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Mittwoch, 22. August 2018

Über die Grenzen die Toleranz

Sie ist schon nicht mehr so ganz taufrisch, die letzte Ausgabe der 'Buddhismus Aktuell'. Trotzdem möchte ich mich hier, bevor die nächste Ausgabe erscheint, ein wenig mit dem dort veröffentlichten und meines Erachtens ausgesprochen lesenswerten Artikel des DBU-Ratsmitglieds Dr. Martin Ramstedt beschäftigen, der erfreulicherweise auch Online zur Verfügung steht. Eilige möchte ich bitten, zumindest die ersten beiden Absätze des Artikels zu lesen, da auch für mich das dort geschilderte Ereignis zum Anlass wurde, mich hier öffentlich zu äußern und ich daher darauf Bezug nehmen werde. Ein etwas anderer Blickwinkel als der Dr. Ramstedts sei mit der Wahl einer etwas anderen Überschrift bereits vorab angedeutet. Ich beziehe mich mit meinen Überlegungen allerdings nicht nur auf Dr. Martin Ramstedts Artikel und insbesondere den dort geschilderten Auftritt Dr. Kaltenbrunners auf der christlich-buddhistischen Dialog-Tagung in Hannover. Darüber hinaus beziehe ich mich auch auf andere Vorgänge um die DBU-Mitgliedsgemeinschaft BDD, die nach Erscheinen der letzten Nummer der BA Diskussionen nicht nur unter Buddhisten ausgelöst und zu einer erfreulich deutlichen Stellungnahme des Rates der DBU geführt haben.

Im Kern geht es nach meiner Auffassung bei diesen Diskussionen um die Gewaltfrage. Es mag überraschen, dass ausgerechnet im Zusammenhang mit einer buddhistischen Organisation wie der DBU diesbezüglich ein innerbuddhistischer Diskussionsbedarf besteht. Andererseits zeigen historische Beispiele etwa im japanischen oder tibetischen Buddhismus und auch aktuelle, wie etwa 969 und MaBaTha in Myanmar oder Bodu Bala Sena und Ravana Balakaya in Sri Lanka, dass auch buddhistische Organisationen immer wieder einen Klärungsbedarf in dieser Hinsicht haben. Es wäre ungerechtfertigte ethnozentrische Arroganz, einen solchen in Europa zu leugnen. Erfreulicherweise sind wir in Deutschland (noch) auf einem Level, wo es konkret um Rechte Rede geht. Aber was diese Diskussion so ernst macht, ist natürlich die Frage nach den karmischen Konsequenzen, die die kritisierten Aussagen auslösen können. Mir persönlich ist da der Verweis auf geschichtliche Erfahrungen gerade auch in Deutschland wichtig und darauf, dass uns der Vergleich oder Abgleich (was etwas Anderes ist als Gleichsetzung) mit historischen Erfahrungen dabei helfen kann, karmische Konsequenzen abzuschätzen und von daher die Heilsamkeit oder Unheilsamkeit solcher Aussagen zu beurteilen. Das wiederum ist das Kriterium dafür, ob wir es da mit Rechter Rede zu tun haben oder nicht.

Natürlich kann man nun fragen, was uns eigentlich die Rechte Rede Anderer angeht. Eine völlig berechtigte Frage und man sollte es auch durchaus ernst nehmen, wenn Fürsprecher Ole Nydahls dabei auf das Grundrecht freier Meinungsäußerung verweisen. Allerdings kann ich mich nicht immer des Eindrucks erwehren, dass da (ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt) ein Verwirrspiel mit dem Wechsel von Argumentationsebenen getrieben wird. Nicht jede zulässige freie Meinungsäußerung ist karmisch heilsam (also Rechte Rede) und nicht jede unrechte Rede ist strafbar. An einer Antwort auf die Frage, was das eigentlich uns angeht, möchte ich mich mittels eines Zitates von Helmut Gollwitzer versuchen. Gollwitzer spricht da von Verantwortung: "Verantwortung, das meint, dass ich mit meinen Ohren und mit meiner Seele einen Ruf höre, der an mich ganz persönlich ergeht, und dass ich ganz persönlich auf diesen Ruf antworte. [...] Und wir wissen, was aus dieser Verantwortung bei uns gewor­den, nein, gemacht worden ist." In dem Punkt "letzter persönlicher Verantwortung" liegt auch "der Punkt, an dem man widerstehen muss, wenn man nicht die Freiheit hoffnungslos preisgeben will". Und Gollwitzer spricht da auch eine Mahnung oder Warnung aus an die, die eben nicht "ganz persönlich auf diesen Ruf antworten" sondern auf Antworten Anderer vertrauen, die sich ihre persönliche Antwort vorweg nehmen lassen "durch eine andere freiwillig übernommene Autorität, oder sagen wir es in aller Deutlichkeit: in einer freiwillig übernommenen Knechtschaft".

Nun war Gollwitzer Theologe - Roshis, Lamas und Bhantes gab es zu dieser Zeit in Deutschland nicht. Aber das "und mit meiner Seele" in dem Zitat kann man ja schadlos beiseite lassen. Und auch den Begriff Freiheit sollte man gelegentlich für eine ganz andere Art Freiheit "hoffnungslos preisgeben" können, wie ich gerne einräume. Ich lese dieses Zitat aus der Perspektive eines Wegsuchers, der die Bodhisattva-Gelübde empfangen hat. Wenn man diese ernst nimmt, dann - so denke ich jedenfalls - ist dieser "Ruf", von dem Niemöller spricht, das 'Schreien der Welt' und das, was diesen aus Leiden geborenen Ruf ungehindert hört und mit karuṇā beantwortet, ist Avalokiteśvara. Das verweist auf die Übung, die durch Verblendung bedingte Hinderung des Hörens zu überwinden und dabei die pāramitās zu entwickeln. Alleine durch Hören entwickelt man die pāramitās nicht, sondern erst durch deren praktische Ausübung. In Gollwitzers Worten: durch das Übernehmen von letzter, persönlicher Verantwortung. Dann gehen uns auch solche Dinge wie die pauschale Diffamierung von Menschen anderer Religion, Ethnizität oder Hautfarbe etwas an. Erst recht deren mögliche Folgen.

Ganz besonders gilt diese Maxime der Übernahme von Verantwortung, wenn wir uns mit anderen Menschen verbinden, um als kleine Gemeinschaft in die große Gemeinschaft aller Wesen hinein heilsam zu wirken. Wenn wir also in dieser Absicht politisch handeln oder handeln wollen. Dabei die eigenen schwachen Kräfte mit denen Anderer zu verbinden und so zu bündeln, ist ein potentiell sehr mächtiges upāya und wie alle machtvollen upāya ein schwierig zu handhabendes. Ein solches upāya ist beispielsweise die DBU, die als gesellschafts- und religionspolitischer Akteur von Buddhisten in Deutschland konzipiert ist; die ihnen die Option eröffnet, mit solch einem upāya zu arbeiten. Wenn dies funktionieren soll, dann müssen die individuellen Handlungsimpulse, die gebündelt werden sollen, von gleicher oder zumindest hinreichend ähnlicher Intention getragen sein; von einem gleichen oder doch zumindest verwandten Verständnis von heilsamem Handeln mit Geist, Sprache und Körper. Aus genau diesem Grund muss man sich, wenn man denn eine handlungsfähige DBU will, die heilsame Wirkungen in die Gesellschaft hinein entfalten soll, der Frage stellen, mit welchen politischen Intentionen man sich selbst dort einbringt und mit welchen Intentionen dies Andere tun. Und man muss sich mittlerweile ganz konkret die Frage stellen, ob die Intentionen, die sich aus vielen Äußerungen Ole Nydahls in den letzten zwei Jahrzehnten erschließen lassen, solche sind, mit denen man die eigenen Intentionen verbinden will.

Dieser Prüfung darf man nicht ausweichen, wenn man eine handlungsfähige DBU will. Handlungsfähig kann die DBU nur sein, wenn die in ihr zusammengefassten Handlungsimpulse in eine gemeinsame Richtung weisen. Das bedeutet, es bedarf nicht zuletzt konkret einer Klärung, für welche Haltung gegenüber den in Deutschland lebenden Muslimen die DBU-Mitgliedsgemeinschaft BDD steht und für welche Haltung die DBU insgesamt stehen soll - und einer Antwort auf die Frage, ob diese Haltungen miteinander vereinbar sind. Das bedeutet, es muss geklärt werden, ob in der gesellschaftspolitischen Frage der Integration vor allem muslimischer Migranten (seien es nun legale Zuwanderer und deren Nachkommen, Asylsuchende oder Armutsflüchtlinge) ein Konsens innerhalb der DBU besteht, ob gegebenenfalls ein Dissenz für die DBU schadlos akzeptabel ist und schließlich, welche Konsequenzen aus solch einer Klärung zu ziehen sind.

Das wäre Herstellung von Handlungsfähigkeit nach innen - aber es geht natürlich auch um eine Handlungsfähigkeit nach außen und genau deshalb ist es keine Option, dieses Problem einfach auszuklammern. Eine Handlungsfähigkeit nach außen kann es nur geben, wenn die DBU als Gesprächspartner im gesellschafts- und religionspolitischen Diskurs nicht nur wahr-, sondern auch ernstgenommen wird. Und, möchte ich hinzufügen, wenn sie als seriös und respektabel wahrgenommen wird. Ein öffentlich-rechtlicher Körperschaftsstatus alleine ist dazu bei weitem nicht hinreichend. Man muss dazu in diesen Diskurs auch klare Vorstellungen einbringen können, die für die Dialogpartner zumindest grundsätzlich akzeptabel sind. Noch besser, wenn man mit diesen partiell zu gemeinsamen Vorstellungen gelangt, so Unterstützung für die eigenen Anliegen findet und auch sinnvolle Anliegen Anderer unterstützen kann. Dabei ist es unvermeidlich, dass man sich, notfalls auch gegen innere Widerstände, auf Grundsätze festlegt und festlegen lässt - etwa in der Integrations- und Ausländerpolitik. Solchen Zwecken dienen demokratische Prozeduren. Sie sind der Preis politischen Handelns. Wenn man politisch handeln will, dann muss man ihn zahlen.

Aber das wäre schon der zweite Schritt. Entscheidend für eine gesellschafts- und religionspolitische Handlungsfähigkeit ist vor allem das Bild, das die DBU der Gesellschaft insgesamt, also der Öffentlichkeit, von sich und vom Buddhadharma vermittelt. Das negative Echo, das Äußerungen Ole Nydahls insbesondere auf dem diesjährigen Sommerkurs in Immenstadt in der Presse und im Fernsehen des Bayerischen Rundfunks hervorgerufen haben, ist diesem Bild nach meinem Geschmack ausgesprochen abträglich. Dass dies - einschließlich staatsanwaltlicher Prüfung der Aussagen Ole Nydahls auf strafrechtliche Relevanz hin - nun ausgerechnet auch noch in dem Bundesland geschehen ist, in dem federführend der Antrag der DBU auf Verleihung des Körperschaftsstatus geprüft wird, ist auch nicht gerade hilfreich. Genau so wenig wie die Äußerungen Dr. Kaltenbrunners auf der eingangs erwähnten Veranstaltung, die so eher geeignet waren, den interreligösen Dialog der DBU mit den christlichen Kirchen zu sabotieren als ihn zu führen. Es wäre meines Erachtens eine Fehleinschätzung, würde man Dr. Kaltenbrunner Naivität unterstellen. Anders als bislang die DBU haben sich Katholische Bischofskonferenz und EKD sehr deutlich hinsichtlich der Frage des Islam in unserer Gesellschaft positioniert - um Bundesgenossen für eine militante Haltung gegenüber dem Islam wurde da wohl kaum geworben.

