Dienstag, 16. Februar 2010

Reformiertes Zen

Vor kurzem habe ich im Internet lesen können, dass die "Sanbo-Kyodan" in Japan das Zen "reformiert" hätte ...
Wie darf man so eine Aussage denn verstehen ?

Diese Frage tauchte kürzlich im Forum der DBU auf - in der Tat eine interessante Frage (weswegen ich sie zum Gegenstand dieses Blogeintrags mache), obwohl es eine kurze und unmissverständliche Antwort darauf gibt, wie so etwas zu verstehen ist: als bullshit. Was wiederum mit bullshit gemeint ist, dazu hier eine kurze (nun ja, achteinhalb-minütige ...) Einführung von Harry G. Frankfurt:




Doch zurück zu unserem eigentlichen Thema - und zu einer etwas ausführlicheren Antwort.

Zen kann man genauso wenig "reformieren" wie man den Buddhadharma reformieren kann. Reformieren kann man allenfalls die Bedingungen, unter denen eine Gemeinschaft Zen praktiziert und diese Praxis tradiert. Das haben z.B. Manzan Dohaku in der japanischen Sotoshu getan oder Hakuin Ekaku und seine Schüler in der japanischen Rinzaishu. Solche Reformen - auch wenn sie in aller Regel mit 'großen' Namen verbunden werden - beruhen in den seltensten Fällen auf den Ideen einzelner Menschen. Es sind Antworten auf anitya - auf gewandelte historische Bedingungen - und kein einzelner Mensch kann eine große Gemeinschaft alleine einem solchen Wandel anpassen. Die Notwendigkeit des Wandels muss von einer nicht zu kleinen Gruppe, einer Fraktion innerhalb der zu reformierenden Gemeinschaft, verstanden und dann der Wandel umgesetzt werden. Das ist fast immer ein längerer Prozess, der erst aus der historischen Rückschau als radikaler Paradigmenwechsel erscheint und erst hier verengt sich meistens dann auch die Perspektive auf bestimmte Personen als Repräsentanten einer solchen Reformation. Repräsentanten dieser Art waren im 20. Jahrhundert in der japanischen Sotoshu z.B. Sawaki Kodo und - weniger bekannt - Harada Sogaku.

Beider Reformansätze wurden und werden in der japanischen Sotoshu von verschiedenen Linien weitergetragen und verbreitet; bei Sawaki ist am bekanntesten die Linie Uchiyamas, für die vor allem das Kloster Antai-ji steht. Harada Sogakus Ansatz, der vor allem in einer Integration einer (freilich abgewandelten) Koan-Schulung nach Rinzai-Modell in die Sotoshu bestand, wurde vor allem von seinen Schülern Tetsugyu Ban, Harada Tangen, Nishiwaki Etsudo und Watanabe Genshu fortgesetzt. Das sind Reformansätze, die in (und nicht außerhalb) der Sotoshu (und nicht "im Zen") weiterwirken.

Nun hatte Harada Sogaku noch einen Schüler Yasutani Ryoko, der gerade nicht den Weg einer mehr oder weniger radikalen Reform der Sotoshu (der er angehörte und von der er sich offiziell trennte) gehen, sondern eine eigene, unabhängige Gemeinschaft gründen wollte. Er nannte sie Sanbo Kyodan und sie wurde am 08.01.1954 als religiöse Körperschaft des öffentlichen Rechts (shûkyô-hôjin) anerkannt. Gerade in dieser Zeit entstanden in Japan viele solcher neuer Religionsgemeinschaften (der Prozess setzte freilich schon im 19. Jahrhundert ein), die sich mehr oder weniger deutlich von den etablierten abgrenzten. Sie werden unter dem Begriff 'shin shûkyô', 'Neue Religionen' zusammengefasst und etwa ein Drittel der Japaner gehört heute einer dieser Gemeinschaften an. Die staatliche Anerkennung (dafür gibt es Steuervorteile) ist in Japan (anders als hier in Deutschland) nichts Besonderes - nach einer Erhebung aus dem Jahr 2006 gibt es 182.468(!) als Körperschaft anerkannte Gemeinschaften; dazu kommen noch mal ca. 50.000 nicht anerkannte Gemeinschaften. In Japan selbst ist Sanbo Kyodan weitgehend unbekannt, sie hat nur wenige tausend Mitglieder. Ganz anders als z.B. Soka Gakkai (in Japan ca. 10 Millionen Anhänger), Tenrikyo (in Japan ca. 1,5 Millionen Anhänger) oder Konkokyo (450.000 Anhänger) - typische 'shin shûkyô'. Selbst die recht kleine Ōmu Shinrikyō (bekannt durch den Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn 1995) war damals mit ca. 10.000 Mitgliedern in Japan (in Russland übrigens ca. 30.000) deutlich größer als Sanbo Kyodan.

