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Mittwoch, 23. November 2011

Du hast ja noch dein Grab

Gestern morgen ist der Autor, Musiker und Komponist Georg Kreisler im Alter von 89 Jahren in Salzburg an einer schweren Infektion gestorben. Ich möchte ihn hier selbst seinen Nekrolog halten lassen - besser und angemessener als er könnte ich das auch nicht.



Man hat Kreisler Zynismus vorgeworfen - sicher nicht ganz zu unrecht. Wenn man ihn einen Misanthropen nennt, dann ist das allerdings verfehlt - der Menschenfeind war nur Maske. Oder nicht doch vielmehr ein Spiegel, den er seinem Publikum vorhielt? Sein Zynismus entstand aus dem Leiden an der Welt und an den Menschen - und um daran zu leiden, muss man sie lieben. Auch, wenn es schwerfällt ...

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Homburg, mit dem er vor anderthalb Jahren geehrt wurde, sagte er Folgendes:
Übrigens ist Hölderlin der Überzeugung, daß eines Tages alle Menschen Künstler sein werden, wobei er nicht nur diejenigen meint, die Kunst produzieren, sondern eben die Götter, die Kunst genießen, für die Kunst ein Bestandteil ihres Lebens ist. Möglich und zu wünschen wäre ja so eine Welt, aber heutzutage daran zu glauben, fällt schwer. Trotzdem - einige solche utopischen Nester gibt es, vielleicht auch heute Vormittag hier. Denn in seinem Gedicht „Götter wandelten einst" hebt Hölderlin die Liebenden hervor. Er schreibt: „Es schufen sich einst die einsamen Liebenden, nur von Göttern gekannt, ihre geheimere Welt." Auch der berühmte poetische Satz „Wo aber die Gefahr ist, wächst das Rettende auch" ist von Hölderlin. Man darf also auch Optimist sein.
Die letzten Jahre war er nicht mehr als Musiker unterwegs, "nur" noch mit Lesungen.
Ich setze mich nicht mehr ans Klavier und singe meine Lieder, aber nicht, weil ich das nicht könnte, sondern weil ich es falsch fände. Es paßt einfach nicht zu einem alten Mann wie mir. Ich habe in meinen jüngeren Jahren öfter erlebt, wie alte Männer ihre Lieder noch selbst gesungen haben, und es hat mir jedes Mal mißfallen. Bei einem Lied kommt es ja auch auf den Text an, und worüber soll ein alter Mann singen? Über die Liebe? Lächerlich! Über seine Träume? Wen interessiert das? Wenn er seine Träume sein ganzes Leben lang nicht verwirklichen konnte, soll er es bleiben lassen! Über Politik? Er hat doch keine Zukunft mehr. Über den Tod? Peinlich!
Ich möchte abschließend Georg Kreisler noch einmal selbst zu Wort kommen lassen - mit seinem vielleicht schlimmsten, zynischsten Lied. Das erschreckendste an diesem Lied ist seine Popularität in gewissen Kreisen - bei Leuten, die vermutlich zu dumm sind um zu wissen, dass der Autor mit 16 Jahren als "Halbjude" nach den kranken Definitionen der Nürnberger Rassengesetze vor den braunen Horden in die USA emigrieren musste. Diese Popularität zeigt, dass man sich in dem Spiegel, der einem von Kreisler da vorgehalten wird, durchaus erkennen kann - es ist kein Zerrspiegel.



Übrigens:

Die Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage vom 07.10.2009 nennt 46 Todesopfer durch rechtsextremen Terror seit 1990. Da "DIE ZEIT" und "DER TAGESSPIEGEL" aufgrund eigener Recherchen am 16.09.2009 auf mindestens 137 Todesopfer kamen, wurde dieses Jahr erneut eine Große Anfrage gestellt und am 27.09.2011 beantwortet - da hatten sich die von der Bundesregierung "anerkannten" Todesopfer rechten Terrors seit 1990 schon auf wundersame Weise auf 79 erhöht. Wie wir seit ein paar Tagen wissen, kommen da mittlerweile noch ein paar mehr auf die Rechnung, die bislang merkwürdigerweise "übersehen" wurden. Die Amadeu-Antonio-Stiftung spricht von hingegen 182 Todesopfern, Welt Online (wie der Tagesspiegel wohl kaum als linkes Kampfblatt bekannt) listet sie auf.