Sowohl hinsichtlich der Äußerungen Dr. Kaltenbrunners als auch der aktuell diskutierten von Ole Nydahl selbst (sowie etlicher früherer von ihm) ist eine gründliche und unvoreingenommene Prüfung, ob die Mitgliedschaft der von Ole Nydahl geführten Gemeinschaft in der DBU "das Ansehen oder die gemeinsamen Interessen der DBU schädigt" (§ 3 Nr. 8 der DBU-Satzung) eine meines Erachtens mehr als nur angemessene Reaktion. Aber man muss sich zunächst "in letzter persönlicher Verantwortung" die Frage beantworten: was sollten gemeinsame Interessen der DBU sein? Wobei in dieser Hinsicht scheinbar ja schon der eine oder andere Konsens gefunden wurde:
"Die DBU fördert die Rahmenbedingungen für die Bewahrung, Darlegung und Praxis der Lehre des Buddha auf der Grundlage des Bekenntnisses. Die DBU bildet einen Rahmen für Begegnung und Austausch zwischen den buddhistischen Traditionen. Die DBU fördert die Integration des Buddhismus in die Gesellschaft."
- so steht es in § 2 der Satzung, betitelt mit "Zweck und Ziele des Vereins". Und so steht es im Leitbild der DBU:
"Wir üben uns darin, auf der Grundlage der Lehre des Buddha und unseres „Buddhistischen Bekenntnisses“ zum Wohle aller fühlenden Wesen im Bewusstsein der Verbundenheit und Mitverantwortung des Einzelnen für die Gesamtheit zu leben und zu wirken. In Übereinstimmung mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Menschenrechtskonvention treten wir für die Umsetzung der Menschenrechte und Gerechtigkeit sowie für Gleichheit vor dem Gesetz - ungeachtet ethnischer oder sozialer Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, Nationalität oder sozialem Status ein."
Das in beiden Zitaten erwähnte "Buddhistische Bekenntnis" enthält unter anderem die für alle Mitglieder verbindliche Selbstverpflichtung, sich in den pañcasīla und den brahmavihāra zu üben:
"Ich übe mich darin, keine Lebewesen zu töten oder zu verletzen, Nichtgegebenes nicht zu nehmen, keine unheilsamen sexuellen Handlungen zu begehen, nicht unwahr oder unheilsam zu reden, mir nicht durch berauschende Mittel das Bewusstsein zu trüben.

Zu allen Lebewesen will ich unbegrenzte Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut entfalten, im Wissen um das Streben aller Lebewesen nach Glück."
Letzlich geht es in der causa Nydahl darum, wie ernst es der DBU mit diesen ihren selbstdefinierten "gemeinsamen Interessen" ist.

"Wenn dieses ist, wird jenes; wenn dieses entsteht, entsteht jenes; wenn dieses nicht ist, wird jenes nicht; wenn dieses aufhört, hört jenes auf." (SN II.12.2)

Mittwoch, 15. August 2018

Aus gegebenem Anlass

Vom 30.07. bis 12.08.2018 fand der diesjährige "International Summer Course" im Europe Center bei Immenstadt / Allgäu statt. Als Veranstalter firmierte die "Buddhistische Union Diamantweg e.V". Geboten wurden laut Programm "teachings", bei denen ein gewisser Herr Ole Nydahl, den seine Anhänger als 'Lama' titulieren, die zentrale Rolle spielte. An 10 von 14 Tagen bestritt er das Programm alleine; an zwei Tagen gemeinsam mit Jigme Rinpoche und an weiteren zwei Tagen gemeinsam mit Nedo Rinpoche.

Laut eines Artikels von Peter Januschke und Bastian Hörmann in der "Augsburger Allgemeine" vom 03.08.2018 äußerte sich Ole Nydahl am 31.07.2018 auf dieser Veranstaltung öffentlich wie folgt:
"Hätte ich Stalin oder Hitler getroffen, ich hätte sie erschossen."
"Andere hatten Hitler und Stalin, wir haben den Islam. Das ist alles dasselbe."
Die erste Äußerung traf er laut Januschke / Hörmann "kurz vor dem Vergleich von Hitler und Stalin mit dem Islam". Das könnte man - wenn beide Aussagen tatsächlich so im Kontext gefallen sind - meines Erachtens sogar als verdeckten Mordaufruf interpretieren. Insbesondere im Zusammenhang mit der Aufforderung Herrn Nydahls an seine Anhänger, sich mit dem Gebrauch von Schusswaffen vertraut zu machen. Zitat Peter Januschke / Bastian Hörmann im o.g. Artikel:
"Bei einem Vortrag hat der 77-Jährige nach Aussage seines früheren Anhängers Christoph Schultheiß auf die Frage, wie man sich gegen den Islam wappne, vor hunderten Zuhörern gesagt: Learn how to shoot (Lerne zu schießen)."
Für einen Satiriker böte sich da die Umtitulierung des 'Diamantweg e.V.' in 'Wehrsportgruppe Nydahl' an. Nach Recherchen der beiden Journalisten sind laut Auskunft von Martin Kennerknecht, Vorsitzender der 'Königlich Privilegierten Schützengemeinschaft 1593' in Immenstadt, unter den Mitgliedern seines Schießsportvereins auch mehrere im "Europe Center" verkehrende Buddhisten. Einige von ihnen haben eine Waffenbesitzkarte und können damit Waffen auch privat lagern. Ich will diese Art Freizeitvergnügen nicht werten, nur auf die Wirkung verweisen, die das im Zusammenhang mit den angeführten Zitaten auf die Öffentlichkeit hat.

Ein weiteres wörtliches Zitat von Ole Nydahl von dieser Veranstaltung:
"Der Islam ist die größte Bedrohung für unsere Zivilisation ..., das sind Menschen wie Bomben".
Wie verschiedene regionale Presseorgane, darunter die Allgäuer Zeitung und das Allgäuer Anzeigeblatt am 08.08.2018 berichten, hat die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Kempten am 07.08.2018 mitgeteilt, die Behörde werde ein Verfahren zur strafrechtlichen Prüfung islamfeindlicher Äußerungen einleiten. Am selben Tag berichtet auch der Bayerische Rundfunk, die Staatsanwaltschaft Kempten habe Ermittlungen gegen Ole Nydahl eingeleitet.


And now for something completely different .... Bevor wir uns ein paar Fakten und Zahlen zuwenden, eine Videoempfehlung zur Abendunterhaltung speziell für DBU-Mitglieder:
https://www.youtube.com/watch?v=jrGmNXjjDNk

Es gibt weltweit schätzungsweise 1,8 Milliarden Muslime. Darüber, wie viele davon den militärisch / terroristischen Jihad praktizieren, sind mir keine halbwegs verläßlichen Schätzungen bekannt (ich vermute mal, Herrn Nydahl auch nicht). Aber eine kleine Überschlagsrechnung kann da eine Vorstellung der Größenordnung vermitteln: 1% dieser 1,8 Milliarden wären 18 Millionen Jihadisten. Da scheint mir dieses eine Prozent schon ein wenig zu hoch gegriffen. Aber reden wir stattdessen von Muslimen in Deutschland, da haben wir etwas besseres Zahlenmaterial. Preußische Bürokratie halt ...

Der Verfassungsschutzbericht 2017 beziffert das "Islamismuspotential" in Deutschland aufgrund ausreichend gesicherter Zahlen mit 25.810 Personen. Keine gesicherten Zahlen liegen dabei für das 'Islamische Zentrum Hamburg e.V.' sowie über IS, Al-Quaida und deren Ableger sowie al-Shabab und Hai’at Tahrir al-Sham vor. Diese "Dunkelziffer" dürfte jedoch deutlich unter 2.000 Personen liegen - Zitat: "In der Gesamtschau liegen den deutschen Sicherheitsbehörden zum Ende des Jahres 2017 Erkenntnisse zu mehr als 960 Personen vor, die seit Mitte des Jahres 2013 in Richtung Syrien und Irak gereist sind, um dort aufseiten des IS und anderer terroristischer Organisationen an Kampfhandlungen teilzunehmen oder jene in sonstiger Art und Weise zu unterstützen."

Mit sehr großzügigem Aufrunden käme man damit zu einem "Islamismuspotential" von maximal 30.000 Personen in Deutschland. Das ist zumindest insofern beruhigend, als noch im Verfassungsschutzbericht 2012 das "islamistische Personenpotential" in Deutschland mit 42.550 Personen beziffert wurde - also keine steigende Tendenz feststellbar ist, sondern das genaue Gegenteil. Nun ist 'Islamismus' darüber hinaus nicht gleichbedeutend mit militantem 'Jihadismus' oder Terrorismus - z.B. die mit ca. 10.000 Mitgliedern größte der im Verfassungsschutzbericht genannten Gemeinschaften, die Millî Görüş-Bewegung und zugeordnete Vereinigungen, wird ausdrücklich als legalistisch eingestuft. D.h. sie verfolgt zwar Ziele, die als antidemokratisch eingeschätzt werden, bekennt sich aber ausdrücklich zu einer gewaltfreien und legalen politischen Interessenvertretung und verstößt bislang auch nicht gegen dieses Legalismusprinzip. Bei den meisten Landesämtern für Verfassungsschutz stehen sie seit etwa 2015 nicht mehr unter Beobachtung. Auch von den abzüglich dieser Legalisten verbleibenden 20.000 Personen sind wohl kaum alle als aktiv gewaltbereit einzustufen, wenn sie auch (in unterschiedlichen Graden) einer potentiellen "Unterstützerszene" zugerechnet werden können.

Dazu eine Anmerkung: grundsätzlich ist 'Islamismus' ein im westlichen Diskurs fast durchgehend undifferenziert und unreflektiert gebrauchter Begriff. Die Meisten assoziieren mit Islamismus ausschließlich das Banditentum von Gruppen wie IS (Daesh) oder Taliban. Das wird dem sehr vielschichtigen Begriff 'Islamismus' nicht gerecht. Gerade das Thema Islam und Demokratie sachgerecht zu diskutieren, ist schlicht nicht möglich, ohne mit dem wissenschaftlichen Diskurs über dieses Thema einigermaßen vertraut zu sein - was ich persönlich auch für mich nur sehr beschränkt in Anspruch nehmen möchte; meine Interessen liegen vorrangig auf anderen Gebieten. Dazu gehört selbstverständlich und vor allem auch Kenntnis des innerislamischen Diskurses, der im Westen weitgehend (jedenfalls von den populären Medien und selbsternannten 'Islamkritikern') ignoriert wird. Die Exponenten dieses Diskurses im Bereich islamischer politischer Theologie (und genau das ist Islamismus) sind offensichtlich denen, die sich gerade zu diesem Thema am lautstärksten äußern, nicht einmal dem Namen nach bekannt - jedenfalls wird da nach meinen Beobachtungen nicht auf sie verwiesen, wenn von Islamismus gesprochen wird. Um hier per namedropping nur einige der wichtigsten Vordenker zu nennen: der Marokkaner Mohammed Abed al-Jabri, der Tunesier Rachid al-Ghannouchi, der Ägypter Muhammad Ammara, die Sudanesen Hasan al-Turabi und Abdelwahab el-Affendi, der Türke İhsan Eliaçık, der Pakistani Fazlur Rahman. Nur ergänzend sei angemerkt, dass es seit etlichen Jahren auch ein Netzwerk intellektueller Muslimas gibt, die für einen islamischen Feminismus stehen und die sich für die "Schützeraktivitäten" des Herrn Nydahl bedanken würden, der sich insbesondere über die Rolle der Frauen im Islam gerne öffentlich Sorgen macht - etwa "wie die Frauen den Kitzler abgeschnitten bekommen und die anderen Sachen, die immer wieder geschehen im Namen des Islam und wir müssen hier unsere Frauen schützen." (Zitat aus diesem Blog)

Das heisst, es wird hierzulande in der Regel völlig ignoriert, was islamische Intellektuelle zu dem Thema zu sagen haben – man will es auch nicht wissen, es könnte ja die bequemen Vorurteile über "den Islam" stören. Wen's interessiert - zum Reinschnuppern:

https://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/leseprobe-zu-mohammed-abed-al-jabri-kritik-der-arabischen-vernunft-teil-1.html
https://www.jstor.org/stable/4283614?seq=1#page_scan_tab_contents
http://www.abdelwahab-el-affendi.net/index.html
http://en.qantara.de/content/interview-with-turkish-theologian-ihsan-eliacik-the-koran-and-social-justice
https://books.google.de/books/about/Islam_and_Modernity.html?id=FJcyIeHeeZwC&redir_esc=y&hl=de
https://www.budrich-journals.de/index.php/gender/article/download/18026/15701

Nicht, dass mir persönlich diese Leute den Islam oder gar den Islamismus als Religion bzw. Ideologie annehmbarer machen würden. Muss ja auch nicht sein - aber der Punkt ist doch, dass die islamisch geprägten Kulturen einen Anspruch darauf haben, ihre eigenen Antworten auf die Problemstellungen der modernen Welt zu finden und es nichts als postkoloniale Arroganz ist, ihnen vorschreiben zu wollen, nach welchen Werten sie ihr Leben gefälligst auszurichten hätten - nämlich nach unseren. Es geht nicht um unsere Werte, es geht vielmehr um die die Werte, über die islamische Gesellschaften selbst einen Konsens erzielen können. Europa kann für eine solche Konsensfindung nur Impulse liefern und tut natürlich auch genau dies - alleine schon in Form der "Herausforderung", der sich die islamische Welt spätestens seit dem Zerfall des osmanischen Reiches gegenüber sieht und auf die sie Antworten sucht. Wer nun wiederum als Migrant zu uns kommt, von dem darf man berechtigt 'compliance' erwarten. Das bedeutet jedoch nicht Anpassung und Aufgabe eigener kultureller Wurzeln, sondern schlicht Akzeptanz unserer säkularen staatlichen Ordnung, wenn schon nicht aktives Engagement dafür. Die wenigsten Migranten bzw. deren Nachkommen haben nach meinem Eindruck damit ein Problem. Doch dazu gleich. Jedenfalls - wenn man sich schon zum Thema öffentlich so prononciert wie ein Herr Nydahl äußert, sollte man wenigstens eine bescheidene Ahnung haben, wovon man überhaupt spricht.

