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Montag, 19. April 2010

Gelbe Kraniche und blaue Hunde

Die Art, wie Cen, das große Kriechtier, sich anderer Menschen anzunehmen pflegte, war jederzeit schlagfertig und blitzartig, wie wenn Perlen rollen, wie wenn man Edelsteine hin- und herdreht. Er wollte, dass die Leute, wenn sie vor ihm standen, auf der Stelle ganz genau begriffen, was er meinte.

Ich möchte heute an meinen letzten Eintrag anknüpfen - also am 36. Fall des Biyan Lu. Der einleitende Absatz stammt aus Yuanwu Keqins Kommentar zu dem Beispiel. Mit  der Bezeichnung "das große Kriechtier", mit der Changsha hier bedacht wird, ist übrigens kein Reptil gemeint, sondern ein Tiger. Wie Changsha zu seinem Spitznamen 'Tiger' kam, kann man in Yuanwus Kommentar ebenfalls nachlesen, oder auch in diesem Blog, das erst kürzlich Changsha (jap. Chosa) einen Eintrag gewidmet hat.

Yuanwus Kommentar, der sich auf den letzten Satz des Koan bezieht, will hier Changshas Fähigkeit verdeutlichen, das Kommunikationsmuster des Aneinander - Vorbeiredens zu durchbrechen und seinem Gesprächspartner dabei auch noch zu einer Einsicht zu verhelfen. Yuanwu illustriert das mit einer kleinen Anekdote. Sie erzählt von dem hochrangigen Literaten Zhang Zhuo, der sich bemühte, den Weg Buddhas zu ergründen und zu diesem Zweck das Sutra der Namen Buddhas (佛名經) studiert hatte, das die Namen der jeweils tausend Buddhas des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Kalpas nennt. Nun kam er zu Changsha, um sich (wohl nicht ganz ohne ironischen Unterton) zu beklagen, dass er nun von tausenden Buddhas zwar die Namen kenne, es ihn aber mehr interessiere, wo sie denn seien und ob sie zum Heil der Welt eigentlich irgendetwas beitrügen.

Sutra der Buddhanamen - Dunhuang-Manuskript

Changsha verwies als Antwort auf ein Gedicht, das dem Literaten Zhang Zhuo selbstverständlich gut bekannt war - Cui Haos Gedicht 'Der Turm zum Gelben Kranich' - und fragte, ob er, Zhang Zhuo, wohl selbst einmal dieses Thema in einem Gedicht behandelt habe. Als Zhang Zhuo verneinte, empfahl ihm Changsha, doch künftig einmal ein wenig Muße darauf zu verwenden.

Nun muss man wissen, dass der Turm zum Gelben Kranich einer der berühmtesten Türme Chinas ist. Er steht auf dem Schlangenhügel in der heutigen Millionenstadt Wuhan und bietet einen großartigen Ausblick auf den Yangtze-Fluss und auf Hanyang, früher eine eigene Stadt auf dem gegenüber liegenden Ufer, heute ein Teil Wuhans. Im Fluss selbst gab es früher eine mittlerweile verschwundene Insel, den Papageiensand.

Der Turm, der heute den Namen des Gelben Kranichs trägt und auf dem Foto oben zu sehen ist, stammt aus dem Jahr 1981 - der Turm wurde im Lauf der Jahrhunderte acht mal zerstört und wieder aufgebaut. Der erste Bau stammte aus dem Jahr 223 und war eine Grenzbefestigung des Königreichs Wu. Dieser ursprüngliche Turm stand noch zu Zeiten der Tang-Dynastie (618-907), wo er längst seine militärische Funktion verloren hatte und zu einem Treffpunkt für Dichter geworden war, die sich von der großartigen Szenerie inspirieren ließen und dort auch das eine oder andere Gelage feierten. Mit dem Turm selbst hatte sich die Legende des taoistischen Unsterblichen Wang Zian verbunden, der vom Schlangenhügel auf dem Rücken eines gelben Kranichs in die Unendlichkeit geflogen sein soll.