Nur mal zum Vergleich - seit 1990 (vorher wurden Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund gar nicht gesondert erfasst) sind 21 Jahre vergangen. Der Terror der RAF von 1971 bis 1993 (also in einem etwas längeren Zeitraum) kostete 34 Menschen das Leben. Natürlich soll das kein Aufrechnen sein, aber wenn man sich - wie ich - an die seinerzeitigen hysterischen Reaktionen von Politikern auf den Terror der RAF erinnert, kommt man nicht umhin, vergleichsweise eine gewisse staatliche 'Gelassenheit' im Umgang mit rechtem Terror zu konstatieren. Womöglich liegt das ja an den Opfern ...

Freitag, 6. August 2010

In Memoriam

Das Vergessen führt in die Verbannung; das Geheimnis der Erlösung liegt in der Erinnerung.
(Baal Shem Tov)










Richard Benz, bis vor gut einem Jahr Bürgermeister von Büchel, hat da andere Sorgen als Tadatoshi Akiba, Bürgermeister von Nagasaki. Ausweislich der offiziellen Webseite der Gemeinde Büchel ist man dort mit der Nachbarschaft des Jagdbombergeschwaders 33 ausgesprochen zufrieden.

Vielen Deutschen geht es ähnlich wie den Bürgern Büchels. Deutschland hatte das Glück, gut zwei Monate vor der Einsatzfähigkeit der Atombombe zu kapitulieren. Es gibt daher in Deutschland keine Hibakusha. Ein Grund, sich deren Erinnerungen nicht zu eigen zu machen? Den Klang der Glocke zu überhören?


Freitag, 18. Juni 2010

Happy Birthday Oli!



Es ist etliche Jahre her, dass ich auf einem Flohmarkt in einer Grabbelkiste eine CD fand, deren originelles Cover (siehe oben) mir auffiel und die ich nach kurzem Studium des Booklets für wenig Geld kaufte.  Es war das Debutalbum von Oliver Schroer. Ich lernte damit einen Musiker kennen, der nicht nur mich reich beschenkt hat. Heute wäre er 54 Jahre alt geworden; er war ein wenig jünger als ich. Er war nicht nur ein bemerkenswerter Musiker, sondern auch ein bemerkenswerter Lehrer. So, wie ein Zen-Lehrer Gruppen von Zen-Praktizierenden initiiert, rief der Fiddler Oliver mit seinem Projekt 'The twisted Strings' Gruppen von Fiddlern ins Leben - zumeist Gruppen von 8 - 12 jungen Leuten, die seine Musik öffentlich und privat spielen. To go where no fiddlers have ever gone before ...



'Twisted Strings' ist sein wahrscheinlich größtes Geschenk an seine Mitmenschen. Etwas bekannter wurde er, als er sich 2004 mit drei Freunden, seine Geige und ein transportables Aufnahmestudium im Gepäck, zu Fuß auf einen 1000-km-Weg nach Santiago de Compostela machte. Wo immer er eine offene Kirche fand, deren Akustik ihm zusagte, wurde seine Pilgerfahrt zu einer akustischen Wanderschaft mit seiner Geige durch die spezielle Klanglandschaft dieser Kirche. 25 Stationen dieser Reise veröffentlichte er auf der CD 'Camino', sein kommerziell erfolgreichstes Projekt. Hier das Eröffnungsstück 'Field of Stars' - Campo Stella, Compostela.