Kommen wir auf "unsere" 20.000 Muslime zurück, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als potentielle Gefahr eingestuft werden. Wieviele Muslime insgesamt in Deutschland leben, ist schwierig zu beziffern, wie dieser Artikel in der ZEIT verdeutlicht. Frau Merkels 4 Millionen waren sicherlich zu niedrig angesetzt - nehmen wir der Einfachheit halber die dem Einen oder Anderen möglicherweise weniger fake-news-verdächtige Schätzung der AfD von 5 Millionen. Das macht ziemlich genau 6 % der Bevölkerung Deutschlands aus; zumindest für mich ist das weit entfernt davon, mir Angst vor einer "Islamisierung des Abendlandes" einzujagen. Vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass die ca. 20.000 Islamisten, die den Verfassungsschützern Sorgen bereiten (was ja auch in Ordnung ist, das ist schließlich deren Job), gerade einmal 0,4 % der in Deutschland lebenden Muslime ausmachen - die anderen 99,6 % sind also laut Verfassungsschutz kein "Islamismuspotential" sondern überwiegend mehr oder weniger gut integriert (und entsprechend unauffällig), leben häufig schon in zweiter, dritter und vierter Generation in Deutschland, viele haben die deutsche Staatsbürgerschaft, zahlen in Renten- und Sozialkassen ein, leisten ihren Anteil am Bruttosozialprodukt usw. usf. .... Wenn man sich jetzt noch einmal bewusst macht, dass die 20.000 'Problemfälle' unter den Muslimen in Deutschland gerade einmal 0,24 Promille der Bevölkerung ausmachen, dann bleiben als plausible Erklärung für islamophobe Sprüche eigentlich nur pathologische Paranoia oder hetzerische Demagogie. Die Geistesgifte Verblendung und Hass.

Was zumindest mir in der Diskussion um Ole Nydahls Äußerungen deutlich wird, das ist, dass nicht die in Deutschland lebenden Muslime ein Problem für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung darstellen. Vielmehr wird deutlich, dass die psychosoziale Funktion des nach wie vor in Deutschland virulenten Antisemitismus (vor dem auch Muslime angesichts der jüngeren Geschichte Palästinas - Stichwort Naqba - nicht gefeit sind) zunehmend durch islamophobe Feindbilder erfüllt wird. Natürlich verbieten sich hier Gleichsetzungen – aber es gibt unübersehbare Parallelen. "Juden wie Muslime dienen als Sündenböcke für Wirtschafts- und Globalisierungsprobleme, und sie werden als innere Gefahr wahrgenommen" - so Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Wobei ein gewisser Herr Adorno schon 1955 diagnostizierte: "Nicht selten verwandelt sich der faschistische Nationalismus in einen gesamteuropäischen Chauvinismus [...]. Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch." So, wie im antisemitischen Milieu vor 1945 der "Ostjude" (gerne auch als "Kaftanjude" diffamiert) neben anderen Stereotypen (am deutlichsten sichtbar in den Karikaturen des 'Stürmer') als Prototyp des Juden schlechthin herhalten musste, so gilt heute Manchen "der Salafist" wenn nicht gleich "der Taliban", der islamistische Terrorist, als Prototyp des Muslims schlechthin. Was dieser Prämisse widerspricht, kann – nein, muss - hingegen nur arglistige Tarnung sein. Das zeigt, dass Antisemitismus wie Islamophobie (und btw. auch der Hass auf Migranten) wenig mit der Realität, jedoch um so mehr mit Realitätsflucht zu tun haben. Da werden aus den unterschiedlichsten Quellen stammende Existenzängste schlicht auf eine Gruppe projiziert, die aufgrund eines sozialen Merkmals (Religion, ethnische Herkunft etc.) ausgrenzbar ist. Hier liegt dann auch das eigentliche Problem, das unsere Demokratie mit dem Islam hat - es ist die Angst vor ihm und deren Instrumentalisierung. Islamophobie ist im Gegensatz zum Antisemitismus weitgehend gesellschaftsfähig und genau das ist es, was wirklich in den letzten Jahren zu einem stetig wachsenden Problem geworden ist und unsere "westlichen Werte" konterkariert und bedroht. Von buddhistischen Werten wie rechter Rede und den brahmavihara ganz zu schweigen.

Zur Ergänzung dazu eine tiefenpsychologische Deutung des bereits genannten Herrn Adorno, die ich für durchaus hilfreich für ein tieferes Verständnis dieses Phänomens halte:
"Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr. [...] In der Paranoia treibt dieser Haß [sic] zur Kastrationslust als allgemeinem Zerstörungsdrang. Der Erkrankte regrediert auf die archaische Ungeschiedenheit von Liebe und Überwältigung. Ihm kommt es auf physische Nähe, Beschlagnahmen, schließlich auf die Beziehung um jeden Preis an. Da er die Begierde sich nicht zugestehen darf, rückt er dem anderen als Eifersüchtiger auf den Leib, wie dem Tier der verdrängende Sodomit als Jäger oder Antreiber. Die Anziehung stammt aus allzu gründlicher Bindung oder stellt sich her auf den ersten Blick, sie kann von den Großen ausgehen wie beim Querulanten und Präsidentenmörder oder von den Ärmsten wie beim echten Pogrom. Die Objekte der Fixierung sind substituierbar wie die Vaterfiguren in der Kindheit; wohin es trifft, trifft es; noch der Beziehungswahn greift beziehungslos um sich. Die pathische Projektion ist eine verzweifelte Veranstaltung des Ichs, dessen Reizschutz Freud zufolge nach innen unendlich viel schwächer als nach außen ist: unter dem Druck der gestauten homosexuellen Aggression vergißt der seeliche [sic] Mechanismus seine phylogenetisch späteste Errungenschaft, die Selbstwahrnehmung, und erfährt jene Aggression als den Feind in der Welt, um ihr besser gewachsen zu sein."
(Horkheimer / Adorno, Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung. in: Dialektik der Aufklärung, Amsterdam 1955)

Eine weitere, etwas lesbarere Lektüreempfehlung zu diesem Thema: der vom Deutschen Institut für Menschenrechte herausgegebene Essay 'Das Islambild in Deutschland - Zum öffentlichen Umgang mit der Angst vor dem Islam'. Daraus hier abschließend zwei weitere Zitate:

"Im Umgang mit Minderheiten, in diesem Fall muslimischen Minderheiten, zeigt sich immer zugleich das Selbstverständnis einer Gesellschaft im Ganzen. Nicht zuletzt steht auch das Verständnis von Aufklärung mit auf dem Spiel: Es geht näherhin darum, eine an den Menschenrechten orientierte freiheitliche Diskussionskultur von solchen Konzepten abzuheben, in denen sich der Anspruch der Aufklärung zu einem Topos kulturkämpferischer Polarisierung und Ausgrenzung verhärtet."

[...]

"Es ist weder hilfreich noch angemessen, die Äußerung von Skepsis, Kritik oder auch Angst gegenüber dem Islam pauschal ins Unrecht zu setzen. Vielmehr geht es darum, mit den weithin existierenden Vorbehalten und Befürchtungen sorgfältig umzugehen, sie auf ihren möglichen Sachgehalt hin kritisch zu prüfen, stereotype Darstellungen und Erklärungen zu überwinden und Diffamierungen klar entgegenzutreten. Die für eine liberale, aufgeklärte Diskussionskultur entscheidende Trennlinie verläuft deshalb nicht zwischen freundlichen und weniger freundlichen Darstellungen des Islams und seiner Angehörigen, sondern zwischen Genauigkeit und Klischee. Hinter dem Postulat der Genauigkeit steht letztlich das Gebot der Fairness, das die Grundlage einer aufgeklärten Diskussionskultur bildet."


In diesem Sinne ...

Mittwoch, 19. September 2012

Epidemische Dummheit

Ich weiss ja nicht, ob sie zumindest den Trailer des Films 'Innocence of Muslims' / 'Die Unschuld der Muslime' bereits gesehen haben. Mehr kenne ich von dem Film selbst auch nicht - wobei diese knapp 14 Minuten schon nur schwer durchzuhalten und mit Sicherheit die abschreckendste Werbung für einen Film waren, die ich je gesehen habe. Ein wahres Monument menschlicher Niedertracht und Dummheit. Ich mag diesen Müll nicht auf meinem Blog einbetten, aber wer es noch nicht kennt und sich ein eigenes Urteil bilden möchte, findet ein deutsch untertiteltes Video hier: http://www.youtube.com/watch?v=zx-j8lzx6dQ

Erstaunlicherweise wurde in einem Internetforum, das ich frequentiere, dieses Machwerk tatsächlich mit Monty Pythons 'The Life of Brian' verglichen, einer intelligent gemachten und äußerst amüsanten Religionssatire, in der übrigens Jesus selbst (bzw. ein Jesusdarsteller) nur einen Kurzauftritt hat. Sogar eine Sprechrolle, wobei der (durchaus hintergründige) Witz dabei allerdings ist, dass man von den ersten Sätzen abgesehen (einem wörtlichen Zitat aus der Bergpredigt) gar nicht versteht, was er eigentlich sagt ... Jedenfalls gab dieser ziemlich schiefe Vergleich (bei dem auch geflissentlich übersehen wurde, wie scharf seinerzeit 'The Life of Brian' von christlichen Kreisen angegriffen wurde) Anlass zu der noch schrägeren Frage, ob Christen denn humorvoller seien als Muslime. Mit Recht wurde daraufhin auf das jüngste Meme verwiesen: #muslimrage, ein Twitter-hashtag (vgl. z.B. hier und hier). Auslöser war nicht unmittelbar der Film, sondern der Aufmacher der US-amerikanischen Zeitschrift Newsweek zu den Reaktionen auf den Film - insbesondere die Schlagzeile und das zugehörige Bild. Jawohl, genau so schaut er aus, der typische Muselmann:


Es ist natürlich völlig richtig, dass jegliche grobschlächtige Pauschalisierung à la 'Muslime verstehen einfach keinen Spass' oder 'Muslime haben weniger Humor als Christen' schlicht und einfach dümmlich ist. Fast wäre ich versucht zu sagen, schon allein danach zu fragen, ob dem so ist, sei es ebenfalls. Das Problem dabei ist natürlich wieder einmal, dass die Muslime insgesamt - also etwa 1,5 Milliarden Menschen - verantwortlich gemacht werden für eine verhältnismäßig kleine Gruppe Radikaler. Oder umgekehrt eine kleine Fraktion von Wirrköpfen stellvertretend für sämtliche Muslime präsentiert wird. Genau das ist es, was auch der Newsweek-Titel suggeriert und was man mit Fug und Recht 'Dummheit' nennen kann: eine undifferenzierte, grob simplifizierende und verallgemeinernde Sicht auf die Dinge, die notwendig zu Fehlurteilen und damit zu dysfunktionalem Handeln führt. Auf Seiten des islamistischen Mobs wie auf Seiten derer, die diesen Mob mit adäquat schlichtem Geist mit Muslimen insgesamt gleichsetzen. Auf eine buddhistische Formel gebracht: Falsche Sicht + Falsche Absicht + Falsches Handeln = duhkha, Leiden.

Diese Art Dummheit feiert ja nicht nur in der Bildzeitung oder in Newsweek fröhliche Urständ (und natürlich erst recht beim islamistischen Pöbel), sehr viel bedenklicher ist ihre Virulenz in den Kreisen derer, die den politischen Kurs bestimmen. Wobei man da dann auch ruhig spekulieren kann, wie weit solche Dummheit nicht nur aus populistischen und demagogischen Gründen vorgetäuscht wird und durchaus intelligentere, wenn auch moralisch zweifelhafte Zielsetzungen kaschiert.