Natürlich war - bedingt durch die illustren Besucher - der Turm häufig Gegenstand von Gedichten. Doch das erwähnte Gedicht Cui Haos, das etwa hundert Jahre vor dem Gespräch Changshas mit Zhang Zhuo entstand, galt als so vollendet und unübertrefflich, dass es fortan niemand mehr wagte, den Turm zum Thema eines Gedichts zumachen, nicht einmal Cui Haos wesentlich berühmtere Zeitgenossen Li Bai und Du Fu (vgl. hier). Verständlich, dass auch Zhang Zhuo sich einer solchen Aufgabe nicht gewachsen fühlte - verständlich auch, dass Changsha ihn darauf hinwies, dass mit dem Lesen alter Geschichten nichts gewonnen ist (der Leser stelle sich bitte vor, dass ich hier ein wenig mit den Augen zwinkere).

Es gibt eine Übersetzung von Cui Haos Gedicht von Günther Debon, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte, auch wenn der einzigartige Ruf, den dieses Gedicht unter chinesischen Literaten genießt, dadurch vielleicht nicht so recht nachvollziehbarer wird:

Cui Hao
Der Turm zum Gelben Kranich


Auf seinem gelben Kranich flog der Weise vorzeiten fort,
Der Turm zum Gelben Kranich blieb allein am leeren Ort.

Und ist der Kranich einmal fortgeflogen, bleibt er uns weit.
Die Wolken aber fluten still dahin in Ewigkeit.

Dort überm Strom, ganz klar, sieht man die Bäume von Hanyang blühn;
Und auf dem Papageiensand der Gräser duftendes Grün.

Die Sonne sinkt hinab. Sagt mir, wo liegt der Heimat Erde?
Das Nebelwogen auf dem Strome macht, dass ich beklommen werde.


Das 'Tabu', den Turm nach Cui Hao zum Thema eines Gedichtes zu machen, wurde natürlich nicht von jedem so ernst genommen wie von unserem Literaten Zhang Zhuo, wie dieses Beispiel aus dem Jahr 1927 (das im Übrigen im Original die Form von Cui Haos Gedicht aufgreift) zeigt:

Mao Zedong
Der Turm zum Gelben Kranich


Weit, weit durchfließen die neun Ströme das Land
Dunkel, so dunkel fädelt sich die Linie von Süd nach Nord.

Verschleiert im dicken Dunst des Nebelregens
Halten Schildkröte und Schlange den großen Fluss gefangen.

Der Gelbe Kranich ist entflohn, wer weiss wohin?
Geblieben ist nur dieser Turm als Sehenswürdigkeit.

Ich opfere meinen Wein der brausenden Strömung,
Die Gezeit meines Herzens schwillt an mit den Wellen.


Nun ja ....

Mein persönlicher Favorit zu diesem Thema ist ein Gedicht des großartigen Li Bai, das - wenn die Geschichte mit dem 'Tabu' denn wahr ist - wohl kurz vor Cui Haos Gedicht entstanden sein muss. Die Übersetzung ist diesmal von Günter Eich. Der im Titel genannte Meng Hau-jan (Meng Haoran) ist ein weiterer berühmter Dichter der Tang-Ära.

Li Bai
Abschied für Meng Hau-jan im Haus "Zum Gelben Kranich"

Vom Haus zum Gelben Kranich hat der Freund Abschied genommen.

In Dunst und Blüte des Aprils ist seine Barke flussab geschwommen.

Einsames Segel, ferner Schatten, der im blauen Horizont entschwindet -

Ich sehe nur den weiten Strom noch, der zuletzt im Himmel mündet.

Ein Abschied im April - ich bitte um Nachsicht mit einem sentimentalen Narren, wenn ich da noch (versprochen, zum letzten Mal) einen weiteren Abschiedgruß anfügen möchte:

Freitag, 12. Februar 2010

Drei heisse Tassen Tee

Ein wenig lässt der Vorfrühling nun wohl doch noch auf sich warten. Man muss es halt nehmen, wie's kommt und geht. Auch das Wetter ...



Also noch keine Zeit für Frühlingsgedichte. Das lässt sich verschmerzen - gibt es doch Wintergedichte reichlich. Sie sind nicht so selten wie unser Beispiel vom letzten Sonntag, das sich dem Schwebezustand zwischen Nicht-mehr-Winter und Noch-nicht-Frühling widmete. Dazu vielleicht ein ander Mal mehr, wenn die Zeit gekommen ist. Heute soll es Liu Zongyuan sein, ein Zeitgenosse des letzten Sonntag zitierten Bo Juyi und wie dieser ein in der Politik Gescheiterter.