 


Insgesamt veröffentlichte er 8 Alben unter eigenem Namen, an über 100 Alben anderer Musiker wirkte er mit; auch als Produzent war er erfolgreich. So bemerkenswert wie sein Leben war auch sein Sterben. 2007 wurde bei ihm die Diagnose Leukämie gestellt. Am 5. Juni 2008 gab er sein letztes Konzert, "Oliver's Last Show on His Tour of This Planet". Knapp einen Monat später, am 3. Juli 2008, verließ er diesen Planeten für immer. Seine letzte Komposition 'Poise' ('Gleichgewicht, Haltung') schrieb er am Tag davor ...



Deutsche Übersetzung:
Oliver Schroer: In Anmut vom Leben Abschied nehmen

Der Musiker Oliver Schroer legt seinen 1,98 m großen Körper quer über sein Einzelbett in der Leukämiestation des Princess Margaret Cancer Hospital in Toronto. Er ist umgeben von Computern, CDs, Lautsprechern, Karten und Photos sowie einem beladenen Ständer für Infusionsflaschen. Wie große, undurchsichtige Blätter an einem glänzenden Silberbaum hängen daran Beutel mit Blutkörperchen, Demerol und Flüssigkeiten.

Schroers buschiges Ziegenbärtchen, an die Chemo verloren, ist wieder gewachsen, doch nicht sein Kopfhaar. Er trägt eine rote, sexy-nerd-Brille und einen gestreiften Schlafanzug. Seine Muskelmasse ist wegen der Steroide atrophiert, so sieht er noch schlaksiger aus in diesem kleinen Raum, den er dankbar sein Zuhause nennt.

"Wegen der Anzahl meiner roten Blutkörperchen bin ich praktisch ein Bluter. Wenn ich hier wegginge und mit dem Kopf irgendwo anstoßen würde, könnte ich mir eine Gehirnblutung zuziehen. Also bin ich froh, hier zu sein."

Die Worte "froh" und "hier" passen gewöhnlich nicht zum  Princess Margaret Hospital. Aber Schroer ist kein gewöhnlicher Mann.

Er nimmt den Laptop, auf dem er eine neue CD abmischt, von einem Stuhl so dass ich an seinem Bett sitzen kann. Und dann spricht dieser rätselhafte, geschlagene Mann sachlich über seine tödliche Krankheit und seine Sicht des "Wasserfalls, vor dem wir alle stehen" - Tod.

"Wir sterben alle, weisst du", sagt er, mit entwaffnend stillem Lächeln.

Schroer mag das Sterben nicht fürchten, aber er scheut unproduktives Leben. "Das wird ein anderer Lernprozess sein. Wenn ich nicht klar denken oder Dinge tun kann ... wir werden sehen."

Ich frage ihn, was er glaubt, was geschehen wird, wenn er stirbt. Er antwortet ohne zu zögern.

"In dem Moment, wo wir durch dieses Portal treten, ordnen sich die Dinge neu auf so gründliche Weise, dass es jetzt für uns keinen Sinn ergeben kann. Ich habe das Gefühl dass, in dem Augenblick, wo ich hinübergleite, es einen absoluten Sinn haben wird. Und ich werde nicht zurück schauen."

Die Nacht, bevor ich ihn in seinem Heim im Krankenhaus besuchte, hatte er Ausgang, um seinen 52. Geburtstag im Haus eines Freundes zu feiern. An seinem Geburtstag vor 2 Jahren war er wie ein Komet auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Er hatte gerade seine CD 'Camino' veröffentlicht, mit großem Erfolg bei Kritikern und beim Publikum. 'Camino' wurde 2004 im Laufe zweier Monate produziert, als er und zwei Freunde den Camino de Santiago gingen, eine alte Wanderroute durch Frankreich und Spanien. In Kirchen entlang des Weges spielte Schroer seine Geige.
 Im Januar 2007 wurde er zu dem gewaltigen Celtic Connections Festival in Glasgow eingeladen und spielte dort Musik von der Camino-CD. "Ich fühlte mich ein wenig merkwürdig, aber ich schrieb es den langen Nächten zu und dem, was man in Schottland eben tut: trinken."