Natürlich ist es die erfreulichste Reaktion, wenn auf diskriminierende Pauschalisierungen nicht mit Hass und Gewalt, sondern mit Spott und Satire reagiert wird, wie es etwa mit dem Mem #muslimrage geschieht. Eine solche Reaktion kann freilich nicht die kritische Analyse ersetzen - und wenn dann beispielsweise in einem microblog der Mob, der ausländische Botschaften stürmt und Menschen ermordet - einschließlich eines ausländischen Botschafters - verharmlost wird als Leute, die "fools of themselves"  machen, dann zeugt auch das von Dummheit in nicht gerade geringem Ausmaß. Immerhin sind die Zeiten, wo die Ermordung eines Botschafters völkerrechtlich als legitimer Grund für eine Kriegserklärung angesehen wurde, noch nicht allzu lange Vergangenheit. Im Vergleich dazu spielen ein unfreiwillig albernes Titelblatt einer Zeitschrift und selbst ein stümperhaft produzierter hetzerischer Amateurfilm (man vergleiche einmal die perfide Brillianz und handwerkliche Perfektion etwa von Veit Harlans 'Jud Süß' mit diesem Machwerk) einfach in einer anderen Liga. Bei allem Respekt und aller Achtung vor den Muslimen, die dem Islam-bashing in unseren Medien humorvoll begegnen, sollte man nicht übersehen dass der Islam eine Religion mit Absolutheitsanspruch ist und damit seinen Anhängern - proportional zu ihrer Gläubigkeit und umgekehrt proportional zu ihrer Intelligenz - das Begründungsmuster für aggressive Intoleranz liefert. Nicht, dass eine solche Korrelation von Intelligenz und Gläubigkeit zwangsläufig wäre, das möchte ich ausdrücklich nicht unterstellen - nur, wenn sie besteht, dann wird es bedenklich.

Natürlich besteht in dieser Hinsicht keinerlei Unterschied zwischen Islam und Christentum. Der Unterschied besteht lediglich darin, in welchem Ausmaß die Gesellschaft, in der Angehörige der jeweiligen Religion die Mehrheit stellen, aggressive religiöse Intoleranz duldet. Der allmähliche Rückgang religiöser Intoleranz in den westlichen Gesellschaften in den letzten drei Jahrhunderten ist nun wahrlich nicht einer Weiterentwicklung oder Reifung des Christentums zuzuschreiben, sondern vielmehr dem von den christlichen Kirchen erbittert bekämpften Prozess der Aufklärung; das Potential dazu ist nach wie vor latent vorhanden. Der Aufklärungsprozess ist in den islamisch geprägten Gesellschaften noch in einem frühen Stadium, aber er vollzieht sich in einem deutlich größerem Tempo als dies in den westlichen Gesellschaften der Fall war. Nicht zuletzt dies sowie die Parallelität dieses Prozesses mit der Integration in eine kapitalistische supranationale Weltwirtschaftsordnung (die dummerweise gleichgesetzt werden) ist eine der wesentlichen Ursachen für die Gewaltsamkeit der Gegenreaktion religiöser Fundamentalisten. Wogegen diese Menschen kämpfen, das sind rasante (und durchaus nicht uneingeschränkt begrüßenswerte) Entwicklungen in der eigenen Gesellschaft, für die in altbewährter Weise die Schuld bei äußeren Feinden gesucht wird - eben "dem Westen" (auch so ein unpräziser Pauschalbegriff, der ebenso diffamatorisch instrumentalisiert wird wie "der Islam").

Die politische Reaktion "des Westens" (um den eben benannten Begriffsmissbrauch aufzugreifen) auf diese Entwicklung ist in großen Teilen ebenfalls mit 'Dummheit' gut beschrieben. Insbesondere die Politik der USA in Afghanistan, im Iran und im arabischen Raum sind nur weitere Etappen auf dem "March of Folly", den die Historikerin Barbara Tuchman in ihrem gleichnamigen Buch (Deutsch: Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam) so entlarvend beschrieben hat, auch wenn sie (meines Erachtens euphemisierend) von der historischen Kraft von "unwisdom as distinct from stupidity" schreibt. Wie schon seinerzeit in Afghanistan wird heute in Syrien die Zerstörung eines  (zweifellos brutalen und undemokratischen) laizistischen Staates durch islamistische Söldner wohlwollend gefördert und durch publizistisches Sperrfeuer in amerikanischen und europäischen Medien abgesichert. Die Aussicht auf die absehbaren und heute schon spürbaren blutigen Konsequenzen etwa für die Alawiten und die Christen Syriens werden ignoriert. Es wird dort aller Voraussicht nach in Folge der Beseitigung des laizistischen Regimes zum selben Ausbluten (und diesen Ausdruck sollte man hier wörtlich nehmen) der christlichen Gemeinden kommen wie im Irak. Christen werden mittlerweile von der syrischen Armee zum Selbstschutz bewaffnet, da die Armee ihren Schutz vor den "Aufständischen" nicht mehr leisten kann. Und der Westen wird für seine Unterstützung bei den  syrischen "Freiheitskämpfern" - die meisten von ihnen wären zutreffender als Söldner Qatars und Saudi-Arabiens zu bezeichnen - dieselbe Dankbarkeit ernten wie beim Mob in Benghazi oder bei dem durch die CIA geförderten "Befreier" Afghanistans von den Sowjets - Osama Bin Laden. Was die syrische Opposition nun allerdings nicht daran hindert, über die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Filmchen und die Reaktionen darauf erfahren, recht unglücklich zu sein, weil sie sich nun um die ihnen gebührende Aufmerksamkeit der Medien und damit den Ertrag ihrer geschickten Öffentlichkeitsarbeit geprellt sieht. Vielleicht ist "Unschuld der Muslime" ja heimlich durch Assads Geheimdienst finanziert? Wir werden auch hier die Wahrheit (also das tatsächliche Motiv für die Produktion des Films) wohl nie erfahren und dumm sterben - wenn auch nicht ganz so dumm, wie es das Zielpublikum des Films (sowohl die Fans wie die leicht zu provozierenden militanten Filmkritiker) offensichtlich ist ...

Und immer wenn man denkt, der Irrwitz wäre nicht mehr zu steigern, dann kommt natürlich in Berlin ein Vollhorst in Amt und Würden daher wie nun der Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag Johannes Singhammer (CSU) und quatscht eminent dummes Zeug. Herr Singhammer will also die Gelegenheit der Kontroverse um das Recht zur öffentlichen Aufführung dieses dämlichen amerikanischen Hetzfilmchens nutzen, um den Versuch aus dem Jahr 2000 zu wiederholen, mit einer Neufassung von § 166 StGB die Grundrechte auf Freiheit von Kunst und Wissenschaft sowie auf Meinungsfreiheit zu beschneiden.

Man braucht wahrlich kein Hellseher zu sein, um zu erkennen, dass die verletzten Ehrgefühle von Muslimen so ziemlich das letzte ist, was die CSU bzw. Herrn Singhammer da umtreibt. Offensichtlich geht es vielmehr darum, religiösen Gemeinschaften (und man liegt wohl kaum mit der Vermutung verkehrt, dass die CSU da vor allem an eine ganz bestimmte, nichtmuslimische Gemeinschaft denkt) in unserem Staat zukünftig weniger Duldsamkeit zuzumuten, wenn Bürger ihre Grundrechte nach Art. 5 GG in Anspruch nehmen. Damit wurde nun der öffentliche Diskurs zum Thema 'Blasphemie' völlig erwartungsgemäß auf die politische Ebene gehievt - erinnern wir uns, dass diese Debatte unlängst von dem Schriftsteller Martin Mosebach eröffnet wurde - der damit (außer sich selbst) wohl nochmals in Erinnerung bringen wollte, wie sehr sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung bei der Wahl des Preisträgers des Georg-Büchner-Preises im Jahr 2007 vergriffen hat. Natürlich erntete Mosebach umgehend Zustimmung offizieller Kirchenvertreter wie z.B die des Bamberger Bischofs Ludwig Schick - insbesondere die katholische Kirche betrachtet ja spätestens seit Salman Rushdie und den Morddrohungen wegen der Mohammed-Karikaturen den islamischen Glaubenseifer mit Neid und sieht wohl die Zeit für einen kultur- und gesellschaftspolitischen Rollback gekommen. Weniger ernst gemeint aber dafür um so lesenswerter war die Zustimmung des Schriftstellers Ingo Schulze zu Mosebachs Thesen. Ernster zu nehmen (jedenfalls, was die Intention angeht) war hingegen die im Vergleich zu Mosebach etwas substantiellere Argumentation des päpstlichen Leibphilosophen Robert Spaemann - auch wenn ich den Verdacht habe, dass Spaemann vordringlich auf seine alten Tage die These seines Vaters vom "gesunkenen geistigen Grundwasserspiegel der katholischen Kirche" exemplarisch belegen wollte.

Da zeigt sich eine unheimliche Allianz von Gegnern des 'Projekts Aufklärung' in Ost und West, von Abwehrkampf im Osten und Reconquista im Westen, von Taliban dort und Katholiban hier. Die einen mobilisieren die muslimischen Frömmler mit ihren antiwestlichen Ressentiments, die anderen den konservativen Urnenpöbel mit seiner Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung und den guten alten Zeiten, wo man schon einmal einen Schriftsteller wie etwa Ludwig Thoma sechs Wochen in den Knast steckte, wenn er es mit dem Humor übertrieb. Ein strunzdummes Video, das sowohl der erbärmlichen intellektuellen Kapazität wie auch der moralischen Verkommenheit seiner Macher ein überdeutliches Zeugnis ausstellt wird für einen Moment nicht nur zum Motor der Welt- sondern auch der deutschen Innenpolitik. Wie üblich folgt auf das Trauerspiel unweigerlich die Farce.

Montag, 7. Mai 2012

Proteus

Wir aber erwachen gleichfalls; der alte Proteus entschlüpft wieder einmal unseren haltenden Armen: er behält nur zu gern all sein Wissen des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen für sich allein.
(Wilhelm Raabe, Vom alten Proteus)

Die letzten Wochen war ich mit den unterschiedlichsten Projekten recht intensiv befasst und dementsprechend war dieser Blog dann auch mehr oder weniger verwaist. Bevor er an Vernachlässigung eingeht, habe ich mich entschlossen einen leicht überarbeiteten kurzen Diskussionsbeitrag einzustellen, den ich heute Mittag im Forum der DBU veröffentlicht hatte. Das heisst - eigentlich nur den ersten Teil davon, der thematisch von etwas grundsätzlicherer Bedeutung ist.



Ausgangspunkt war eine (hier etwas gekürzte / redigierte) Frage:

Wenn angezweifelt wird, Buddha habe etwas Bestimmtes gesagt, dann melde ich die Frage an, die ich schon zu Schulzeiten den katholischen Religionslehrern in Bezug auf Jesus gestellt hatte: "Ja, ist denn überhaupt gesichert, dass Jesus" - nun also Buddha - "je gelebt hat?" Wenn man intellektuell-kritisch herangeht und all die Kinderbuchversionen vergisst, die in Light-Versionen im Westen verbreitet wurden (und damit sicher vielen Menschen aus seelischen Sackgassen heilend herausgeholfen haben) wird der Buddhismus nicht besser dastehen als das Christentum.

Richtig. Historisch gesichert ist weder die Existenz von Buddha noch die von Jesus. Als Belege haben wir in beiden Fällen keine von den jeweiligen religiösen Überlieferungen unabhängigen historiographischen Quellen.

[Vorsorgliche Anmerkung für Leser, die ein wenig mit solchen Fragestellungen vertraut sind: ja, ich kenne die einschlägigen zu Jesus immer wieder angeführten außerbiblischen Quellen - vom gefälschten 'testimonium flavianum' (Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae XVIII 3,3) über die so gerne fehlinterpretierten Belege bei Tacitus (Annalen 15,44) und Sueton (Vita Claudii 25,4 - auch das Itaizismus-Argument in Bezug auf 'Chrestos' ist mir bekannt) bis zu den deutlich späteren und noch dubioseren "Quellen" wie Plinius, Mara bar Sarapion, Talmud usw. usf. Es wäre offtopic, sie hier zu analysieren und aufzuzeigen, welchen historischen Wert sie tatsächlich haben - er tendiert gegen 0.]

Grundsätzlich ist die Frage, ob beide Personen (oder auch nur eine von ihnen) tatsächlich gelebt haben allerdings müßig. Die Annahme des Gegenteils ist genauso wenig beweisbar wie die Annahme, dass dem so war; sie erfordert jedoch in Hinsicht einer Erklärung der Genese beider Religionen eine Fülle weiterer Annahmen. Anders gesagt - wenn man davon ausgeht, dass Buddha und Jesus tatsächlich gelebt haben, hat man die einfachste und plausibelste Erklärung für das Existieren eines Buddhismus und eines Christentums. Seriöse Wissenschaftler wenden hier sinnvollerweise die lex parsimoniae an, vielleicht bekannter als 'Occam's razor'.