schneefluss

tausend hügel, kein vogel am himmel
zehntausend pfade, keines menschen spur
einsames boot, alter mann mit strohhut
alleine fischend im kalten schneefluss

Nun, ein Fischer war gestern auf der Nahe nicht unterwegs. Schon gar keiner mit Strohhut. Dafür kann man auf obigem Bild bei genauem Hinsehen meinen Wandergefährten Charly entdecken. Den einsamen Angler möchte ich stattdessen hier mit einem Bild des alten 'Eine-Ecke-Ma' nachliefern:


Seinen Spitznamen erhielt Ma Yuan wegen der Marotte, sich damit zu begnügen, lediglich eine Ecke seiner Bilder zu bearbeiten und den Rest der Vorstellungskraft des Betrachters anheim zu stellen. Eine Absicht, die hier freilich durch Beschneiden und mein exzessives Geschreibsel zunichte gemacht wird. Dafür lässt sich auf dem Bild hier aber auch noch etwas erkennen, was bei einer Darstellung des kompletten Formats deutlich schwieriger sein dürfte ....

Um auf Liu Zongyuans Gedicht zurück zu kommen - das kann einen schon frösteln lassen. In der Tat, verglichen mit Bo Juyi vermisst man hier die Heiterkeit und Wärme, die man bei seinem berühmteren Kollegen selbst in einem Wintergedicht finden kann, etwa in diesem hier:

Späte Heimkehr auf der Straße von Pingquan an einem Wintertag

Wie beschwerlich, auf dem Bergpfad zu reisen.
Schon steht die Sonne tief.
Im vernebelten Dorf ein eisiger Baum
Dient einer Krähe zum Sitz.
Vor Einbruch der Nacht komm ich nicht an,
Doch kümmert mich dies nicht .
Drei heisse Tassen Tee getrunken

Und ich bin zu Haus.

So habe auch ich es heute gehalten und ohne Bedauern die letzten Krümel eines Dai Hong Pao ihrer Bestimmung zugeführt. Dai Hong Pao ('Große Rote Robe') ist einer der berühmten Wuyi-Tees aus Fujian. Dieser 'Klippen-' oder 'Felsen-Tee' (Yan Cha) wächst in den stark zerklüfteten Wuyi–Bergen des Chong’an–Distrikts an der nordwestlichen Grenze Fujians zur Provinz Jiangxi. Zur Ernte an den steilen Hängen und Felswänden sollen früher z. T. dressierte Affen eingesetzt worden sein. Er war bereits zu Zeiten der Song-Dynastie (960-1279), gegen deren Ende der oben vorgestellte 'Eine-Ecke-Ma' wirkte, berühmt als kaiserlicher Tribut-Tee.

Yan Cha ist eine Sammelbezeichnung für die Oolongs aus diesem Gebiet, die alle in recht geringen Mengen von einer speziellen Varietät des Teestrauchs, dem Ming Cong, produziert werden. Der vielleicht berühmteste unter ihnen ist der Dai Hong Pao, die ‚Große Rote Robe’ aus dem Tian-Xing - Garten. Von vergleichbarem Ruf sind der Ching Yuan (Goldmünze) vom Fu Guo und der Pai Ji Kuan (Weißer Hahnenkamm) aus dem Hui Yuan - Garten.

Diesen Tee hatte ich vor fast einem Jahr auf der Rheinland-Pfalz-Ausstellung in Mainz erstanden, wo die Wuyi Star Tea Company aus Fujian (Rheinland-Pfalz pflegt mit dieser Provinz eine besondere Partnerschaft) einen üppig ausgestatteten Stand unterhielt, an dem ansehnliche junge Damen Kostproben ausschenkten. Ich hatte mich dort vor allem mit einer größeren Menge eines sehr leckeren Shui-Xian-Ooolongs eingedeckt - und eben mit Dai Hong Pao, der trotz der bescheidenen 15g Packungsinhalt geradezu obszön teuer war. Allerdings ist bei diesem Tee noch der 7. Aufguss ein Genuss. Also werde ich bei der diesjährigen Ausstellung Ende März für Nachschub sorgen - vorausgesetzt, die freundlichen Damen und Herren aus Fujian sind dann auch wieder da. Bis dahin werde ich mich zum Aufwärmen wohl oder übel anderer Mittel bedienen müssen.