Doch als Schroer zurück nach Hause nach Vancouver flog, war er entschlossen, einen Bluttest zu machen. Er dachte sich, er könne früh am Morgen seiner Ankunft zuhause zum Labor fahren. Er war der erste im Wartezimmer. "Mein Arzt rief mich an diesem Tag um 10 Uhr abends zurück" sagt er. "Man möchte, dass Ärzte prompt reagieren. aber doch nicht so prompt."

Man sagte ihm, er habe eine Frühform von Leukämie. Geschockt, las er laut seine Blutwerte der Frau, mit der er zu dieser Zeit zusammenlebte und die zufällig eine auf Leukämie spezialisierte Krankenschwester war, vor. Sie brach in Tränen aus.

Auch wenn er sagt, die Diagnose habe ihn, wie die Schotten es ausdrücken, "gobsmacked", ergab sie auch Sinn für ihn. In den vergangenen sechs Monaten hatte er sich oft dabei ertappt, dass er Dinge sagte wie "ich hatte ein großartiges Leben. Es ist in Ordnung, jetzt zu gehen". Und dann dachte er: "Wow, was ein übler Gedanke ..."

Jetzt kommentiert er: "So, ohne zu denken, es sei mein Fehler, fühlte es sich an, als habe meine ganze Einstellung zum Leben zwangsläufig dazu beigetragen, dort zu sein, wo ich war."

Er entschloss sich zu einigen Veränderungen. Er zog nach Toronto, wo er einen großen Kreis von hilfsbereiten Freunden hat. Und sofort begann er mit der Aufnahme eines neuen Albums, dem berührenden 'Hymns and Hers'.

"Meine Musik wurde mehr zu einer spirituellen Sache - etwas, das von außerhalb meiner selbst kam. Ich wurde zum Kanal für etwas viel größeres. Das hat sich auf zwischenmenschliche Beziehungen ausgeweitet."

Schroer startete einen Blog, um sich selbst und seiner Umgebung zu helfen, seine Krankheit zu bewältigen. Als er seinen ersten Blogbeitrag absandte, kamen 250 Emails zurück.

"Ich habe es herausgefordert. Aber das sind viele Emails."

Im November, nachdem er nach zwei Runden Chemotherapie und Bestrahlung in Rehabilitation geschickt wurde, kam er auf die Warteliste für eine Knochenmarktransplantation - wie man sagt die aussichtsreichste Methode, Leukämie zu besiegen. Ein anonymer Spender wurde gefunden und getestet, aber dieser Prozess dauerte länger, als irgendjemand vorhergesehen hatte.

Seine Transplantation war für den 2. November angesetzt. Am 1. November entdeckten seine Ärzte, dass die Leukämie zurück war. Die Knochenmarktransplantation wurde abgesagt.

Also gingen seine Ärzte direkt zu dem über, was Schroer den "Sattelschlepper unter den Chemos" nennt. Das Leiden war intensiv, aber in der ganzen Zeit hielt er an dem Gedanken fest "nun, das muss es jetzt erledigen."

Das Endergebnis war fast schlimmer als zu hören, dass es nicht gewirkt hatte. Das Wort war: "ungewiss". Und schließlich sagte sein Onkologe: "Wir können nichts für Sie tun."

Schroer blieb wütend zurück, frustriert, dass sich die Knochenmarktransplantation so lange verzögert hatte, so dass man das Zeitfenster um einen Tag verfehlt hatte. Der Gedanke, dass sie ihn hätte retten können, quälte ihn.