Das soll nun die Sanbo Kyodan nicht kleinreden - nur ihre Rolle im japanischen Zen (vom koreanischen oder chinesischen wollen wir hier gar nicht erst reden) etwas verdeutlichen und die Perspektive zurechtrücken. Die oben zu lesende Internet-Auskunft ist ja ganz offensichtlich einer völlig verschobenen Perspektive geschuldet ...

Anders als in Japan ist die Sanbo Kyodan jedoch durchaus von einigem Einfluss auf die Zen-Rezeption im Westen gewesen. Das hat drei Ursachen - zum ersten war Yasutani gewillt, Amerikaner und Europäer zu unterweisen, als das für die große Mehrheit der Zenmeister in der Sotoshu oder Rinzaishu noch undenkbar war. Wer als Gaijin (Nicht-Japaner) in Japan Zen-Unterweisungen erhalten wollte, hatte lange kaum eine andere Möglichkeit, als sich an die Sanbo Kyodan zu wenden, vor allem, wenn er kein Japanisch sprechen konnte. Zum zweiten war und ist Yasutanis Organisation eine reine Laienorganisation. Nicht, dass die Schulung von Laien im Zen etwas Neues oder auch nur Ungewöhnliches gewesen wäre - nur geschah dies eben in aller Regel in einem buddhistischen Kloster und durch einen buddhistischen 'Geistlichen'. Die Sanbo Kyodan mit ihren religiös diffusen Status hingegen eröffnete christlichen Klerikern die Möglichkeit, einen Dispens (eine offizielle Erlaubnis ihrer Vorgesetzten) zu erhalten, um sich in dieser Organisation schulen zu lassen - dort die Methoden und Techniken einer Zen-Unterweisung kennenzulernen. Freilich nicht auf traditionelle Art, sondern eben auf "reformierte" Sanbo Kyodan - Art.

Der dritte Punkt - der eng mit dem zweiten zusammenhängt und ebenfalls ein wesentlicher Faktor für die Anziehungskraft dieser Organisation auf Christen (und solche, die es bleiben wollen) war und ist, ist zentral in der Ideologie dieser Gemeinschaft. Hier kann man sich wirklich die Frage stellen, ob da "Zen reformiert" wurde. Oder aber, ob man da mit Fug und Recht noch von Zen sprechen kann. Genauer: von Saijojo-Zen, nicht von Gedo-Zen oder Bompu-Zen. Es geht dabei um die Ablösung der Zen-Schulung vom Buddhadharma, die Proklamation eines 'suprareligiösen' oder 'transkonfessionellen' Zen.

Den wenigsten Vertretern der Anschauung von Zen als einer suprareligiösen Angelegenheit ist bewusst, dass diese These ihre Wurzeln in äußerst trübem Wasser hat. Zen sollte dabei als genuin japanische Kulturleistung herausgestellt und für nationalistische Propaganda instrumentalisiert werden - was implizierte, dass man es als angebliches japanisches Eigengewächs von seinen buddhistischen Wurzeln in den verachteten, rückständigen Kulturen Chinas und Indiens abtrennte. Am deutlichsten hat dies Suzuki Daisetsu Teitaro 1938 in 'Zen und die Kultur Japans' formuliert (deutsche Übersetzung 1941 erschienen):

"Darum vermag es [Zen] sich mit großer Schmiegsamkeit fast jeder weltanschaulichen oder sittlichen Lehre anzupassen, solange seine intuitive Unterweisung durch sie nicht gestört wird. Es kann sich mit anarchistischen oder faschistischen, kommunistischen oder demokratischen Idealen, mit Atheismus oder Idealismus, mit jedem politischen oder wirtschaftlichen Dogma befreunden."
In diesem Zitat Suzukis lässt sich völlig problemlos "Atheismus" oder "Idealismus" durch "Christentum" ersetzen, zu "jedem politischen oder wirtschaftlichen Dogma" ließe sich auch noch "jedes religiöse Dogma" hinzufügen - wie dieses Zitat überhaupt eine bedenkliche Beliebigkeit durchblicken lässt. Es erklärt, aus welchen Quellen sich das "transkonfessionelle Zen" speist - dessen Verfechter eigenartigerweise so häufig gerade eben nicht konfessionell ungebunden sind. Ganz im Gegenteil. Die Namen der Sanbo Kyodan - Lehrer, die zumindest im deutschen Sprachraum am profiliertesten für diese Art von Zen stehen, sprechen für sich: der Jesuit und Japan-Missionar Hugo Lassalle SJ, der Benediktiner Willigis Jäger OSB, der Pallotiner Johannes Kopp SAC, der Jesuit Niklaus Brantschen SJ ...