Eine völlig andere Frage ist nun allerdings die, ob Buddha oder Jesus - wenn man deren historische Existenz vernünftigerweise als gegeben annimmt - nun tatsächlich auch das gelehrt haben, was unter ihrem Namen überliefert wird. Dabei sollte man sich bewusst sein, dass das keine religiöse Fragestellung ist, sondern vielmehr eine philologische. Natürlich gab und gibt es immer wieder Gruppierungen - Gralshüter in ihrer Selbstwahrnehmung -, die ernsthaft glauben, sich in ihren Lehren unmittelbar auf wörtliche Aussagen des jeweiligen Religionsstifters zu beziehen, was einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise allerdings zumindest bei den 'klassischen' Hochreligionen mit Ausnahme des Islam nicht Stand hält. Man kann glauben, dass beispielsweise Buddha Gautama Pali gesprochen hat und der Suttapitaka ipsissima vox Buddhas ist (d.h. wortgetreu seine Lehrreden widergibt). Wissenschaftlich gesehen ist das - gelinde gesagt - äußerst unwahrscheinlich und schon gar nicht beweisbar.

Wovon man ausgehen kann, das ist, dass in den Nikayas des Palikanon und in den Agamas des Sanskritkanon tatsächlich vereinzelt authentische Aussagen Gautama Buddhas enthalten sind - so, wie in Bezug auf den Rabbi Jeschua in den synoptischen Evangelien wohl auch vereinzelt echte Zitate überliefert sind. Welche freilich tatsächlich 'echt' sind und welche den Stiftern nachträglich zugeschrieben und in den Mund gelegt wurden ist im konkreten Fall nie zweifelsfrei zu entscheiden. Philologische Untersuchungen können bestenfalls spätere 'Anwachsungen' identifizieren und als eindeutig nicht-authentisch ausscheiden.

Ich habe oben geschrieben, dass es da um philologische Fragen geht, nicht um religiöse - und in ausschließlich dieser Hinsicht sollte man auch das eben verwendete "authentisch" verstehen. Religiöse Lehrsysteme entstehen aus einem Impuls heraus (den man idR nicht unberechtigt einer speziellen Stifterfigur zuschreibt); sie entwickeln und differenzieren sich und sie können selbstverständlich auch degenerieren. Religionen werden den Menschen nicht fix und fertig von einem Religionsstifter vorgesetzt, sondern sind historische Prozesse. Der "Impuls", den Gautama Buddha gesetzt hat, war seine Erfahrung des Erwachens - und authentisch im religiösen Sinn ist, was geeignet ist, diese Erfahrung zu übertragen.
Gerade Buddhisten sollte es eigentlich vergleichsweise leicht fallen, auch den Buddhadharma als anitya (vergänglich, im Sinne von permanentem Wandel unterworfen) und sunya (leer, im Sinne von 'bedingt') zu begreifen. Dazu als abschließende Anmerkung: mit der Rezeption von Buddhas Lehren im Westen - sowohl der Rezeption durch die Wissenschaft als auch der Rezeption durch Menschen, die den achfachen Pfad praktisch beschreiten - ist der historische Prozess 'Buddhadharma' in eine neue, äußerst interessante Phase eingetreten, an der wir hier im Westen unmittelbar teilhaben und mitwirken dürfen und wo wir als westliche Buddhisten auch Verantwortung dafür tragen, ob sich diese Phase als degenerativ oder als regenerativ erweisen wird - ob dieser so gewandelte Buddhismus in dieser Hinsicht ein 'authentischer' sein wird.

Einen Abschnitt noch zur vielleicht nicht ohne weiteres verständlichen Wahl der Überschrift dieses Eintrags. Proteus war in der griechischen Mythologie ein mit außerordentlicher Hellsichtigkeit begabter Sohn Poseidons. Allerdings teilte er sein Wissen nicht ohne Weiteres - vielmehr suchte er sich den Fragenden durch ständige Wandlung seiner Gestalt zu entziehen. Hatte man ihn jedoch einmal ergriffen und hielt ihn trotz der zahllosen Formen, die er annahm, unbeirrt fest - dann nahm er schließlich seine wahre Gestalt an und gab sein Wissen preis. Was der Mythos nicht beantwortet, ist die Frage, woran man denn die wahre Gestalt des Proteus unter all den zahllosen Gestalten erkennen konnte - doch wohl ausschließlich daran, dass er antwortete. Aber war es denn immer dieselbe Gestalt, die antwortete? Hat Proteus wirklich eine 'wahre Gestalt'?

Der alte Mazu hätte wohl mit den Achseln gezuckt und irgend etwas in der Art "Buddhas mit Sonnengesichtern, Buddhas mit Mondgesichtern" gebrummelt. Und vielleicht ist es mit Ursache und Wirkung ja gerade andersherum, als Wilhelm Raabe erzählt - und wir erwachen, wenn wir den Proteus unseren haltenden Armen entschlüpfen lassen. Was liegt uns dann an seinem Wissen des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen? Zumindest die Gegenwart liegt offen und ohne Geheimnis unmittelbar vor unseren Augen, wenn wir wach sind - was will man mehr?

Donnerstag, 23. Februar 2012

Dumme Frage - dumme Antwort

Ich kenne einige Leute die schlecht über Gott/Jesus reden und ich bekomme da eine extreme Wut auf diese Leute. Ich würde sie am liebsten richtig zusammenschlagen! Wenn ich eine "böse" Tat begehe dann verantworte ich mich in erster Linie immer vor Gott. Wie würde Gott so eine Tat auffassen, wenn ich jemanden an seiner Statt bestrafe?
(in einem interreligiösen Forum gefragt)
 

So scheue dich denn nicht, ein dem HERRN wohlgefälliges Werk zu tun auf dass du Gnade findest vor seinen Augen! Heisst es denn nicht im Buch der Bücher:
"Wenn bei dir in einer deiner Städte jemand gefunden wird, Mann oder Frau, der da tut, was dem HERRN, deinem Gott, mißfällt, so sollst du den Mann oder die Frau, die eine solche Übeltat begangen haben, hinausführen zu deinem Tor und sollst sie zu Tode steinigen"?
Ruft nicht der Psalmist also zum HERRN:
"Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden"?
Wahrlich, auch deinen Bruder, Freund und Nächsten sollst du nicht schonen, denn 
"als nun Mose sah, daß das Volk zuchtlos geworden war, trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. Da sprach Mose: Füllet heute eure Hände zum Dienst für den HERRN - denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen -, damit euch heute Segen gegeben werde".
So gehe denn hin und tue desgleichen, auf dass der Segen des HERRN auch auf dir ruhe. Und rede mir nicht davon, der HERR habe seinen Sohn gesandt, diese Gebote zu missachten! Schreibt nicht der heilige Paulus:
"alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, daß der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt"?
So denn also einer zu dir spricht:
"Laß uns andern Göttern folgen, die ihr nicht kennt, und ihnen dienen, so sollst du nicht gehorchen den Worten eines solchen Propheten oder Träumers; denn der HERR, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren, ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebhabt. Dem HERRN, eurem Gott, sollt ihr folgen und ihn fürchten und seine Gebote halten und seiner Stimme gehorchen und ihm dienen und ihm anhangen. Der Prophet aber oder der Träumer soll sterben, weil er euch gelehrt hat, abzufallen von dem HERRN, eurem Gott. Wenn dich dein Bruder, deiner Mutter Sohn, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau in deinen Armen oder dein Freund, der dir so lieb ist wie dein Leben, heimlich überreden würde und sagen: Laß uns hingehen und andern Göttern dienen, so willige nicht ein und gehorche ihm nicht. Auch soll dein Auge ihn nicht schonen, und du sollst dich seiner nicht erbarmen und seine Schuld nicht verheimlichen, sondern sollst ihn zum Tode bringen. Deine Hand soll die erste wider ihn sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volks. Man soll ihn zu Tode steinigen, denn er hat dich abbringen wollen von dem HERRN, deinem Gott".

Wahrlich,
"wenn du von irgendeiner Stadt, die dir der HERR, dein Gott, gegeben hat, darin zu wohnen, sagen hörst: Es sind etliche heillose Leute aufgetreten aus deiner Mitte und haben die Bürger ihrer Stadt verführt und gesagt: Laßt uns hingehen und andern Göttern dienen, die ihr nicht kennt, so sollst du gründlich suchen, forschen und fragen. Und wenn sich findet, daß es gewiß ist, daß solch ein Greuel unter euch geschehen ist, so sollst du die Bürger dieser Stadt erschlagen mit der Schärfe des Schwerts und an ihr den Bann vollstrecken, an allem, was darin ist, auch an ihrem Vieh, mit der Schärfe des Schwerts".
So gehe denn auch du hin und tue, was dem HERRN wohlgefällg ist und fürchte dich nicht, denn
"man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen". 
Amen

(Anmerkung: kursiv gesetzte Zitate - z.t. leicht, aber nicht sinnentstellend - gekürzt: Deuteronomium 17:2-5, Psalm 139:19-22, Exodus 32:25-29, Timotheus 3:16-17, Deuteronomium 13:2-10, Deuteronomium 13:12-16, Apostelgeschichte 5:29)



Notwendige Nachschrift, unter dem Betreff "Was soll das?" nachgeschoben:

Zunächst einmal zeigt die Anfrage, dass es bei Christen auch heute noch ein Potential für religiös motivierte Gewalt und militante Intoleranz gibt. Nun äußert sich dies in der Anfrage noch in einigermaßen harmloser Form - doch es sei daran erinnert, dass es vor allem in den USA in jüngster Zeit immer wieder Fälle fundamentalistisch-christlichen Terrors gegeben hat. Insbesondere seien hier die Bombenanschläge auf Kliniken genannt, in denen Abtreibungen vorgenommen werden sowie Mordattentate auf Ärzte, aber auch auf Homosexuelle. Selbstverständlich gibt es unter dieser Schwelle noch ein breites Spektrum weniger spektakulärer (und daher für die internationale Presse weniger interessanter) Aggression - von Schmähbriefen und -anrufen über Morddrohungen und Brandanschläge bis hin zu tätlicher Gewalt. Letztere anzuwenden, sieht sich unser Fragesteller ja nach eigener Auskunft selbst versucht.

Bei meiner Antwort ging es nun darum aufzuzeigen, dass die Bibel eine Fülle von Rechtfertigungsmustern für die Ausübung von Gewalt gegen Andersdenkende, also für das Ausagieren von "heiligem Zorn" anbietet - um mit diesem Ausdruck eine andere Anwort aufzugreifen, die auf Jesus' gewalttätige 'Tempelreinigung' verwies. Es ist eben nicht so, dass die Bibel als autoritative Grundlage der religiösen Überzeugung des Fragestellers diesem religiös motivierte Gewaltanwendung verbieten würde, wie wiederholt geltend gemacht wurde - weswegen es mich gereizt hat, solche Aussagen zu konterkarieren. Die Sachlage ist nun einmal deutlich komplexer.

Vielleicht sieht der Eine oder Andere ja auch - wie ich - hier Bezüge zur immer wieder aufgewärmten Diskussion über das Gewaltpotential des Islam. Religiös begründete Gewalt mag bei Muslimen derzeit in rein quantitativer Hinsicht (vielleicht auch nur in Hinsicht auf die öffentliche Wahrnehmung) ein größeres Problem sein als bei Christen - aber noch heute hat das Christentum im aufgeklärten Abendland dieses Problem selbst keineswegs überwunden und wird es wohl auch nie überwinden.

Religiös begründete Gewalt ist ein Problem, das in allen Religionen virulent ist - wobei zumindest die Weltreligionen (genauer: deren autoritative Schriften) jedoch nicht das aggressive Potential erzeugen. Sie werden vielmehr dazu missbraucht, das Ausleben solchen Potentials ideologisch zu verbrämen und zu rechtfertigen. Und dafür liefert die Bibel - wie vielleicht deutlich geworden ist - mehr und wohlfeileres Material als der aus eben diesem Grund so häufig und gern geschmähte Koran. Nicht der Koran oder die Bibel sind das Problem, auch nicht der Islam oder das Christentum (säkulare Ideologien sind zumeist noch einfacher für Rechtfertigungen von Gewalt zu missbrauchen als Religionen). Das Problem menschlicher Gewaltbereitschaft ist kein religiöses oder ideologisches - es ist ein anthropologisches. Religion oder Ideologie liefern lediglich Rechtfertigungen und Rationalisierungen.