Dann bekannte eine Lieblingskrankenschwester: "Ich bin so glücklich, dass du es nicht getan hast." Eine Transplantation "mäht dich nieder" erinnert er sich, habe sie gesagt. "Du würdest platt auf dem Rücken liegen und massiv leiden. Du hättest dein Konzert oder deine Arbeit nicht machen können. Und wahrscheinlich hätte es ohnehin nicht gewirkt."

Weg war das "wenn nur ...". Gesegnet mit einer von Bedauern unbefleckten Reinheit der Absicht konzentrierte sich Schroer darauf, seine meistgeliebten Projekte zu beenden, sein Vermächtnis von Lehre und Mentorschaft zu festigen und "mein letztes Konzert auf der Erde" aufzuführen.

Das Konzert fand statt am 5. Juni, für ein Stehplatz-Publikum von 800 Menschen.

"Es war vollkommen" sagt Schroer mit einem Seufzen. "Es ließ nichts zu wünschen übrig. Was das Publikum angeht, fühlte es sich spirituell und sehr emotional an."

Schließlich war es ein Abschied.

Eines der schönsten Nebenprodukte des Abends, sagt er, war das Verbundensein der Menschen miteinander und ihre Bereitschaft, sich nicht in Scheu von seinem Tanz mit dem Tod abzuwenden. Er selbst tut es ganz klar nicht.

"Ich könnte verzweifelt den Tod bekämpfen, aber das ändert nicht das Geringste. Ich habe ein starkes Gefühl von Annehmen - in dem Sinne, nicht Gott zu verfluchen oder das Internet nach Heilkräutern zu durchsuchen - und gleichzeitig von Bemühung um mehr Zeit."

Sein Annehmen seines unmittelbar bevorstehenden Todes kommt aus der Art und Weise, wie er gelebt hat.

"Als Künstler habe ich zu meiner eigenen einzigartigen Stimme gefunden und war in der Lage, dieser Stimme öffentlich Ausdruck zu geben. Ich konnte mit verschiedenen wundervollen Musikern zusammenarbeiten. Was will ein Künstler mehr?"

"Ich bin einer dieser hell brennenden Kerle, die alles verfeuern und dann in den Flammen untergehen."


Um es mit dem Namen einer Deiner Kompositionen zu sagen: A Thousand Thank-Yous!




Montag, 19. April 2010

Gelbe Kraniche und blaue Hunde

Die Art, wie Cen, das große Kriechtier, sich anderer Menschen anzunehmen pflegte, war jederzeit schlagfertig und blitzartig, wie wenn Perlen rollen, wie wenn man Edelsteine hin- und herdreht. Er wollte, dass die Leute, wenn sie vor ihm standen, auf der Stelle ganz genau begriffen, was er meinte.

Ich möchte heute an meinen letzten Eintrag anknüpfen - also am 36. Fall des Biyan Lu. Der einleitende Absatz stammt aus Yuanwu Keqins Kommentar zu dem Beispiel. Mit  der Bezeichnung "das große Kriechtier", mit der Changsha hier bedacht wird, ist übrigens kein Reptil gemeint, sondern ein Tiger. Wie Changsha zu seinem Spitznamen 'Tiger' kam, kann man in Yuanwus Kommentar ebenfalls nachlesen, oder auch in diesem Blog, das erst kürzlich Changsha (jap. Chosa) einen Eintrag gewidmet hat.

Yuanwus Kommentar, der sich auf den letzten Satz des Koan bezieht, will hier Changshas Fähigkeit verdeutlichen, das Kommunikationsmuster des Aneinander - Vorbeiredens zu durchbrechen und seinem Gesprächspartner dabei auch noch zu einer Einsicht zu verhelfen. Yuanwu illustriert das mit einer kleinen Anekdote. Sie erzählt von dem hochrangigen Literaten Zhang Zhuo, der sich bemühte, den Weg Buddhas zu ergründen und zu diesem Zweck das Sutra der Namen Buddhas (佛名經) studiert hatte, das die Namen der jeweils tausend Buddhas des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Kalpas nennt. Nun kam er zu Changsha, um sich (wohl nicht ganz ohne ironischen Unterton) zu beklagen, dass er nun von tausenden Buddhas zwar die Namen kenne, es ihn aber mehr interessiere, wo sie denn seien und ob sie zum Heil der Welt eigentlich irgendetwas beitrügen.