Sonntag, 7. Februar 2010

Bessere Herren im Vorfrühling

Der Februar scheint für poetische Gefühle eine denkbar ungeeignete Zeit zu sein - jedenfalls ist dies bislang dieses Jahr so. Zwar nun endlich "vom Eise befreit sind Strom und Bäche", um mit dem Herrn Geheimrath zu reden, doch auf "des Frühlings holden, belebenden Blick" gilt es noch ein wenig zu warten - bis zum Osterspaziergang ist noch eine Weile hin ...

Um so mehr sehnt sich der Mensch in diesen ungemütlichen Zeiten nach Geborgenheit und Sicherheit. Ein optimaler Zeitpunkt für verantwortungsbewusste Menschen, sich dieser Sorgen anzunehmen. Alle Jahre wieder ...

Blick in den Konferenzsaal. Foto: Kai Moerk


Das wiederum - wofür die Münchener Sicherheitskonferenz, vormals unter dem freilich weniger Behaglichkeit und Zuversicht vermittelnden Titel ''Wehrkundetagung' bekannt, ein Paradebeispiel ist - ist nun doch wieder ein geeignetes Sujet für Dichter von Format. Zur Verdeutlichung der überzeitlichen, zutiefst menschlichen Aspekte solcher Ereignisse möchte ich denn auch einen schon etwas älteren Dichter auswählen: Bo Juyi (772–846) .

Bo Juyi war konfuzianisch erzogen, wandte sich jedoch schon früh dem Buddhismus zu. 801 wurde er Lektor der kaiserlichen Bibliothek. Er kritisierte freimütig das Parasitentum der Eunuchen, die gnadenlose Ausbeutung der Bauern und die unmenschliche Strafjustiz - was ihm eine enorme Popularität aber begreiflicherweise auch erbitterte Feindschaften einbrachte. 814 wurde er kaltgestellt, ein Jahr später wegen einer unerbetenen Eingabe strafversetzt. 820 wurde er vom neuen Kaiser Muzong rehabilitiert und in der Folgezeit als einer der größten Dichter seiner Zeit anerkannt. In der Tat gehört er mit Du Fu und Li Bai zu den größten Dichtern der Tang-Dynastie. Und er war einer der produktivsten Dichter überhaupt: 3800 Gedichte von ihm sind überliefert.

Auf eine eigenhändige Übersetzung kann ich hier verzichten, da sich der große Günter Eich dieses Dichters angenommen hat.

Bessere Herren

Die mit den Pferden fast die Straße sperren,
Ihr Reitgeschirr seh ich im Staube blitzen.
Wer sind sie, die so stolz im Sattel sitzen?
Vom Hofe, sagt man, hochgestellte Herren.

Die im Zinnoberrock sind aus der Staatskanzlei,
Die mit den Purpurschnüren Generale,
In das Kasino reiten sie zum Mahle,
Die Kavalkade zieht wie ein Gewölk vorbei.


Aus Krug und Bütten schenkt man die Getränke,
Das Wasser wie das Land reicht Leckerbissen dar,
Vom Dung-ting-See Orangen wunderbar,
Geschnittnes Fleisch, Pasteten, Hecht und Renke.

Es ist gemütlich, wenn man satt gegessen,
Der Wein belebt die Stimmung ungemein.
Im Süden trockneten die Felder ein,
In Tjü-dschou hat man Menschenfleisch gegessen.


Bliebe noch das Menu nachzutragen, das den illustren Gästen gestern als Mittagsmahl gereicht wurde: als Vorspeise Salat von bayerischen Flusskrebsen mit Friséespitzen und Aprikosenchutney, als Hauptgang Hüfte vom Ruppiner Weide-Lamm in Senfsaat gehüllt mit Aromatenjus an provenzalischem Gemüse und gratinierten Rahmkartoffeln, als Dessert Blutorangen-Crème-Brûlée mit Gewürzkuchen und Pflaumensauce. Zur Vorspeise wurde ein Riesling oder Chardonnay empfohlen, zum Hauptgang ein leichter Rotwein, zum Beispiel ein Trollinger.

Um auf etwas Anderes zurückzukommen - Bo Juyi war nicht nur ein kritischer Geist, er gehörte auch zu jenen Dichtern, die durchaus etwas mit dieser unspektakulären Jahreszeit des Spätwinters / Vorfrühlings anfangen können, wie das folgende Beispiel aus seiner Verbannungszeit zeigt. Auch hier ist wieder Günter Eich unser Dolmetscher:

Vorfrühling am Mäander-See

1
Vom
Amt beurlaubt bin ich ungebunden,
Mein dürrer Klepper braucht mich nicht zu tragen.
Ich geh durchs Tor, wenn es beginnt zu tagen,
Am See hab ich den Frühling schon gefunden.