Wenn uns dies bewusst wird, gelingt es vielleicht auch, mit den eigenen aggressiven Antrieben achtsamer und rationaler umzugehen - und Menschen mit anderen Überzeugungen toleranter (duldsamer, geduldiger) und gelassener zu begegnen.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Gloria! In! Excelsis! Deo! Halleluja!

"Insofern eine Religion der Menschlichkeit dient, insofern sie in ihrer Glaubens- und Sittenlehre, ihren Riten und Institutionen die Menschen in ihrer menschlichen Identität, Sinnhaftigkeit und Werthaftigkeit fördert und sie eine sinnvolle und fruchtbare Existenz gewinnen läßt, ist sie wahre und gute Religion.
Insofern Religion Unmenschlichkeit verbreitet, insofern sie in ihrer Glaubens-und Sittenlehre, ihren Riten und Institutionen die Menschen in ihrer menschlichen Identität, Sinnhaftigkeit und Werthaftigkeit hindert und sie so eine sinnvolle und fruchtbare Existenz verfehlen hilft, ist sie falsche und schlechte Religion."

(Hans Küng, Projekt Weltethos)

christlich-buddhistischer Dialog - die Zen-Methode (Clip aus 'Fanshî Dansu' von Masuyuki Suo, 1989)

Das mit dem Eingangszitat umrissene "Humanum als ökumenisches Grundkriterium" ist eine nach meiner Wahrnehmung nicht nur von christlicher Seite ziemlich bereitwillig aufgegriffene Idee Hans Küngs, dessen vorgebliche Tauglichkeit als Grundlage eines interreligiösen Dialogs auf gleicher Augenhöhe mich zu einigen Überlegungen veranlasst hat. Nun bin ich - dies sei vorausgeschickt - beileibe kein Küng-Experte. Ein eingehenderes Studium seiner Auffassungen erschien mir als ein doch etwas zu hartes Brot, schon seit ich ihn in einer Fernsehserie zum Thema Weltreligionen erleben durfte und sowohl Art als auch Inhalt seines Vortrags zeitweise schwer erträglich fand - wobei ich nicht ausschließen will, dass dies vor allem dem Medium anzulasten war. Ich kenne also den Kontext des Zitates nur oberflächlich und habe auch nicht vor, tiefer in diesen Kontext einzudringen. Soweit mein Vorbehalt - mein Kommentar gilt also ausdrücklich einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat. Wie weit Zitat und Kommentar Hans Küngs Denken insgesamt gerecht werden, mögen Kenner seiner Schriften ruhig für sich beurteilen. Ich gedenke nicht, ihnen zu widersprechen.

Nun denn, meine (selbstredend politisch unkorrekte) Meinung: ein schönes Beispiel für ein ideologisches Rückzugsgefecht. Man schmückt sich - die Zeiten haben sich schließlich geändert - gerne mit der Bereitschaft zum interreligiösen Dialog und stilisiert sich zum Vorreiter religiöser Toleranz. Die Mär von der Alleinseligmachenden ist im Laufe der Zeit etwas ranzig geworden und nicht mehr sonderlich gut verkäuflich. Aber so ganz will man dann auf die Differenzierung zwischen 'guten' und 'schlechten' Religionen halt doch nicht verzichten. Wer jetzt nur ein klein wenig weiter denkt, merkt natürlich, auf was das hinausläuft. Es geht ja nicht (mehr) darum, dass eine Religion entweder absolut gut (das dürfte dann allenfalls die eigene sein) oder absolut schlecht ist. Es geht darum, einen Vergleichsmaßstab für Religionen zu definieren. Und dann gibt es halt Religionen, die 'besser' und solche, die 'schlechter' sind. Mithin auch eine 'schlechteste' aber (und vor allem darauf kommt es an) natürlich auch eine 'beste'. Also ich für meinen Teil habe da eine Vermutung, welche Herr Küng für die beste hält ...

Nun wurde dem Katholiken Küng zwar 1979 von Papst Johannes Paul II. die Lehrerlaubnis entzogen - allerdings, weil er Zweifel an der Unfehlbarkeit seines obersten Chefs äußerte und der sich das nicht gefallen lassen wollte. Das angeführte Zitat hingegen sehe ich durchaus konform mit der offiziellen Lehrmeinung seiner Kirche zum interreligiösen Dialog, die ich in einem früheren Blogbeitrag an Hand von Zitaten aus der Enzyklika 'Redemptoris Missio' Johannes' Paul II. umrissen hatte. Ein Text, der im übrigen auf der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils 'Nostra Aetate' aufbaut:
"In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht.
[...]
Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkenntnis einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters. Diese Wahrnehmung und Anerkenntnis durchtränkt ihr Leben mit einem tiefen religiösen Sinn.
Wohlgemerkt: es ist "Wahrnehmung und Anerkenntnis(!)" einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters, die das Leben von "verschiedenen Völkern" mit Sinn "durchtränkt". Entsprechend sinnmäßig ausgetrocknet kann man sich das Leben von Völkern vorstellen, in denen der solche "Anerkennung" frech verweigernde Buddhismus weit verbreitet ist ...

Trotzdem finden sich über Buddhas Lehre auch wohlwollende Worte:
Im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Kultur suchen die Religionen mit genaueren Begriffen und in einer mehr durchgebildeten Sprache Antwort auf die gleichen Fragen. [...]  In den verschiedenen Formen des Buddhismus wird das radikale Ungenügen der veränderlichen Welt anerkannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit frommem und vertrauendem Sinn entweder den Zustand vollkommener Befreiung zu erreichen oder - sei es durch eigene Bemühung, sei es vermittels höherer Hilfe - zur höchsten Erleuchtung zu gelangen vermögen. So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten.
Den ersten Satz sollte man dabei freilich nicht überlesen. Es wird da auf den Aspekt des "Fortschreitens der Kultur" verwiesen, der religiösen Suchern "genauere Begriffe" und "eine mehr durchgebildete Sprache" beschert. Es lässt sich unschwer vermuten, welche Weltreligion da als kulturell besonders begünstigt angesehen wird ... Sicher nicht der Islam, obwohl dieser die jüngste der Weltreligionen ist. Schließlich ist ja auch vom Fortschreiten der Kultur die Rede, nicht der Zeit ...
Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.
Auch das sollte man durchaus cum grano salis lesen: lediglich das, was in nichtchristlichen Religionen "wahr und heilig" ist, wird nicht abgelehnt. Ob damit das gemeint ist, was die Anhänger dieser Religionen selbst für "wahr und heilig" halten oder ob man da doch die eigenen Ansichten darüber zugrunde legt, wird mit beredtem Schweigen übergangen. Anders gesagt - man verdammt heidnische Religionen nicht mehr wie früher in Bausch und Bogen sondern nur noch partiell. Hier lässt sich eine deutliche Verbindung zu Küngs "ökumenischem Grundkriterium" ziehen - auch wenn dies auf den ersten Blick nicht mehr das "Wahre und Heilige" christlicher Provenienz zu sein scheint, sondern ein "Humanum". Wir werden später darauf zurück kommen.
Unablässig aber verkündet sie und muß sie verkündigen Christus, der ist "der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat.

Deshalb mahnt sie ihre Söhne, daß sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern."
Es ist insbesondere die hier von den Söhnen der Kirche geforderte "Klugheit", die man als Nichtchrist im interreligiösen Dialog im Hinterkopf behalten sollte - und das den zweiten Absatz einleitende "Deshalb", das auf den Grund der Bereitschaft zu "Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen" verweist, nämlich die im ersten Absatz genannte Verkündigung, also der Missionsauftrag.

Das soll nun selbstredend keine Warnung vor einem solchen Dialog an sich sein - nur davor, sich allzu blauäugig und vertrauensselig darauf einzulassen, also in Unkentnis der Motive des Dialogpartners. Man kann die oben mit den Zitaten aus 'Nostra Aetate' umrissene (und in der Enzyklika 'Redemptoris Missio' ausführlich begründete) christliche Positionierung im interreligiösen Dialog - die an der vorangegangenen christlichen Tradition gemessen immerhin bemerkenswert tolerant ist - auch wesentlich undiplomatischer ausdrücken; etwa so wie es der evangelische Theologe Paul Althaus tat, was verdeutlicht, dass die Sichtweise des II. Vaticanums durchaus keine katholische Spezialität ist:
"Das Wort des Neuen Testamentes über die Religionen ist mehrschichtig und dialektisch. Es sieht im Heidentum Lüge, aber nicht nur Lüge, sondern auch Wahrheit: Flucht und Ferne von dem wahren Gott, aber auch Gehaltensein durch ihn. Dementsprechend muss unsere dogmatische Lehre von den Religionen mehrschichtig und dialektisch sein. [...]

Wir sprechen demgemäß sowohl von dem Wahrheitsgehalte der Religionen wie von ihrer Lüge. Maßstab für beides ist das Evangelium, die in ihm erschlossene Wahrheit über Gott und den Menschen.

Wahrheit tragen die Religionen in sich, sofern sie überhaupt von "Gott" reden, um die Wirklichkeit des "Heiligen" wissen als unterschieden von der Wirklichkeit der Welt. [...] Auch die Abgötter, die Götzen zeugen also von der Wirklichkeit des einen wahren Gottes. Der Mensch hätte keine Götzen, wenn er nicht um Gott wüsste. Er leistete keinen Götzendienst, wenn ihm nicht ins Herz geschrieben wäre, was Gottesdienst ist. Die Entartung geschieht an der Wahrheit. Das Wissen um Gott ist das Apriori aller Religionen."

(Paul Althaus, Die christliche Wahrheit. Lehrbuch der Dogmatik)
Zurück zu Küng und zur Frage, ob der 'Maßstab', den er im Religionsvergleich anempfiehlt, so wesentlich anders ist als der von Althaus genannte, also die im Evangelium erschlossene "Wahrheit über Gott und den Menschen" bzw. das "Wahre und Heilige" der Erklärung 'Nostra Aetate'. Lassen wir einmal die "Riten und Institutionen" beiseite, so bleibt die Frage, ob "Glaubens- und Sittenlehre" geeignet sind, "menschliche Identität, Sinnhaftigkeit und Werthaftigkeit" zu befördern. Was die Sittenlehre angeht, so ist dies zunächst einmal ein erfreulich utilitaristischer Ansatz. Notwendigerweise, denn die transzendente Begründung genuin christlicher Ethik (als auf göttlichem Gebot beruhend) lässt sich auf viele andere Religionen nur schwer (und auf den Buddhismus überhaupt nicht) übertragen. Was die Glaubenslehre angeht - nun, sie ist nun einmal eine Sache des Glaubens. Eine utilitaristische Glaubenslehre ist für einen katholischen Theologen - dies nur nebenbei bemerkt - allerdings schon pikant ...

Gegen eine utilitaristische Sittenlehre / Ethik ist aus buddhistischer Sicht grundsätzlich nicht das Geringste einzuwenden. Für Glaubenslehre, Riten und Institutionen mag gerne Gleiches gelten - auf gut Buddhistisch nennt man das upaya-kausalya, 'geschickte Mittel'. Allerdings sollte man dann natürlich auch das 'wozu' dieses Utilitarismus genau unter die Lupe nehmen. Nochmals: Herr Küng nennt hier als Zweck dieser Ethik, dass sie "Menschen in ihrer menschlichen Identität, Sinnhaftigkeit und Werthaftigkeit fördert und sie eine sinnvolle und fruchtbare Existenz gewinnen läßt". Das klingt wirklich sehr schön, ist aber näher besehen nur eine reichlich pompöse Leerformel - ein Beispiel für das, wovon ich eingangs gesagt habe, dass ich es bei Küng gelegentlich schwer erträglich finde. Diese Formel spiegelt vor, dass es einen Konsens darüber gibt, was "menschliche Identität, Sinnhaftigkeit und Werthaftigkeit" denn eigentlich ist. Ein solcher Konsens jedoch existiert nicht - und damit ist diese Formel nichts als hohles Wortgeklingel. Diese Meinung - wie schon eingangs geschrieben - unter Vorbehalt. Möglicherweise erklärt ja Küng andernorts für Jeden (d.h. auch Nichtchristen) nachvollziehbar, was die 'Sinnhaftigkeit' des Menschen, seine 'Werthaftigkeit' und seine 'Identität' ist. Ich habe allerdings leise Zweifel daran und denke eher, dass solche Definitionen von "menschlicher Identität, Sinnhaftigkeit und Werthaftigkeit" (falls sie sich tatsächlich bei Küng finden sollten) zwar bei Christen Akzeptanz finden dürften, darüber hinaus aber wohl doch nur sehr begrenzt. Anders gesagt: Küngs Wertmaßstab für Religionen beruht auf einer untergeschobenen petitio principii. Der Verdacht, dass dies der christlichen Religion den Rang des Klassenprimus sichern soll, ist nicht ganz von der Hand zu weisen ...