Sutra der Buddhanamen - Dunhuang-Manuskript

Changsha verwies als Antwort auf ein Gedicht, das dem Literaten Zhang Zhuo selbstverständlich gut bekannt war - Cui Haos Gedicht 'Der Turm zum Gelben Kranich' - und fragte, ob er, Zhang Zhuo, wohl selbst einmal dieses Thema in einem Gedicht behandelt habe. Als Zhang Zhuo verneinte, empfahl ihm Changsha, doch künftig einmal ein wenig Muße darauf zu verwenden.

Nun muss man wissen, dass der Turm zum Gelben Kranich einer der berühmtesten Türme Chinas ist. Er steht auf dem Schlangenhügel in der heutigen Millionenstadt Wuhan und bietet einen großartigen Ausblick auf den Yangtze-Fluss und auf Hanyang, früher eine eigene Stadt auf dem gegenüber liegenden Ufer, heute ein Teil Wuhans. Im Fluss selbst gab es früher eine mittlerweile verschwundene Insel, den Papageiensand.

Der Turm, der heute den Namen des Gelben Kranichs trägt und auf dem Foto oben zu sehen ist, stammt aus dem Jahr 1981 - der Turm wurde im Lauf der Jahrhunderte acht mal zerstört und wieder aufgebaut. Der erste Bau stammte aus dem Jahr 223 und war eine Grenzbefestigung des Königreichs Wu. Dieser ursprüngliche Turm stand noch zu Zeiten der Tang-Dynastie (618-907), wo er längst seine militärische Funktion verloren hatte und zu einem Treffpunkt für Dichter geworden war, die sich von der großartigen Szenerie inspirieren ließen und dort auch das eine oder andere Gelage feierten. Mit dem Turm selbst hatte sich die Legende des taoistischen Unsterblichen Wang Zian verbunden, der vom Schlangenhügel auf dem Rücken eines gelben Kranichs in die Unendlichkeit geflogen sein soll.

Natürlich war - bedingt durch die illustren Besucher - der Turm häufig Gegenstand von Gedichten. Doch das erwähnte Gedicht Cui Haos, das etwa hundert Jahre vor dem Gespräch Changshas mit Zhang Zhuo entstand, galt als so vollendet und unübertrefflich, dass es fortan niemand mehr wagte, den Turm zum Thema eines Gedichts zumachen, nicht einmal Cui Haos wesentlich berühmtere Zeitgenossen Li Bai und Du Fu (vgl. hier). Verständlich, dass auch Zhang Zhuo sich einer solchen Aufgabe nicht gewachsen fühlte - verständlich auch, dass Changsha ihn darauf hinwies, dass mit dem Lesen alter Geschichten nichts gewonnen ist (der Leser stelle sich bitte vor, dass ich hier ein wenig mit den Augen zwinkere).

Es gibt eine Übersetzung von Cui Haos Gedicht von Günther Debon, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte, auch wenn der einzigartige Ruf, den dieses Gedicht unter chinesischen Literaten genießt, dadurch vielleicht nicht so recht nachvollziehbarer wird:

Cui Hao
Der Turm zum Gelben Kranich


Auf seinem gelben Kranich flog der Weise vorzeiten fort,
Der Turm zum Gelben Kranich blieb allein am leeren Ort.

Und ist der Kranich einmal fortgeflogen, bleibt er uns weit.
Die Wolken aber fluten still dahin in Ewigkeit.

Dort überm Strom, ganz klar, sieht man die Bäume von Hanyang blühn;
Und auf dem Papageiensand der Gräser duftendes Grün.