Es waren insbesondere Harada und Yasutani (die geistigen Väter der Sanbo-Kyodan), die die angebliche "große Schmiegsamkeit" des Zen, bevor sie christliche Adepten davon profitieren ließen, japanischer faschistischer Propaganda zugute kommen ließen. Haradas Schrift "Der eine Weg von Zen und Krieg" ist ein besonders beredtes Zeugnis des "reinen, nichtkonfessionellen Zen". Sie liegt genau auf dieser Linie - es gibt da eine Kontinuität sowohl in Bezug auf die Ideologie als auch auf die Protagonisten. Mit "Schmiegsamkeit" hat das natürlich nicht das Geringste zu tun, sondern mit Verstümmelung. Zen ist ein integrativer Weg, ist die formlose Übung von Sila, Prajna und Dhyana als Einheit. Sila, Prajna und Dhyana wiederum ist nichts Anderes als der ganze edle achtfache Pfad, ist nichts Anderes als der Buddhadharma. Für ein nationalistisches oder militaristisches Zen ist es erforderlich, Sila zu amputieren - die angemessene, 'rechte' soziale Haltung, das ethisch bestimmte Handeln. Für ein Zen, das Leerheit und wechselseitig bedingtes Entstehen durch einen Gott ersetzen will, muss man Prajna, Einsicht in die Dinge-wie-sie-sind, amputieren (was zugegeben deutlich erträglicher ist). Beides ist genausowenig Zen wie ein Zen, aus dem man die Übung des Zazen herausgeschnitten hat. Dazu ließe sich höchstens sagen: Operation gelungen, Patient tot.

Was die christlichen Adepten angeht, so möchte man ihnen ein gründliches Studium von Matthäus 9.17, Markus 2.22 und Lukas 5.37-38 ans Herz legen. Wofür da nun jeweils 'neuer Wein' und 'alte Schläuche' stehen sollen, sei dem Studierenden überlassen - es macht keinen Unterschied. Wenn ein Willigis Jäger OSB über Zen schwadroniert "Alle bestehenden großen Religionen haben es unter verschiedenen Namen auf die eine oder andere Art integriert", dann muss er sich wohl oder über übel fragen lassen, was er dann eigentlich noch in Japan zu suchen hatte, warum er seine Exerzitien als 'Zen' und sich selbst als Zenmeister und x-ten Nachfolger Shakyamuni Buddhas anbietet.

Zur Klarstellung: ich finde absolut nichts daran auszusetzen, wenn Menschen Zen üben, die sich selbst als Christen oder auch 'nur' als Nicht-Buddhisten verstehen. Im Gegenteil, ich bezweifle nicht, dass sie ihre eigene Spiritualität damit vertiefen können und das wiederum finde ich erfreulich und lobenswert. Aber allein dadurch, dass auch Nicht-Buddhisten Zen üben, entsteht kein nicht-buddhistisches oder "transkonfessionelles" Zen. Genausowenig, wie das Herzsutra zu einem Psalm wird, wenn es ein Christ liest oder zum Gegenstand einer Exegese aus christlichem Geiste macht.

Willigis Jäger OSB - der, obwohl mittlerweile Gründer und Oberhaupt einer eigenen, unabhängigen 'shin shûkyô' - als lautester und populärster 'Zenmeister' aus dem Sanbo Kyodan - Stall hier den repräsentativen Fürsprecher geben soll, rechtfertigt seine Auffassung mit der aus meiner Sicht recht bemühten Unterscheidung zwischen einer "esoterischen" und einer "exoterischen" Sicht von Zen. Genau das ist eine überaus künstliche Trennung - es gibt kein freischwebendes "esoterisches Zen", allenfalls in der Art, wie es so vieles andere Esoterische bei uns gibt. Bruch- und Versatzstücke, die sich beliebig mit anderen zu mehr oder weniger originellen Weltanschauungen zusammenmontieren lassen. Es ist in diesem Zusammenhang hilfreich, sich einmal gründlich mit Dogens Shobogenzo Bukkyo auseinanderzusetzen und zu klären, was es mit "außerhalb der Schriften" auf sich hat. Dass die Überlieferung außerhalb der Schriften in keinster Weise verschieden ist von der Überlieferung innerhalb und durch die Schriften, wenn man jene denn richtig versteht. Ein Geist.