2
Der Wind hebt an, von Osten weich zu wehen.
Die Wolken öffnen sich. Die Berge hellen auf.
Das Eis zerschmilzt. Es brechen Quellen auf.
Der Schnee zerrinnt, lässt erste Gräser sehen.

3
Betaute Aprikosenknospe will sich röten.
Aus Nebel taucht der Weide unvollendet Grün.

Wildgänse: träge Schatten die vorüberziehn.
Verhalten fängt die Amsel an zu flöten.

4
Voll Frieden sind das Herz und das Gelände
Und wie das schöne Licht die Augen rein.
Im Rausch fühl ich der Welt mich nahe sein.
Mir half der Wein: die Krankheit ist zu Ende.

5
Zu bummeln ist der Taugenichtse Sache.
Das Einfache begehrt, wer in der Stille lebt.
Denk ich der Säle voller Bücher, lache
Ich, denen ungleich, die nach Ruhm gestrebt.


Mittwoch, 18. November 2009

Tee, Lu Tong und Hölderlin

Keine Angst - das gibt hier keine geistesgeschichtliche Abhandlung. Nur wollte ich zur Eröffnung dieses Blogs nicht gerade etwas über Buddhismus bzw. Zen schreiben. Oder doch? Wie auch immer ... Zu den Dingen, an denen ich mit Vorliebe anhafte, gehören gute Gedichte und guter Tee. Beides Dinge, die wunderbar zusammenpassen. Warum also nicht dieses Blog mit einem Beispiel meiner persönlichen Obsessionen beginnen?

Zur Zeit der Tang-Dynastie lebte im 'Klausengebirge' Lu Shan ein merkwürdiger Mann. Sein Name war Lu Tong; er wurde im Jahr 798 geboren. Obwohl er das zurückgezogene Leben eines taoistischen Einsiedlers führte, so wurde er doch weithin als Dichter und vor allem als Teemeister geschätzt und bewundert, worauf schon sein Literatenname 'Jadequelle' hinweist: 'flüssige Jade' ist ein poetischer Ausdruck für Tee. Er übte sich im Wu-Wei, in absichtsloser, spontaner Aktivität - und diese Aktivität war vor allem das Rezitieren von Gedichten und die Zubereitung von Tee. Er war dem Tee so sehr zugetan, dass manche seiner Zeitgenossen ihn für verrückt hielten. Eine Zeile eines seiner Gedichte, die ihn wohl am besten charakterisiert, lautet:

Mich kümmert nicht Unsterblichkeit - nur der Geschmack von Tee.

Etwa hundert Gedichte sind von ihm überliefert – darunter das berühmteste Tee-Gedicht überhaupt; der immer wieder zitierte 'Gesang von den sieben Schalen Tee'. Er gehört zu einem längeren Gedicht, das den etwas umständlichen Titel trägt: 'Dankschreiben an Zensor Meng für eine Sendung frisch gepflückten Tee'.

Der Zensor Meng, dem das Gedicht gewidmet ist, war wohl ein Nachkomme des konfuzianischen Philosophen Meng Zi (Mencius) und hatte als solcher (wie auch die Nachkommen des Kung Zi / Konfuzius) ein Erbamt am kaiserlichen Hof inne – er durfte und sollte den Lebenswandel des Kaisers begutachten und - wenn notwendig - kritisieren. Kein ganz ungefährliches Amt … So ist auch der augenzwinkernde Humor des letzten Verses zu verstehen, wo der Taoist Lu Tong den so überaus wichtigen konfuzianischen Hofbeamten mit leiser Ironie bedenkt.