Die Sonne sinkt hinab. Sagt mir, wo liegt der Heimat Erde?
Das Nebelwogen auf dem Strome macht, dass ich beklommen werde.


Das 'Tabu', den Turm nach Cui Hao zum Thema eines Gedichtes zu machen, wurde natürlich nicht von jedem so ernst genommen wie von unserem Literaten Zhang Zhuo, wie dieses Beispiel aus dem Jahr 1927 (das im Übrigen im Original die Form von Cui Haos Gedicht aufgreift) zeigt:

Mao Zedong
Der Turm zum Gelben Kranich


Weit, weit durchfließen die neun Ströme das Land
Dunkel, so dunkel fädelt sich die Linie von Süd nach Nord.

Verschleiert im dicken Dunst des Nebelregens
Halten Schildkröte und Schlange den großen Fluss gefangen.

Der Gelbe Kranich ist entflohn, wer weiss wohin?
Geblieben ist nur dieser Turm als Sehenswürdigkeit.

Ich opfere meinen Wein der brausenden Strömung,
Die Gezeit meines Herzens schwillt an mit den Wellen.


Nun ja ....

Mein persönlicher Favorit zu diesem Thema ist ein Gedicht des großartigen Li Bai, das - wenn die Geschichte mit dem 'Tabu' denn wahr ist - wohl kurz vor Cui Haos Gedicht entstanden sein muss. Die Übersetzung ist diesmal von Günter Eich. Der im Titel genannte Meng Hau-jan (Meng Haoran) ist ein weiterer berühmter Dichter der Tang-Ära.

Li Bai
Abschied für Meng Hau-jan im Haus "Zum Gelben Kranich"

Vom Haus zum Gelben Kranich hat der Freund Abschied genommen.

In Dunst und Blüte des Aprils ist seine Barke flussab geschwommen.

Einsames Segel, ferner Schatten, der im blauen Horizont entschwindet -

Ich sehe nur den weiten Strom noch, der zuletzt im Himmel mündet.

Ein Abschied im April - ich bitte um Nachsicht mit einem sentimentalen Narren, wenn ich da noch (versprochen, zum letzten Mal) einen weiteren Abschiedgruß anfügen möchte:

Dienstag, 24. November 2009

mushi shōji – Geburt-und-Tod ohne Anfang

Gestern Abend erreichte mich die eMail eines alten Jugendfreundes. Unser gemeinsamer Freund Klaus Federlein ist vor einigen Tagen in München unerwartet verstorben; am Freitag findet die Beisetzung statt. In Speyer, dem Städtchen, in dem wir gemeinsam zur Schule gegangen sind (oder manchmal auch nicht), gemeinsam das erste Mal gekifft haben, eine Rockband gegründet haben …

Trauer? Ja sicher, auch wenn sich unsere Wege schon lange getrennt haben. Es waren wichtige, prägende Jahre - die Zeit, als wir erwachsen wurden. Die Trauer hat sicher mehr mit mir als mit ihm zu tun. Es ist ein Stück von mir, von meiner Jugend, das nun unwiederbringlich vergangen ist. Wie auch all die Erinnerungen, die ich noch bewahre, verschwinden werden. Das Loslassen schmerzt noch immer.


Der Tod kam über Nacht zu Dir. Ich hoffe, er war sanft.




While riding on a train goin' west,
I fell asleep for to take my rest.
I dreamed a dream that made me sad,
Concerning myself and the first few friends I had.

With half-damp eyes I stared to the room
Where my friends and I spent many an afternoon,
Where we together weathered many a storm,
Laughin' and singin' till the early hours of the morn.

By the old wooden stove where our hats was hung,
Our words were told, our songs were sung,
Where we longed for nothin' and were quite satisfied
Talkin' and a-jokin' about the world outside.