Die Unterscheidung zwischen 'esoterischem Zen' und 'exoterischem Zen' spiegelt in meinen Augen deutlich das Fragmentarische und Unvollständige dieser Art von Zen-Rezeption wieder. Es ist 'wählerisches Auswählen', das Aussortieren desssen, was mit vorgefassten Ansichten, die man nicht loslassen will oder kann, nicht harmonieren mag. Es ist ja schlicht und einfach nicht wahr, wie Jäger denunziatorisch unterstellt, dass das Bewahren des von ihm als 'exoterisch' Klassifizierten nichts anderes als "Hang zu äußeren Formen" und damit "Anfängerkrankheit" sei. Es geht ja nicht um schwarze Kutten, um Räucherstäbchen und rasierte Köpfe - es geht nicht einmal um Form, sondern um das richtige Verständnis der Form und da haben die Sutren, die Gelübde, das O'Kesa, die überlieferten Worte der Patriarchen usw. usf. allemal noch einen anderen Stellenwert als die Frage, ob und welche Sorte Räucherstäbchen man abbrennt. Es ist nicht die 'exoterische' Form, die Jäger für überflüssig oder/weil mit der westlichen Kultur inkompatibel hält und die er deshalb über Bord werfen will, es geht vielmehr um das richtige ('buddhistische') Verständnis der Form - Prajna - das unvermeidlich mit theistischen Auffassungen / Anhaftungen kollidiert. Dieses Problem durch Verwerfen der 'Form' lösen zu wollen, das ist eine "Anfängerkrankheit". Und diese Lösung funktioniert eben auch nur mit einem amputierten 'Zen'.

Kommentare:

  1. Ist mir ja schon fast peinlich, mich schon wieder einzutragen, aber meine Finger kleben dieser Tage eh an der Tastatur fest, und nicht, weil ich Tee verschüttet hätte ... Vielleicht nicht der richtige Ort, um zu fragen, aber hast Du eigentlich mal Religionswissenschaft studiert? Kann ich ja im Profil nicht sehen. Jedenfalls ein gelungener Artikel.

    Ich beschäftige mich gerade mit einer Ausnahmeerscheinung unter den Jesuiten, Heinrich Dumoulin. Eine Info fehlt mir: Weißt Du, bei wem der Zazen machte? Er unterscheidet sich m.E. deutlich genug von Enomiya-Lassalle, obwohl der ihn eigentlich nach Japan holte.

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  2. Nein, Religionswissenschaft habe ich nicht studiert. Jedenfalls nicht an einer Uni, auch da bin ich nur stümpernder Amateur.

    Es liegt nahe, bei jemandem, der sich so intensiv mit Zen-Buddhismus auseinandergesetzt hat wie Heinrich Dumoulin, auch eine gewisse persönliche Kenntnis der Zenpraxis zu vermuten. Darüber schweigen jedoch sämtliche mir bekannten Quellen. Jedenfalls ist er wohl nie eine formelle Lehrer-Schüler-Beziehung eingegangen.

    Eine schöner biographischer Abriss findet sich im Japanese Journal of Religious Studies, das ihm anlässlich seines 80. Geburtstages die Doppelnummer Juni/September 1985 widmete - darin neben der erwähnten Kurzbiographie (http://www.nanzan-u.ac.jp/SHUBUNKEN/publications/jjrs/pdf/206.pdf) auch eine Arbeit, die speziell für Dich von Interesse sein dürfte: http://www.nanzan-u.ac.jp/SHUBUNKEN/publications/jjrs/pdf/211.pdf

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  3. Hallo SoGen,

    wenn Zen als eine spezifische Ausprägung des Buddhadharmas aufgefasst wird, dann ist wohl klar, dass es keine irgendwie geartete 'Essenz' geben kann, die man davon abtrennen und beliebig in irgend eine andere religiöse Tradition mit völlig anderen Grundsätzen einfach so hinein transplantieren kann. Man kann ja auch nicht den Porsche vom Auto loslösen und woanders einsetzen, auch wenn so mancher sich einbilden mag, der alte Fiat wäre ein neuer Cayenne. ;-)

    Danke für diesen Eintrag.

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  4. Wenn man eine falsche Prämisse widerlegt, wie nennt sich das?

    Seit wann gibt es spezifische Ausprägungen des Buddhadharma, die von anderen spezifischen Ausprägungen der Buddhadharma unterscheidbar wären und von denen gesagt werden könnte - DIES ist Zen ?

    Aber dennoch - danke für deinen Beitrag SoGen - diese Dinge sollten geklärt werden.

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