Dankschreiben an Zensor Meng
für eine Sendung frisch gepflückten Tees


hoch stand die sonne schon am himmel,
als tief ich noch im schlafe lag -
da reisst mit schlägen an das tor
ein offizier mich aus den träumen.

er sagt, der zensor sende mir
ein schreiben – zur beglaubigung
baumeln drei siegel an der hülle
aus schwerer, steifer, weisser seide.

das siegel geöffnet - und schon
seh ich des zensors gesicht vor mir.
er schickt dreihundert päckchen tee -
handverlesen, wie monde geformt -

zum verkosten, denn im neuen jahr
schreckten schritte auf einem bergpfad
die mücken aus dem winterschlaf
erwachend mit dem frühlingswind.

der kaiser selbst, er muss noch warten
auf den geschmack des yang-xian-tees
und etliche kräuter wagen
noch nicht, schon die blüten zu öffnen.

in freundlicher brise reifen
in keim und knospe verborgen
wie perlen, noch ehe der frühling
sie austreibt, die goldgelben sprossen.

frisch gepflückt, am feuer getrocknet,
noch duftend gerollt und verpackt,
ward ihre essenz aufs beste,
wahrlich unübertrefflich bewahrt.

eine zu große ehre ist dies
für mich, die kaiser und fürsten
nur gebührt; wie kam dies geschenk
zur hütte des mannes der berge?

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das tor aus reisig schließe ich,
so dass kein ungeschliffner gast
mir nahekommen möge;
die seidenkappe setz ich auf,
für mich in meiner weidenhütte
ihn aufzugiessen und zu trinken.

da steigen jadewolken auf,
doch ohne dass ihr hauch
das treiben weisser blüten störte
deren leuchten sich verdichtet
auf der schale spiegel.

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die erste schale tee, sie netzt
mir kehle und lippen, die zweite
zerbricht meine melancholie.

die dritte schale aber sickert
mir tief ins gemüt, das verdorrt
von den worten tausender bücher war.

die vierte schale tee
ruft leichtes schwitzen hervor,
befriedet allen kummer des lebens

und treibt ihn zu den poren hinaus.
die fünfte schale tee, sie klärt
und reinigt mich durch und durch.

die sechste schale macht meinen geist
den unsterblichen zum genossen -
die siebte zu trinken vermag ich nicht.

und doch erwachen mir flügel, sie tragen
mich geläutert im wind des lebens.

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wie verweilt man in jenen bergen,
wo die unsterblichen wohnen?
jadequell reitet diesen reinen wind,
heimkehr ersehnend nimmt er abschied,

zu jenen bergen, in deren mitte
unsterbliche die niedere erde regieren;
zum reinen, erhabenen thron der welt
jenseits von wind und regen.

wo friedvolles verstehen ist
der zahllosen schicksale rastlosen lebens -
das in stetem verfall, wie ein sturz in den abgrund
sein bitteres los empfängt.

gelegentlich werd ich den zensor befragen
über dieses geschäftige leben:
ob es nicht erfüllung kennt,
sammlung, erlangen, erneuerung, ruhe.


Im Jahr 835 kam Lu Tong auf Einladung des Zensors Meng an den Hof des Kaisers Li Ang (Tang Wen Zong, 826-840). Ob er Gelegenheit fand, den Zensor über das "geschäftige Leben" zu befragen, weiss man nicht. Jedenfalls aber erfuhr er nun selbst eines jener "zahllosen Schicksale rastlosen Lebens, das in stetem Verfall, wie ein Sturz in den Abgrund, sein bitteres Los empfängt".

Lu Tong geriet in die Wirren des "Tau-Zwischenfalls". Der Kaiser und einige seiner Vertrauten wollten die Herrschaft der Palasteunuchen brechen, die längst die eigentlichen Machthaber geworden waren und schon Li Angs Vorgänger ermordet hatten. Es wurde das Gerücht gestreut, ein Granatapfelbaum im Palast sei mit Tau bedeckt - und dort wurde ein Hinterhalt gelegt. Die Eunuchen wurden eingeladen, das günstige Omen des betauten Baumes in Augenschein zu nehmen; jedoch wurde der Anschlag vorzeitig entdeckt und der Kaiser als Geisel genommen. Er wurde bis zu seinem Tod unter Hausarrest gestellt und etwa zweitausend tatsächliche und angebliche Verschwörer wurden geköpft – darunter auch Lu Tong, dem sein hochrangiger Freund und Gönner nun zum Verhängnis wurde.


Wenn ich die letzten Verse - den vierten Abschnitt - dieses Gedichtes lese, kommt mir unweigerlich ein anderes Gedicht in den Sinn - eine Resonanz, ein ergänzendes Gegenstück aus anderem Blickwinkel, durch ein Jahrtausend und eine halbe Welt getrennt: 'Hyperions Schicksalslied' von dem unglücklichen Friedrich Hölderlin:

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.