Sonntag, 21. November 2010

Religiöser Pluralismus vs. religiöser Relativismus

Bei dem heutigen Eintrag geht es wieder um ein längeres Zitat. Anders als andere Werke des gleichen Autors ist es leider nur noch antiquarisch erhältlich - wohl weil es einer frühen Schaffensphase des Autors entstammt, als er sich noch nicht unter der Führung von Lama Ngawang Kalsang, genannt Domo Geshe Rinpoche, dem tibetischen Buddhismus zugewandt hatte. Regelmäßigen Lesern dieses Blogs kommt der Name des Lehrers möglicherweise bekannt vor, von diversen Reinkarnations-Prätendenten war hier im März die Rede.

Anagarika Govinda (vorne links) mit seinem Lehrer 
Nyanatiloka Thera (vorne Mitte) 1929 in Burma

Bei dem Autor des Zitats handelt es sich um Ernst Lothar Hoffmann (1898 - 1985), besser bekannt unter seinem Ordensnamen Lama Anagarika Govinda. Es sind die einleitenden Sätze seines Buchs 'Die psychologische Haltung der frühbuddhistischen Philosophie', 1962 im Rascher-Verlag veröffentlicht. Der dort veröffentlichte Text beruht jedoch auf älterem Material, nämlich auf Vorlesungen, die Anagarika Govinda 1936 und 1937 als Lektor an der Universität von Patna hielt.

Warum gerade dieses Zitat? Weil es in sehr deutlicher Sprache und kluger Formulierung aufzeigt, dass die Achtung vor anderen Religionen sich im Respektieren, ja in der Wertschätzung ihres Anders-Seins zeigt.

EIGENGESETZLICHKEIT DES RELIGIÖSEN LEBENS

Religionen werden nicht «gemacht». Sie sind der formale Ausdruck überindividueller, durch lange Zeiträume sich kristallisierender innerer Erfahrung. Sie tragen den Charakter einer höheren Gemeinsamkeit, einer Anteilnahme an einem weiteren Bewußtsein. Sie finden ihre entscheidende Ausdrucksform und Verwirklichung in den am höchsten entwickelten und sensitivsten Geistern, welche die Fähigkeit besitzen, am überindividuellen Leben ihrer Mitmenschen (wenn nicht gar der Menschheit) teilzunehmen. Religion ist daher mehr als ein bloßes «kollektives Denken», welch letzteres ein Kennzeichen intellektuell geschaffener und organisierter Massenbewegungen ist und somit nicht einem überindividuellen Bewußtsein angehört, sondern im Gegenteil, der unterindividuellen Stufe der Herdenmentalität.

Religionen aber können nicht intellektuell geschaffen oder gemacht werden, sie wachsen (so wie eine Pflanze wächst) nach gewissen, ihrer Natur entsprechenden Gesetzen: sie sind sozusagen Naturereignisse des Geistes, an denen das Individuum teilnimmt. Die Universalität ihrer Gesetzmäßigkeit bedeutet jedoch nicht die Gleichartigkeit ihrer Auswirkungen, denn dasselbe Gesetz wirkt verschieden unter verschiedenartigen Bedingungen. Wir können daher zwar von einem Parallelismus religiöser Wachstumsvorgänge, und vielleicht sogar von einem Parallelismus religiöser Ideen reden, aber nirgends von einer Identität. Ja, gerade da, wo gleiche Worte oder Symbole verwandt werden, ist der ihnen zugrundeliegende Sinn oft gänzlich verschieden, da die Gleichheit der Form nicht eine Gleichheit des Inhalts garantiert, denn der Sinn jeder Form hängt von den mit ihr verbundenen Assoziationen ab.

Es ist daher ebenso sinnlos, alle Religionen auf den gleichen Nenner bringen zu wollen, wie alle Baume eines Gartens gleichmachen zu wollen oder ihre Verschiedenheiten als Unvollkommenheiten zu erklären. So wie die Schönheit eines Gartens gerade in der Vielfältigkeit und Verschiedenartigkeit seiner Bäume und Blumen besteht, von denen jede ihren eigenen Vollkommenheitsstandard besitzt, so erhält auch der Garten des Geistes seine Schönheit und seinen lebendigen Sinn durch die Vielfältigkeiten und Verschiedenheiten seiner Erlebnis- und Ausdrucksformen. Aber wie alle Bäume eines Gartens aus dem gleichen Boden wachsen, die gleiche Luft atmen und sich der gleichen Sonne entgegenstrecken, so wachsen alle Religionen aus dem gleichen Boden innerer Wirklichkeit und nähren sich von denselben kosmischen Kräften. Hierin liegt ihre Gemeinsamkeit. Ihr Charakter und ihre eigentümliche Schönheit (worin der ihnen innewohnende Wert* besteht), beruht auf jenen Zügen, in denen sie sich voneinander unterscheiden und auf Grund welcher eine jede Art ihre eigene Vollkommenheit besitzt.

Diejenigen, welche die Differenzen der Religionen wegzuerklären versuchen, indem sie dieselben entweder bagatellisieren oder als fehlerhafte Auslegungen und Mißverständnisse bezeichnen, um auf diese Weise zu einer abstrakten Übereinstimmung zu kommen oder zu einer absoluten Einheit, die sie für die einzige Wirklichkeit halten, sind wie Kinder, die die Blütenblätter einer Blume ausrupfen, um zur «wirklichen» Blüte zu gelangen. Wenn eine Anzahl von Künstlern denselben Gegenstand oder dieselbe Landschaft malen, so wird dennoch jeder von ihnen ein anderes Bild schaffen. Wenn aber eine Anzahl von Leuten dasselbe Objekt vom gleichen Standpunkt (und zur gleichen Tageszeit) photographieren würden, so würde jeder von ihnen das gleiche Bild hervorbringen. Diese Gleichheit und Übereinstimmung (in dem wir das Kriterium der Wahrheit sehen), ist nicht ein Zeichen der Überlegenheit, sondern der Abwesenheit schöpferischer Kräfte, ja des Lebens. Die Verschiedenheiten künstlerischer Auffassungen hingegen sind gerade das, was dem Kunstwerk seinen wesentlichen Wert gibt. Einzigkeit und Ursprünglichkeit sind die Kennzeichen des Genius, der Genialität, in allen Lebenssphären. Gleichheit und Standardisierung sind die Kennzeichen der Mechanisierung, der Mittelmäßigkeit und des geistigen Stagnierens.

Wenn wir die Religionen zu den höchsten Errungenschaften der Menschheit zahlen wollen, so müssen wir ihnen die gleichen Privilegien zugestehen, die wir dem schöpferischen Werk eines Genius einzuräumen bereit sind. Auf der anderen Seite müssen wir uns darüber klar sein, daß bloße Verschiedenheiten oder sogenannte Originalität noch kein Beweis für schöpferische Leistung ist, und wir würden uns eines anderen Extrems schuldig machen, wenn wir jegliche Möglichkeit der Übereinstimmung in religiösen Erfahrungen und Formulierungen oder einer die Unterschiede umfassenden Einheit ableugnen wollten. Aber Einheit sollte nie auf Kosten produktiver Verschiedenheit und Lebendigkeit hergestellt werden, sondern durch eine Koordinierung der wesentlichen Differenzen zu einer Harmonie, die stark genug ist, um auch die größten Gegensätze zu überbrücken und zusammenzuhalten.

* den wir mit dem abstrakten Begriff der Wahrheit verwechseln, aus dem sich die ebenso lebensfremden Dogmen der Religionen entwickeln.
Es ist unverkennbar, dass Lama Anagarika Govinda nicht zuletzt auch ein Meister der Sprache war - ein Poet, für den Wahrheit und Schönheit untrennbar waren. Dies wird ganz besonders deutlich, wenn Govinda  bei der Untersuchung der Bewusstseinsklassen des Abhidhamma im Zusammenhang mit den achtzehn Bewusstseinsklassen ohne Wurzelursachen (ahetuka-cittani) insbesondere auf die 18. Klasse hinweist, das von Freude (sukha) begleitete Bewusstsein der Entstehung ästhetischen Genusses (hasituppada). Hier zitiert Govinda einen anderen der frühen 'Brückenbauer', nämlich Bhikku Silacara:
"Die vollkommene Abwesenheit des «Ich», wenn aufrechterhalten, ist Nibbana. Und der Mensch, dem es vergönnt ist, zeitweilig vom «Ich» in der Betrachtung des Schönen befreit zu sein, hat hiermit vorübergehend Nibbana in einer Weise erlebt, die ihn schließlich zum vollständigen, wahrhaften, vollkommenen Nibbana führen könnte. Deshalb behaupte ich, dass Schönheit vielen dazu verhelfen wird, Nibbana zu finden".
Das ist natürlich gut Schopenhauerisch, aber ich war Govinda sehr dankbar für den Hinweis, dass sich zumindest der Ansatz zu diesem Gedanken schon im Abhidhamma finden lässt. Für heute mag ich dies nicht weiter ausführen, da das Thema des Blogeintrags ja doch ein anderes ist - aber ich möchte nicht hier von Lama Anagarika Govinda Abschied nehmen, ohne ein Gedicht aus seinem Buch Mandala  von 1961 zu zitieren - sein vielleicht bekanntestes:

 Dreifach ist des Lebens Rhythmus -
nehmend, gebend, selbstversunken:
Einatmend nehm ich die Welt in mich auf
Ausatmend gebe der Welt ich mich hin,
Leergeworden leb ich mich selbst -
Lebe entselbstet und öffne mich neu.
Einatmend nehm ich die Welt in mir auf
Ausatmend gebe der Welt ich mich hin:
Entleert erleb ich die Fülle,
Entformt erleb ich die Form.

Dienstag, 16. Februar 2010

Reformiertes Zen

Vor kurzem habe ich im Internet lesen können, dass die "Sanbo-Kyodan" in Japan das Zen "reformiert" hätte ...
Wie darf man so eine Aussage denn verstehen ?

Diese Frage tauchte kürzlich im Forum der DBU auf - in der Tat eine interessante Frage (weswegen ich sie zum Gegenstand dieses Blogeintrags mache), obwohl es eine kurze und unmissverständliche Antwort darauf gibt, wie so etwas zu verstehen ist: als bullshit. Was wiederum mit bullshit gemeint ist, dazu hier eine kurze (nun ja, achteinhalb-minütige ...) Einführung von Harry G. Frankfurt:




Doch zurück zu unserem eigentlichen Thema - und zu einer etwas ausführlicheren Antwort.

Zen kann man genauso wenig "reformieren" wie man den Buddhadharma reformieren kann. Reformieren kann man allenfalls die Bedingungen, unter denen eine Gemeinschaft Zen praktiziert und diese Praxis tradiert. Das haben z.B. Manzan Dohaku in der japanischen Sotoshu getan oder Hakuin Ekaku und seine Schüler in der japanischen Rinzaishu. Solche Reformen - auch wenn sie in aller Regel mit 'großen' Namen verbunden werden - beruhen in den seltensten Fällen auf den Ideen einzelner Menschen. Es sind Antworten auf anitya - auf gewandelte historische Bedingungen - und kein einzelner Mensch kann eine große Gemeinschaft alleine einem solchen Wandel anpassen. Die Notwendigkeit des Wandels muss von einer nicht zu kleinen Gruppe, einer Fraktion innerhalb der zu reformierenden Gemeinschaft, verstanden und dann der Wandel umgesetzt werden. Das ist fast immer ein längerer Prozess, der erst aus der historischen Rückschau als radikaler Paradigmenwechsel erscheint und erst hier verengt sich meistens dann auch die Perspektive auf bestimmte Personen als Repräsentanten einer solchen Reformation. Repräsentanten dieser Art waren im 20. Jahrhundert in der japanischen Sotoshu z.B. Sawaki Kodo und - weniger bekannt - Harada Sogaku.