With haunted hearts through the heat and cold,
We never thought we could ever get old.
We thought we could sit forever in fun
But our chances really was a million to one.

As easy it was to tell black from white,
It was all that easy to tell wrong from right.
And our choices were few and the thought never hit
That the one road we traveled would ever shatter and split.

How many a year has passed and gone,
And many a gamble has been lost and won,
And many a road taken by many a friend,
And each one I've never seen again.

I wish, I wish, I wish in vain,
That we could sit simply in that room again.
Ten thousand dollars at the drop of a hat,
I'd give it all gladly if our lives could be like that.

(Bob Dylan)

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Denk nach!! Wie kannst du glauben, jemand zu sein und von „bevor der Geburt“ und „nach dem Tod“ sprechen? Welche Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft kannst du ergreifen? Seit undenklichen Zeiten gibt es nicht die geringste Abweichung, keinen Augenblick lang. Von der Wiege bis zum Grab ist es nur das. Aber obwohl dies so ist, wenn du es nicht einmal verwirklichst, wirst du genarrt werden von deinen Sinnen und ihren Objekten und wirst dieses Selbst nicht verstehen. Gerade so, als ob du ein Brett vor dem Kopf hättest und nicht sehen kannst, was sich genau vor deinen Augen befindet. Also wirst du den Ursprung deines Körpers und deines Geistes und der Myriaden Dinge nicht verstehen und ohne guten Grund versuchen, Verblendung zu durchschneiden und Erleuchtung zu finden. Da dies so ist, hast du die Buddhas damit belästigt, in der Welt zu erscheinen und die Patriarchen genötigt, freundlicherweise ihre Ermahnungen zu geben. Und obwohl sie diese gnädigen Ermahnungen gegeben haben bist du immer noch in deinen eigenen Ansichten gefangen und behauptest, du könntest es nicht erfassen oder du hättest es nicht verstanden! Wirklich, du bist nicht unwissend, noch bist du mit der Wirklichkeit vertraut, sondern du verweilst stolz in Gedanken und Berechnungen, Unterscheidungen von Gut und Böse.


Verstehst du denn nicht, daß du antwortest, wenn einer ruft und daß du folgst, wenn einer den Finger ausstreckt? Dies wird nicht von unterscheidendem Denken oder von willentlicher Anstrengung bewerkstelligt, sondern ist die Arbeit des Wahren Menschen. Dieser Wahre Mensch hat weder ein Gesicht noch körperliche Merkmale, dennoch zögert er niemals auch nur für eine Sekunde. Das ist der Grund, warum sich dieser Geist erhebt und „Körper“ genannt wird. Wenn der Körper erscheint, verbinden sich die 4 Elemente, die 5 Skandhas, die Millionen Poren und die 360 Knochen und du bist ein Körper. Es ist wie ein Juwel im Licht oder ein Klang, der ein Echo hat. Von der Wiege bis zum Grab gibt es weder Mangel noch Überschuß. Mit solcher Geburt und solchem Tod hat deine Geburt keinen Anfang und dein Tod hinterläßt keine Spuren. Als ob sich die Wellen auf dem Meer erheben und verschwinden, ohne die geringste Spur zurückzulassen. Obwohl die Wellen verschwinden, gehen sie nicht an irgendeinen besonderen Ort. Weil das Meer ist, was es ist, erscheinen große und kleine Wellen und verschwinden wieder.


[…]


Heute Morgen, um etwas Entschiedenes zu dieser Geschichte zu sagen, würde ich euch gerne ein kleines Gedicht vortragen. Wollt ihr zuhören?

Selbst mit der Klarheit der Herbstwasser bis an den Himmel
Wie wollte man es mit dem hofumgebenen Frühlingsmond vergleichen?
Viele Menschen suchen die Klarheit in Ihren Leben
Sie putzen und putzen, doch ihr Geist ist immer noch nicht leer.


(Keizan, Dentoroku, Micchaka-Kapitel)