dafür sein mögen) Buddha nimmt dem Symbol nicht seine Bedeutung - das Symbol verweist unvermindert wenn auch nicht ungebrochen auf Buddharatna, das allen Buddhisten gemeinsame Objekt der Zuflucht. Die Verkitschung ist im Gegenteil eine zusätzliche (zusätzlich zum Kontext "umstoßen") Missachtung des Symbols und damit implizit des damit Symbolisierten..

Was die 'Aussage' dieser Aktion angeht, so wurde in bester Nebelkerzenmanier vom Kulturreferat schlichter Blödsinn behauptet - der dann auch ungeprüft und gutgläubig von Vielen geschluckt und öffentlich im Internet wiederholt wurde. Etwa, dass Dresden ein Zentrum für die Produktion 'nachgemachter' Asiatika sei. Wobei die Frage zu stellen wäre, was hier eigentlich genau 'nachgemacht' bedeuten und was daran verkehrt sein soll. Offensichtlich einfach willkürlich aus der Luft gegriffen - eine Recherche (Branchenbuch, Gelbe Seiten ...) führt allenfalls zu einem kleinen Naturkosmetik-Esoterikshop in Klipphausen. Ich weiß ja nicht, was Sie so alles glauben - ich jedenfalls glaube nicht wirklich, dass die einen großen Teil des europäischen Marktes für Asiatika beliefern. Oder die Mär von der besonders großen asiatischen Gemeinde Dresdens. Auch da habe ich mal genauer hingeschaut - die kommunalen Statistiken weisen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung für Dresden zwar einen geringfügig höheren (aber durchaus nicht ungewöhnlichen) Prozentsatz an Bewohnern asiatischer Herkunft aus als beispielsweise München. In absoluten Zahlen natürlich deutlich weniger. Im nahe gelegenen und etwa gleich großen Leipzig hingegen ist dieser Prozentsatz deutlich höher als in Dresden. Wie vermutet, das ist schlicht dummes und frei erfundenes Gesülze, was den Bürgern da als 'Interpretationshilfe' für 'Made in Dresden' zu schlucken zugemutet wird.

Natürlich macht sich diese Aktion vor allem über den 'Buddhismus' im Esoterik-Wellness-Bereich und über die hierzulande immer beliebter werdenden Feng-Shui-Gartenzwerge lustig. Aber implizit betrifft dies natürlich auch deutsche Buddhisten (nicht nur die in der DBU). Buddhismus in Deutschland ist ein kulturell inkompatibler Fremdkörper. Man beachte den bewusst kontrastierend gewählten Standort Viktualienmarkt (statt beispielsweise der Pagode im Englischen Garten), der den Fremdkörpercharakter betont. Die Figur selbst soll bewusst unauthentisch und talmihaft wirken. Um auch bei den Begriffsstutzigsten noch jeden Zweifel daran zu beseitigen dann noch die Aufschrift 'Made in Dresden' auf der Unterseite. Subtile Ironie geht anders ...

Buddhismus in Deutschland ist unauthentisch und 'nachgemacht', ist billige Kopie, Talmi. Genau das ist die Botschaft von 'Made in Dresden' und ich bezweifle, dass das je anders gemeint war. Daran ändern auch Schutzbehauptungen in der Richtung, so sei das nicht gemeint gewesen, nichts. Ein Kunstwerk sagt das aus, was der Rezipient wahrnimmt. Wenn der Rezipient etwas anderes wahrnimmt, als das, was der Künstler sagen wollte, dann liegt das Problem am Unvermögen des Künstlers, sich auszudrücken, an seinen Defiziten bei der Beherrschung künstlerischer Mittel, und nicht am Rezipienten. Das Problem dem dummen Rezipienten unterschieben zu wollen, also den Popanz des "unverstandenen Künstlers" aufzubauen, ist entweder Feigheit, weil man sich zur Aussage des Werkes nicht bekennen will, oder aber (wenn man der Behauptung, missverstanden zu werden, Glauben schenken will) der Versuch, künstlerische Impotenz zu verschleiern. Daran ändert auch Arnold Gehlens Diktum von der Kommentarbedürftigkeit moderner Kunst nichts - kommentarbedürftig ist Kunst, wenn sie nicht verstanden wird, wenn sie den Rezipienten ratlos lässt. Wenn sie jedoch falsch verstanden wird, dann hat der Künstler versagt, dann hat er etwas falsch gemacht. Er hat nicht das Recht, vom Rezipienten zu fordern, er möge das Werk doch bitteschön so verstehen, wie er es gemeint hat. Wenn der Künstler tatsächlich so dumm ist, sich hier zu beschweren - nun, dann haben wir tatsächlich ein objektives Kriterium, ob wir es mit einem Kunstwerk zu tun haben oder nicht. Wenn es falsch verstanden wird, anders, als es gemeint war, dann ist dies offensichtlich nicht der Fall. Dann ist der selbsternannte 'Künstler' unfähig, sich auszudrücken - mithin kein Künstler.