Beider Reformansätze wurden und werden in der japanischen Sotoshu von verschiedenen Linien weitergetragen und verbreitet; bei Sawaki ist am bekanntesten die Linie Uchiyamas, für die vor allem das Kloster Antai-ji steht. Harada Sogakus Ansatz, der vor allem in einer Integration einer (freilich abgewandelten) Koan-Schulung nach Rinzai-Modell in die Sotoshu bestand, wurde vor allem von seinen Schülern Tetsugyu Ban, Harada Tangen, Nishiwaki Etsudo und Watanabe Genshu fortgesetzt. Das sind Reformansätze, die in (und nicht außerhalb) der Sotoshu (und nicht "im Zen") weiterwirken.

Nun hatte Harada Sogaku noch einen Schüler Yasutani Ryoko, der gerade nicht den Weg einer mehr oder weniger radikalen Reform der Sotoshu (der er angehörte und von der er sich offiziell trennte) gehen, sondern eine eigene, unabhängige Gemeinschaft gründen wollte. Er nannte sie Sanbo Kyodan und sie wurde am 08.01.1954 als religiöse Körperschaft des öffentlichen Rechts (shûkyô-hôjin) anerkannt. Gerade in dieser Zeit entstanden in Japan viele solcher neuer Religionsgemeinschaften (der Prozess setzte freilich schon im 19. Jahrhundert ein), die sich mehr oder weniger deutlich von den etablierten abgrenzten. Sie werden unter dem Begriff 'shin shûkyô', 'Neue Religionen' zusammengefasst und etwa ein Drittel der Japaner gehört heute einer dieser Gemeinschaften an. Die staatliche Anerkennung (dafür gibt es Steuervorteile) ist in Japan (anders als hier in Deutschland) nichts Besonderes - nach einer Erhebung aus dem Jahr 2006 gibt es 182.468(!) als Körperschaft anerkannte Gemeinschaften; dazu kommen noch mal ca. 50.000 nicht anerkannte Gemeinschaften. In Japan selbst ist Sanbo Kyodan weitgehend unbekannt, sie hat nur wenige tausend Mitglieder. Ganz anders als z.B. Soka Gakkai (in Japan ca. 10 Millionen Anhänger), Tenrikyo (in Japan ca. 1,5 Millionen Anhänger) oder Konkokyo (450.000 Anhänger) - typische 'shin shûkyô'. Selbst die recht kleine Ōmu Shinrikyō (bekannt durch den Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn 1995) war damals mit ca. 10.000 Mitgliedern in Japan (in Russland übrigens ca. 30.000) deutlich größer als Sanbo Kyodan.

Das soll nun die Sanbo Kyodan nicht kleinreden - nur ihre Rolle im japanischen Zen (vom koreanischen oder chinesischen wollen wir hier gar nicht erst reden) etwas verdeutlichen und die Perspektive zurechtrücken. Die oben zu lesende Internet-Auskunft ist ja ganz offensichtlich einer völlig verschobenen Perspektive geschuldet ...

Anders als in Japan ist die Sanbo Kyodan jedoch durchaus von einigem Einfluss auf die Zen-Rezeption im Westen gewesen. Das hat drei Ursachen - zum ersten war Yasutani gewillt, Amerikaner und Europäer zu unterweisen, als das für die große Mehrheit der Zenmeister in der Sotoshu oder Rinzaishu noch undenkbar war. Wer als Gaijin (Nicht-Japaner) in Japan Zen-Unterweisungen erhalten wollte, hatte lange kaum eine andere Möglichkeit, als sich an die Sanbo Kyodan zu wenden, vor allem, wenn er kein Japanisch sprechen konnte. Zum zweiten war und ist Yasutanis Organisation eine reine Laienorganisation. Nicht, dass die Schulung von Laien im Zen etwas Neues oder auch nur Ungewöhnliches gewesen wäre - nur geschah dies eben in aller Regel in einem buddhistischen Kloster und durch einen buddhistischen 'Geistlichen'. Die Sanbo Kyodan mit ihren religiös diffusen Status hingegen eröffnete christlichen Klerikern die Möglichkeit, einen Dispens (eine offizielle Erlaubnis ihrer Vorgesetzten) zu erhalten, um sich in dieser Organisation schulen zu lassen - dort die Methoden und Techniken einer Zen-Unterweisung kennenzulernen. Freilich nicht auf traditionelle Art, sondern eben auf "reformierte" Sanbo Kyodan - Art.

Der dritte Punkt - der eng mit dem zweiten zusammenhängt und ebenfalls ein wesentlicher Faktor für die Anziehungskraft dieser Organisation auf Christen (und solche, die es bleiben wollen) war und ist, ist zentral in der Ideologie dieser Gemeinschaft. Hier kann man sich wirklich die Frage stellen, ob da "Zen reformiert" wurde. Oder aber, ob man da mit Fug und Recht noch von Zen sprechen kann. Genauer: von Saijojo-Zen, nicht von Gedo-Zen oder Bompu-Zen. Es geht dabei um die Ablösung der Zen-Schulung vom Buddhadharma, die Proklamation eines 'suprareligiösen' oder 'transkonfessionellen' Zen.

Den wenigsten Vertretern der Anschauung von Zen als einer suprareligiösen Angelegenheit ist bewusst, dass diese These ihre Wurzeln in äußerst trübem Wasser hat. Zen sollte dabei als genuin japanische Kulturleistung herausgestellt und für nationalistische Propaganda instrumentalisiert werden - was implizierte, dass man es als angebliches japanisches Eigengewächs von seinen buddhistischen Wurzeln in den verachteten, rückständigen Kulturen Chinas und Indiens abtrennte. Am deutlichsten hat dies Suzuki Daisetsu Teitaro 1938 in 'Zen und die Kultur Japans' formuliert (deutsche Übersetzung 1941 erschienen):

"Darum vermag es [Zen] sich mit großer Schmiegsamkeit fast jeder weltanschaulichen oder sittlichen Lehre anzupassen, solange seine intuitive Unterweisung durch sie nicht gestört wird. Es kann sich mit anarchistischen oder faschistischen, kommunistischen oder demokratischen Idealen, mit Atheismus oder Idealismus, mit jedem politischen oder wirtschaftlichen Dogma befreunden."
In diesem Zitat Suzukis lässt sich völlig problemlos "Atheismus" oder "Idealismus" durch "Christentum" ersetzen, zu "jedem politischen oder wirtschaftlichen Dogma" ließe sich auch noch "jedes religiöse Dogma" hinzufügen - wie dieses Zitat überhaupt eine bedenkliche Beliebigkeit durchblicken lässt. Es erklärt, aus welchen Quellen sich das "transkonfessionelle Zen" speist - dessen Verfechter eigenartigerweise so häufig gerade eben nicht konfessionell ungebunden sind. Ganz im Gegenteil. Die Namen der Sanbo Kyodan - Lehrer, die zumindest im deutschen Sprachraum am profiliertesten für diese Art von Zen stehen, sprechen für sich: der Jesuit und Japan-Missionar Hugo Lassalle SJ, der Benediktiner Willigis Jäger OSB, der Pallotiner Johannes Kopp SAC, der Jesuit Niklaus Brantschen SJ ...

Es waren insbesondere Harada und Yasutani (die geistigen Väter der Sanbo-Kyodan), die die angebliche "große Schmiegsamkeit" des Zen, bevor sie christliche Adepten davon profitieren ließen, japanischer faschistischer Propaganda zugute kommen ließen. Haradas Schrift "Der eine Weg von Zen und Krieg" ist ein besonders beredtes Zeugnis des "reinen, nichtkonfessionellen Zen". Sie liegt genau auf dieser Linie - es gibt da eine Kontinuität sowohl in Bezug auf die Ideologie als auch auf die Protagonisten. Mit "Schmiegsamkeit" hat das natürlich nicht das Geringste zu tun, sondern mit Verstümmelung. Zen ist ein integrativer Weg, ist die formlose Übung von Sila, Prajna und Dhyana als Einheit. Sila, Prajna und Dhyana wiederum ist nichts Anderes als der ganze edle achtfache Pfad, ist nichts Anderes als der Buddhadharma. Für ein nationalistisches oder militaristisches Zen ist es erforderlich, Sila zu amputieren - die angemessene, 'rechte' soziale Haltung, das ethisch bestimmte Handeln. Für ein Zen, das Leerheit und wechselseitig bedingtes Entstehen durch einen Gott ersetzen will, muss man Prajna, Einsicht in die Dinge-wie-sie-sind, amputieren (was zugegeben deutlich erträglicher ist). Beides ist genausowenig Zen wie ein Zen, aus dem man die Übung des Zazen herausgeschnitten hat. Dazu ließe sich höchstens sagen: Operation gelungen, Patient tot.

Was die christlichen Adepten angeht, so möchte man ihnen ein gründliches Studium von Matthäus 9.17, Markus 2.22 und Lukas 5.37-38 ans Herz legen. Wofür da nun jeweils 'neuer Wein' und 'alte Schläuche' stehen sollen, sei dem Studierenden überlassen - es macht keinen Unterschied. Wenn ein Willigis Jäger OSB über Zen schwadroniert "Alle bestehenden großen Religionen haben es unter verschiedenen Namen auf die eine oder andere Art integriert", dann muss er sich wohl oder über übel fragen lassen, was er dann eigentlich noch in Japan zu suchen hatte, warum er seine Exerzitien als 'Zen' und sich selbst als Zenmeister und x-ten Nachfolger Shakyamuni Buddhas anbietet.

Zur Klarstellung: ich finde absolut nichts daran auszusetzen, wenn Menschen Zen üben, die sich selbst als Christen oder auch 'nur' als Nicht-Buddhisten verstehen. Im Gegenteil, ich bezweifle nicht, dass sie ihre eigene Spiritualität damit vertiefen können und das wiederum finde ich erfreulich und lobenswert. Aber allein dadurch, dass auch Nicht-Buddhisten Zen üben, entsteht kein nicht-buddhistisches oder "transkonfessionelles" Zen. Genausowenig, wie das Herzsutra zu einem Psalm wird, wenn es ein Christ liest oder zum Gegenstand einer Exegese aus christlichem Geiste macht.

Willigis Jäger OSB - der, obwohl mittlerweile Gründer und Oberhaupt einer eigenen, unabhängigen 'shin shûkyô' - als lautester und populärster 'Zenmeister' aus dem Sanbo Kyodan - Stall hier den repräsentativen Fürsprecher geben soll, rechtfertigt seine Auffassung mit der aus meiner Sicht recht bemühten Unterscheidung zwischen einer "esoterischen" und einer "exoterischen" Sicht von Zen. Genau das ist eine überaus künstliche Trennung - es gibt kein freischwebendes "esoterisches Zen", allenfalls in der Art, wie es so vieles andere Esoterische bei uns gibt. Bruch- und Versatzstücke, die sich beliebig mit anderen zu mehr oder weniger originellen Weltanschauungen zusammenmontieren lassen. Es ist in diesem Zusammenhang hilfreich, sich einmal gründlich mit Dogens Shobogenzo Bukkyo auseinanderzusetzen und zu klären, was es mit "außerhalb der Schriften" auf sich hat. Dass die Überlieferung außerhalb der Schriften in keinster Weise verschieden ist von der Überlieferung innerhalb und durch die Schriften, wenn man jene denn richtig versteht. Ein Geist.

Die Unterscheidung zwischen 'esoterischem Zen' und 'exoterischem Zen' spiegelt in meinen Augen deutlich das Fragmentarische und Unvollständige dieser Art von Zen-Rezeption wieder. Es ist 'wählerisches Auswählen', das Aussortieren desssen, was mit vorgefassten Ansichten, die man nicht loslassen will oder kann, nicht harmonieren mag. Es ist ja schlicht und einfach nicht wahr, wie Jäger denunziatorisch unterstellt, dass das Bewahren des von ihm als 'exoterisch' Klassifizierten nichts anderes als "Hang zu äußeren Formen" und damit "Anfängerkrankheit" sei. Es geht ja nicht um schwarze Kutten, um Räucherstäbchen und rasierte Köpfe - es geht nicht einmal um Form, sondern um das richtige Verständnis der Form und da haben die Sutren, die Gelübde, das O'Kesa, die überlieferten Worte der Patriarchen usw. usf. allemal noch einen anderen Stellenwert als die Frage, ob und welche Sorte Räucherstäbchen man abbrennt. Es ist nicht die 'exoterische' Form, die Jäger für überflüssig oder/weil mit der westlichen Kultur inkompatibel hält und die er deshalb über Bord werfen will, es geht vielmehr um das richtige ('buddhistische') Verständnis der Form - Prajna - das unvermeidlich mit theistischen Auffassungen / Anhaftungen kollidiert. Dieses Problem durch Verwerfen der 'Form' lösen zu wollen, das ist eine "Anfängerkrankheit". Und diese Lösung funktioniert eben auch nur mit einem amputierten 'Zen'.