Das Alles - so umfangreich ich mich dazu geäußert habe - tut hier jedoch nichts zur Sache. Es geht nicht um Kunstkritik. Wie schon geschrieben - Herr Han Chong hat jedes Recht, eine Meinung zu haben und diese auch mit den von ihm gewählten Mitteln der Verfremdung eines religiösen Symbols mehr oder weniger künstlerisch wertvoll auszudrücken. Aber das Kulturreferat München hat nicht das Recht, eine solche Aktion, die sich über die Buddhismusrezeption in Deutschland mit dem Mittel des provozierenden Missbrauchs eines religiösen Symbols lustig macht, zu finanzieren und ihr den Viktualienmarkt als öffentliche Bühne zur Verfügung zu stellen. Dabei ist es unerheblich, wer sich nun provoziert fühlt und wer nicht, ob deutsche Buddhisten, ob Touristen aus Sri Lanka oder Thailand - oder Münchner Bürger gleich welchen religiösen Bekenntnisses, die sich für ihre Stadt schämen müssen. Fakt ist jedenfalls, dass sich Buddhisten provoziert und in ihren religiösen Gefühlen verletzt gefühlt haben (wie es auf Juristendeutsch heißt) und sich in dieser Angelegenheit an die DBU gewandt haben. Aufgabe der DBU war es, die Situation zu prüfen und entsprechend zu agieren - nicht aber, die Beschwerdeführer darüber zu belehren, dass sie sich gefälligst nicht so anstellen sollen - wie einige der 'buddhistischen' Kritiker zu glauben scheinen. Es ist nicht Aufgabe der DBU, ihre Mitglieder zu erziehen oder zu schulen - es ist Aufgabe der DBU, ihnen eine Stimme in der Öffentlichkeit zu verleihen. Die selbstgefällige Arroganz von 'Buddhisten' die meinen, Andere hätten gefälligst ebenso über der Sache zu stehen wie sie selbst, kotzt mich ehrlich gesagt mittlerweile an. Ich persönlich finde 'Made in Dresden' einfach nur dumm, unsensibel und infantil - spreche aber niemandem das Recht ab, hier Person und Lehre Buddhas oder meinetwegen auch sich selbst als Buddhist öffentlich herabgewürdigt oder beleidigt zu sehen. Genauso, wie ich niemandem das Recht abspreche, die Aktion gut und künstlerisch gelungen zu finden. Letzteres rechtfertigt jedoch nicht die Finanzierung aus Steuermitteln.

Man hat der DBU vorgeworfen, hier "aufgeregt" reagiert zu haben. Ein "Aufgeregtsein" - das, so weit es die DBU angeht, eher ein politisches als ein religiöses ist, habe ich jedoch eher bei den (sorry) Klugscheissern wahrgenommen, die meinten, die DBU in die Nähe der Taliban rücken zu müssen. Das regt mich in der Tat auf - wie unschwer an diesem Artikel zu erkennen ist. Es hat zwei offene Briefe gegeben. Mehr "Aufregung" war nicht. Das ist ganz normales Alltagsgeschäft für einen Dachverband religiöser Gemeinschaften.